Partner von
Partner von

Analphabetinnen in Mali

Menschen müssen nicht lesen und schreiben können, um geschäftlich Erfolg zu haben. Das beweisen findige Unternehmerinnen in Mali.

Read this article in English: A head for figures




• Wer als Frau in Mali geboren wird, hat statistisch gesehen schlechte Karten: Lediglich Reichtum an Kindern, im Schnitt sechs, ist wahrscheinlich. Sonst lesen sich die Zahlen der Vereinten Nationen düster. Die Hälfte der Bevölkerung Malis muss mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze von 1,90 Dollar am Tag auskommen, und nur ein Drittel kann lesen und schreiben. Bei den Frauen ist es lediglich ein Fünftel.

Trotzdem sind überall in Bamako, der Hauptstadt von Mali, selbstbewusste Händlerinnen zu sehen, unterwegs zu ihren Läden und Geschäften, oft auf dem eigenen Mofa, einige sogar mit Auto und Chauffeur. Frauen wie Awa Diakite. „Meine Eltern habe mich nicht zur Schule geschickt“, sagt die 45-jährige Kauffrau und zupft den grünen Hijab über ihrem schmalen Gesicht zurecht. „Sie glaubten, dass ich auch ohne Schulbildung Erfolg haben kann.“

Diakites Stand liegt mitten im Großmarkt des Viertels Badialan: ein großes, künstlich beleuchtetes Gewirr überdachter Verkaufsgassen, durch das sich Kunden, Kaufleute, Kuriere und Träger drängen. „Hier habe ich das Sagen“, sagt Diakite, die von einem Schemel aus das Treiben beobachtet. „Hier kenne ich mich aus.“ Als Unternehmerin ist sie kein Einzelfall: Viele der umsatzstärksten Gewerbezweige in Mali wie in ganz Westafrika befinden sich in der Hand von Frauen – die zumeist nie eine Schule besucht haben. Dazu gehören die Gastronomie, Geschäfte mit Stoffen und Textilien, Schmuck und Kosmetika sowie die vielen salons beauté mit ihren fantasievoll bemalten Reklametafeln, auf denen junge Frauen mit Insignien des Luxus posieren. Die Mutter vererbt das Geschäft meist an die Tochter oder Enkelin. So war es auch bei Diakite. Sie hat den Stoffhandel von ihrer Großmutter übernommen, die wie sie weder lesen noch schreiben konnte.

Mit ihrem Zwischenhandel hat sich Madame Diakite auf die in Mali und den Nachbarländern sehr beliebten Damast-Stoffe spezialisiert. Bazin heißen sie hier. In Diakites engem, kaum fünf Quadratmeter großem Stand stapeln sich die Ballen auf jeder Seite über drei Meter hoch. Die Varianten sind zahlreich: Einige der ornamentgeprägten Stoffe glänzen in leuchtendem Violett, Orange oder Grün-Tönen, andere sind gebatikt, mit Wachsmustern verziert oder mit Applikationen bestickt. „Zu mir kommen die Kleinhändler aus den Stadtteilmärkten“, sagt Diakite. „Ich darf meine Gewinnmargen also nicht zu hoch ansetzen, sonst kaufen sie bei der Konkurrenz.“

Aber wie errechnet sie Margen? Wie zahlt sie ihre Steuern ohne schriftliche Buchhaltung? Wie kalkuliert sie ihre Exportgeschäfte nach Guinea oder Nigeria? Diakite lächelt: Was für Fragen! „Kaum einer auf diesem Markt arbeitet mit schriftlichen Aufzeichnungen. Ich habe gelernt, alles im Kopf zu berechnen.“

Ihr einziges Hilfsmittel sind ihre Finger. Die Großmutter habe ihr beigebracht, das Dezimalsystem von Zehnern zu Hundertern zu Tausendern zu verstehen. Bei ihr habe sie als junges Mädchen gelernt, Zahlen im Kopf zu behalten und mit Fingern in ihrer Vorstellung zu addieren oder zu subtrahieren. Fehler – das beweise die Ladenkasse – unterliefen ihr kaum. Immerhin verdiene sie mehr als ihr Mann, ein Bauunternehmer mit Lkw-Vermietung. „Frauen sind in der Wirtschaft geschickter als Männer. Wir halten das Geld besser zusammen. Deswegen bin ich in meiner Familie der Finanz-Chef.“


Ihr Reich: Awa Diakite (stehend) in ihrer Stoffhandlung. Die anderen Fotos zeigen Straßenszenen in Bamako, der Hauptstadt Malis. Der westafrikanische Staat hat rund 18,6 Millionen Einwohner

Wichtig: ein Gefühl fürs Geld

Im westafrikanischen Textilgeschäft gibt es viele weibliche Erfolgsgeschichten. Schon in den Sechzigerjahren taufte man die großen Stoffhändlerinnen in Lomé und Togo „Mama Benz“ – sie gehörten zu den ersten Afrikanerinnen, die sich eigene Mercedes-Limousinen leisten konnten. Ganz so weit hat es Diakite noch nicht geschafft. Aber ihr Einkommen ermöglicht es ihr, eine geräumige Wohnung für die Familie und ihre Eltern zu mieten. Und nötige Anschaffungen – eine ihrer Töchter habe gerade eine teure Brille benötigt –, ohne Kredit zu finanzieren.

Am wichtigsten für ihr Geschäft sei das Vertrauen, sagt Diakite. Sie streichelt fast zärtlich über die Wand aus Stoffballen: „Den Großteil davon führe ich in Kommission. Mein Großhändler hält Buch – und ich vertraue ihm.“ Ganz ohne Kontrolle aber geht es nicht. Diakite hat jemanden angestellt, der die Menge der Stoffe zählt und regelmäßig in ein Schulheft einträgt. Außerdem komme einmal im Jahr der Mann von der Steuer und schätze ihren Umsatz. Vergangenes Jahr musste sie umgerechnet 90 Euro an den Staat abführen. Die Standmiete betrug in dem Zeitraum 130 Euro. Ausgaben, die sie in die Verkaufspreise einrechnet: „Ich habe von meiner Großmutter gelernt, das im Kopf zu überschlagen. In meiner Kalkulation sind selbst die Plastiktüten und das Mittagessen enthalten.“

Die Kauffrau redet offen über ihre Unfähigkeit zu lesen oder mehr als ein paar einfache Zahlen zu schreiben. Sie hätte sich zwar gewünscht, „wie die reichen Mädchen zur Schule zu gehen“. Aber diskriminiert fühle sie sich nicht. Stolz erzählt sie von ihren Export-Geschäften. Einmal im Jahr fahre sie für mehrere Wochen nach Kano und Abuja in Nigeria. „Die Bazin-Stoffe sind dort schwer zu erhalten, deshalb kann ich große Gewinne machen.“ Spricht sie denn Englisch? Nein, „aber wir Afrikaner haben so viel im Alltag gemeinsam, dass wir uns mit ein paar Brocken Französisch und Gebärden trotzdem verstehen“.

Bevor sie losfährt, berechnet Diakite die Menge der Ware und was sie der Transport, der Zoll und die Standmiete auf dem örtlichen Markt kosten wird. Noch wichtiger ist Marktforschung mithilfe von Kontaktpersonen vor Ort. „Du musst wissen, welche Farbtöne die Menschen bevorzugen.“ Jedes Jahr ändere sich die Mode und entsprechend passe sie die Rezepturen an, mit denen sie die weißen, noch unbehandelten Bazin-Stoffe aus China und Deutschland in ihrem Hof einfärbe. „Das kann niemand in einer Schule lernen.“

Auf Stärken jenseits formaler Bildung, setzt auch Aicha Touré. „Ich versuche die Kunden erst einmal in ein Gespräch zu verwickeln“, sagt die 28-Jährige mit dem Filmstar-Lächeln. Sie vermietet im Stadtteil Bako Djikoroni Wohnungen an Geschäftsleute und Durchreisende. Ihre Werbung ist Mundpropaganda. Die Verträge schließt sie ebenfalls mündlich ab – auf Vertrauensbasis und gegen Vorkasse. Das funktioniert. Touré serviert in ihrer geräumigen Terrassenwohnung mit Großbildfernseher und Klimaanlage Cola. Und erzählt von ihren Geschäftsreisen: „Jahrelang habe ich in Abidjan große Ballen Secondhand-Kleider aus Europa gekauft und mit dem Bus nach Bamako gebracht.“ Die Konfektionsware verkaufte sie an die Nachbarinnen im Viertel. Irgendwann reichte der Gewinn für eine Eigentumswohnung. Dann kamen eine zweite und eine dritte dazu.

Touré nimmt den Notizblock des Reporters, sie will demonstrieren, dass sie zumindest ihren Namen schreiben kann. Buchstabe für Buchstabe. Es sieht aus wie Malen. Dann hält sie lachend ihr Smartphone in die Höhe: „Ich schreibe keine Nachrichten – aber ich rufe immer gleich zurück, wenn ich eine erhalte.“ Mit ihrem Gewinn finanziere sie den Lebensunterhalt der Mutter und einer jüngeren Schwester. „Meine Schwester lernt von mir, wie das mit dem Markt funktioniert. Später will sie ein Restaurant eröffnen.“

Menschen ohne Schulbildung bleiben in Mali Berufe etwa im Gesundheitswesen oder in der Verwaltung verschlossen. Aber das Gros der Bevölkerung lebt ohnehin vom informellen Markt. Am Straßenrand finden sich Stände von Ungelernten, die innerhalb von Stunden und für Cent-Beträge Smartphones reparieren. Daneben Fotostudios, deren ganze Ausrüstung aus einer billigen Digitalkamera und Foto-Tapeten besteht. Oder ambulante Straßenküchen, die auch noch um ein Uhr nachts warme Speisen anbieten. „Egal was du machst“, sagt Awa Diakite. „Du musst bei den Älteren zuschauen, um ein Gefühl für das Geld zu bekommen – sonst kannst du das Geschäft gleich schließen.“

Für ihre Kinder hat sie etwas Besseres im Sinn. Deswegen schickt sie ihre zwei Töchter und zwei Söhne zur Schule. „Ich möchte, dass meine Kinder im Staatsdienst arbeiten. Meine Älteste soll in Amerika studieren. Die andere Tochter übernimmt mein Geschäft.“ Sie werde dank ihrer Schulbildung zwar nicht unbedingt mehr verdienen. Aber sie könne dann am Computer erledigen, was Diakite noch an ihren zehn Fingern abzählt. ---