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Stefan A. Jansen

Fragen an Stephan A. Jansen



Die Digitalisierung wird uns Arbeitsplätze kosten, behaupten immer neue Studien. Zu Recht?

Mich ärgert dieser Alarmismus gleich mehrfach. Erstens dient er vor allem der Verbreitung diffuser Verlustängste. Zweitens hat bislang jede Technik genau die menschliche Arbeit ersetzt, die teurer war – auch wenn man die Kosten der Technikentwicklung und -nutzung berücksichtigt. Drittens ist es immer anders gekommen. Seit sich die Arbeit um 1800 vom Acker gemacht hat, sind viele Berufe verschwunden – und neue entstanden. An Influencer oder Onlinehändler veganer Metzgerei-Ware hat vor 20 Jahren noch kaum jemand gedacht.

Das tröstet den wenig, der arbeitslos wird.
Sicher – aber der trauert der harten, oft eintönigen Arbeit nicht lange nach, wenn die Transformation abgeschlossen ist und eine Weiterbildung stattfand. Bisweilen kommt die nun maschinisierte Arbeit auch als Wert des Hand-Werks in Produktion und Dienstleistung zurück, da passiert mehr, als in Studien steht.

Was kritisieren Sie an solchen Studien?

Die sogenannte Oxford-Studie von 2013, wonach 47 Prozent aller 702 untersuchten Berufsfelder der USA bis 2030 wegfallen werden, ist methodisch schlicht Wahrsagerei. Zur Geschichte dieser Studie: Es gab einen Workshop mit zehn Experten aus dem dann doch kleinen Feld der Computer- und Robotikforschung. Bei Tee, wie man las, waren sich diese zehn Experten bei genau 70 Berufsfeldern (also 10 Prozent) tatsächlich sicher – der Rest war „Pi mal Daumen“. Also genau das, was Menschen ganz gut können. Mit künstlicher Intelligenz hatte die Tee-Salon-Prognostik zumindest nichts zu tun. Mit menschlicher Intelligenz wurde dann jedoch in der Logik des jüdischen Pokers – nach der derjenige gewonnen hat, der die höchste Zahl (hier Arbeitslosigkeitsschätzung) vorlegt – weiter gearbeitet.

Richtig ist hingegen, dass sich durch Digitalisierung die Mensch-Maschine-Ar- beitsteilung – und damit der Inhalt vieler Jobs – weiter verändert. Aber mir ist nie klar geworden, warum wir als Menschen genau die Rennen, die Maschinen auch rennen können, überhaupt noch mitlaufen. Wir verlieren gerade jedes Rennen und sind dadurch die Gewinner. Schließlich sind Menschen diejenigen, die sich die Rennen erst ausdenken, die später Maschinen schneller, weiter und besser rennen können.

Gibt es auch andere Forschung?

Ja, zum Beispiel von Technik- und Innovationssoziologen, die über die „Ironie der Automatisierung“ beziehungsweise das „Produktivitätsparadoxon der Digitalisierung“ arbeiten. Die Analysen sind vielleicht nicht so leicht lesbar, aber erhellend: Demnach braucht eine robotisierte und digitalisierte Fabrik länger, um mit Störungen umzugehen. Und sie ist auch sozial komplexer, als sich das Industrie-4.0-Vertreter so vorstellen können. Wer das gerade lernt, ist Elon Musk, der bei Tesla eine „Überautomatisierung“ als Problem seiner Produktion angeben musste.

Was bedeutet das für das Bildungssystem?

Zunächst einmal Streit: So hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung knapp zwei Jahre später eine Gegenstudie zu Oxford veröffentlicht, derzufolge nur neun Prozent der Berufe in OECD-Ländern automatisierbar seien. Andernorts liest man jedoch, dass gerade in Deutschland das Risiko noch viel höher sei als in den USA: Bis 18,3 von knapp 31 Millionen Arbeitsplätzen seien zum Beispiel einer Studie der ING-Diba zufolge bedroht, also 59 Prozent. Die Begründung: Unser deutsches Bildungssystem qualifiziere insbesondere für wegfallende Berufsbilder. Man könnte ergänzen: Gerade die Duale Ausbildung ist noch nicht in der Digitalisierung und der neuen Dualität Mensch-Maschine angekommen.

Bleibt dieses Verhältnis denn bestehen?

Davon ist auszugehen, denn der Mensch ist nicht nur die größere Fehlerquelle bei strukturierter Routine – er ist gleichzeitig die Lösungsquelle für unstrukturierte Probleme, für Nicht-Routinen, wie die Arbeitssoziologinnen Sabine Pfeiffer und Anne Suphan empirisch belegten.

Und wie kann Bildung darauf vorbereiten?

Wenn der Mensch vorrangig in Nicht-Routinen, in kreativen Prozessen und in Entscheidungssituationen arbeitet, die für Algorithmen nicht zu entscheiden sind, wird die Bildung darauf reagieren müssen. Statt Multiple-Choice-Tests also klassische Bildung im humboldtschen Sinne – nicht digitalisiert, sondernd bindend, nicht infantilisierend, sondern im engeren Sinne erwachsen, nicht nachlernend, was Alexa schon weiß, sondern vordenkend, was Alexa in einiger Zeit nachplappern wird.

Das verlangt neue Rollenkonzepte und „unwissende Lehrmeister“, wie der Philosoph Jacques Rancière kluge Lernbegleiter nennt. Das bedeutet die Ausweitung von Erfahrungs-Räumen, wie der Pädagoge Loris Malaguzzi sie beschreibt. Das bedeutet aber auch sinnlichere digitale wie präsente Formate zur Vermittlung von Wissen. Der Bayerische Volkshochschulverband hat dazu ein innovatives Konzept vorgelegt: Wissen wird digitalisiert, gamifiziert und in den Medien angeboten, die der Lernende am besten verarbeiten kann – und dann wird zusammengehockt und gerockt. Jedenfalls muss es eine neue Vielfältigkeit geben, also federleichte, schnelle und gefühlvolle Gegengewichte zur abschlussorientierten formalen Bildung, um in der Mensch-Maschine-Arbeitsteilung lässig zu bleiben.

Und wie können wir jene trainieren, die bereits mit Maschinen arbeiten?

In meinem neuen Buch habe ich die Schulung der kognitiven Überlegenheit gegenüber Maschinen beschrieben, die wir auch als Gesellschaft erlernen müssen, nicht nur in Kitas, Schulen, Universitäten oder Volkshochschulen. Der viel zitierte Turing-Test sollte ja belegen, dass wir als Menschen in der Interaktion nicht mehr zwischen Mensch und Maschine unterscheiden können. Geschenkt. Denn spannender ist der umgekehrte Turing-Test: Die Maschine behandelt uns noch immer so, als könnte sie selbst nicht zwischen einem Menschen und einer Maschine unterscheiden. Deswegen müssen wir im Internet Bilder mit Autos anklicken oder verschrobene Codes richtig schreiben, damit die Maschine weiß, dass wir keine Maschine sind. Der Streit, ob die Roboter unsere operativen Sklaven sind oder wir kognitive Sklaven der Roboter, wird noch nicht geführt.

Wird das in den Personalabteilungen schon so gesehen?

Bisher ist vor allem eine Suchbewegung zu erkennen – und das ist derzeit genau richtig. Für die Zukunft der Personalarbeit ist klar: Es gibt eine ethische wie eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit der vorsorgenden und nachsichtigen Bildung. Vorsorgend heißt: offene Lernformate, neue Anregungs-Arenen, Zellen der Neugier. Nachsichtig heißt: Es muss nicht immer gelingen. Bildung ist Experiment und Existenzgründung von einem selbst.

Wir erleben derzeit in Unternehmen und auch in einigen Verwaltungen Hybride zwischen klassischer interner und externer Weiterbildung: Beratung, Thinktanks, Strategiearbeit, Forschung und Entwicklung bis hin zu Prototyping und dem Zukauf innovativer Unternehmen. Harvard Case Studies sind out, situative sinnliche Volkshochschulen werden kommen. Bildung und Weiterbildung werden auf das Nicht-Wissen, das Intuitive, das Nicht-Rationale, das Forsche abstellen, also die Verhaltensauffälligen zur Normalität erklären müssen. Denn wer nicht auffällt und nur lernt – der ist eben immer schlechter als eine Maschine. Das ist ein langer Weg, da wir bisher genau das Gegenteil gemacht und für die Schwererziehbaren Ritalin verabreicht haben.

Was wird noch gebraucht, was entwickeln wir neu? Schließlich hat es viele Berufe, mit denen sich heute gutes Geld verdienen lässt, vor 20 Jahren noch nicht gegeben.

Die Meinungen darüber gehen sehr weit auseinander. Die einen glauben – ganz im Sinne des Taylorismus – die Arbeit werde sich nur von der Ausübung auf die Kontrolle und Evaluation der Ausübung verschieben. Die anderen sehen das ganze Konzept der Arbeit in Auflösung und die Selbst-Beschäftigung außerhalb der klassischen Arbeitsmärkte als die Zukunft. Gerade im Silicon Valley ist dies – verbunden mit dem bedingungslosen Grundeinkommen – die vorherrschende Erzählung.

Meine Spekulation: Es wird extremer. Einerseits wird sich Hightech – also Expertise in der Informatik, Kognitionswissenschaft, Genetik, der synthetischen Biologie und anderen Feldern – weiterentwickeln. Andererseits wird High Touch an Bedeutung gewinnen: also die wahrhaft berührende, emotionale Arbeit in der Bildung, Gesundheit, Pflege, Therapie, Beratung, den Künsten.

Die neue Königsklasse der Bildung – die Nachfolgerin des Doktortitels – wird die Verbindung sein. Etwa Maschinen- und Algorithmen-Ethiker, Regulierer von digitalen Plattform-Monopolen, sozio-technologische Bewusstseinserweiterungen. Und das sind durchaus legale Drogen der Neugier. ---

Professor Stephan A. Jansen, Leiter Center for Philanthropy & Civil Society (PhiCS), Karlshochschule. Im Oktober erscheint sein neues Buch „Befreite Bildung – eine Schönschrift für die Neugier in digitalen Zeiten“ im Berliner Nicolai Verlag.