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Rex Hohlbein

Rex Hohlbein entwirft in Seattle 20 Jahre lang preisgekrönte Häuser für Millionäre. Dann lernt er einen Obdachlosen kennen. Das verändert das Leben der beiden radikal.




• Unter der Betonbrücke steht ein riesiger Fernseher, daneben liegen Reifen, Fahrräder, Schuhe, ein Einkaufswagen und jede Menge Spritzen. Über den Köpfen das Rauschen der Autos, daneben die Autobahn 5, noch lauter. Links und rechts ein Zaun, hinten eine Böschung mit Müll, vorn eine Straße ohne Gehweg. Was nicht dreckig ist, ist grau – selbst der Himmel scheint aus Beton zu sein an diesem Samstagmittag. Dieses Fleckchen Erde ist der unwirtlichste Ort, den man sich in einer Großstadt wie Seattle vorstellen kann. Und doch ist er das Zuhause für eine Gruppe Obdachloser.


Hohlbein mit dem Wohnungslosen Michael Paul und dessen Hündin Daisy

Rex Hohlbein, 61, das graubraune Haar zum Zopf gebunden, stakst mit seinen Wanderschuhen über den Untergrund aus Müll. In der Hand hält er zwei braune Schlafsäcke, im Auto liegen 20 weitere. Sarah Faubion, eine Mitstreiterin, hat Erdnusskekse gebacken. Hohlbein geht mit einem Schlafsack zum ersten Zelt, das mit seiner bunten Plane aussieht wie ein vom Sturm zerzaustes Zirkuszelt. Tina kommt heraus – ihren Nachnamen möchte die 50-Jährige nicht nennen –, ihre Augen sehen müde aus, die Haut ist blass, ihre graublonden Haare hat sie zu kleinen Zöpfen geflochten.

Sie friere, sie sei hungrig, sagt sie mit zittriger Stimme. Sie sei gerade im Krankenhaus gewesen, erzählt sie Hohlbein, habe lange nichts gegessen, eine Lebensmittelvergiftung. Tina nimmt einen Schlafsack, ungläubig, als hätte sie abgeschlossen mit dem Gedanken, dass man ihr noch helfen würde in diesem Leben. Als sie 14 war, hat sie der Stiefvater vergewaltigt. Nachdem ihr Mann vor sechs Jahren starb, wurde sie obdachlos. Ihre Nichte lebt im Zelt nebenan. Tina nimmt noch ein paar Kekse, vielleicht bleiben die ja drin. Rex Hohlbein umarmt die hagere Frau zum Abschied, er muss weiter. Das Krankenhaus, berichtet ein anderer Ehrenamtlicher später, habe die Frau nach einer Infusion wieder in ihr eiskaltes Zelt gebracht, in dem sie dann ohne Essen und Trinken ausharrte.

In Seattle und den Vororten leben mehr als 11 000 Menschen ohne eigene Wohnung, mehr als die Hälfte davon wie Tina auf der Straße. Zum Vergleich: Von den 3100 Wohnungslosen in der ähnlich großen Stadt Frankfurt am Main leben nur schätzungsweise zehn Prozent auf der Straße. Man kann nicht durch Seattle gehen, ohne die unzähligen Zelte zu sehen, die Verschläge, die kleinen Siedlungen, in denen Menschen leben, ohne Wasser, Strom oder Toiletten, ohne Sicherheit, oft ohne Hoffnung. Abends sieht man die vielen Autos am Straßenrand, mit von Atemluft beschlagenen Scheiben – jedes ein Zuhause für Menschen ohne Wohnung.

Im Jahr 2015 hat die Stadt wegen eines dramatischen Mangels an Wohnraum den Notstand ausgerufen, so lässt sich mehr öffentliches Geld lockermachen. Seattle gilt längst als Negativbeispiel für die Folgen ungelenkten Wachstums. Denn es sind nicht nur die psychisch Kranken und die vom Krieg gezeichneten Veteranen, die Drogenabhängigen und die Trinker, die hier auf der Straße leben. Im vergangenen Jahr gaben bei einer Umfrage etwa 20 Prozent der Obdachlosen an, einen Job zu haben. Viele haben Kinder, die zur Schule gehen, besitzen ein Auto, einen Laptop, sind per E-Mail erreichbar. Längst ist in Seattle die Mittelschicht betroffen. Eine Operation, die die Kasse nicht zahlt, ein Rausschmiss aus dem sicher geglaubten Job – schon ist die Wohnung weg und ein Zelt das neue Zuhause.

Seattle ist eine boomende Stadt. Allein Amazon hat seine Mitarbeiterzahl seit 2010 von 5000 auf rund 50 000 verzehnfacht, gut bezahlte Menschen, die mit ihren blauen Plastikbändern am Hosenbund in einen der vielen Bürotürme Einlass finden. Seattle hat auch dank Kurt Cobain das Image einer ewig nebligen, im Herzen kalten Stadt. „Seattle Freeze“ nennt man die Art der Menschen, die es Neuen schwer machen soll, hier Freunde und Heimat zu finden. Aber die Menschen in Seattle haben auch die Berge und das Meer, Seen und tiefe Wälder, alles vor der Haustür. Seattle zählt in Umfragen immer zu den lebenswertesten Städten der USA.


Obdachlosen-Zelt im Viertel Pioneer Square in Seattle.


Unten: Rex Hohlbein und seine Tochter Jenn Lafreniere im Architekturbüro.

„Wir haben eine Krise der Gemeinschaft“

Das erste Treffen mit Rex Hohlbein beginnt am Samstagmorgen mit einer Umarmung. „Free Hugs“ steht auf dem braunen Pappschild, das er vor seinem Bauch hält, auf dem Rundweg am Green Lake im Norden Seattles. Freie Umarmungen also für Spaziergänger, Jogger und die vielen Menschen, die auf ihre Smartphones starren, weil es hier und heute ein besonderes Pokemon zu fangen gibt. Hohlbein ist mit ein paar Freunden da, Shelly Cohen ist darunter, der das örtliche Straßenmagazin »Real Change« verkauft – und ein breites Lächeln hat, das kaum jemanden die Umarmung ausschlagen lässt. Dazu gibt es noch einen grünen Aufkleber mit dem Satz „Just Say Hello!“ – das Motto der Hilfsorganisation Facing Homelessness, die Rex Hohlbein gegründet hat.

Es gibt momentan kaum einen Ort, an dem diese Initiative dringender nötig wäre als in Seattle. Seit vier Jahren lebt die Stadt jetzt im Notstand, die Zahl der Obdachlosen ist seitdem weiter gestiegen. Hohlbein schüttelt den Kopf: Wenn die Stadt einen Notstand ausriefe wegen einer drohenden Flut, dann würden alle anpacken, Sandsäcke stapeln und gemeinsam bangen, ob die Anstrengungen ausreichen. „Hier ruft die Stadt den Notstand aus – und wir machen alle weiter wie bisher“, sagt er. „Die Regierung kann das nicht ändern, wir müssen uns ändern!“ Er hat das getan: Vor fünf Jahren schloss er sein Architekturbüro und gründete die Hilfsorganisation Facing Homelessness.

In der Siedlung an der Autobahn steigt aus dem Zelt neben Tinas Zuhause ein großer Mann von Ende 20, lange Locken und Fünftagebart, grüner Parka mit Fellkragen. Würde man John, der seinen vollen Namen auch lieber verschweigen will, eine Gitarre umhängen, er sähe aus wie der Frontmann einer Rockband. Hohlbein hat ihn bislang noch nicht getroffen, sagt Hallo, schüttelt seine Hand, fragt, was er denn am nötigsten brauche. In den Schuhen ist ein Loch, sagt John, und Größe 48 gibt es in den Kleiderkammern selten. Und Süßigkeiten, sagt John und lacht. Hohlbein fragt ihn, ob er ein Foto von ihm machen darf. Der zögert. Die Flecken im Gesicht, der Dreck unter den Fingernägeln, das sei doch nicht schön. „Deine Augen leuchten, du bist ein wunderschöner Mensch“, sagt Hohlbein. Er schaut John lange in die Augen, er macht das mit allen Menschen, die er trifft, als wolle er sagen: Ich sehe dich, ich nehme dich wahr. Bevor Hohlbein weiterfährt, kommt John noch zum Auto. Ein Wunsch, wenn er kurz noch stören dürfe: Er bräuchte eine Lichtmaschine für den 93er Mercury Villager Van seines Vaters. Sein Vater lebt in dem Auto.

Tausende Fotos in Schwarz-Weiß hat Rex Hohlbein von Obdachlosen gemacht. Praktisch jeden Tag fährt er durch die Stadt, besucht Menschen auf der Straße, von denen er manche seit Jahren kennt, hat Schlafsäcke oder Decken dabei oder ein kleines Frühstück. Er begegnet dabei immer wieder neuen Gesichtern, fragt die Menschen nach ihren Geschichten und Sorgen, nach den Dingen, die ihnen am meisten fehlen, und er fragt, ob er sie fotografieren darf. Die Fotos stellt er ins Netz, schreibt ein paar Zeilen dazu – über die Schicksalsschläge der Obdachlosen, aber auch über ihre Talente, Wünsche und Träume. „Wir müssen diesen Menschen wieder zeigen, dass sie Menschen sind“, sagt er. „Wir haben keine Obdachlosenkrise, wir haben eine Krise der Gesellschaft, der Gemeinschaft.“ Nicht die Wohnungslosen seien schuld, sondern die Menschen, die nichts dagegen tun, dass andere an den Rand gedrängt werden – und darüber hinaus. Er fährt weiter, bis die Schlafsäcke verteilt sind. Es sind immer nur kurze Fahrten bis zum nächsten alten Wohnmobil, zum nächsten Zelt, zur nächsten Baracke auf matschigem Grund.

Nach dem Treffen unter der Brücke stellt Hohlbein einen Aufruf ins Netz: 200 Dollar für das Auto von Johns Vater würde er gern zusammenbekommen. Die Geschichte berührt so viele, dass auf dem Paypal-Konto 1425,90 Dollar eingegangen sind, als Rex Hohlbein ein paar Stunden später nachschaut. Und jemand hat ein neues Paar Wanderschuhe im Büro von Facing Homelessness abgegeben, Größe 48. Das überschüssige Geld nutzt die Organisation, um weitere Zelte und Schlafsäcke zu kaufen.

Die Spendenbereitschaft in den USA ist hoch. Der Staat tut wenig, also helfen viele Menschen freiwillig. So wie Rex Hohlbein. Der entwarf 20 Jahre lang preisgekrönte Häuser für reiche Menschen, darunter Manager von Microsoft – das Unternehmen hat im Vorort Redmond seinen Hauptsitz.


Rex Hohlbein trägt Michael Pauls Sachen zu dessen neuem Zeltplatz in einem Garten in Auburn (Washington), den ein Ehepaar zur Verfügung stellt

Seattle ist eine einzige Einfamilienhaussiedlung

Dieses Leben endete mit einem Hallo im Herbst 2010. Hohlbein fuhr mit dem Fahrrad am Fremont-Kanal entlang zu seinem Büro. Er sah einen Mann auf einer Parkbank schlafen, neben ihm ein Einkaufswagen mit seinem Besitz. Hohlbein hielt an, tippte dem Mann auf die Schulter, sagte Hallo und bot ihm an, später bei ihm im Büro auf eine Tasse Kaffee vorbeizukommen, die Toilette zu benutzen. „Ich weiß gar nicht mehr, warum ich ihn damals angesprochen habe“, sagt er heute. Er selbst war nie obdachlos, niemand aus seiner Familie oder aus seinem Bekanntenkreis, er musste sich nie Sorgen um die eigene Wohnung machen. Aber er hatte in den Wochen vor der Begegnung ein paarmal mit anderen Obdachlosen am Kanal gesprochen. „Das muss mich irgendwie geöffnet haben, ich war bereit“, sagt er. Bereit, die Komfortzone zu verlassen, wie er das nennt. Und dorthin zu gehen, wo man als Mensch lernt und wächst durch neue Erfahrungen.

Der Mann jedenfalls kam noch am selben Tag ins Büro und stellte sich als Chiaka vor. Dieser Chiaka Zulu Howze fragte Rex Hohlbein, ob er ihm die Geschichte für Kinder vorlesen dürfte, an der er gerade schrieb. Als der Architekt die 20 Seiten, vollgeschrieben und halb zerbröselt, in Howzes Händen sah, dachte er: Oh je, das kann dauern. Doch nach ein paar Minuten fing er an zu weinen, so ergriffen war er. Hohlbein ließ Howze in einem kleinen Schuppen neben dem Büro übernachten, er lagerte die Bilder des Mannes, der auch malte, für ihn. Und er erstellte eine Facebook-Seite mit der Kunst des Obdachlosen.

Schnell sprach sich herum, dass da ein Architekt in Fremont seine Bürotür für Obdachlose öffnet. Immer mehr kamen, tranken einen Kaffee, nutzten die Toilette, erzählten ihre Geschichte oder wärmten sich einfach nur auf. Hohlbein erinnert sich an Joseph, der bald jeden Tag bei ihm im Büro saß und das Kreuzworträtsel der »New York Times« löste. Die Arbeit des Architekten litt, zwei Jahre lang verdiente er kaum etwas. „Es war ein Chaos, ein wunderschönes Chaos“, sagt er. Die Hohlbeins lebten vom Einkommen von Rex’ Frau Cindy und vom Ersparten. Als Hohlbein dachte, er müsse sich entscheiden, ob er ein Architekt ist oder sich um Obdachlose kümmert – da hatte er das eigentlich längst getan.

In Seattle fehlen heute Tausende bezahlbare Wohnungen – für Menschen, die trotz eines oder mehrerer Jobs nicht mal die Hälfte des Durchschnittseinkommens verdienen. Ein Grund für den Mangel ist, dass, abgesehen von den Hochhausblocks in der Innenstadt, praktisch die ganze Stadt aus Einfamilienhäusern besteht. Will der Stadtrat in einem Viertel das Baurecht ändern und auch Apartmenthäuser zulassen, protestieren die Einwohner. Die fürchten den Wertverfall und die Kriminalität, die sie dem Zuzug von ärmeren Menschen zuschreiben.

Aber ein kleines Holzhaus mit einem Bewohner pro Straßenblock, das müsste doch gehen, dachte sich Rex Hohlbein, holte den Zeichenstift aus der Schublade und entwarf mit seiner Tochter Jenn Lafreniere das Block Home. Die Idee: Hausbesitzer stellen sich kleine Häuser in ihren Garten und lassen dort Obdachlose wohnen. Das Block Home misst zwölf Quadratmeter, hat Bett, Dusche, Toilette, Tisch, Schränke und gerade genug Platz für einen Erwachsenen. Solarzellen auf dem Dach und ein Wassertank machen es autark. Hat ein Hausbesitzer genug vom Gartenhaus, kann es zum nächsten gebracht werden.

Ein sonniger Nachmittag, Hohlbein zeichnet mit einem Spaten in den Boden, wie groß die Terrasse des Block Homes Nummer vier werden könnte. Das steht fast fertig im Garten von Marjon Riekerk and Alexander Voorhoeve. Sie leben in einem einfachen weißen Bungalow. Im Garten pflanzen die beiden Gemüse an und Blumen, trimmen die Sträucher und Bäume. Das Ehepaar ist über 80, aber sie konnten nicht mehr ertragen, wie schlecht es so vielen in dieser reichen Stadt geht. Die neuen Nachbarn werden vielleicht ein paar mehr Sorgen mitbringen als die anderen hier, sagt Marjon Riekerk, aber man wolle für sie da sein. Im April ist Jenny Penrod eingezogen. Hohlbein hat die Frau, die lange auf der Straße lebte, fotografiert. Im Gesicht ein Lächeln, in der linken Hand ein Schlüssel für ihr neues Zuhause.


Rex Hohlbein verabschiedet sich von einer Frau, die zusammen mit anderen Wohnungslosen in einem alten Schulbus auf einem Industriegebiet lebt


Michael Paul packt seine Luftmatratze, denn sein Zelt- platz nahe einer Autobahnzufahrt wird abgeräumt. Hohlbein bringt ihn mit seinem Hund zu einer neuen Bleibe

Vom Tech-Boom-Profiteur zum Vollzeitaktivisten

Inzwischen haben sich mehr als 130 Hausbesitzer gemeldet, die gern ein Block Home im Garten hätten. Vier bezahlte Arbeitskräfte kümmern sich um das Block Project, sieben werden es bald bei Facing Homelessness sein. Die Zahl der Freiwilligen kann Hohlbein nicht mal schätzen. „Es müssen mehr als 1000 sein“, sagt er. Die Stadt ist auf die freiwilligen Helfer angewiesen und, wohl oder übel, auf das Mäzenatentum der Wirtschaft.

Der Stadtrat hatte im Mai 2018 eine Steuer eingeführt, 275 Dollar pro Arbeitsplatz sollte die „Employee Hours Tax“ größere Firmen in der Stadt kosten; die Einnahmen von rund 50 Millionen Dollar pro Jahr sollten die Situation der Obdachlosen verbessern. Amazon gehörte zu den Unternehmen, die Druck auf den Stadtrat ausübten, man stoppte sogar den Neubau eines Büroturmes, ein Warnsignal. Einen Monat nach dem Beschluss des Gesetzes nahm es der Stadtrat zurück. Später spendete der Amazon-Boss Jeff Bezos fast 100 Millionen Dollar für Projekte gegen Obdachlosigkeit. In ein neues Bürogebäude des Tech-Giganten werden im nächsten Jahr Dutzende obdachlose Familien zeitgleich mit Mitarbeitern einziehen – eine Notunterkunft, die das Unternehmen der Hilfsorganisation Mary’s Place kostenlos bereitstellt. PR-Arbeit eines Unternehmens, das ein Motor der Verdrängung ist, sagen viele in der Stadt. 2018 zahlte Amazon übrigens trotz eines Gewinns von 11,2 Milliarden Dollar in den USA keine Steuern.

Rex Hohlbeins Eltern lernten sich in Deutschland kennen, die Mutter ist Berlinerin, der Vater war als Soldat dort. Sie zogen nach Seattle, der Vater arbeitete als Anwalt. Auch sein Sohn begann ein Jurastudium, doch durch Zufall schaute er in einen Zeichenkurs von Architekten rein. Und spürte: Das kann ich. Außerdem: Die Leute hier sind viel netter als in meinen Kursen. Kurz danach rief er die Familie an und sagte: „Leute, ich werde Architekt!“ Bald nach dem Studium gründete er sein eigenes Architekturbüro. Er baute schöne Häuser für reiche Menschen, gewann Preise. Seine Firma profitierte auch von der Hightech-Branche, die immer mehr gut verdienende Menschen in die Stadt bringt – und andere an den Rand drängt.

Heute ist Hohlbein Vollzeitaktivist. Nicht nur die Tage sind lang, manchmal klingelt nachts um zwei das Telefon, weil jemand in Not ist oder einfach nur Tag und Nacht gerade nicht unterscheiden kann. Hohlbeins Mobiltelefon ist nur aus, wenn er mit seiner Frau Cindy wandern geht. Manchmal sind sie sieben Tage am Stück unterwegs, nur die beiden und die Wildnis, die an der Stadtgrenze beginnt. „Ich lebe im Moment“, sagt Hohlbein, eigentlich sei das schon immer so gewesen. Wer ihn in Seattle ein paar Tage begleitet, wer Freunde fragt und Kollegen, der hört das in fast jedem Gespräch: Der Rex, ja, der ist immer unterwegs. Aber wenn er da ist, dann ist er richtig da.

Mit seiner Tochter Jenn Lafreniere entwirft Rex Hohlbein nun auch wieder Privathäuser. Aber nur, wenn die Auftraggeber sich bereit erklären, der Gesellschaft etwas zu geben, zum Beispiel ein Block Home zu finanzieren. „Reich sein heißt nicht, schuldig zu sein“, sagt Hohlbein. Aber Wohlhabende sollten den Kontakt suchen zu Menschen, die jeden Tag um alles kämpfen müssen. „Ganz sicher ist: Man profitiert davon“, sagt der Architekt, der nun für die Reichen und die Armen baut. Er selbst ist bei Facing Homelessness angestellt, verdient dort weniger als die Hälfte dessen, was er als Architekt hatte.

Es ist Abend geworden in Seattle. Rex und Cindy Hohlbein haben zum Essen in ihr Haus im Stadtteil Montlake eingeladen. Es gibt Spaghetti in Pilzsauce, dazu einen grünen Salat und selbst gebackenes Brot.

Auch Dzy ist zu Gast. Dem 56-Jährigen, der eigentlich Michael Holmes heißt und sich am liebsten mit seinem Spitznamen ansprechen lässt, fehlen einige Zähne, er schwankt beim Gehen, hat Bluthochdruck, ist seit ein paar Wochen vom Heroin runter. Er lebt in einem Zelt direkt an einer Straße. Wie geht das? „Ich habe einen Gasstrahler, der hält mich warm“, sagt er. Früher war er mit einer Punkband auf Tour, an diesem Abend spielt er zwei Country-Songs auf seiner Gitarre. Cindy sagt, seine Stimme erinnere sie an den späten Leonard Cohen. Dzy lacht ein schelmisches Lachen, das Kompliment freut ihn. Rex sagt: „Dzy, ich liebe dich.“

Wie kommt man damit klar, nicht allen helfen zu können? „Wenn man da ist, wirklich da ist bei den Menschen, dann sehen die das, dann respektieren sie auch deine Grenzen“, sagt Rex Hohlbein. Die Geschichte des Künstlers Chiaka Zulu Howze ist für ihn ein Beispiel für Grenzen, die es zu akzeptieren gelte. Der Anfang der Geschichte klingt nach Happy-End-Kitsch: Kurz nach dem ersten Eintrag auf der neuen Facebook-Seite stehen zwei junge Frauen vor Hohlbeins Büro. „Oh mein Gott, ich habe meinen Vater gefunden“, sagt die eine. Es sind Howzes Töchter aus Pittsburgh, die ihn bald zu sich nach Hause holen.

Vor einem Jahr hat Hohlbein seinen Freund in Pittsburgh besucht, schlief drei Nächte bei ihm auf dem Flur. Howze hat eine Wohnung, ja, er macht weiter Kunst, zuletzt hat er etwa mitgewirkt, einen kleinen Park in Pittsburgh umzugestalten, in dem schon seine Kinder gespielt haben. Die psychischen Probleme aber, die begleiten ihn weiter und machen es ihm schwer, etwas aufzubauen, das man ein stabiles Leben nennen würde. So ist es eben, sagt Rex Hohlbein: „Man kann die Menschen nicht reparieren. Man kann sie nur lieben.“ ---


Das Ehepaar Marjon Riekerk und Alexander Voorhoeve vor dem Block Home in ihrem Garten (Bild links), das der zuvor wohnungslosen Jenny Penrod ein Zuhause gibt

Drei Menschen aus Seattle erzählen vom harten Leben ohne Dach über dem Kopf – und über den schwierigen Weg zurück in ein normales Leben.


„Träume sind das Wichtigste in meinem Leben “

Porträt: © Rex Hohlbein

Jenny Penrod, 38

Ich wurde in Redmond geboren, einem Vorort von Seattle. Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, einigermaßen stabil, aber wir sind oft umgezogen. Ich war auf dem College, habe aber keinen Abschluss gemacht.

Obdachlos zu sein ist das Schlimmste, was ich jemals erlebt habe. Schlechter ging es mir nur mit meinem Partner, mit dem ich in Arizona etwas führte, was man wohl am besten eine missbrauchende Beziehung nennt. Vor der, vor ihm, bin ich im April 2018 geflohen. Ich landete für ein Jahr auf der Straße. Wenn du auf der Straße lebst, dann ist jeder Tag anders. Gut geht es dir dort nie. Die schlechten Tage machen dich fertig, an den guten kannst du dich zumindest etwas erholen. Gut schlafen können, mich entspannen, mal ein Eis, guter Handy-Empfang – das ist für mich Luxus.

Durch die Hilfsorganisation Mary’s Place habe ich nun einen ersten Ausweg gefunden. Ich bin Ende April in ein Haus des Block-Projektes gezogen, lebe in dem kleinen Haus im Garten von Marjon und Alexander. Vom Staat bekomme ich eine Unterstützung, das reicht zum Leben. In meinem neuen Zuhause, da will ich zur Ruhe kommen, ich hoffe, keine Angst mehr zu haben. Manchmal fühle ich mich sehr einsam, ich habe viele Freunde in Arizona gelassen, die ich sehr vermisse. Freundschaften pflegen, auch das ist schwer, wenn man draußen lebt. Ich würde gerne wieder Sachen machen, die mir früher Freude bereitet haben: einfache Dinge wie Nähen oder Kochen, im Garten arbeiten oder wandern gehen.

Ich möchte Schweißerin werden, genug verdienen, dass ich mich um mich selbst kümmern und auch meiner Familie helfen kann, wenn sie mich braucht. Und dann mache ich meinen Führerschein, kaufe einen Jeep und lebe in Port Orchard, einer kleinen Stadt direkt am Wasser, nicht weit von Seattle. Das ist mein Traum. Träume sind das Wichtigste in meinem Leben.

Porträt: © Rex Hohlbein

Matthew Shea, 44

Ich wurde in Queens geboren, in New York. Meine Mutter starb, als ich sechs Jahre alt war. Ich lebte mal hier und mal dort, wurde herumgereicht, bis ich mit elf Jahren in ein staatliches Kinderheim kam. Trotz dieser schwierigen Zeit wurde ich ein ziemlich erfolgreicher Chefkoch in sehr angesehenen New Yorker Restaurants, eine vielversprechende Zukunft lag vor mir. Mein Privatleben war ein ziemliches Chaos, ich setzte alles auf die Arbeit in der Küche. Dann kamen die Ängste, ich hatte den ersten von zwei massiven Nervenzusammenbrüchen. Ich konnte nicht mehr unter Menschen sein, wollte einfach nur noch weg – und kaufte mir ein Ticket nach Washington, den Bundesstaat ganz im Nordwesten, auf der anderen Seite des Landes.

2010 war das, ich kam nach Seattle und lebte dort erst in einem Zelt im Gas Works Park im Norden der Stadt, direkt am Lake Union, dann in meinem Auto. Die Obdachlosigkeit macht vieles mit einem Menschen. Besonders aber saugt sie dir den Willen aus, dich zu entwickeln. Ich habe trotzdem versucht, nicht aufzugeben. Für meine neuen Freunde im Park habe ich oft gekocht, mit Lebensmittelspenden, das waren Momente, die mich aufgebaut haben.

Heute lebe ich in einem Haus für Menschen mit wenig Einkommen, bekomme Unterstützung vom Staat. Mein Ziel war, mich mit einem kleinen Catering-Unternehmen selbstständig zu machen, mir eine Zukunft aufzubauen und für meine Tochter und meinen kleinen Enkel da zu sein. Voriges Jahr aber hatte ich einen Herzinfarkt. Ich bekomme schlecht Luft, der Alltag ist sehr anstrengend für mich. Ich habe früher praktisch nie geweint, in den letzten Jahren aber sehr oft. Ich hoffe, dass sich mein Körper bald erholt und ich öfter für meine Freunde kochen kann.

Porträt: © Rex Hohlbein

Susan Russell, 57

Obdachlos sein, das ist das Einsamste, Unmenschlichste, Gefährlichste, was man sich vorstellen kann. Man ist in einem 24-Stunden-Überlebensmodus. Wo finde ich etwas zu essen, wo eine saubere Toilette, wo einen sicheren Platz zum Schlafen? Das hat nicht immer funktioniert, mir sind schlimme Sachen widerfahren, während ich schlief. Heute weiß ich: Man versteht erst, wie stark man ist, wenn das Starksein die einzige Chance fürs Überleben ist.

Ich wurde in Kalifornien geboren, zog mit meinen Eltern nach Seattle, als ich zehn war. Bald darauf ließen sie sich scheiden, unser Familienleben zerbrach. Mit 16 musste ich mein Zuhause verlassen.

Mit harter Arbeit machte ich meinen fehlenden Schulabschluss wett, wurde Zementbauerin – damals gab es nur eine Handvoll Frauen, die das machten. Ich habe am Safeco Field mitgebaut, dem Baseball-Stadion am Hafen von Seattle, und an vielen anderen großen Gebäuden der Stadt. Eines Tages hatte ich einen Autounfall, jemand ist mir hintendrauf gefahren. Ich war sehr schwer verletzt, der Fahrer war nicht versichert. Ich kann seitdem nicht mehr körperlich arbeiten, verdiente nach dem Unfall kein Geld mehr – im Gegenzug musste ich immer mehr für Medikamente ausgeben. Die Schulden wuchsen, bis ich auf der Straße landete. Dort blieb ich für zehn Jahre. Zehn Jahre!

Seit Kurzem habe ich ein Dach über dem Kopf, eine kleine Wohnung aus einem der „Bezahlbarer Wohnraum“-Programme. Ich lerne nun, wieder zu leben, wieder zu vertrauen, versuche meine Traumata und die Folgen des Schlafentzugs und des Lebens auf der Straße zu heilen. Ich muss mir nicht mehr in jeder Sekunde Sorgen machen – das ist ein Luxus, den man sich kaum vorstellen kann. Jetzt will ich versuchen, den vielen anderen zu helfen, die noch auf der Straße leben.

Obdachlos in Seattle

Mehr als 11 000 Menschen gelten in Seattle und der Region als wohnungslos, fast die Hälfte davon lebt nach Erkenntnissen der Organisation All Home auf der Straße. Bei der jährlichen Zählung der Obdachlosen „One Night Count“ am 25. Januar dokumentierten die Freiwilligen im Jahr 2011 noch knapp 2500 Menschen auf der Straße, 2019 waren es mehr als doppelt so viele. Einen kleinen Rückgang im Vergleich zum Vorjahr bei dieser Zählung registriert die Stadt zurückhaltend, zeigen doch andere Daten, dass die Nachfrage nach Hilfe weiter ansteigt. Seattle hat schon 2015 den „State of Emergency“ ausgerufen – den Notstand, mit dem weitere Gelder aus dem Stadthaushalt bereitgestellt werden können. Etwa 200 Millionen Dollar werden dort pro Jahr von verschiedenen staatlichen Stellen für den Kampf gegen Obdachlosigkeit ausgegeben.

Seattle ist eine wirtschaftlich prosperierende Stadt. Nach Angaben der Downtown Seattle Association wurden allein im Stadtkern in den vergangenen acht Jahren 85 000 Arbeitsplätze geschaffen. Das Problem: Im selben Zeitraum wurden nur rund 38 000 Wohnungen gebaut. Das Durchschnittseinkommen lag im Jahr 2017 bei rund 82 000 Dollar (USA gesamt: etwa 60 000 Dollar). Es gibt Städte mit höheren Werten, etwa San Francisco, bei den Steigerungswerten aber nahm Seattle zuletzt den Spitzenrang ein. Mit den steigenden Einkünften wird die Verdrängung auf dem Wohnungsmarkt befeuert.