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Berliner Stadtreinigungsbetriebe

Früher galt der Job als das Letzte, heute ist er heiß begehrt. Woran das liegt? Spurensuche bei einer Tour mit der Berliner Stadtreinigung.




• „Du musst Walzer tanzen mit der Sense!“ Sabine Splawski kann es sich nicht länger ansehen. Ich stelle mich aber auch zu ungeschickt an. Halte die Motorsense wie einen Staubsauger. So ist das mit Leuten, die meinen, sie müssten unbedingt mal einen Tag als Straßenfeger arbeiten, nur so. Können nicht mal einen Besen richtig halten, von der Motorsense ganz zu schweigen. Also Walzer tanzen.

Sabine Splawski, 56 Jahre, Kraftfahrerin bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) und Chefin eines dreiköpfigen Straßenfegertrupps, macht es vor. Presst die Sense an die rechte Hüfte, da hat das Gerät mehr Halt und wird nicht so schwer in der Hand, und lässt es rhythmisch hin- und herschwingen. Ich versuche es. Zwei Herzen im Dreivierteltakt / die hat der Mai zusammengebracht. So geht es schon besser.


Sabine Splawski, die Friseurin gelernt hat und auch gut mit der Motorsense umgehen kann, auf dem Betriebshof in Berlin

Allerdings steigt jetzt ein äußerst würziger Geruch auf. Die Stelle auf dem Gehweg vor der Kita, wo wir hoch wucherndes Unkraut beseitigen, ist offenbar ein beliebtes Hundeklo. Zwischen Nesseln, Efeu und Löwenzahn lauern Haufen. Die Sense tut ihren Dienst und katapultiert die Hinterlassenschaften durch die Luft. Auch auf meiner orangefarbenen Straßenfegermontur, die in der Julihitze schon am Vormittag satt auf der Haut klebt, landet der eine oder andere Flatschen. Aber die Stelle vor dem Zaun sieht jetzt ordentlich aus, immerhin.

Millionen von Deutschen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufwuchsen, dürften diesen Satz von ihren Eltern gehört haben: „Streng dich in der Schule an, sonst landest du bei der Müllabfuhr.“ Müllmann oder Straßenfeger, das war so ziemlich das Letzte. Dreckig, eklig, ein Job, den niemand machen wollte. „Das ist für die Doofen“, hieß es im bürgerlichen Einfamilienhaus-Viertel der rheinischen Kleinstadt, aus der ich komme, für jene, die nicht einmal einen Job im Kohletagebau oder am Fließband bei Ford bekamen. Die Deutschen unter ihnen, von denen manche schon frühmorgens nach Schnaps rochen, sprachen derbes Kölsch, die anderen, türkische „Gastarbeiter“, redeten fast nie. „Da kommen die Müllmäuse!“, riefen wir Kinder, wenn der orangefarbene Wagen um die Ecke bog und die Arbeiter die schweren, siffenden Blechtonnen, damals noch ohne Rollen, über den Bürgersteig zum Müllfahrzeug wuchteten. Zu Weihnachten gab es eine Flasche billigen Schabau – damit die Müllmänner auch weiterhin, ohne zu murren, mal ein paar Eimer mit Farbresten oder Säcke mit Grünschnitt mitnahmen.

Kürzlich hat die BSR 50 Müllwerker-Stellen ausgeschrieben – und erhielt mehr als 1000 Bewerbungen. Auch bei der Straßenreinigung überstieg die Zahl der Bewerber jene der ausgeschriebenen hundert Stellen um ein Vielfaches. Die Berliner Handwerksfirmen suchen derweil händeringend Leute; Kliniken rekrutieren Pflegekräfte in ihrer Not mittlerweile aus Osteuropa, Mexiko und Vietnam. Und so viele Leute wollen Müllwerker sein. Warum?

Jeffrey Sabbath sagt: „Ich hab’ doch das große Los gezogen.“ Er mache den Job nicht notgedrungen, nein, „ich wollte unbedingt als Müllmann arbeiten“. Jahr für Jahr hat er sich beworben, beim siebten Mal hat es endlich geklappt. Der 38-Jährige gerät dermaßen ins Schwärmen, dass sein Kollege Mehas Ameti, der neben ihm sitzt, kaum zu Wort kommt.

Fast zwei Jahrzehnte wurden in Berlin so gut wie keine Müllwerker und Straßenreiniger eingestellt. Nach der Fusion aus BSR (West) und Stadtreinigung Berlin (Ost) Anfang der Neunzigerjahre hatte das vereinte Unternehmen fast 10 000 Leute an Bord, 45 Prozent mehr als heute. Der Personalüberhang musste erst mal abgebaut werden. An einen Job bei der BSR kam man, wenn überhaupt, fast nur über Beziehungen. Erst im Jahr 2010, als die BSR bei der Straßenreinigung höhere Reinigungsfrequenzen einführte, wurden erstmals wieder 120 Leute eingestellt. Die Müllabfuhr schaltete erst jetzt, da der Altersschnitt stramm auf die 50 Jahre zugeht und die Personaldecke in Urlaubszeiten bedenklich dünn wird, die ersten Annoncen.


Heute sind Müllwerker höher angesehen als Lehrer und Bankangestellte


Bei der Stadtreinigung seien sie wie eine große Familie, sagt Mehas Ameti

Für Jeffrey Sabbath ist die „Mülle“ vor allem ein sicherer Job, „bis zur Rente, wenn du keinen Mist baust. Das war für mich wichtig, wegen meiner Familie.“ Gelernt hat er Dachdecker, danach als Piercer in einem Tattoo-Studio gearbeitet, „mein Hobby zum Beruf gemacht“, sagt er, wovon die imposanten Tunnel in seinen Ohrläppchen zeugen. Danach ging es zurück auf den Bau als Parkett- und Fliesenleger. „Da rutschst du den ganzen Tag auf den Knien rum“, erzählt Sabbath, „und wenn die kaputt sind, ist Ende, dann wirst du rausgekantet.“

Alle in der Familie, auch die zwei Töchter, sechs und zwölf Jahre alt, finden es cool, dass er jetzt den Müll abholt. Die meisten seiner Freunde und früheren Arbeitskollegen vom Bau sind neidisch. Es stört ihn auch nicht, dass die Arbeit hart ist und manchmal eklig. Im Sommer etwa, wenn der Inhalt der Biotonnen gärt und stinkt und die Maden einem schon entgegenkommen. „Das riecht man nicht mehr, da stumpft man mit der Zeit ab“, sagt er. „Da wird kurz die Luft angehalten, gekippt, fertig.“ Wenn es regnet, nun ja, „bist du halt nach ‘ner halben Stunde pitschnass bis auf den Schlüpper“. Das größte Übel seien pöbelnde Autofahrer, die sich aufregen, weil der Müllwagen die Straße versperrt. Seine Kollegen und er seien schon angespuckt worden, erzählt Sabbath. „Letztens wollte uns einer vermöbeln, weil es ihm nicht schnell genug ging.“

„Häuserkampf“ nennt Sabbath die tägliche Maloche. Jeder der zwei- bis dreihundert 240-Liter-Behälter, die er pro Schicht bewegt, wiegt zwischen 50 und 100 Kilo. Oft muss er mit seinen Kollegen in die Hinterhöfe rein, die Tonnen rausholen. Oder sie die Kellertreppen hochwuchten. „13, 14 Kilometer laufe ich pro Schicht“, sagt Sabbath. Das sagt ihm der Schrittzähler seiner Uhr. „Also ich komm’ auf 20 Kilometer“, meint Kollege Ameti, als er endlich zu Wort kommt. Bei den Kitas sind sie die Kings. Alle Kinder kommen zum Zaun gerannt, sobald jemand den Müllwagen gesichtet hat. Sabbath hat immer eine Tüte mit Süßigkeiten im Wagen.

Der Zusammenhalt auf dem Wagen sei gut. „Eine große Familie“, sagt Mehas Ameti. Manche fahren seit 20 Jahren zusammen. Und man nimmt die Arbeit nicht mit nach Hause. „Was auf’m Auto ist“, sagt Jeffrey Sabbath, „das bleibt auf’m Auto.“ Mit dem Wasserstrahl unter der Dusche geht auch die Arbeit ab.

Vollzeit, unbefristet, sozialversichert, anständig bezahlt – die 1400 Berliner Müllwerker und rund 2300 Straßenreiniger genießen im öffentlichen Dienst eine Sicherheit, die es gerade für gering Qualifizierte heute kaum noch gibt. Vier von zehn Beschäftigten in Deutschland arbeiten nach Angaben des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) prekär oder atypisch – also als Mini- oder Midijobber, befristet, in Teilzeit oder als Solo-Selbstständige. Unter den gering Qualifizierten dürfte der Anteil weit über 50 Prozent liegen.

Anders bei der Müllabfuhr oder der Straßenreinigung. „Wenn man möchte, ist es ein Arbeitsplatz bis zur Rente“, sagt die BSR-Vorstandsvorsitzende Tanja Wielgoß. Selbst wenn der Rücken oder die Knie irgendwann nicht mehr mitmachen, muss niemand das Unternehmen verlassen. Für die 370 Leistungsgeminderten wurde eine Einheit für passende Tätigkeiten gegründet, beispielsweise die Wartung kaputter oder beschmierter Papierkörbe. Die Müllwerker müssen nicht einmal eine Lohneinbuße befürchten, nur bei den Straßenreinigern fällt die eine oder andere Zulage weg.

Ein Müllwerker bei der BSR steigt mit 2824 Euro brutto ein, ein Straßenreiniger mit 2516 Euro. Umgerechnet auf die Stunde, ist das mehr als doppelt so viel wie der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro und in beiden Fällen mehr als beispielsweise der mittlere Bruttoverdienst von Vollzeitbeschäftigten in Sachsen-Anhalt (2494 Euro), die Einstiegsgehälter von Krankenpflegern (2000 bis 2400 Euro) oder die Löhne von Malergesellen, die in Berlin froh sein können, wenn sie 1700 Euro mit nach Hause bringen. Selbst ein Berliner Schutzpolizist im mittleren Dienst verdient am Anfang seiner Laufbahn weniger als ein Müllwerker oder Straßenfeger – nur sind seine Aufstiegschancen deutlich besser. „Die Kombination aus Arbeitsplatzsicherheit und gutem Gehalt ist gerade bei An- und Ungelernten unschlagbar“, sagt Tanja Wielgoß.

Kein Wunder, dass sich viele zum Müllwerker umschulen lassen. Die meisten sind Quereinsteiger, haben als Bäcker oder Elektriker, Klempner, Fleischer, Maler, Maurer, Friseur oder Verkäufer gearbeitet. Zwar führt die BSR keine Statistik darüber, wie viele Mitarbeiter eine Berufsausbildung haben, bundesweit gibt es jedoch Zahlen: Nur 15 Prozent der Beschäftigten in der Abfallwirtschaft haben keine abgeschlossene Ausbildung, bei 12 Prozent ist die Ausbildung unbekannt.


Tanja Wielgoß, Vorstandsvorsitzende der BSR, weiß, warum Jobs in ihrer Firma so beliebt sind: Die Kombination aus Sicherheit und gutem Gehalt sei unschlagbar

Besseres Image dank Kampagne

Morgens um sechs fährt der Wagen KS 725, ein orangefarbenes Pritschenfahrzeug der Straßenreinigung, mit Sabine Splawski als Kraftfahrerin und drei Fegern vom BSR-Betriebshof in der Tempelhofer Ringbahnstraße. Die Chefin bleibt nicht im Wagen sitzen, sondern zieht mit den anderen los. Die Feger werden an jeweils einer Straßenecke abgesetzt mit Handkarren, Besen, Rechen, Greifzange und Abfallsäcken. Jeder kennt sein Revier und weiß, was er zu tun hat. Die Kollegen säubern immer das gleiche Gebiet, eine hübsche Wohngegend mit viel Grün. Hier lässt sich gut arbeiten, sagt Splawski. Da gebe es ganz andere Gegenden, richtig übel, in der Innenstadt, am Straßenstrich in der Kurfürstenstraße etwa, „wo sich die Nutten zwischen den Autos ausscheißen. Und das musst du ja auch wegmachen.“

Sabine Splawski hat Friseurin gelernt, dann 22 Jahre bei Siemens in der Produktion gearbeitet, bis die Fertigung ins Ausland verlagert wurde. Eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin half nichts; sie bekam keinen Job. Zu Hause rumsitzen kam nicht infrage, „ich bin halt ein richtiges Arbeitstier“. Eines Tages vor acht Jahren las sie im Boulevardblatt »BZ« die Schlagzeile „Die BSR sucht 60 heiße Feger“. Sie ging zum „Women’s Day“, gab ihre Bewerbung ab und wurde eingestellt, als eine der ersten Frauen. Anfangs sei es nicht einfach gewesen, „in so einem Betrieb mit nur Männern“.

Die Straßenreinigung, Stra genannt, war früher bei der BSR im Berliner Westen in der internen Hackordnung ganz unten angesiedelt. „In ganz grauen Zeiten“, so Tanja Wielgoß, „hat der Straßenreiniger in der Kantine gewartet mit dem Essen, bis der Müllwerker fertig war.“ Das ist lange vorbei.

Eine fast schon legendäre Plakatkampagne hat eine Menge verändert, zunächst im internen Gefüge. Unter dem Motto „Wir bringen das in Ordnung“ erklärte die Berliner Agentur Heymann Brandt De Gelmini den Berlinern, wie wichtig diese Jobs für die Stadt sind. Fast 20 Jahre ist das her. Gezeigt wurden Fotos von coolen Straßenfegern, garniert mit Sprüchen wie „Drei Wetter tough“, „Matschos“, „Saturday Night Feger“ oder „We kehr for you“. Die Kampagne erlangte schnell Kultstatus und gilt heute als die Mutter des Employer Branding. „Viele haben Elemente unserer Kampagne übernommen“, sagt die BSR-Vorstandschefin. „Wir wissen zum Beispiel, dass Kollegen aus Wien, immer wenn sie nach Berlin kommen, unsere Sprüche abschreiben und adaptieren.“

Mit einem Mal galten die Berliner Müllwerker und Straßenreiniger als coole Säue. Ich bin Müllmann, wer ist mehr? „Ich bin stolz drauf, bei der Mülle zu sein“, sagt Jeffrey Sabbath. Früher habe er auch schon mal Parkett verlegt in Villen, Hölzer für 400 Euro den Quadratmeter verarbeitet. „Das hab’ ich halt für den Typen gemacht, dem das Haus gehört. Aber hier mach’ ich was für die ganze Stadt.“


„Häuserkampf“ nennen sie ihre Arbeit – bis zu hundert Kilo wiegt eine Mülltonne

Halbgötter in Orange

Ähnlich wie die Selbstwahrnehmung hat sich auch das Image in der Öffentlichkeit gewandelt. Nach einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Deutschen Beamtenbundes aus dem Jahr 2016 billigten 73 Prozent der Befragten Müllwerkern ein hohes oder sehr hohes Ansehen zu. Damit rangierten diese an sechster Stelle, vor Lehrern, Anwälten, Bankangestellten und natürlich Versicherungsvertretern. Beim Image-Ranking der Berliner Unternehmen aus dem Jahr 2014, basierend ebenfalls auf einer Forsa-Umfrage, landete die BSR auf Platz 1. „Halbgötter in Orange“, titelte die »Berliner Zeitung«. Die Leute sahen, dass die Straßenreiniger in der Sommerhitze Sonderschichten fuhren und die verdurstenden Straßenbäume wässerten. Oder dass es in den 34 Parks, die die BSR seit Anfang Juni zusätzlich reinigt, schon nach ein paar Tagen deutlich besser aussah. Allein in den ersten sechs Wochen holten die Leute in Orange 1250 Kubikmeter Abfall und Kehricht aus den Parks.

Kürzlich wurde Sabine Splawskis Team von der BSR-internen Qualitätskontrolle, „Die Qualitäter“ genannt, als „beste Truppe vom Hof“ gelobt. Dass sich keiner auf die faule Haut legt, dafür sorgt sie schon auf Wagen KS 725. Sie sieht ja, wenn sie die Feger bei Schichtende einsammelt, wie der Straßenabschnitt und die Gehwege aussehen. An diesem Tag hat das Team gute Arbeit geleistet. Eine Kollegin reckt triumphierend die Faust, als der Wagen sie bei Schichtende einsammelt. Zehn große Säcke, randvoll mit Platanenrinde, Laub, Dreck, Staub, Müll und Hundekot, stehen am Straßenrand. Auf dem Rückweg sehen sie noch eine alte Couchgarnitur, die jemand einfach auf den Bürgersteig gestellt hat. „Ist ja eigentlich nicht unsere Aufgabe, aber die nehmen wir noch mit“, sagt ein anderer Kollege und ist schon draußen. ---


Hinter den Kulissen: Werkstattgebäude in der Ringbahnstraße

Bilanz der Berliner Stadtreinigung im Jahr 2017
1,24 Millionen Tonnen Siedlungsabfälle abgeholt und verwertet

36.838 Tonnen Sperrmüll angenommen
6 Millionen Mal Papierkörbe entleert
51.005 Tonnen Kehricht zusammengefegt und entsorgt
400.000 Weihnachtsbäume eingesammelt und zu Brennstoff verarbeitet

Geben und nehmen
Die Berliner Stadtreinigung (BSR) erwirtschaftete im Jahr 2017 einen Jahresüberschuss von 32,5 Millionen Euro. Größter Umsatzposten war das Einsammeln und Verwerten von Abfall (291 Millionen Euro), gefolgt von der Straßenreinigung (236 Millionen Euro). Die BSR führt einen Großteil des Überschusses an das Land Berlin ab, das damit Haushaltslöcher stopft. Bis 2030 soll die BSR insgesamt 225 Millionen Euro an den Berliner Finanzsenator überweisen. Im Gegenzug sichert der Senat der BSR die Grundlage ihres Geschäfts: Bis 2030 steht das Land Berlin in der Pflicht, für Straßenreinigung und Müllabfuhr die Dienste der BSR in Anspruch zu nehmen. Private Konkurrenten kommen in der Hauptstadt nicht zum Zuge.

Automatische Müllabfuhr
Der schwedische Autohersteller Volvo hat einen Roboter namens Roary entwickelt, der selbstständig Mülltonnen leeren kann. Der Robo fährt vor der Haustür vor, sammelt die Mülltonnen ein und entlädt sie in den Müllwagen. Die nötige Orientierung verschafft ihm eine Drohne, die aus der Luft die Umgebung scannt und bereitstehende Mülltonnen ortet. Außerdem testet Volvo seit zwei Jahren autonom fahrende Müllwagen. „Der Reinigungsroboter, selbstfahrende Mülltonnen, autonome Müllautos – das wird alles kommen“, sagt Tanja Wielgoß, die Vorstandsvorsitzende der Berliner Stadtreinigung (BSR). Allerdings hofft sie, „dass es eine längere Phase geben wird, in der die Automatisierung die körperliche Arbeit nicht ersetzt, sondern erleichtert“.

Öffentlich oder privat?
Traditionell gehört die Müllentsorgung zur „öffentlichen Daseinsvorsorge“ und befand sich fast überall in Deutschland in der Hand von Städten, Gemeinden oder Landkreisen. In der Privatisierungseuphorie der Neunzigerjahre wurde die Abfallentsorgung vielerorts privatisiert, in der Hoffnung auf eine finanzielle Entlastung der kommunalen Haushalte durch billigere private Anbieter. Laut einer Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung arbeiteten 2015 rund 70.000 der 164.000 Beschäftigten in der Abfall- und Entsorgungswirtschaft bei privaten Entsorgern, die sich im Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) zusammengeschlossen haben. Allerdings sind insbesondere in Ostdeutschland und im ländlichen Raum viele Unternehmen tätig, die nicht dem BDE angehören und damit auch keiner Tarifbindung unterliegen. Nach Angaben der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi liegt die Entlohnung in der (tariflich gebundenen) privaten Abfallwirtschaft bis zu 20 Prozent unter der von öffentlichen Entsorgungsunternehmen. Wo es keine Tarifbindung gibt, fällt der Lohnunterschied noch deutlicher aus.

Seit einigen Jahren ist eine Tendenz zur Rekommunalisierung der Abfallentsorgung zu beobachten. Viele Städte, offenbar unzufrieden mit der privat erbrachten Dienstleistung, denken darüber nach, die Müllabfuhr wieder selbst in die Hand zu nehmen. Viel zitiertes Beispiel ist die Ruhrgebietsstadt Bergkamen, wo die einst privatisierte Müllentsorgung seit 2006 wieder von städtischem Personal erledigt wird – zu niedrigeren Gebühren und mit neuen Angeboten, beispielsweise einer „Windeltonne“ für Familien mit kleinen Kindern.