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SAP – Künstliche Intelligenz

Der Software-Riese SAP setzt auf Künstliche Intelligenz und meditierende Mitarbeiter. Wie das zusammengeht, erklären der Deutschland-Chef Daniel Holz und der Personal-Chef Cawa Younosi.





brand eins: Wie schwer fällt es SAP, die raren IT-Talente anzuziehen?

Daniel Holz: In einigen Spezialisten-Bereichen haben auch wir hier und da Schwierigkeiten, gute Leute zu finden. Zurzeit sind das zum Beispiel Datenwissenschaftler. Davon gibt es schlicht viel zu wenige, auch weil die Studiengänge gerade erst aufgebaut werden. Aber vergleichsweise sind wir in einer guten Lage. Auch wir haben nicht die freie Auswahl, aber wir schaffen es eigentlich immer, die offenen Stellen mit guten Leuten zu besetzen. Das liegt wohl auch daran, dass wir in der Software- und IT-Branche einen sehr guten Ruf als Arbeitgeber haben.

Das behauptet jeder Arbeitgeber von sich.

Cawa Younosi: Wir können es mit Daten belegen – mit internen und externen. Auf der Jobbewertungs-Plattform Glassdoor bekommen wir in Deutschland eine Durchschnittsnote von 4,8 und Weiterempfehlungen von 98 Prozent. Das sind fast kommunistische Zustimmungsquoten. Wir liegen dort weit vor unseren direkten Konkurrenten um Informatiktalente, also Google, Microsoft, Facebook und so weiter. Die Mitarbeiter bleiben im Schnitt zwölf Jahre bei uns. Auch das ist weit über dem Branchenschnitt. Dafür müssen wir natürlich eine Menge tun.

Nämlich was?

Younosi: Rahmenbedingungen schaffen, in denen Menschen eigenverantwortlich arbeiten und sich weiterentwickeln können. Ich glaube, das hat weniger mit finanzieller Potenz eines Unternehmens zu tun als mit der Fähigkeit, eine Kultur zu schaffen, in der sich IT-Talente wohlfühlen. Start-ups gelingt es ja auch oft, tolle Entwickler anzuziehen, obwohl sie deutlich weniger zahlen als Konzerne.

Die Start-ups sitzen aber in Metropolen und bieten zumindest den Top-Talenten Firmenanteile an. Wie will der mittelständische Automobilzulieferer auf der Schwäbischen Alb oder der Anlagenbauer in Ostwestfalen da mithalten? Er kann weder die Gehälter und Privilegien der IT-Konzerne bieten noch das Start-up-Lebensgefühl.

Holz: Das stimmt zwar, aber für den technisch versierten deutschen Mittelstand ist das keine neue Situation. Die gleiche Herausforderung haben diese Unternehmen seit Langem beim Anwerben von klassischen Ingenieuren. Da stehen sie nicht mit den IT-Konzernen in Konkurrenz, sondern mit Bosch, Siemens oder BMW. Bei den Ingenieuren gelingt es mittelständischen Unternehmen oft in enger Zusammenarbeit mit örtlichen Schulen und Hochschulen, ihren Nachwuchs selbst heranzubilden.

Viele Firmen auf dem Land haben oft herausragende Unternehmenskulturen, verbunden mit Stolz auf die Qualität der eigenen Produkte. Auch in der IT sehen wir den Trend, dass der Mittelstand regionale Talente fördert und bindet. Gleichzeitig lagern mittelständische Unternehmen IT-Prozesse in Cloud-Anwendungen komplett aus, um ihre IT-Experten für die wirklich wichtigen Aufgaben vorzuhalten. Das ist meist die Digitalisierung der physischen Produkte.

Younosi: Vielleicht bietet die Entkopplung von Arbeit und Arbeitsort gerade für den Mittelständler auf dem platten Land besondere Chancen. Walldorf ist auch nicht gerade der Nabel der Welt. Jeder SAP-Mitarbeiter darf arbeiten, wo er möchte. Auch das macht uns als Arbeitgeber attraktiv. In der Fabrik braucht es Anwesenheit, in der Informationstechnologie in aller Regel nicht. Die Software-Entwickler sitzen ja nicht an einem Schreibtisch und tippen gemeinsam in eine Tastatur. Der Maschinenbauer in Ostwestfalen kann seine digitale Transformation auch mit Entwicklern vorantreiben, die in Hamburg oder Berlin sitzen oder in Warschau oder Bukarest. Oder an allen vier Orten gleichzeitig. Es gibt schon Vorreiter, die das genau so machen. Man muss die Möglichkeiten der Digitalisierung und die Werkzeuge neuer Formen der Zusammenarbeit allerdings auch nutzen wollen. Hier gibt es gewiss Nachholbedarf.

Was erwarten heute Talente von ihrem Arbeitgeber? Und was hat sich an den Ansprüchen in den vergangenen zehn bis 15 Jahren verändert?

Holz: Es heißt immer, Arbeitnehmer müssen flexibel sein. Das stimmt sicher, aber umgekehrt ist es auch so. In Vorstellungsgesprächen hören wir oft Sätze wie: „Dienstagmittags bin ich immer in meiner Gaming-Community. Da kann ich nicht arbeiten. Kann SAP da mitgehen?“ Ich bin immer wieder überrascht, wie selbstverständlich junge Leute so etwas einfordern. Wir tun das, wo immer es möglich ist, denn wer als Arbeitgeber Flexibilität erwartet, muss sie auch bieten. Wir beobachten zudem, dass die Leute besser informiert zu den Vorstellungsgesprächen kommen als früher. Die schauen sich im Netz genau an, ob ein Unternehmen seine Versprechen tatsächlich einhält. Wichtiger wird auch, dass Unternehmen einen nachhaltigen Zweck haben.

Dann haben Sie keine guten Karten: Der Unternehmenszweck von SAP ist es, den Kapitalismus effizienter zu machen.

Younosi: Wir sind keine NGO und keine gemeinnützige GmbH, und das wollen wir auch nicht sein. Wir sind ein Unternehmen mit Gewinnabsicht. Aber: 75 Prozent aller Transaktionen der Welt laufen über ein SAP-System. Mit besserer Technik ermöglichen wir Fortschritte in allen Branchen, zum Beispiel in der Energie- oder in der Gesundheitswirtschaft. Bei uns kann ein Mitarbeiter zum medizinischen Fortschritt beitragen, in dem er die IT-Systeme für Krankenhäuser oder Krebsdiagnostik verbessert. Dafür muss er dann nicht Medizin studiert haben. Oder er kann sich bei unseren Anwendungen für Smart-Grids einbringen, die die Energiewende ermöglichen.


„ Künstliche Intelligenz wird uns nicht ersetzen. Aber wir müssen mehr auf das zutiefst Menschliche achten, unsere Emotionen. “

Erscheinen Ihnen die raren Talente der Generation Y und Z zu selbstbewusst?

Younosi: Nein. Zieht man die jugendliche Leichtigkeit mal ab, die wir ja auch hatten, beobachten wir nicht, dass junge Kollegen die Bodenhaftung verloren haben. Mit den Generationen-Klischees tue ich mich ohnehin schwer. Wir haben vor zwei Jahren eine große Studie zu den Einstellungen jüngerer Mitarbeiter gemacht. Da kam nicht heraus: „Die Generationen Y und Z ticken vollkommen anders.“

Veränderte Ansprüche an Arbeit haben meist nichts mit dem Alter zu tun, sondern sind eher dem Zeitgeist geschuldet und betreffen jüngere wie ältere Mitarbeiter. Bei den Generationen sehen wir eher leichte Akzentverschiebungen. Dazu zählt, dass jüngere Mitarbeiter viel mehr und viel regelmäßiger Feedback wollen. Unsereins war froh, wenn er seinen Chef zweimal im Jahr gesehen hat. Das ist heute anders. Die wollen ständig wissen, wo sie stehen. Deshalb haben wir auch die halbjährlichen Feedback-Gespräche abgeschafft und ermutigen zu einem ständigen Austausch.

Holz: Mir fällt auf, dass vielen Hochtalentierten heute nicht mehr so wichtig ist, besonders schnell Karriere zu machen. Wenn ich jungen Mitarbeitern sage: „Du hast dich sehr gut entwickelt. Wir können den nächsten Karriereschritt angehen.“ Dann höre ich überraschend oft: „Danke, aber das passt zurzeit nicht so. Wir bauen gerade ein Haus. Oder meine Frau und ich haben eine Weltreise geplant. Können wir in ein oder zwei Jahren noch mal drüber reden?“

Als Unternehmen haben wir uns mit einem Talent-Pool darauf eingestellt. Betriebswirtschaftlich ist diese Entwicklung kein Problem für uns, und in der Regel sprechen wir dann in ein oder zwei Jahren tatsächlich über den nächsten Schritt. Aber ich bin in solchen Gesprächen oft etwas perplex. Das ist dann vielleicht doch eine Generationenfrage. Wir wurden noch anders geprägt. Was mir sehr auffällt, ist das wachsende Bedürfnis der Mitarbeiter, an ihrem EQ zu arbeiten.


Schick in der Provinz: SAP in Walldorf

Also an ihrer emotionalen Intelligenz?

Younosi: Genau. Die emotionale Fitness ist heute das, was Joggen vor 30 Jahren für die körperliche Fitness war. Damals hat man sich auch noch gewundert, wenn ein Manager durch den Wald rannte. Heute ist allen klar, wie wichtig Sport für die allgemeine Gesundheit und Leistungsfähigkeit ist. Mentales Training zieht nun nach. Wir haben vor einigen Jahren das Programm „SAP For You“ gestartet: 22 000 Mitarbeiter können an Trainings zu Achtsamkeit und zur Stärkung von Kreativität und Intuition teilnehmen. Sie lernen zu meditieren, abzuschalten, kreative Kraft aus sich selbst zu schöpfen und auch die eigenen Belastungsgrenzen besser einzuschätzen. Bei den ersten Terminen war die Kantine so voll wie noch nie, und die Kollegen saßen bis zum Eingang auf dem Boden.

Holz: Da haben wir wirklich einen Nerv getroffen. Das war uns im Vorhinein nicht klar, aber im Grunde ist der Wunsch nach einem besseren Umgang mit den eigenen Emotionen im Zeitalter von New Work und agilem Management logisch. Wir arbeiten in Teams mit Menschen aus vielen Kulturen, die rund um den Erdball verteilt sitzen. Im Homeoffice sagt uns keiner, wann mal Schluss sein sollte. Viele von uns sind ständig unterwegs. Wenn wir nicht lernen, achtsam mit anderen und uns selbst umzugehen, schaut der Burn-out um die Ecke.

Younosi: Ich empfinde diese Sehnsucht nach dem zutiefst Menschlichen in einem IT-Konzern aber auch als eine interessante Gegenentwicklung zum rasanten technischen Fortschritt. Vielleicht schwingt da auch die Botschaft mit: Künstliche Intelligenz wird uns nicht ersetzen. Aber wir müssen mehr auf das zutiefst Menschliche achten, unsere Emotionen.

Wo ersetzt sogenannte Künstliche Intelligenz schon heute Menschen bei SAP?

Holz: Wir haben ein KI-System im Einsatz, das sehr präzise Rechnungen und Zahlungseingänge abgleicht. Das wurde früher von Sachbearbeitern gemacht, aber solche Routinekontrollen erledigen Maschinen heute schneller und zuverlässiger. Zudem haben wir vor einiger Zeit Chatbots im Kundenservice eingeführt. Die klären in einem ersten Dialog, wer der richtige Ansprechpartner im Kundencenter ist. Außerdem gibt es eine Anwendung in der Personalabteilung: Die sortiert die große Zahl an Bewerbungen vor, die täglich bei uns eingehen. Grundsätzlich unterstützen diese Systeme Mitarbeiter, aber ersetzen sie nicht. Die Entscheidungen treffen am Ende Menschen.

Das sagen zurzeit fast alle KI-Entwickler: Die letzte Entscheidung verbleibe beim Menschen. Ist das nicht zum einen eine Beruhigungspille und zum anderen falsch gedacht? Wenn Maschinen bessere Entscheidungen treffen als Menschen, sollten wir diese Entscheidungen dann nicht konsequent an Maschinen delegieren?

Holz: Da gebe ich Ihnen grundsätzlich recht. Aber im Fall von komplexeren Entscheidungen helfen KI-Systeme Menschen vor allem dabei, bessere Entscheidungen zu treffen, indem sie uns Menschen einen besseren Überblick über die Entscheidungssituation verschaffen.

Der bekannte Psychologe und Verhaltensökonom Daniel Kahneman unterscheidet zwei Modi, in denen wir entscheiden, nämlich schnelles Denken und langsames Denken. Beim schnellen Denken ziehen wir aus wenigen Fakten sehr schnell Schlüsse und treffen auf eher uninformierter Basis dann eine intuitive Entscheidung. Künstliche Intelligenz kann uns heute oft helfen, aus dem schnellen Denken herauszukommen und im Modus des langsamen Denkens mehr Fakten, Informationen und Einflussfaktoren gegeneinander abzuwägen – auch bei den sehr menschlichen Personalentscheidungen.

Younosi: Die KI-Systeme bei SAP unterstützen uns Personaler auf zwei Ebenen. Zum einen schauen die Systeme nach Mustern, ob menschliche Vorurteile und Fehlwahrnehmungen bestimmte Gruppen bei Einstellung und Personalentwicklung benachteiligen. Wenn systematische Benachteiligung beispielsweise von Frauen in einem bestimmten Bereich mithilfe von Maschinen transparent wird, können wir Menschen gegensteuern. Zum anderen unterstützt uns maschinelles Lernen beim Matching von Bewerbern auf Stellen, die noch gar nicht ausgeschrieben sind. Wir bekommen täglich Tausende Initiativbewerbungen. Vielleicht sind darunter geeignete Kandidaten für eine Stelle, von der wir heute noch nichts wissen, für die wir aber in sechs Monaten dringend auf der Suche sind. Das System erinnert sich dann zuverlässig, wir Menschen hingegen ertrinken in Informationen. Aber keine Sorge: Ob eine Bewerberin oder ein Bewerber in ein Team und zu unserer Kultur passt, das finden wir durch Gespräche besser heraus als durch Daten in Lebensläufen.


Zu Scherzen aufgelegt: Cawa Younosi

Welche Maschine bräuchte es denn, um Sie persönlich zu ersetzen?

Holz: Die wird es nie geben. Vertrauen ist elementar. Und eine Vertrauensbasis wird nicht durch Maschinen geschaffen.

Younosi: Solange Alexa meine Witze nicht versteht und ich nicht über ihre lache, mache ich mir da keine Sorgen. ---