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Beziehungen

Nichts macht so abhängig wie eine Beziehung – in guten wie in schlechten Zeiten.




Prolog

„Küsse, Bisse Das reimt sich und wer recht von Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andre greifen.“

So erklärt sich die Amazone Penthesilea in Heinrich von Kleists gleichnamigem Drama über wahre Liebe, warum sie ihren Geliebten Achilles im Kampf aus „Versehen“ zerfetzt hat – und erdolcht sich. In der medial überbewachten Neuzeit müssen prominente Paare nicht gleich sterben, um öffentlich aneinander draufzugehen. Das weckt den Voyeur in uns und ist, wenn man nicht selbst betroffen ist, durchaus amüsant.

Liz & Dick

Es gibt echte Dramen, die so gelungen sind, dass die Beteiligten als Paare legendär werden und man die Individuen kaum noch als solche wahrnimmt. Oder wem fällt bei Richard Burton nicht automatisch Elizabeth Taylor ein?

1962 verliebten sich die beiden anderweitig verheirateten Hollywoodstars ineinander, ausgerechnet am Set zu „Cleopatra“. Der Waliser Burton, als junger Mann ein gefeierter Shakespeare-Darsteller, spielte mit damals 38 den Feldherrn Marcus Antonius, unglückseliger Liebhaber Cleopatras nach Cäsars Ermordung. Wie man weiß, nahm Antonius sich mit der Pharaonin das Leben. Es ist schwierig, das im Nachhinein nicht als Allegorie auf die aufflammende Beziehung zu sehen.

Elf Jahre und zahllose Eskapaden später schrieb Elizabeth Taylor im Juli 1973 der Presse in New York per Hand folgende Mitteilung: „Ich bin überzeugt davon, dass es eine gute und konstruktive Idee wäre, wenn Richard und ich uns eine Weile trennen würden … Ich glaube von ganzem Herzen, dass die Trennung uns am Ende wieder dahin bringen wird, wo wir sein sollten, nämlich zusammen … Betet für uns.“ Zu dem Zeitpunkt war Burton fremdgegangen und trank.

Der Verlassene reagierte filmreif: „Ich liebe dich und werde dich immer lieben … Komm zu mir zurück, so schnell du kannst“, flehte er, soff aber weiter. Ein Jahr später reichte Taylor die Scheidung ein – um Burton nur 15 Monate später in Botsuana das zweite Mal zu heiraten. Burton hatte einen Entzug hinter sich. „Ist dir klar, dass wir zusammen alt werden?“, schrieb sie ihm begeistert. Doch ihre Eifersucht und seine Rückfälle auf allen Gebieten trieben diesmal ihn zum Scheidungsrichter.

Trotz neuer Ehepartner kamen die beiden nicht voneinander los. Bis Burton 1984 mit 58 plötzlich starb, telefonierten sie regelmäßig stundenlang. Posthum erreichte sein letzter Brief Liz Taylor. Darin fragte er, ob es eine Chance gebe, „wieder nach Hause zu kommen“, denn er sei nie so glücklich gewesen wie mit ihr.

Gefiltert durch Burtons im Jahr 2012 veröffentlichte Tagebücher, ahnt man im Rückblick, was den promisken Intellektuellen in die Sucht getrieben haben mag – und damit wider Willen weg von Taylors Schoß. Um ihr zu genügen, tat er im Übermaß das, was er zwar am besten konnte, aber auch am meisten hasste: „Ich verabscheue, verabscheue, verabscheue die Schauspielerei“, notierte er 1968. Journalisten könnten die „schiere Plackerei“, die Schauspielen bedeute, nicht erklären, „die Würdelosigkeit und Langeweile“ nicht begreifen, als „ziemlich gut belesener 43-Jähriger das Geschreibsel eines anderen Mannes auswendig lernen zu müssen, das in neun von zehn Fällen mittelmäßig“ sei, „sich Tag für Tag zur Arbeit zu schleppen mit einem letzten, langen, reuigen Blick auf das Buch, das dich eigentlich interessiert“. Burton hatte gerade deshalb so viele, auch mittelmäßige Filme gedreht, um sein Luxusleben mit der Diva Taylor finanzieren zu können.

Fabrizius2

Für vertrackt Verbandelte bedeuten Hassliebe und emotionale Abhängigkeit oft einen enormen, bisweilen tragischen Energieverlust, siehe Brad Pitt und Angelina Jolie: seit Jahren nur Rosenkrieg, an gemeinsame Filmprojekte ist nicht mehr zu denken. Manchmal besteht aber gerade in der Liaison zweier schicksalhaft miteinander verstrickter Menschen deren Unique Selling Proposition.

Marina und Irina Fabrizius, 38, sind eineiige Zwillinge und können nicht ohne einander, jedenfalls nicht erfolgreich malen. Sie waren 2014 die ersten Meisterschülerinnen der Kunstakademie Düsseldorf, die ihre Abschlussarbeiten zusammen präsentieren durften. Seitdem gibt es die in Kasachstan geborenen Russlanddeutschen nur als Duo, Markenname: Fabrizius2. Konsequent ordnen die identisch blonden Frauen ihre Individualität der Kunst unter. Ihr nächstes Ziel ist es, im Museum of Modern Art in New York ausgestellt zu werden. „Wir haben unser Ego als Künstlerinnen aufgegeben“, sagte Marina Fabrizius dem »Handelsblatt«.

Ihre streng geometrischen, Licht aussendenden Farbschichtenbilder, die sie nur zu zweit so malen können, erzielen zurzeit je 25 000 bis 30 000 Euro. Bis zu 30 schaffen sie im Jahr – ein ordentliches Pensum. Auf Großformaten tragen sie innerhalb einer bestimmten Zeit 10 bis 20 Lasurschichten auf, das Ergebnis mutet nachher fast so glatt an wie ein leuchtender Bildschirm. Aufgrund ihrer genetischen Verbundenheit wisse die eine immer, was die andere wolle, sagen sie. Nur so könnten sie die Perfektion und vollkommene Schönheit erreichen, nach der sie strebten.

Ein Zwilling kommt selten allein? Ein besseres Storytelling kann sich kein Marketing-Fritze ausdenken. Doch die innige Abhängigkeit hat ihren Preis. Müßiggang ist nicht drin. Hängt eine durch, scheucht die andere sie auf. Die beiden waren noch keinen Tag getrennt, auch weil sie zusammen wohnen. „Wir sind nicht frei“, sagen sie. „Die Bilder haben uns voll und ganz.“ Ihr Ehrgeiz oder auch „Wahnsinn“ (Zitat) lässt sie an allem Unmöglichen leiden – wenn die Farbe lange trocknen muss, wenn die Bilder in den Transport gehen, wenn ein Kind in einer Ausstellung mit der Hand draufpatscht. Die Frauen hatten und haben zwar Partner. Aber leichter fänden sie es, gaben sie mal zu, wenn sie das Bedürfnis nach einer Liebesbeziehung gar nicht erst hätten. „Manisch“ nannte das einer ihrer Ex.

Allein sein und für sich selbst stehen zu können ist auch eine Kunst.

Hillary und Bill Clinton

Als die Demokratin Hillary Clinton 2015 das zweite Mal verkündete, um die Präsidentschaftskandidatur in Amerika zu kämpfen, erschien ein Buch, das sie wieder an die Jahrhundertaffäre ihres Mannes Bill Clinton mit einer Praktikantin erinnerte. Frühere Angestellte des Weißen Hauses hatten ausgeplaudert, dass Hillary ihren Bill auf dem Höhepunkt der Lewinsky-Affäre 1998 geschlagen haben soll, im Ehebett, vermutlich mit einem Buch. Ihre Ehe war im 23. Jahr, sie 51, er 52. Die Laken seien blutig gewesen, die Wunden des 42. Präsidenten der USA hätten genäht werden müssen.

Zur Erinnerung: Bill Clinton hatte von 1995 bis 1997 eine Affäre mit der Psychologin Monica Lewinsky, damals Mitte 20, dies aber unter Eid geleugnet. Zusammen mit Anschuldigungen weiterer Frauen zu sexuellen Übergriffen bescherte ihm das 1998 das zweite Amtsenthebungsverfahren der US-amerikanischen Geschichte. Clinton überstand es zwar. Aber es bleibt für Zeitgenossen schwer, bei seinem Anblick nicht an befleckte Kleider zu denken oder an Zigarren, die beim Tête à Tête mit Lewinsky eine gewisse Rolle spielten; oder daran, dass er seine Ehefrau bis dato schon über Jahre hinweg betrogen hatte. Denn all das kam zur Sprache in den 21 Verfahrenstagen. Nie zuvor war Politisches so privat geworden.

Vielleicht war der hochbegabten Juristin Hillary Clinton in ihrem Moment häuslicher Gewalt klar geworden, dass es mit den kooperativen Karrieren wohl nichts mehr werden würde. Erst machst du den Präsidenten, dann womöglich ich als erste Frau, und so lange spielen wir den Amerikanern vor, dass bei uns alles in Butter ist.

Alten weißen Männern in Amerika wird solche Bigotterie verziehen, siehe Kennedy, Clinton, Trump – aber alten weißen Frauen nicht, noch dazu, wenn sie nach Macht streben. „Attraktivität und sexuelles Kapital werden von beiden Geschlechtern eingesetzt, um soziale Geltung zu erlangen“, sagte die israelische Soziologin Eva Illouz, Autorin des Buches „Warum Liebe endet“, in einem Interview. „Sie sind somit entscheidend für Anerkennungsprozesse, aber auch eine Gefahr für das eigene Selbstwertgefühl, wenn man auf diesem Feld nicht oder ungenügend reüssiert.“

Hillary Clinton, das Ausnahmetalent unter den weiblichen Political Animals ihrer Generation, muss 1998 im Ehebett geahnt haben, im kollektiven Gedächtnis für immer (auch) die gehörnte, sexuell unzulängliche First Lady zu bleiben, egal wie brillant oder hart sie für ihre Karriere kämpft.

Wenn es sie je gab – spätestens 2008 hatte sie alle Zweifel verdrängt und strebte die Präsidentschaftskandidatur an. Allerdings unterlag sie in der Partei gegen Barack Obama und wurde seine Außenministerin, mit 61. Es hätte das Happy End sein können, mit einem altersmilden Bill an der Seite.

Aber Hillary Clinton beließ es nicht dabei. Trotz erstaunlicher Widerstände in der eigenen Partei, trotz der Vorwürfe, das verhasste, unmoralische, korrumpierbare Polit-Establishment des Landes zu verkörpern, trat sie 2016 wieder an, mit bekanntem Ergebnis. Vielleicht – so viel Küchenpsychologie drängt sich auf – konnte Donald Trump nur deshalb Präsident werden, weil Hillary Clinton die Demütigungen in ihrer Ehe nie verwunden hat und es allen zeigen wollte.

Epilog

Wie Manche, die am Hals des Freundes hängt, Sagt wohl das Wort: sie lieb’ ihn, o so sehr, Daß sie vor Liebe gleich ihn essen könnte; Und hinterher, das Wort beprüft, die Närrinn! Gesättigt sein zum Eckel ist sie schon, Nun, du Geliebter, so verfuhr ich nicht, Sieh her: als ich an deinem Halse hieng, Hab’ ich’s wahrhaftig Wort für Wort gethan; Ich war nicht so verrückt, als es wohl schien. 
(aus „Penthesilea“, Heinrich von Kleist, 1808)