Partner von
Partner von

W. Brian Arthur im Interview

Der Ökonom W. Brian Arthur erkannte früh die Wachstumslogik der Internet-Konzerne – und den Grund dafür, warum wir ihnen nur schwer entrinnen können. Ein Blick zurück und nach vorn.




• W. Brian Arthur veröffentlichte vor mehr als 30 Jahren die wohl wichtigste Theorie der Hightech-Branche. Sie widersprach der gängigen Vorstellung in den Wirtschaftswissenschaften. Ökonomen gingen bis dahin davon aus, dass steigende Investitionen langfristig zu fallenden Grenzerträgen führen, also die zweite oder dritte Investition weniger Profite bringt als die erste. Arthur prophezeite für die neue Wirtschaft eine andere Entwicklung. In einem Netzwerk, so seine Argumentation, mehre jedes neue Mitglied den Nutzen für alle – der Grenzertrag falle also nicht tendenziell, er steige. Ab einem gewissen Punkt trete zudem der Lock-in-Effekt ein: Die Wechselkosten für die Kunden werden so hoch, dass sie notgedrungen bei ihrem Anbieter bleiben. Heute zeigen die dominante Stellung von Google und Facebook, wie richtig Arthur lag.

brand eins: Herr Arthur, gab es Unternehmen, die Ihre Theorie in die Praxis umgesetzt haben?

W. Brian Arthur: Eines der ersten war damals Sun Microsystems. Die Firma hatte für mehrere Hundert Millionen Dollar die Programmiersprache Java entwickelt. Um die Investition wieder hereinzuholen, sollte Java teuer verkauft werden. Stattdessen hat jemand meine Arbeit in die Hände bekommen und Scott McNealy, dem damaligen Vorstandsvorsitzenden, auf den Tisch gehauen und gesagt: „Lies das!“ Am Ende haben sie sich dafür entschieden, das Produkt für sehr wenig Geld herauszugeben.

Heute ist Java eine der populärsten Programmiersprachen der Welt. Haben Sie jemals eine Belohnung bekommen?

Eric Schmidt, der damalige Technologievorstand von Sun Microsystems und spätere Chef von Google, hat mich ein Jahr nach Einführung zum Mittagessen eingeladen. Er hat mich gefragt, was ich mir im Gegenzug wünsche. Ich habe dann gesagt, ich hätte gern den teuersten Sun-Microsystems-Computer. Den habe ich dann auch bekommen.

Auch bei Amazon oder Google steigen die Grenzerträge. Haben Sie die Entwicklung dieser einst kleinen Start-ups vorhergesehen?

Nicht direkt. Mir war klar, dass eine der Firmen auf jeden Fall die dominierende Rolle auf einem Markt einnehmen wird. So hatte ich es in meiner Theorie beschrieben. Nur war mir nie klar, welche Firma es letztlich sein wird.

Was hat Sie seitdem am meisten überrascht?

Dass die Theorie auch für Standardbranchen gilt, wie zum Beispiel den Flugzeugmarkt. Wenn Indien viele Boeings kauft, wird der Konzern einen Vorsprung in dem Land haben. Denn dort kennt man die Maschinen, weiß, wo es Ersatzteile gibt, und Piloten sind darauf geschult. Deshalb wird eine Fluggesellschaft in Indien beim nächsten Mal wieder Boeings kaufen. Es entsteht eine sich selbst verstärkende Pfadabhängigkeit mit steigenden Grenzerträgen. Jeder neue Verkauf wird eine höhere Rendite bringen als der zuvor. Im besten Fall schafft Boeing einen Lock-in-Effekt – eine sehr starke Kundenbindung.

Ist diese Strategie übertragbar?

Die Idee der steigenden Grenzerträge funktioniert nur, wenn man durch höhere Marktanteile auch tatsächlich einen Vorteil hat. Außerdem kann es verheerend sein, wenn alle auf diese Strategie setzen. Um das Jahr 2000, während der Dotcom-Blase, hat man das ja gesehen. Alle glaubten, die Ersten und Besten zu sein. Hätten die meisten die Idee zu Ende gedacht, wären sie schnell darauf gekommen, dass auf einen Gewinner auch zehn, 20 oder 100 Verlierer kommen.

Einige haben sich letztlich durchgesetzt. Was haben die besser gemacht als andere?

Sie haben den Profit zuerst hintangestellt und ausschließlich ein möglichst großes Netzwerk aufgebaut. So groß, dass sie den Markt dominieren und ein Monopol erreicht haben. Erst danach haben sie begonnen, an ihren Kunden auch Geld zu verdienen. Heute will sie niemand mehr missen.

Bleiben wir Google und Co. auf immer ausgeliefert?

Hoffentlich nicht. Ich will nicht, dass Google oder Amazon jeden meiner Schritte genau verfolgen können. Das Gleiche gilt für Facebook. Früher gab es durchaus Konkurrenten. Heute ist es quasi unumgänglich, in diesem Netzwerk zu sein.

Können die Monopole noch gebrochen werden?

Alle führenden Internetfirmen werden Marktanteile jenseits der 90 Prozent haben. Aber als Facebook auf den Markt kam, gab es damals schon MySpace. Anfänglich sagten alle: Daran kommt Facebook nicht vorbei. Dafür ist die Plattform viel zu groß. Aber Facebook hat MySpace mit Leichtigkeit nach ein paar Jahren überholt.

Ist es erstrebenswert, dass ein Monopolist den anderen ablöst?

Auf keinen Fall. Wenn ein Unternehmen einen Markt beherrscht, verdient es viel Geld und macht seine Anteilseigner reich, ist aber nicht besonders innovativ. Warum sollte es sich verändern? Auf einem Markt mit mehr Teilnehmern könnten wir deshalb bessere Produkte haben. Aber niemand wird freiwillig das soziale Netzwerk wechseln.

Bräuchten wir folglich einen Reset für die Dotcom-Welt?

Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Resets. Aber ich fürchte, wir können nicht einfach einen Knopf drücken. An der Zerschlagung der Monopole haben sich schon viele die Zähne ausgebissen. Stattdessen sollten wir lieber kleine Unternehmen fördern.

Oder die großen schwächen.

Das ist der falsche Weg. Das US-Justizministerium hat das Mitte der Neunzigerjahre bereits versucht, als es gegen Microsoft klagte. Aber ein Quasi-Monopol zu besitzen ist in den USA nun mal nicht verboten.

Sollten wir die Konzerne also einfach machen lassen?

Das Problem erledigt sich meist von selbst. Mit seinem Betriebssystem hat Microsoft zuerst IBM den Rang abgelaufen und dann jahrelang den Markt beherrscht. Die nächste Entwicklung in Richtung künstlicher Intelligenz hat das Unternehmen aber verschlafen. Auf Dauer wird das vielen Firmen passieren: Eine neue Technologie bringt neue Wettbewerber mit sich. Weil die großen Konzerne sich meist nur auf ihr eigenes Produkt konzentrieren, wird es neue Marktführer geben. ---

William Brian Arthur, 71, ist ein britischer Ökonom. Er ist Professor am Santa Fe Institute, einer gemeinnützigen Forschungseinrichtung in New Mexiko (USA), Gastforscher im Palo Alto Research Center und derzeit als Berater in Singapur tätig. Seine Fachgebiete sind komplexe adaptive Systeme sowie die Entstehung und Entwicklung von Hightech-Firmen.