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Peer Pasternack

Die Universitäten in Deutschland sind zunehmend auf Drittmittel angewiesen. Gefährdet das die Freiheit der Wissenschaft? Ein Gespräch mit dem Hochschulforscher Peer Pasternack.




• Man kann seinen Lebenslauf als Streben nach Unabhängigkeit lesen: Als junger Mann ist Peer Pasternack Lkw-Fahrer in der DDR. Er holt in der Abendschule sein Abitur nach, fängt 1987 in Leipzig an zu studieren. Zwei Jahre später, als in der Wendezeit die Montagsdemonstrationen das Ende der SED-Herrschaft fordern, kümmert er sich um die demokratische Neuordnung der Universität, und entwirft ein Konzept für den Aufbau einer unabhängigen Studentenvertretung, die bis dahin in den Händen der SED-Jugendorganisation FDJ lag.

Er macht sich als Studentensprecher einen Namen über die Grenzen der Leipziger Universität hinaus, ist Anfang der Neunzigerjahre einer der Protagonisten im Protest gegen die Auflösung aller ideologisch gefärbten Fakultäten und Institute an ostdeutschen Hochschulen, vor allem also Geschichts- und Sozialwissenschaften, der Jurisprudenz, Philosophie, Wirtschafts- und Erziehungswissenschaften. „Man muss das richtig einordnen“, sagt Pasternack, „damals wurde in größter Eile das kriselnde Hochschulsystem der alten Bundesrepublik auf die ostdeutschen Länder übertragen, und uns Studenten traf die Abwicklung ganzer Institute wie ein Schlag.“

Pasternack findet sich dennoch in den neuen Verhältnissen in der vereinigten Bundesrepublik schnell zurecht. Er macht 1994 sein Diplom in Politikwissenschaft, promoviert 1996 in Oldenburg und bekommt eine Stelle am neu gegründeten Institut für Hochschulforschung der Universität Halle-Wittenberg. Er gilt bald als einer der Experten für Hochschulen, wird im Januar 2002 als Parteiloser zum Staatssekretär für Wissenschaft in den rot-roten Berliner Senat berufen, habilitiert in Kassel und wird 2004 Forschungsdirektor, dann Direktor des Instituts für Hochschulforschung. Diese Stelle besetzt der 56-Jährige bis heute.

brand eins: Herr Pasternack, in welcher Phase Ihres Berufslebens haben Sie sich am unabhängigsten gefühlt?

Peer Pasternack: Das hängt davon ab, wie man Unabhängigkeit definiert. In gewisser Weise hatte ich die auch als Berufskraftfahrer, denn sobald man mit dem Lkw vom Hof fuhr, war man sein eigener Herr. Während der Fahrt konnte ich entscheiden, wann ich Pause mache und ob ich Musik höre. Wir waren damals auch nicht über Funk erreichbar, standen also den ganzen Tag unter keiner Aufsicht.

Trotzdem haben Sie den Job an den Nagel gehängt.

Irgendwann konnte ich mir nicht mehr vorstellen, dauerhaft um vier Uhr morgens aufzustehen. Zudem hatte ich Interesse an gesellschaftlichen Fragen, mit denen ich mich als Kraftfahrer kaum beschäftigen konnte. Der Beruf hatte zweifellos Nachteile. Auf der anderen Seite gehen bessere Bezahlung und höherer Status nicht unbedingt mit mehr Freiheit einher. Als Staatssekretär im Berliner Senat war ich zwar nah dran an der Macht, aber nie war ich fremdbestimmter. Ich bin von Termin zu Termin gehetzt. Vorbereiten konnte ich mich nur auf den Fahrten dorthin. Oft waren das nicht mehr als zehn Minuten. Hinzu kam, dass Thilo Sarrazin damals Finanzsenator war und eine vollkommen undifferenzierte Spar-Orgie in Gang setzte, um die Verschuldung des Landes abzubauen. Die Kürzung der Mittel für die Hochschulen fand ich inakzeptabel, daher bin ich zurückgetreten.

Als Professor sind Sie heute so unabhängig wie kaum eine andere Berufsgruppe.

Zeitsouveränität, also die Möglichkeit, weitgehend selbst zu bestimmen, wann ich welche Aufgaben erledige, ist für mich der wichtigste Indikator für Unabhängigkeit. Ich besitze heute sehr viel davon, wobei es mir wie Künstlern geht: Ich erkaufe mir diese Souveränität mit dem erhöhten Einsatz von Zeit. Der geht weit über eine tarifliche Wochenarbeitszeit hinaus.

Wie frei sind Sie bei der Wahl Ihrer Forschungsthemen?

Finanziell kommen wir mit der Grundausstattung nicht über die Runden. Um alle Mitarbeiter möglichst kontinuierlich zu beschäftigen, müssen wir ständig dafür Sorge tragen, ausreichend Projektmittel einzuwerben. Also zusätzliches Geld, das wir von öffentlichen und privaten Förderern für zeitlich befristete Forschungsvorhaben erhalten.

Dazu gibt es drei mögliche Vorgehen: Beim ersten entwickeln wir selbst ein Forschungsprojekt und bewerben uns bei Förderern um dessen Finanzierung; beim zweiten geben die Förderer ein Rahmenthema vor, und wir bewerben uns mit einem dazu passenden Projekt. Das dritte lässt den geringsten Spielraum: Der Förderer gibt das Thema und oft sogar die Methodik vor, schreibt das Projekt nicht offen aus, sondern fordert gezielt zwei, drei Institute auf, sich zu bewerben.

Warum sind Projektmittel zum unverzichtbaren Bestandteil der Hochschulfinanzierung geworden?

Wegen eines Sinneswandels in der Forschungspolitik, etwa um die Jahrtausendwende. Damals setzte sich die Überzeugung durch, dass eine komfortable Grundfinanzierung der Hochschulen durch das jeweilige Bundesland eine öffentlich-rechtliche Gemütlichkeit erzeuge. Die Länder kürzten die Mittel, zogen sich gleichzeitig aus der Fachaufsicht zurück und überließen es weitgehend den Hochschulen selbst, über ihr Budget und Personal zu bestimmen. Autonomie gegen weniger Geld – das war der Deal. Die einzelnen Institute sind seitdem in wachsendem Ausmaß auf zusätzliche Einnahmen angewiesen.

Ist die leistungsabhängige Finanzierung ein Vehikel der Politik, auf indirektem Weg Einfluss auf die Wissenschaft zu nehmen?

Richtig ist, dass die Länder nur noch durch Förderprogramme in den Hochschulen gestalterisch tätig werden können. In Baden-Württemberg beispielsweise hat die rot-grüne Regierung unmittelbar nach ihrem Antritt ein Programm ins Leben gerufen, bei dem es um eine nachhaltige Weiterentwicklung der Kommunen und Städte, um digitale Transformation, Mobilität und Bürgerbeteiligung ging.

Dafür braucht man auch die Wissenschaft. Von allein hätte die das nicht gemacht, zumindest nicht in dem gewünschten Ausmaß. Also hat die Politik finanzielle Anreize für ihr Anliegen geschaffen. Ich würde das nicht in Gänze verdammen, zumal das einzelne Förderanliegen fast immer legitim ist.

Ist es nicht dennoch ein harter Eingriff in die Freiheit der Wissenschaft, wenn Forscher sich aus Geldnot sagen lassen müssen, womit sie sich beschäftigen sollen?

Aus der finanziellen Abhängigkeit resultieren Zwänge, ja. Gleichzeitig ist es möglich, mit diesen Zwängen zu spielen. Unser Institut finanziert sich zu 60 Prozent durch Projektmittel. Das ist ein sehr hoher Anteil. Wir schaffen das, indem wir vor allem Projekte an Land ziehen, die zu unserem Profil passen. Dabei hilft, dass wir thematisch breit aufgestellt sind: ob Geschichte der Universitäten, kognitive Entwicklungen, soziale Zusammensetzung der Studierenden oder Organisationsfragen – uns interessiert alles, was mit Hochschulen zu tun hat.

Durch die Projektfinanzierung vergrößern wir mitunter den Blickwinkel. Wir koordinieren zum Beispiel eine Expertenplattform zum demografischen Wandel in Sachsen-Anhalt. Dieses Thema betrifft auch die Hochschulen, geht gleichzeitig weit darüber hinaus. Die Abhängigkeit von Projektmitteln führt also zu einer Erweiterung des Horizonts. Oder sie kann dazu führen.

Unter welchen Voraussetzungen?

Die Kunst ist, Querverbindungen ziehen zu können. Ich stelle immer wieder fest, dass das manchen Wissenschaftlern nicht gelingt. Die sagen: Die Ausschreibungen passen nicht zu dem, was wir machen. Ich gebe zu, dass wir es einfacher haben als Institute mit sehr spezifischem Fokus. Aber häufig fehlt auch einfach die nötige Fantasie. Ich führe seit Jahren eine Mindmap, in der ich inzwischen rund 200 Themen eingetragen habe, die ich gern bearbeiten würde. Wird ein Projekt ausgeschrieben, prüfe ich, ob es eine Verbindung zu einem der Themen gibt. Das ist ziemlich oft der Fall. Andererseits passiert es auch, dass Themen, die mich brennend interessieren, über Jahre brach liegen. Oder dass wir Projektanfragen nicht ablehnen können, obwohl wir kaum Ahnung von dem Thema haben.

Wer oder was zwingt Sie?

Zum Beispiel das Gefühl von Verpflichtung gegenüber dem Land Sachsen-Anhalt, in dem sich unser Institut befindet. Vor zwei Jahren wurden wir von einer Stiftung angefragt, eine Studie zur Lehrerbildung zu machen. Ich hatte mich vorher nie damit befasst. Das ist ein sehr spezielles Thema, aber als Hochschulforscher sollte man es nicht gänzlich ignorieren. Herausgekommen ist ein dickes Buch. Die Arbeit daran war stressig, aber auch gut. Nicht nur weil wir im Anschluss gleich ein zweites Projekt von einem anderen Auftraggeber zum Thema bekommen haben, sondern weil sie uns neue Erkenntnisse und Expertise auf einem neuen Feld gebracht hat.

Sie zeichnen ein recht positives Bild der Projektfinanzierung. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei, heißt es in Artikel 5 des Grundgesetzes. Besteht nicht die Gefahr, dass diese Freiheit untergraben wird?

In der weiter steigenden Bedeutung von Projektmitteln für die Hochschulfinanzierung sehe ich durchaus ein Problem. Ich finde es aber wichtig, deutlich zu machen, dass es für ein wissenschaftliches Institut auch möglich ist, damit ebenso kreativ wie pragmatisch umzugehen.

Was ist mit Projekten der Privatwirtschaft? Die Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität Lüneburg beispielsweise hat vor Jahren eine Untersuchung zur Sharing Economy in Deutschland veröffentlicht. Ergebnis: Die Ökonomie des Teilens ist im Aufwind und sollte wegen ihrer potenziell positiven Nachhaltigkeitswirkungen gefördert werden. Finanziert hatte die Studie Airbnb.

Aus dem wachsenden Stellenwert der Projektfinanzierung resultieren vielfältige Probleme. Dass die Zweckfreiheit der Wissenschaft mitunter leidet, gehört dazu, aber in diesem Punkt steht Deutschland nach wie vor vergleichsweise gut da. Denken Sie etwa an die USA, wo die Forschung zu einem beträchtlichen Teil direkt oder indirekt vom Militär finanziert wird. Ein paar wenige Universitäten sind so vermögend, dass sie relativ große Freiheit genießen, die übrigen sind in sehr starkem Maße auf nicht öffentliche Fördermittel angewiesen. Auch in Großbritannien und Frankreich genießt die universitäre Forschung längst nicht die Freiheit wie hierzulande.

Welche Probleme durch Projektfinanzierung bereiten Ihnen dann Sorgen?

Oft werden acht von zehn Anträgen abgelehnt. Anträge zu schreiben kostet Wissenschaftler eine Menge Zeit. Zu viel davon wird verschwendet. Eine vernünftige Förderquote läge bei 40, 50 Prozent. Ein weiteres Problem sind die Auswirkungen auf individuelle Karrieren. Dauerstellen sind rar, etliche Wissenschaftler hangeln sich von Projekt zu Projekt, durchlaufen Phasen der Arbeitslosigkeit und solche mit prekären Zwischenbeschäftigungen. Die Perspektivlosigkeit frustriert und führt dazu, dass gute Leute in andere Berufe oder ins Ausland abwandern.

Karrieren von Wissenschaftlern gelten ohnehin als wenig steuerbar. Was immer wieder kritisiert wird, ist die Abhängigkeit der Doktoranden von den sie betreuenden Professoren. Wer Pech hat, wird schlecht betreut oder sogar ausgebremst.

In vielen Fällen funktioniert dieses Verhältnis aber auch sehr gut. Würde man die Verantwortung für Doktoranden auf das Institut übertragen, bestünde erst recht die Gefahr, dass sich niemand mehr kümmert. Was wir meiner Meinung nach brauchen, sind bessere Mechanismen für Konfliktfälle. Zu uns ist gerade eine Doktorandin gekommen, die sich mit ihrem Doktorvater überworfen hat, drei Monate vor Abgabe ihrer Dissertation. Eine furchtbare Situation. Die Universität, von der sie kam, hat sie damit allein gelassen. Das darf nicht sein.

Schaut man auf Ihren Lebenslauf, scheint alles wie geschmiert verlaufen zu sein.

Als ich meine Dissertation schrieb, hatte ich für drei Jahre ein Stipendium von einer Stiftung, war aber schon nach der Hälfte der Zeit fertig. Ich habe die Arbeit dann nur publiziert, nicht eingereicht und noch eine zweite geschrieben, die ich ein halbes Jahr nach Ablauf des Stipendiums abgab. Ein paar Monate zuvor war in Wittenberg das Institut für Hochschulforschung gegründet worden und hatte eine Stelle ausgeschrieben, auf die ich mich bewarb. In der Gründungskommission saß ein Professor, der der Meinung war, dass man junge Leute braucht, ein anderer hatte politische Vorbehalte gegen mich, besaß aber nicht die Autorität, sich durchzusetzen.

Das Institut hatte einen Vorläufer in der DDR, darum gab es dort nach der Neugründung noch Leute, die viel stärker als ich von der DDR-Sozialisation geprägt waren.

In dieser Situation fiel es mir nicht schwer, als das dynamische Element der Belegschaft wahrgenommen zu werden. Alles, was vorwärtsgerichtet war, landete auf meinem Tisch. Aber es wäre unangemessen, meine Karriere allein auf meine Leistung zurückzuführen. Es gab eine Reihe zufälliger Begebenheiten, die förderlich waren. Man muss auch immer mal Glück haben.

Dass in der Wissenschaft nur die Besten vorankommen, ist ein Mythos. ---

2004 finanzierten sich die deutschen Hochschulen noch zu rund 70 Prozent über die Grundausstattung durch das Bundesland, in dem sie ihren Sitz haben. 2013 spielten leistungsabhängige Mittel bereits eine wesentlich größere Rolle, wie eine Studie des von Peer Pasternack geleiteten Instituts aus dem Jahr 2017 ergab. Demnach machte die Grundausstattung im Schnitt nur noch 50 Prozent (14,8 Milliarden Euro) aus. Rund ein Drittel trugen Programm- und Projektmittel zur Finanzierung der Hochschulen bei. Der größte Teil dieser Fördergelder waren Drittmittel, stammten also nicht vom Bundesland, in dem sie ihren Sitz haben, sondern von anderen Förderern: der Deutschen Forschungsgemeinschaft und dem Bund, der gewerblichen Wirtschaft, der EU und privaten Stiftungen. Den weitaus größten Anteil an Programm- und Projektmitteln beziehen die Hochschulen aus öffentlichen Haushalten. Insgesamt finanzieren sie sich nur zu 5,5 Prozent über Fördergelder von der Wirtschaft.