Wirtschaftsgeschichte – Hoffmann-La Roche

Wie der Pharmakonzern Hoffmann-La Roche das Vitamin-C-Märchen erfand.





• Noch heute gilt Vitamin C als Allheilmittel, das erschöpfte Menschen belebt, vor Erkältungen schützt und die Leistung steigert. Apotheken haben etliche Präparate im Angebot, Ärzte legen willigen Patienten sogar Infusionen – der Zaubertrank wird intravenös verabreicht. In Deutschland nimmt etwa jeder Dritte regelmäßig Nahrungsergänzungsmittel, vor allem Vitamin C. Die Anbieter machen einen Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr.

Dabei ist lange bekannt, dass Vitamin C nichts nützt. In Deutschland nimmt praktisch jeder mit dem Essen genug Vitamin C auf, eine zusätzliche Versorgung ist überflüssig. Warum also hält sich der Mythos vom Wundervitamin so hartnäckig? Maßgeblich dazu beigetragen hat eine raffinierte Marketing-Offensive des Schweizer Pharmakonzerns Hofmann-La Roche in den Dreißigerjahren.

Eigentlich war Markus Guggenheim skeptisch. Der Forschungsleiter von Roche sah keinen Bedarf für künst-liches Vitamin C. Als das Unternehmen 1933 Patente für eine Vitamin-C-Synthese angeboten bekam, schrieb Guggenheim an die Direktion: „Erwachsenen dürfte in der Norm genügend Vitamin C mit frischem Gemüse, Obst und dergleichen zukommen.“ Es sei jedoch interessant, den Stoff weiter zu erforschen. „Sollte sich dann später eine therapeutische Indikation herausstellen, umso besser.“

Doch bereits 1934 brachte Roche synthetisches Vitamin C unter dem Markennamen Redoxon auf den Markt. Und das, obwohl der Nutzen immer noch völlig unklar war. Die Marketing-Abteilung des Unternehmens, die damals „Propaganda-Abteilung“ hieß, befürchtete deshalb, dass das Produkt kein Selbstläufer werde. Da kaum mehr jemand an Skorbut litt, der durch extremen Mangel an Vitamin C entsteht, hätte sich die Produktion allein für Kranke nicht gelohnt. So beschloss die Marketing-Abteilung, nicht etwa zu warten, bis ein echtes Anwendungsgebiet entdeckt würde, wie der Forschungschef geraten hatte, sondern kurzerhand selbst für Nachfrage zu sorgen.

Der Medizinhistoriker Beat Bächi von der Universität Bern hat in seiner Dissertation „Vitamin C für alle!“ untersucht, wie Roche ein neues Leiden etablierte: die C-Hypovitaminose, einen leichten Mangel, der sich angeblich durch Müdigkeit und einen Verfall der körperlichen Leistungsfähigkeit äußere. Bei ausreichender Versorgung mit Vitamin C sei die Muskelfaser „prall und voll und schön ausgebildet, bei C-Hypovitaminose degeneriert sie“, schrieb das Marketing 1936 an die Leitung des Konzerns. Ascorbinsäure, also reines Vitamin C, war nun für jeden gedacht, dessen Körper sich noch nicht im Idealzustand befand.

Um den Verkauf zu fördern, galt es, Angst vor dem Mangel zu schüren. In einem Bericht schrieb das Marketing, „dass sich das Publikum, wenn es sich plötzlich dem Gespenst der allgemein drohenden C-Hypovitaminose gegenübersieht, nicht wenig erschrecken und Vitamin C in vermehrtem Maße konsumieren wird, wogegen wir uns natürlich nicht zur Wehr setzen würden!“. Regelmäßig werde Redoxon aber wohl nur genommen, „wenn etwas Hokuspokus gemacht“ würde.

Zum Hokuspokus gehörte ein Test, den Roche plante, damit jeder selbst prüfen könne, ob er an einem Mangel leide. Wenn man die Bevölkerung überzeuge, dass C-Hypovitaminosen verbreitet sind, könne Redoxon „kommerziell doch noch ein Schlager“ werden, heißt es in einem euphorischen Bericht des Marketings: „Man denke sich doch, jeder Mensch leide an C-Manko, wie viel Redoxon würde das brauchen, um all die Löcher auszufüllen!“

Der Test sollte leicht anzuwenden sein. Eine farbige Flüssigkeit sollte bei Kontakt mit Urin zeigen, wie es um den Patienten stehe: Entfärbe sich die Flüssigkeit, sei alles in Ordnung – bleibe die Farbe unverändert, leide er an einem Mangel. Wie ein solcher Test die potenziellen Kunden erschrecken würde, malten sich die Marketing-Experten so aus: „Ein spannender Prospekt über die Schädlichkeit der C-Hypovitaminosen und wie wir alle davon bedroht sind! Da muss man doch gleich feststellen, wie es mit der eigenen Person bestellt ist!“ Ein ungünstiges Ergebnis sollte zum Kauf des Produk-tes anregen: „Entfärbt nicht! Böses Omen! Jetzt aber los mit Redoxon! Wie viel sagt nur der Prospekt? Zwei Tabletten.“ Solche Tests gab es später wirklich.

Redoxon musste nicht vom Arzt verschrieben werden, jeder konnte es in der Apotheke kaufen. Pharmaunternehmen durften allerdings Kunden nicht direkt ansprechen, sondern Werbung nur an Ärzte und Apotheker richten. Deshalb versuchte Roche, Ärzte einzuspannen, um das Mittel zu vertreiben. Der Konzern wollte sie dazu bringen, Redoxon in Publikationen positiv zu beurteilen. Das Problem war nur, dass die meisten Ärzte noch nicht so recht an den Vitamin-Mythos glauben mochten. So grübelte man bei Roche, wie man wohl „das Gros der praktischen Ärzte aus Vitaminungläubigen zu Vitamingläubigen“ machen könne. Schließlich nutzte der Konzern den Literatur-Eildienst-Roche und die Zeitschrift „Die Vitamine“, um Ärzte direkt zu informieren.

Insbesondere sprach man ältere Ärzte an, die im Studium nicht viel über Vitamine gelernt hatten. Ihnen zeigte das Unternehmen eine Broschüre mit Bildern von Patienten, die etwa an Skorbut litten, um ihnen „die Schwere der Krankheitsbilder gebührend vor Augen zu führen“.

Bald interessierten sich viele Ärzte für den Stoff, der in der Bevölkerung schnell den Ruf des Wundermittels erlangte. Das Pharmaunternehmen Roche war einer der größten Vitaminproduzenten der Welt, bis es die Vitaminsparte 2002 verkaufte. ---