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Der Lichtblick

Der »Lichtblick« ist die einzige unzensierte Gefangenenzeitung in Deutschland. Seit 51 Jahren berichten die Inhaftierten darin von ihrem Leben hinter Gittern. Für sie ist das Freiheit, für die Gefängnisleitung manchmal schwer zu ertragen.





• In dem kleinen Raum sieht es aus wie in einer typischen Redaktion. Papierablagen, Zeitungen, Kaffeetassen, Jubiläumsausgaben an der Wand. Die Recherchen laufen auf Hochtouren, aktuelles Thema: Vermutlich sei Asbest in den Gefängnissen verbaut worden, und die Wandfarben seien bleihaltig, sagt der Chefredakteur Karl-Heinz Rückert, das hätten Gutachten im Zusammenhang mit Brandschutzmaßnahmen ergeben. „Die bohren fröhlich in die Wände, unsere Gesundheit interessiert sie nicht.“ In der nächsten Ausgabe, die Ende Juni gedruckt wird, soll die Geschichte erscheinen. Rückert sagt: „Wir sind mächtig am Buddeln.“

Die Stimmung beim »Lichtblick« ist wie der Ton in der Zeitung: sarkastisch, ungeschönt, abgebrüht. Sie passt zu ihren Verfassern. Die sitzen hinter Gittern in der Teilanstalt II der Justizvollzugsanstalt (JVA) Tegel in Berlin. Gerade produzieren drei Redakteure hier, in Zelle 117, die Gefangenenzeitung. Alle wurden wegen Mordes verurteilt. „Wir legen in der Redaktion Wert auf lange Strafen, weil die Einarbeitungszeit sehr lange dauert“, sagt Rückert. Er ist schlank und tritt freundlich, aber bestimmt auf. Sein Alter und seinen richtigen Namen will er wie die anderen Redakteure für sich behalten.

Es gibt 90 Gefangenenzeitungen in Deutschland, das haben die Redakteure in Tegel recherchiert, ihr »Lichtblick« ist die älteste und die einzige unzensierte. Ein Stück Freiheit im Freiheitsentzug. „Wir verstehen uns als Sprachrohr der Inhaftierten“, sagt Rückert. So wie es der damalige Anstaltsleiter Wilhelm Glaubrecht 1968 wollte: Die Zeitung sollte von Gefangenen für Gefangene sein, ohne Einfluss der Anstaltsleitung. Noch heute steht im Redaktionsstatut: „Der »Lichtblick« wird als unabhängige und unzensierte Zeitschrift ausschließlich von einer aus Gefangenen gebildeten Redaktionsgemeinschaft herausgegeben.“

Einerseits tun JVA-Beamte in Tegel alles dafür, um zu verhindern, dass Inhaftierte aus der Anstalt fliehen, und kontrollieren sehr genau, was geliefert wird oder die Gebäude verlässt. Auch Briefe. Andererseits dürfen die Redakteure publizieren, was sie wollen. Der Jurist und Sozialwissenschaftler Bernd Maelicke formuliert das so: „Der »Lichtblick« hat einen Freiraum, den es nach dem Strafvollzugsgesetz nicht geben müsste.“

In der Zeitung schreiben die Gefangenen über das, was sie bewegt: mangelnde Hygiene, zu hohe Telefonkosten oder andere Themen aus ihrem Alltag hinter Gittern. Sie berichten aus der Sicht von Betroffenen, nicht objektiv. Dadurch ist der »Lichtblick« zu einer Institution geworden. „Die Zeitung ist nicht dazu da, um zu gefallen“, sagt Rückert. Er ist zu lebenslänglich verurteilt, seit sieben Jahren in Tegel und seit fünf Jahren Redakteur. Vor seiner Inhaftierung war er Finanzbeamter.

Ralph Völlner, ein stämmig gebauter Mann, dem man anhört, dass er aus Berlin stammt, ist seit acht Jahren in der Redaktion, am längsten von allen. Er arbeitete in der Baubranche, bevor er 2010 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde. Völlner sagt, dass er die Freiheit bei der Zeitung erst zu schätzen gelernt habe, als er das System verinnerlicht hatte. „Wenn du kapiert hast, wie kaputt diese Institution Knast ist, und du hast ein Fleckchen wie den »Lichtblick«, dann kannst du dich dem ein bisschen entziehen.“

In der JVA Tegel sind etwa 800 Menschen inhaftiert. Da, wo die Zeitung gemacht wird, sitzen die harten Jungs. Die Redakteure produzieren vier bis sechs Hefte im Jahr. Der »Lichtblick« hat 60 Seiten und ist kostenlos. Es gibt Rubriken wie „Strafvollzug“, „Tegel intern“, „Kunst & Kultur“ und „Recht“, Anwälte und Schuldenberater schalten Anzeigen für ihre Dienste, außerdem gibt es erotische Fotos und Kontaktanzeigen. Das Heft wird in einer Auflage von 7500 Exemplaren in einer externen Druckerei gedruckt und dann in die Anstalt geliefert. Von dort werden die Zeitungen nicht nur an die Häftlinge in Tegel verteilt, sondern auch an Abonnenten in Deutschland, Europa und Amerika verschickt. Die Leser sind Anwälte, Sozialarbeiter und Gefangene. Ein Abonnent lebt in Brasilien. „Der saß wohl auch mal in Tegel“, vermutet Rückert. Den Druck und den Versand bezahlt die Anstalt, die Redakteursgehälter werden durch Spenden finanziert.

Mit rund 500 Euro im Monat zählt der Job zu den am besten bezahlten Tätigkeiten in Tegel. Keiner der Redakteure hat das Handwerk gelernt. Im vergangenen Jahr ging die Weihnachtsausgabe – das Cover zeigt einen Strick als Adventskranz, eine Anspielung auf die hohe Selbstmordrate von Gefangenen zu Weihnachten – mit Schreibfehlern in den Druck. Das fiel den Redakteuren erst auf, als es schon zu spät war. Einer von ihnen sagte: „Wir sind ja nicht die »New York Times«.“

Ihre Recherchemöglichkeiten sind begrenzt. Sie haben einen „Freiläuferausweis“, mit dem sie sich im Gefängnis bewegen können, um mit Gefangenen zu sprechen, und einen Faxanschluss sowie einen E-Mail-Zugang, den sie für Recherchen nutzen dürfen. Private E-Mail-Adressen sind nicht erlaubt. Anrufen dürfen sie nur Festnetznummern, einen Internetzugang gibt es nicht. Die Redakteure sind auf ein Netzwerk außerhalb der Mauern angewiesen. Freunde und Bekannte recherchieren, drucken Artikel aus und schicken sie per Post nach Tegel. Wer die Informanten sind, verraten die Redakteure nicht. Quellenschutz.

Eine Gratwanderung für beide Seiten

Martin Riemer, der derzeitige Anstaltsleiter, bekommt das Blatt erst auf den Tisch, wenn es gedruckt ist. „Ich bin neugierig“, sagt er, „ich blättere dann durch, welche Themen die Anstalt betreffen.“ Er hat akzeptiert, dass er nicht zu entscheiden hat, welche Beiträge veröffentlicht werden.

Ein paar Spielregeln muss die Redaktion aber einhalten: Beleidigungen sind verboten, und die Namen von Gefängnismitarbeitern dürfen nicht genannt werden. Manchmal würden die Personen aber so beschrieben, dass man sie trotzdem erkenne, sagt Riemer. „Das ist aus meiner Sicht problematisch.“

Der »Lichtblick« ist eine Gratwanderung für die Redaktion und für die Anstaltsleitung. Einmal verbot die Gefängnisleitung der Redaktion, eine Ausgabe in den Versand zu geben. Sie hatte das Heft durch Zufall vorab erhalten. In einer Geschichte ging es darum, dass ein JVA-Angestellter einen Gefangenen verprügelt haben sollte. Die Titelseite zeigte einen Sträfling, der von Beamten mit einem Schlagstock bedroht wurde. Die Geschichte erwies sich als haltlos.

Auch wenn es darum geht, wer für den »Lichtblick« arbeiten darf, sind sich die Gefangenen und die Anstaltsleitung nicht immer einig. Die Redaktion schlägt neue Mitglieder vor, Martin Riemer muss zustimmen. Sexualstraftäter und Gefangene, von denen man vermutet, dass sie flüchten würden, kommen generell nicht infrage. Oft werden die Vorschläge der Redakteure abgelehnt. „Ein heikles Thema“, sagt Rückert, der Chefredakteur.

2014 stand die Zeitung kurz vor dem Aus. Aufgrund eines anonymen Hinweises wurde ein Redakteur verdächtigt, auf einem Redaktionsrechner DVDs mit kinderpornografischem Material gebrannt zu haben. Die Redaktion wurde durchsucht und für neun Wochen geschlossen. Der Verdacht wurde nicht bestätigt, die Redakteure konnten weitermachen. „Da hat uns ein Ex-Kollege angeschissen“, sagt Ralph Völlner.

Der »Lichtblick« lotet gern seine Grenzen aus und muss dafür Kritik aushalten. Als die Redaktion ab 2015 halb nackte Frauen in der Heftmitte abdruckte, kündigten einige Leser ihr Abo. Die Schreiben haben die Redakteure an ihre Pinnwand, die „Wall of Shame“, gehängt. Teilweise übertrieben, finden sie. Trotzdem drucken sie seit 2018 auch Fotos von Männern in Unterhose.

Vorwürfe kommen auch von anderen Gefangenen in Tegel. Dass die Redakteure nur telefonieren und Kaffee trinken würden, dass der Ton der Zeitung nicht scharf genug sei. „Wir kriegen mächtig Zunder von den Inhaftierten, die sagen, wir müssen noch mehr draufhauen“, sagt Rückert. Die Kritik gebe es aber schon seit 30 Jahren. Das Feedback von Inhaftierten aus anderen Anstalten sei meist positiver. Allerdings mögen deren Gefängnisleitungen die Zeitungen oft nicht. In der JVA Bützow werde der »Lichtblick« zum Beispiel momentan nicht ausgeteilt, sagt Völlner. „Unterschlagung“ nennt er das.

Eine Sache, über die sich viele andere Gefangene lustig machen, seien die Kontaktanzeigen, erzählt er. Per Chiffre können Gefangene nach Menschen außerhalb der Gitterstäbe suchen. In der aktuellen Ausgabe schreibt ein Gefangener: „Maik 31/191/82 sucht eine liebe Frau bis 32 Jahre zum Schreiben, eventuell auch mehr.“ Die traurige Wahrheit aber sei: Mit jedem Haftjahr nehme die Einsamkeit zu. Ein Drittel der Gefangenen erhalte gar keinen Besuch mehr.

„Als Redakteur bekommt man immer Prügel von beiden Seiten“, sagt Karl-Heinz Rückert. Von den Anstaltsleitungen und von den Inhaftierten. Die Sonderstellung als Redakteur mache viele neidisch. Die »Lichtblick«-Macher dürfen bestimmen, wann sie arbeiten, und müssen nicht beim morgendlichen Einrücken zu den Werkstätten dabei sein.

Ihre Texte verbessern Haftbedingungen

Die Redakteure haben mit ihren Berichten schon einiges bewirkt. 2013 kritisierten sie zum Beispiel die Haftbedingungen in der Sonderstation B1 in Tegel, wo Gefangene untergebracht sind, die für sich und ihre Mitgefangenen eine Gefahr darstellen und nicht am allgemeinen Vollzugsleben teilnehmen dürfen. Der Außenbereich sei nur 7 mal 15 Meter groß, schrieben die Redakteure. Ein „Streichelzoo für Knackis“. Sie verglichen die Station mit Guantánamo. Daraufhin wurde der Bereich erweitert.

Im Herbst soll die Redaktion einen beschränkten Internetzugang bekommen. Der Gefängnischef Riemer sagt: „Das ist ein wesentliches Instrument, um Journalismus betreiben zu können.“ Noch mehr Freiheit für die Redaktion hinter Gittern. Die Redakteure sind allerdings skeptisch – wohl vor allem deshalb, weil der Anstaltsleiter dafür ist.

Karl-Heinz Rückert darf seit eineinhalb Jahren mit einem Bediensteten in Zivil die Anstalt verlassen. Er hat seinen Sohn getroffen, mit ihm Handyfotos gemacht und ist U-Bahn gefahren. Das sei schon was Besonderes gewesen, sagt er. Viermal im Jahr soll er „ausgeführt“ werden, er will ein fünftes Mal beantragen. Er weiß, dass er gute Chancen hat. Denn als Redakteur kennt man sich damit aus, welche Rechte man hinter Gittern hat. Man werde zwangsläufig zum Knastexperten, sagt Rückert. Der Job sei der sinnvollste, der zu haben ist. Ohne ihn würde er verblöden. ---

Einige der Zitate sind im Rahmen einer NDR-Recherche entstanden.