Partner von
Partner von

Stell dir vor, die Firma macht dicht, und keiner geht heim

Als ihre Chefs sie im Stich lassen, nehmen die Arbeiter ihr Schicksal selbst in die Hand. Ein Unternehmensbesuch in Thessaloniki.




• Wer unterschreibt in einer Firma ohne Chef eigentlich die Arbeitsverträge? Bei Viome, der besetzten Fabrik von Thessaloniki, ist es der Jüngste. Der 28-jährige Vangelis Vragoteris wurde von seinen Kollegen zum Vorsitzenden gewählt und ist seitdem ihr Gespött. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Arbeiter zu ihm kommt und eine Gehaltserhöhung verlangt.

Außer Spott und Hohn bringt Vragoteris der Titel nichts. Die Firma, an deren Spitze er steht, liegt am Ende einer Schotterpiste im größtenteils verlassenen Industriegebiet von Thessaloniki im Norden Griechenlands. Zwischen den Jahren 1961 und 2011 produzierte Philkeram Johnson hier Keramikfliesen. In der besten Zeit, kurz vor dem Aus, beschäftigte der griechische Marktführer 350 Mitarbeiter. Ein Fünftel der Belegschaft stellte für die Tochterfirma Viome den Klebstoff für die Fliesen her. Doch im Laufe jener Schuldenkrise, die das ganze Land erschütterte, geriet auch der Mutterkonzern ins Wanken und meldete im Mai 2011 Insolvenz für beide Firmen an.

Die Arbeiter und Arbeiterinnen von Viome, die seit dem fluchtartigen Abgang ihrer Chefs niemals offiziell entlassen worden waren und daher weder Anspruch auf Arbeitslosengeld noch Aussicht auf Bezahlung hatten, besetzten daraufhin im Juli 2011 einen Teil des Fabrikgeländes. Die Maschinen waren ihr Pfand, von deren Verkaufserlös die ausstehenden Löhne in Höhe von 1,5 Millionen Euro bezahlt werden sollten. Da die Leute nicht untätig in der Fabrik sitzen und mit den Maschinen um die Wette Staub fangen wollten, überlegten sie, was man in der Zwischenzeit herstellen könnte.

Weiterhin Industriekleber zu produzieren wäre naheliegend gewesen. Doch die heimische Baubranche lag darnieder, und der Kreis derer, die in Krisenzeiten ihr Badezimmer neu fliesen lassen wollten, war überschaubar. Nach einiger Beratung und einer Marktanalyse von Wissenschaftlern beschlossen die verbliebenen 38 Arbeiter, ökologisch abbaubare Seife und Waschmittel herzustellen. Die Grundstoffe waren billig und in kleiner Menge zu bekommen – und waschen müssen die Leute immer. Das Startkapital liehen sich die Arbeiter von Freunden, Verwandten und Unterstützern.

Kurz darauf ließen die Besetzer ihre Firma als Sozialkooperative S.E. Viome eintragen und kauften die meisten der wenigen Maschinen, die sie für die neue Produktion nutzen konnten, bei Insolvenzversteigerungen mit Gewerkschafts- rücklagen und Spendengeldern zurück. Nur das Gelände gehört ihnen nach wie vor nicht. Doch immerhin versucht die Polizei nicht mehr, es zu räumen. Als sie es noch versuchte, stellten sich stets Hunderte Menschen aus der Umgebung schützend vor die Werkstore und verwehrten jedem den Eintritt, der etwas gegen die neuen Spielregeln in der ehemaligen Klebstofffabrik hatte.

Verkauft wird die Seife über ein internationales Unterstützernetz, vornehmlich in alternativen Läden in Europa – allen voran in Deutschland. Das Kollektiv ist enttäuscht von den alten Spielregeln der Wirtschaft und hat seine eigenen aufgestellt: Es gibt keinen Chef, alle haben das gleiche Mitspracherecht, und jeder übernimmt fast jede Aufgabe – von der Buchhaltung übers Seifenschneiden bis zum Toilettenputzen. Alle bekommen den gleichen Lohn. So arbeiten sie seit bald sechs Jahren. Erfolgreich, finden sie.

Die ehemalige Eigentümerin von Viome und Tochter des Konzerngründers, Christina Philippou, bezeichnet die neue Belegschaft dagegen als Bettler. In einem Fernsehinterview sagte sie über die Menschen: „Sie wollen, dass die Regierung sagt, oh, ihr seid fantastische Arbeiter, also geben wir euch einfach die Fabrik. In welchem Wirtschaftssystem passiert so etwas?“ Philippou wurde in erster Instanz wegen nicht bezahlter Unternehmenssteuern und Löhnen zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Strafe wurde später in Sozialstunden umgewandelt, die binnen zwei Jahren geleistet werden sollten. Heute lebt Philippou als Frührentnerin in Thessaloniki.

Einfacher ist das Arbeitsleben durch die Selbstverwaltung nicht geworden. Im Jahr 2017 nahm die Kooperative 120 000 Euro ein, 2018 voraussichtlich ein wenig mehr. Davon mussten alle Rohstoffe, Reparaturen und Löhne bezahlt werden. Gut 390 Euro können sich die Arbeiter und Arbeiterinnen aktuell am Monatsende auszahlen, etwa die Höhe der örtlichen Arbeitslosenhilfe. Mehr lässt sich zurzeit mit dem Seifenhandel in alternativen Läden nicht verdienen. Leben könne man davon nicht einmal in Griechenland, sagt Vragoteris. Von den einstigen Besetzern sind noch 26 übrig. Doch wer sie aus der Fabrik haben will, muss Gewalt anwenden, sagen sie. Für sie ist die Besetzung die Alternative zur Tatenlosigkeit, die so viele Menschen im Land im Würgegriff hält. Sie wollen beweisen, dass man die Dinge anders machen kann.

Selbstorganisation ist mühsam

So beginnt die Frühschicht ohne Stechuhr und Vorarbeiter. Das Aufseherhäuschen aus der alten Zeit wurde zum Versammlungsraum. Ein kleines Kabuff, in dem schon am Morgen der dichte Nebel Dutzender Zigaretten hängt, der sich bis zum Ende der Schicht nicht mehr lichten wird. Immer wieder springt die Tür auf, und eine neue Gestalt erscheint im Zwielicht. Zur Begrüßung ein knappes, wortloses Nicken, in dem bereits alle Fragen und Antworten des Tages stecken. Man kennt sich, hat unzählige Nächte beisammengesessen, wenn wieder eine Ehe von Geldsorgen zerrüttet wurde oder wieder ein Kollege von den dunklen Gedanken, die seit der Krise um die Häuser schleichen, drohte, aufgefressen zu werden.

Zwar erklärte der EU-Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici Ende Juni 2018 in Luxemburg die Griechenlandkrise für beendet, woraufhin sich der griechische Premierminister Alexis Tsipras die erste Krawatte seit drei Jahren band – ein Zeichen für die Rückeroberung der Souveränität seines Landes. Doch die meisten Menschen im Land merken davon nichts. Lediglich Libyen, der Jemen, Venezuela und Äquatorialguinea haben laut Weltbank in der vergangenen Dekade mehr Wirtschaftskraft eingebüßt als Griechenland.

Ungeachtet der großpolitischen Lage sitzen in der besetzten Fabrik um kurz nach sieben alle auf ihren Plätzen und tratschen und rauchen, als bekämen sie es bezahlt. Irgendwann sagt einer „Auf geht’s“, und man bespricht die Bestellungen, die es heute abzuarbeiten gilt. Erst geordnet, dann durcheinander. Die Morgenbesprechung mäandert mal hierhin und mal dorthin. Wer etwas zu sagen hat, der sagt es. Die Zeit des Gehorchens ist vorüber – ebenso die Zeit effizienter Prozesse.

Irgendwann biegt das Gespräch zum gestrigen Gerichtstermin ab, bei dem der Insolvenzverwalter zum fünften Mal in Folge keinen Käufer für ihr Fabrikgelände finden konnte. 31 Millionen Euro wollte er einst dafür, diesmal waren es noch 15 Millionen. Das Lachen der Arbeiter über diese immer noch fantastische Summe ist so schallend, dass man es in den umliegenden Fabriken hören könnte, wenn dort noch jemand arbeitete. Die Stimmung ist gelöst, vor zehn Uhr wird die Produktion heute kaum beginnen.

Eine ungenutzte Produktionsanlage

Die neuen ökologisch-korrekten Produkte: Flüssigseifen


Vangelis Vragoteris, der gewählte Vorsitzende der Besetzer

„Alles ist Politik“, sagt plötzlich einer mitten im Palaver. Der Satz steht ohne Anknüpfung im Raum. Man könnte ihn als Schlachtruf verstehen oder als Selbstvergewisserung, warum man heute wieder aufgestanden ist, um für einen Hungerlohn zu arbeiten. Auf jeden Fall ist es ein bemerkenswerter Satz, denn er steht für den jüngeren Wandel Griechenlands im Allgemeinen und für den Sonderweg dieser kleinen Firma im Speziellen. Ausgesprochen hat den Satz Dimitris Koumatsioulis, über dessen Augen ein Schleier liegt, so hellgrau wie Ouzo, in den man eben erst einen Schluck Wasser gegeben hat. Er gehört zu jenen, die schon hier waren, bevor alles begann.

Früher wäre Koumatsioulis, der mit 14 die Schule verließ, um in einer Schuhfabrik das dringend benötigte Geld für die Familie zu verdienen, so ein Satz nicht in den Sinn gekommen. Als er 2003 bei Viome anheuerte, war er stolz. Der Mutterkonzern exportierte in 29 Länder und zahlte überdurchschnittliche Gehälter. Die Fliesen aus Thessaloniki zieren heute noch unter anderem den Flughafen von Dubai. An der Wand halten sie dank Koumatsioulis und Kollegen. Das Leben war gut, das dritte Kind unterwegs und der Kredit fürs Haus bewilligt. Dann kamen das Jahr 2010 und die Krise. Die ersten Freunde verloren ihre Jobs, erste Fabriken schlossen ihre Tore. Nur für kurz, hieß es in Thessaloniki, das sei nur eine Phase, sagte man. Doch die Phase hielt an.

Ein Jahr später rumorte es auch in der großen Werkshalle von Viome. Einige Arbeiter hatten am Zahltag kein Geld erhalten. Man solle warten, ein Problem in der Buchhaltung, hieß es. Man wartete, vergeblich. Im folgenden Monat gingen weitere Arbeiter leer aus. Danach noch mehr. Immer wieder wurden kleinere Beträge gezahlt, größere nicht. Die Arbeiter verhandelten einige Monate – als sie in Streik traten, verließ die Firmenleitung das Gelände und kehrte nicht mehr zurück. Im Mai 2011 meldete Philkeram Johnson Insolvenz an. Das galt auch für die Tochterfirma Viome.

Koumatsioulis war zu jener Zeit 42 Jahre alt, und im Land hatte bereits fast jeder Fünfte seinen Job verloren. Tendenz steigend. Wenn er von jener Zeit spricht, verengen sich seine Augen zu schmalen Schlitzen, als blende ihn die Erinnerung. Heute sagt er über jene Tage: „Ich kenne keinen, der damals nicht irgendwann mal an Selbstmord gedacht hat. Es gibt diesen Punkt, wenn man das Gefühl hat, am Abgrund zu stehen.“

Doch einfach aufgeben wollten die Arbeiter nicht. Kaum einer der 70 Menschen würde anderswo einen Job finden. Vom Staat war kaum Hilfe zu erwarten, der hing selbst am Tropf. Also schlugen einige vor, in Eigenregie zu produzieren. Wie die Maschinen funktionierten, wisse man ja, und schlechter laufen als jetzt könne es nicht. 97,5 Prozent stimmten dem Vorschlag zu. Und so wuchteten die Leute ein paar alte Fässer als Barrikaden auf die Zufahrtsstraßen und gingen trotz Insolvenz einfach weiter zur Arbeit.

Hinter dem fast einstimmigen Ergebnis stand weder eine Partei noch eine politische Bewegung. Nur der Wille, sich nicht mit den Umständen abzufinden. „Viome war bis zum letzten Tag profitabel. Warum sollten wir das aufgeben?“, sagt Koumatsioulis. Nach der Besetzung gab sich die linke Prominenz die Aufseherhäuschenklinke in die Hand. Die US-amerikanische Globalisierungskritikerin Naomi Klein hielt auf dem Werkshof eine Rede, und der damals noch wahlkämpfende Alexis Tsipras kam gleich zweimal zu Besuch, versprach viel – und hielt davon wenig.

Zwar hegen Koumatsioulis und seine Kollegen einen persönlichen Groll gegen die ehemalige Führungsriege, doch eigentlich geht es ihnen ums Ganze. „Unsere Produkte hatten einen exzellenten Ruf – und wer hat sie hergestellt?“, fragt Koumatsioulis. „Meine Kollegen und ich. Nicht die Chefs. Die haben uns am Ende bestohlen und im Stich gelassen. Wie kann man argumentieren, dass dieses System gerecht ist?“

Doch der Kampf für ein anderes Wirtschaften fordert seine Opfer. Gerade mal zehn Euro Lohn gab es im ersten Jahr am Ende der Schicht. Für acht Stunden Arbeit. Heute sind es rund 390 Euro pro Monat. Immer noch ein kümmerlicher Betrag, der das Selbstwertgefühl belastet. Die meisten können sich die Arbeit bei Viome nur leisten, weil sie einen Partner haben, der mehr verdient. Nicht jede Beziehung hält das aus. Koumatsioulis’ Ehe zerbrach. Um über die Runden zu kommen, war er nach der Scheidung auf Doppelschichten und die Hilfe Dritter angewiesen.

„Ich war beeindruckt, wie viel Solidarität es schon in den ersten Monaten gab“, sagt er. Gerade jene, die kaum etwas hatten, kamen vorbei und teilten ihren Besitz. Manchmal war es nur eine Packung Spaghetti oder ein Zwei-Euro-Stück. Wichtiger war, dass jemand da war, der an einen dachte und glaubte. „Die Krise hat uns solidarischer gemacht“, sagt Vragoteris, der Vorsitzende. Als kürzlich Abgesandte der Stadtwerke mit der Polizei vor den Toren standen, um den Strom wegen einiger unbezahlter Rechnungen abzustellen, waren binnen einer Stunde wieder mehr als hundert Unterstützer vor Ort, die sich der Polizei in den Weg stellten. Der Strom blieb an. Und die Rechnungen sind heute bezahlt.

Die Idee mit der Seifenproduktion war nicht nur pragmatisch, sondern auch ein geschickter Marketing-Schachzug. Denn um die Aufmerksamkeit jener zu erhalten, die Viome vor der Polizei beschützen sollten, musste man ein Produkt anbieten, mit dem die Unterstützer auch etwas anfangen konnten. Ein Stück Ökoseife aus der Rebellenfabrik von Thessaloniki lässt sich in Berliner Öko-Läden verkaufen. Industriekleber nicht.

„Einfacher ist das Leben zwar nicht geworden, aber fairer“, sagt Koumatsioulis. Sein Vorbild und das seiner Kollegen ist die argentinische Fábrica Sin Patrones, die 2002 nach Konkurs und ausstehenden Lohnzahlungen von 240 Arbeitern besetzt wurde und heute 430 Menschen in Selbstverwaltung beschäftigt. Die Maschinen zur Herstellung von Keramikfliesen haben sie zurückgekauft, und das Gelände wurde ihnen nach zähem Ringen vom Staat zugesprochen. Dort floriert das Geschäft. „Bis dahin haben wir noch einen langen Weg vor uns“, sagt Nicole Logotheti, „wir bewegen uns in Ameisenschritten, aber wir bewegen uns.“ Sie gehört zu jenen Mitstreitern, die erst nach der Besetzung hier in Thessaloniki angefangen haben.

Nach Expansion sieht es bei Viome nicht aus, als um kurz vor elf die Arbeiter ihr Raucherkabuff verlassen und einer ein Fass unter dem wolkenlosen Himmel über den Hof zur Werkshalle rollt. Über ihm setzt ein Flugzeug zum Anflug auf einen der landesweit 14 Flughäfen an, die bis mindestens 2057 von der deutschen Fraport betrieben werden – ein Krisen-Schnäppchen für den Konzern. Unten gähnt indes Bolek, einer der beiden Firmenhunde, im Schatten der Halle. Ein Arbeiter massiert ihm den Bauch. Bolek kam kurz nach der Besetzung als Welpe auf den Hof gelaufen und wurde von den hiesigen Katzen aufgezogen.

Früher hätten Vorarbeiter über die Länge jeder Zigarettenpause gewacht und die Arbeiter wie auf einer Galeere angetrieben, berichten die Veteranen. „Aber damals haben wir nur so getan, als würden wir schneller arbeiten“, sagt Koumatsioulis, der mit zwei Kollegen an einer selbst gebauten Maschine Flüssigseife abfüllt. „Und wenn sie uns gedemütigt haben, haben wir uns durch noch langsameres Arbeiten gerächt.“ Heute sprächen alle auf Augenhöhe miteinander, das sei unbezahlbar. Um das zu beweisen, brüllt er quer durch die Halle, gegen das Radio, aus dem gerade Kostas Makedonas sein „Mono Mia Fora“ schmachtet, über den leeren Fabrikhof, rüber zum Chemielabor, wo er Nicole Logotheti vermutet. Sie soll bestätigen, dass es keinen Unterschied gibt zwischen den Neuen und den Alten. Sie bestätigt das gern.

Trotzdem kann man die beiden Gruppen deutlich voneinander unterscheiden. Da ist die alte Riege, Arbeiter, die „Scheiße“ sagen, wenn sie etwas scheiße finden. Und da ist die neue Riege, Studierte aus Thessaloniki oder Athen, die, wenn sie etwas fragen wollen, drei Hallen weit gehen und sich dann vertraulich zum Gegenüber hinunterbeugen; die „einerseits-andererseits“ sagen oder Dinge „noch nicht so optimal“ finden. So sieht Logotheti, die mit rot lackierten Fingernägeln einen Bottich schrubbt, dabei ebenso fehl am Platz aus wie Koumatsioulis, wenn er für die Buchhaltung seine Lesebrille aufsetzt und den ausgestreckten Zeigefinger über der Tastatur kreisen lässt wie einen Adler auf Nahrungssuche. Doch beide geben sich Mühe. Jeder soll alles machen, und zwar nach seinen Fähigkeiten. Besser, ein Vorgang dauert doppelt so lange, als wieder eine Führungsriege zulassen, die am Ende alle betrügt, sagen sie. Einstimmig.

Allen offensichtlichen Unterschieden in Bildung und Sozialisierung zum Trotz ist die Belegschaft zu einer respektvollen und befreundeten Masse verschmolzen. „Es waren die alten Arbeiter, die uns Neue dazugeholt haben“, sagt Logotheti, „dazu gehört viel Mut und Offenheit.“ Die Suche nach einer gemeinsamen Sprache ist ein andauernder Prozess. „Gerade probieren wir eine alternierende Moderation in unseren Morgenbesprechungen aus“, sagt die 33-Jährige. „Wenn sich das bewährt, bleiben wir dabei. Und wenn nicht, dann lassen wir es halt wieder.“ Das Schöne an der Selbstverwaltung sei, dass man Fehler machen dürfe, solange man daraus lerne. „Eine Produktion ohne Fehler ist nicht möglich“, sagt sie. Sicher, die Diskussionen, vor allem die am Morgen, seien schrecklich ineffizient, da falle es ihr manchmal schwer, ruhig zu bleiben, aber das sei ein annehmbarer Preis für die Selbstverwaltung.

Wichtig sei, dass jeder irren dürfe. Die diplomierte Chemikerin deutet auf das Labor. Gewöhnlichen Arbeitern sei hier früher der Zutritt verwehrt gewesen. Heute darf, nein: soll jeder rein. Seitdem sieht es dort zwar aus, als hätte man grobe Fehler im Umgang mit Sprengstoff gemacht, dafür hat kürzlich erst ein Arbeiter durch Tüfteln einen teuren, synthetischen Ausgangsstoff durch einen viel günstigeren und ökologischeren ersetzt. Früher hätte man ihn von der Schwelle gejagt, heute hat er den Fortbestand der Firma gesichert. Denn jeden Euro, den sie sich auszahlen, müssen sie auch selbst verdienen. Selbstverwaltung heißt, dass da kein Großkonzern im Hintergrund steht, der über schwierige Zeiten mit Millionenkrediten hinweghilft. Ab und zu bringt ein Soli-Festival auf dem Werksgelände zwar ein wenig Geld ein, doch da sich der Unterstützerkreis nicht gerade aus der europäischen Oberschicht speist, halten sich diese Einnahmen in Grenzen.


Ein Arbeiter überprüft den Produktionsprozess


Blick vom Viome-Areal auf die alte Philkeram-Anlage

Viome-Seife im Trocknungsraum

Eine Story, die Mut macht

Wie so viele ihrer Generation, deren Arbeitsleben nur aus Wirtschaftskrise besteht, hat auch Logotheti nach ihrem Studium daran gedacht, ins Ausland zu gehen. „Aber das hätte sich wie Verrat angefühlt“, sagt sie, „ich möchte hier ein Beispiel setzen und zeigen, dass man anders wirtschaften kann.“ Dafür lebt sie in einer kleinen Wohnung in Thessaloniki, ganz in der Nähe ihrer Eltern, die für sie die Miete bezahlen und bei denen sie fast jeden Tag zu Abend isst. „Ich bin ihnen sehr dankbar dafür, aber ich schäme mich auch sehr“, sagt sie. Die Öko-Seife, die sie täglich herstellt, könnte sie sich im Laden nicht leisten. „Man brennt schnell aus, wenn jeder für alles verantwortlich ist“, sagt sie, „aber man kommt in so einer starken Gemeinschaft auch schneller wieder darüber hinweg.“

Sie hofft, dass sie und ihre Kollegen eines Tages beweisen können, dass die Selbstverwaltung einer Fabrik auch in Griechenland funktioniert. Sie hofft, dass die Produkte endlich auch im Supermarkt verkauft werden können, was aber erst möglich ist, wenn sie die leidige Betriebsstättenprüfung hinter sich gebracht haben. Inhaltlich wäre das wohl kein Problem, formell aber schon, weil sie den Antrag dazu nicht stellen können, solange ihnen der Grund und Boden nicht gehört. Sie hofft auch, dass sie eines Tages den Röhrenfernseher im Versammlungskabuff ausschalten können, über den seit der Besetzung die Kamerabilder der Zufahrtsstraße flackern und den es in der quälend langweiligen Nachtschicht im Auge zu behalten gilt, damit Alarm geschlagen werden kann, falls die Polizei doch zur Räumung anrücken sollte.

Dann könnte Logotheti endlich ihre Miete bezahlen und mit den Kollegen in den anderen Hallen aufräumen, in denen immer noch ungenutzte Maschinen aus der alten Zeit unter zigarettendickem Staub auf ihre ungewisse Zukunft warten. Denn solange der rechtliche Status nicht geklärt ist, dürfen die Arbeiter nichts auf dem Gelände wegschmeißen. Nicht einmal die Kartons mit dem Logo des längst bankrotten Mutterkonzerns.


Hier wird Flüssigseife in Flaschen gefüllt und verpackt. Auf dem Banner ist unter anderem zu lesen: Viome ist unverkäuflich, gehört den Arbeitnehmern

Matthias Hoffmann von der Deutsch-Griechischen Industrie- und Handelskammer Thessaloniki, keine zehn Autominuten vom Werksgelände entfernt, verfolgt das Treiben der Fabrikarbeiter aus sicherer Entfernung. Für seine Kunden sei Viome eine Art Paralleluniversum. „Am normalen Marktgeschehen nimmt die Firma kaum teil“, sagt er. Mit vergleichbaren Anbietern könne die Firma seiner Meinung nach nicht mithalten, dafür seien die Produktionsanlagen nicht leistungsfähig genug. „Was für Viome aber viel wichtiger ist als das Produkt, das ist die Story“, sagt Hoffmann, „gerade für den deutschen Markt ist das entscheidend. Viome ist ja kein reiner Seifenhersteller, für Thessaloniki ist diese Firma sozialpolitisch sehr relevant.“

„Auch wenn es manchmal schwierig ist“, sagt Vangelis Vragoteris kurz vor Schichtende, „diese Arbeit hier gibt uns Mut.“ Der Vorsitzende steht vor dem Grill, der früher ein Ölfass war, und fächert der Kohlenglut Frischluft zu. Zur Feier der erfolglosen Versteigerung am Vortag gibt es Souvlaki. Kaum weht der Rauch durchs Hallentor, kommt schon einer der Arbeiter zu ihm gelaufen: „Hey Boss, wie sieht’s aus, krieg ich nächsten Monat tausend Euro mehr?“ – „Nein, tausend weniger!“

Er wird morgen trotzdem wiederkommen. ---