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SunOyster

Ein Hamburger Unternehmen hat eine neuartige Solaranlage entwickelt, die Strom und Wärme produziert. Und zwar ziemlich viel.





• Carsten Corino dachte, er hätte sich auf alles vorbereitet, Sturm, Hagel und Erdbeben. Bei schlechtem Wetter klappt sich die von ihm entwickelte Solaranlage namens SunOyster von selbst zu wie eine Auster. Das Fundament ist erdbebensicheren Gebäuden nachempfunden. Ein Risiko hatte Corino allerdings nicht bedacht: Rauflust. Die Spiegel verwirrten Amselmännchen. Wenn sie sich vor die Anlage setzten, hielten sie ihr Spiegelbild für einen Rivalen – und griffen an. Eine frühe Version wurde so immer wieder von wütenden Vögeln zerstört. Inzwischen sind die Spiegel dicker, die Amseln werden ihre vermeintlichen Gegenspieler nicht mehr los.

Heute hat Corino ganz andere Probleme: Er muss entscheiden, ob er einen Auftrag annimmt. Hundert Anlagen wollen chinesische Kunden haben, noch vor dem Winter. In einem Industriegebiet sollen Kohleheizungen ersetzt werden. Dabei hat Corino erst wenige Einzelstücke verkauft.

Die SunOyster wandelt Corino zufolge bis zu 75 Prozent des direkten Sonnenlichts in Leistung um, was erstaunlich ist: Fotovoltaik-Anlagen setzen in der Regel nur bis zu 20 Prozent der Strahlung in Strom um. Dass seine Auster so viel mehr Leistung erzielt, liegt daran, dass sie Fotovoltaik und Solarthermie kombiniert, also nicht nur Strom erzeugt, sondern auch Wärme, die über Warmwasser weitergeleitet wird.

Zudem konzentriert die Anlage das Sonnenlicht – die Spiegel sind so gewölbt, dass sie die Strahlen auf einer Linie bündeln und auf einen Receiver davor reflektieren. Die Anlage folgt dem Sonnenstand und fängt das Licht so immer im idealen Winkel ein. Dazu drehen sich die Spiegel auf einem Ring aus Stahl.

Besonders ist, dass das Gerät all das auf einmal kann. „Wir freuen uns, zum ersten Mal eine Anlage zu prüfen, die all diese Komponenten vereint“, sagt Jörg Althaus, Geschäftsfeldleiter TÜV Rheinland. Die SunOyster sei „eine Neuheit auf dem Markt“. Auf dem Dach der Prüfstelle in Köln steht bereits ein Gerät. Corino hofft, dass er bis Ende des Jahres eine Zertifizierung bekommt. Diese ist für viele Märkte der Welt eine Zugangsvoraussetzung.

Einen Nachteil hat die Anlage allerdings: Sie kann nur mit direktem Sonnenlicht etwas anfangen, nicht aber mit diffusem, also mit Licht, das von Wolken oder Dunst zerstreut wird. Insofern ist der Ort, an dem Corino die Anlage weiterentwickelt, recht originell: Halstenbek bei Hamburg, wo es relativ wenig direktes Sonnenlicht gibt. Hier lebt und arbeitet er in einer alten Villa. In der ehemaligen Scheune hat er für sich und seine sechs Mitarbeiter eine Werkstatt eingerichtet.


Eine kleinere Version soll auch auf die Dächer von Privatkunden passen.

Ein Kollege wohnt in derselben Straße, auf seinem Carport haben sie eine Anlage installiert, die ziemlich monströs wirkt: Sie ist vier Meter breit und zwei Meter hoch und besteht aus zwei Spiegeln, die drei Meter versetzt hintereinanderstehen. Das Ganze wiegt mehr als tausend Kilogramm, in Bewegung sirrt das Gerät. „Die Nachbarn sind duldsam“, sagt Corino.

Finanziert hat er die Entwicklung zunächst selbst: Er war Vorstandsassistent beim Energieanbieter Repower (heute Senvion), der schnell gewachsen ist. Als Corino sich selbstständig machte, verkaufte er seine Aktienanteile – das reichte, um den Prototyp zu bauen. Dann fand er Investoren, darunter einen Windfarmer aus Nordfriesland. Seit 2017 fördert die EU das Projekt mit 1,4 Millionen Euro. Sobald das Gerät in Serienproduktion geht, was für nächstes Jahr geplant ist, soll die Firma profitabel sein.

Zunächst ist die Sonnenauster für Geschäftskunden gedacht: Hotels etwa sollen die Anlage auf dem Dach montieren. Dann können sie mit dem Strom Elektrogeräte betreiben und die Wärme nutzen, um Wasser für die Duschen oder den Pool zu heizen. Geeignet ist die Anlage besonders für heiße Länder, in denen es viel direktes Sonnenlicht gibt. Die Wärme aus der Anlage lässt sich auch in Kälte umwandeln, damit könnte man, mit entsprechender Ausrüstung, auch ein ganzes Hotel oder Bürogebäude kühlen.

Ein Energiekonzern in China hat schon eine Anlage in Betrieb, ein Hotel in Marokko bekommt demnächst eine. In Verhandlung ist Corino mit dem französischen Energiekonzern Engie und dem indischen Unternehmen Thermax, das Kältemaschinen herstellt, auch die Golfregion interessiert ihn. Im Herbst will er Anlagen in Chile aufstellen. Weil dort oft der Boden bebt, hat Corino die Anlage gleich erdbebensicher gebaut.

Derzeit kostet das Gerät 15 000 Euro, mit der Serienproduktion sollen es nur noch 5000 Euro sein. In Planung ist eine kleinere Version für 2500 Euro, die auch für Privatleute attraktiv sein soll. Für den arabischen Raum will Corino das Gerät golden verzieren. Auch deutsche Kunden will er dann ansprechen: In Süddeutschland könne man so viel direktes Sonnenlicht einfangen, dass es sich lohne. „Zum Beispiel für jemanden, der im Allgäu seinen Pool heizen will.“

Putzen lassen sich die Spiegel ganz einfach, es empfiehlt sich aber aufzupassen: Im Winter stellte sich ein Praktikant einmal dorthin, wo der Spiegel das Sonnenlicht konzentriert, bei der Kälte schien ihm das nicht riskant. Einen Moment später begann sein Mantel zu kokeln. ---