Partner von
Partner von

Neuanfang mit 60

Rolf Bauer war mit 60 Jahren draußen, nicht mehr vermittelbar. Und fand selbst einen neuen Job im Start-up.





• Sie haben sich nicht gesucht, aber trotzdem gefunden. Eigentlich wollte Rolf Bauer im September 2017 die Digitalmarketing-Messe Dmexco in Köln nur besuchen, um dort für einen Freund Kontakte zu Softwarefirmen zu knüpfen. „Mein Bekannter wollte eine App für ein Projekt entwickeln lassen, konnte aber nicht selbst zur Ausstellung fahren“, erzählt er. „Ich war arbeitslos und hatte Zeit.“ So kaufte er sich eine Eintrittskarte für 99 Euro und streifte durch die Hallen. „Das Geld hätte ich nicht besser anlegen können“, sagt Bauer rückblickend. Denn am Stand der Firma TheAppGuys traf er auf deren Chef Marko Nußbaum – und wenige Monate später hatte er einen neuen Job.

Rolf Bauer war damals 60 Jahre alt. Ursprünglich hat er Bankkaufmann gelernt und auch fast sein ganzes Berufsleben im Finanzgewerbe gearbeitet. Am Schalter, in der Beratung und vor allem in Vertrieb und Marketing. Später wechselte er in die Immobilienbranche, und zuletzt arbeitete er bei einem chinesischen Natursteinimporteur. Die Arbeit in den unterschiedlichen Branchen habe ihn flexibel gemacht, sagt er. „Ich habe gelernt, mich schnell auf unbekanntem Terrain zurechtzufinden.“

Seit Januar ist Bauer nun zum ersten Mal in seinem Leben für einen Softwareentwickler tätig, nachdem er ein halbes Jahr arbeitslos war. Und er ist ein Beispiel dafür, dass ältere Mitarbeiter in jungen Branchen gut zurechtkommen und mit ihrer Routine und Erfahrung Unternehmen bereichern können – in diesem Fall als Digital Immigrant in einem Softwareunternehmen.

„Auf der Messe haben wir uns erst über das Projekt meines Freundes unterhalten und sind dann zum Thema Marketing und Vertrieb von Apps abgeschweift“, erzählt Bauer. Wie könnte sich die Firma positionieren? Wie kommt man an Neukunden heran? Da sei schnell klar geworden, dass sie ähnlich tickten – und die Zusammenarbeit über das Projekt des Freundes hinausgehen könnte.

Die Jobsuche mit 60 ist zäh

„Ich hatte schon Anfang 2017 daran gedacht, einen Experten für Marketing und Vertrieb einzustellen“, sagt Nußbaum. 2012 gründete er TheAppGuys mit einem Kollegen, ursprünglich als reine Programmierertruppe: „Zu der Zeit haben wir uns darauf verlassen, dass das Telefon klingelt, statt uns aktiv um Aufträge zu kümmern.“ Das habe auch leidlich funktioniert, doch ein Unternehmensberater habe ihnen irgendwann die Leviten gelesen und klargemacht, dass es ohne Akquise auf Dauer nicht gehe. „Da haben wir das selbst gemacht, allerdings nicht besonders professionell und kontinuierlich.“ Damals habe die Firma im wiederkehrenden Rhythmus Akquise, Auftrag, Loch gearbeitet – keine vielversprechende Methode, um die Mitarbeiter durchgehend zu beschäftigen. „Als ich mich dann mit Rolf Bauer im Winter über Marketing unterhalten habe, hatte ich das Gefühl, dass er genau das sagt, was ich im Hinterkopf habe“, sagt Nußbaum. „Ich dachte: Genau so einen hätte ich hier gern.“

Mittlerweile teilt er mit Bauer sein loftartiges Büro in der ehemaligen Schirmfabrik im Kölner Stadtteil Bickendorf. Nebenan sitzen die Programmierer und der Art Director. Mehrgenerationenhaus nennt Bauer das Firmenquartier scherzhaft. Die meisten der sieben festen Mitarbeiter sind zwischen 20 und 30 – er ist mit Abstand der älteste. Ist das ein Problem? „Nein“, sagt Bauer. „Mein Alter war hier noch nie ein Thema.“

Seine Beraterin in der Agentur für Arbeit hatte ihn gewarnt: Es werde schwierig werden, für ihn als Führungskraft um die 60 etwas zu finden. In der Tat gestaltete sich die Jobsuche zäh. „Ich habe in dem halben Jahr einige interessante Angebote bekommen, vor allem aus dem Bankenbereich und der Kommunikationsbranche“, erzählt Bauer. „Doch sobald ich mein Alter genannt habe, hörte ich schon, dass die Firmen kein Interesse mehr hatten. Es gibt eine Menge Altersdiskriminierung in der Berufswelt.“ Als Grund dafür vermutet er die gängigen Klischees: Ältere wagen nichts Neues, sind inflexibel und kosten zu viel. Die Vorbehalte kommen die Gesellschaft Bauers Ansicht nach teuer zu stehen: „Da wird gesamtwirtschaftlich viel verschenkt“, sagt er.

Allerdings ändern sich die Dinge gerade: Ältere Arbeitnehmer werden in Deutschland heute deutlich mehr geschätzt als früher. Laut einer aktuellen Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) ist die Quote der Beschäftigten im Alter von 55 bis 64 Jahren rapide gestiegen. Hatten davon im Jahr 2003 gerade einmal 39 Prozent einen Job, waren es im vergangenen Jahr 70 Prozent. Damit liegt Deutschland zehn Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt, ist allerdings noch ein gutes Stück vom Spitzenreiter Island entfernt, wo 84 Prozent in dieser Altersgruppe einer Tätigkeit nachgehen.

„Firmen haben positive Erfahrungen mit älteren Mitarbeitern gemacht: Sie gelten als motiviert, können sich gut integrieren und ihr Wissen nutzen“, heißt es in der PwC-Studie. Das schätzt auch Marko Nußbaum bei der Zusammenarbeit mit Bauer. „Für mich hat sein Alter überhaupt keine Rolle gespielt“, sagt er. „Ich gehöre mit 44 unter den Informatikern ja selbst schon zum alten Eisen.“ Er habe sich nur gefragt, ob er sich Bauer als Leiter des Vertriebs und Marketings überhaupt leisten könne. Doch der kam ihm entgegen. „Ich verdiene hier weniger als früher“, sagt Bauer. „Aber die Aufgabe, etwas Neues aufzubauen, hat mich gereizt.“ Außerdem habe die Bundesagentur für Arbeit seine Stelle gefördert und ein halbes Jahr lang die Hälfte seines Gehalts übernommen. „Das ist gerade für kleine Firmen eine tolle Anschubfinanzierung.“


Digital Immigrant: Rolf Bauer im Büro von TheAppGuys

Hatte Nußbaum keine Bedenken, dass einer, der lange Führungskraft war, womöglich Probleme damit haben könnte, sich ihm und den Kollegen unterzuordnen? „Klar“, sagt er. „Aber das kann mir auch mit einem Jüngeren passieren.“ Er habe keine Zweifel gehabt – und mit Bauer nicht einmal eine Probezeit vereinbart.

Der beschäftigte sich im ersten halben Jahr bei TheAppGuys mit der Positionierung des Unternehmens: Wofür steht die Firma? Wer ist die Zielgruppe? Wie spricht man sie an? Anschließend strukturierte er Vertrieb und Marketing und ging raus, um Kunden zu gewinnen. Und beschäftigte sich zuvor damit, wie man Apps entwickelt.

Im Umgang mit der Technik werden Bauer die Unterschiede zwischen den Generationen am deutlichsten bewusst. „Die jungen Kollegen gehen da viel intuitiver heran. Dagegen bin ich ein Neandertaler“, sagt er. Er sehe das Smartphone lediglich als Werkzeug, für die Jungen sei es dagegen schon ein Teil ihrer Persönlichkeit. Die bescheinigen dem Senior des Betriebs allerdings durchaus eine gute Lernfähigkeit.

„Herr Bauer ist zwar kein Digital Native, aber ein guter Digital Immigrant“, sagt Karen Schwane, die 28-jährige Leiterin des Entwicklungsteams. Als Nicht-Programmierer bereichere er besonders den Ideenfindungsprozess um die Nutzersicht, ergänzt Nußbaum. Er weist auf eine Wand hinter seinem Schreibtisch, an der auf vielen bunten Zetteln mögliche Funktionen einer App für einen Musikalienhandel notiert sind. Noten- und Tempoerkennung sowie Lernsoftware steht darauf. „Solche technischen Aspekte stammen von uns Tekkies“, sagt der Chef und zeigt auf einen Zettel, auf dem das Wort „Erlebniswelten“ steht – ein Beitrag von Bauer. „Auf so was wäre von uns niemand gekommen.“

Bei den Kunden kommen dem Marketingchef sowohl seine Anwendernähe als auch sein Alter zugute. „Ich sehe mich als Vermittler zwischen Programmierern und Nutzern, aber auch zwischen den Generationen“, sagt er. „Einige Kunden stammen aus eher konservativ geprägten Branchen wie dem Maschinenbau, da sind die Entscheider ebenfalls oft älter. Dort kann ich schlecht einen jungen Programmierer zum Termin schicken.“ Stattdessen fahren jetzt beide hin.

Oder neulich, bei einer Präsentation bei einem potenziellen Kunden, konnte Bauer seine Routine ausspielen. „Alles sah nach einem Abschluss aus, es sollten nur noch Kleinigkeiten geklärt werden“, sagt Nußbaum. Dann habe der Interessent plötzlich erklärt, dass er Erweiterungen der App plane, die mit TheAppGuys nicht zu machen seien und dass er das Projekt jetzt mit einem Konkurrenten umsetzen wolle, der billiger sei. Nußbaum: „Da habe ich innerlich gekocht, aber meine Klappe gehalten.“ Stattdessen habe Bauer das Gespräch abgeklärt zu Ende gebracht und später noch mal mit dem Verhandlungsführer der Firma gesprochen. Den Auftrag habe man zwar nicht bekommen, doch die Gespräche über ein anderes Projekt seien bereits vereinbart.

Rund 400 000 Euro Umsatz macht TheAppGuys im Jahr, zu den Kunden der Firma zählen die Fußballtippspiel-Plattform Kicktipp.de und das Portal Chefkoch.de. Nun will Marko Nußbaum die nächsten Schritte gehen und schafft erst einmal Platz zum Wachsen: Zum 1. Oktober hat er in der Schirmfabrik weitere 200 Quadratmeter zu den bestehenden 160 angemietet. Zu Nußbaums Zuversicht habe auch Bauer beigetragen. „Normalerweise dauert es in unserer Branche rund anderthalb Jahre, bis man einen Abschluss erzielt“, sagt er. „Jetzt sind die ersten Aufträge schon nach sechs Monaten unterschriftsreif.“

Auch Bauer sieht die Firma auf einem guten Weg. „Als ich hierhergekommen bin, habe ich in meinem Arbeitsbereich eine wilde Wiese vorgefunden“, sagt er. „Die haben wir umgegraben, dann haben wir gesät, und jetzt warten wir auf die Früchte.“ Natürlich sei die Arbeit in der kleinen Softwarefirma anders als in den großen Bankhäusern, in denen Bauer früher gearbeitet hat. Flache Hierarchien, direkter Austausch, weniger Formalismus – das sei schon ungewohnt gewesen. Und genau das schätze er an seinem neuen Job. Bedauerlich sei eigentlich nur eines: dass er ihn nicht schon vor 20 Jahren bekommen habe. ---