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Wirtschaftsgeschichte

Grace Hopper programmierte den ersten Großrechner der USA – und sah die Digitalisierung voraus.





• Die beste Zeit, sich einem Ungeheuer zu nähern, war für Grace Hopper die Nacht. Statt zu schlafen, verbrachte sie viele Stunden im Keller des Insti-tuts, um diese große, laute Rechenmaschine zu verstehen.

Auf dem Harvard-Campus in Cambridge, Massachusetts, stand der Großrechner Mark I, den IBM gebaut hatte. Das Ungetüm war 15 Meter lang und 2,50 Meter hoch. Als die 37-jährige Mathematikerin Grace Hopper den Keller im Juli 1944 zum ersten Mal betrat, hatte das Gerät noch keine Abdeckung, sodass sie all seine Einzelteile in Bewegung sehen konnte. „Da stand diese wuchtige Riesenmaschine und machte eine Menge Lärm“, erzählte sie später.

Ihr neuer Chef war Howard Aiken, der als notorisch schlecht gelaunt beschrieben wird und seinen Mitarbeitern regelrecht Angst einjagte. Dass ihm für eine so wichtige Aufgabe eine Frau unterstellt wurde, war nicht in seinem Sinn. Missmutig zeigte er Hopper das Gerät, danach war sie erst einmal auf sich allein gestellt. „Nun ja, sie gaben mir ein Codebuch und sagten mir, ich solle loslegen.“ Es handelte sich um ein Notizbuch mit groben Anleitungen für die Maschine. Diese hatten ihre Kollegen bei ersten Testläufen geschrieben.

Das war der holprige Beginn einer großen Karriere: Grace Hopper wurde Computerpionierin, Erfinderin, Visionärin. Sie begann mit simplen Programmiertechniken für die ersten Rechenmaschinen und entwickelte diese im Laufe ihres Lebens weiter. An der Yale University hatte sie Mathematik studiert und das Fach dann selbst am College unterrichtet, was sie jedoch nicht erfüllte. Nachdem der Angriff auf Pearl Harbor sie schwer erschüttert hatte, meldete sie sich für den Militärdienst und begann 1943 bei der Marine. Der Rechner Mark I wurde von Angehörigen dieses Truppenteils an der Harvard University betrieben. Bis 1949 arbeitete die Mathematikerin dort im Rang eines Leutnants, danach in privaten Unternehmen.

Ihre Verwunderung über ihren einzigartigen Berufsweg hört man noch in späteren Interviews: „Ich wurde von der US Navy auf den ersten Computer der Vereinigten Staaten abkommandiert.“ Von ihrem jungen Kollegen Richard Bloch lernte sie nun alles über das Programmieren. Das Problem war nur, dass dieser selbst erst drei Monate zuvor damit angefangen hatte. „Und so wurde die Mark I – die komplexeste, einzigartigste Rechenmaschine, die jemals gebaut worden war – in die Hände einer unerfahrenen Marine-Offizierin und ihres 23-jährigen Sidekicks gelegt“, schreibt Kurt W. Beyer in seiner Biografie „Grace Hopper and the Invention of the Information Age“.

Um die Maschine zu verstehen, beschäftigte sich Hopper nun nächtelang mit den Schaltplänen, der Hardware. Zwischen ihrem Chef Howard Aiken und ihr entstand nach und nach eine enge Partnerschaft. Da Hopper seit ihrer Zeit als Dozentin gut erklären konnte, ließ Aiken sie ein Buch schreiben, das erste Programmierhandbuch überhaupt. Jeden Abend las Hopper ihm vor, was sie tagsüber geschrieben hatte, und hörte sich seine Kommentare dazu an.

Die Programmierer schrieben damals die Codes per Hand. „Dick Bloch war der Einzige, den ich je kennengelernt habe, der ein Programm in Tinte auf Anhieb korrekt schreiben konnte“, erzählte Hopper einmal. Anschließend wurden die Befehle in Lochkarten gestanzt, damit die Maschine sie lesen konnte.

Hoppers Geschichte illustriert auch die Rolle des Militärs für die Computerisierung. Im Zweiten Weltkrieg trieb die Armee die Entwicklung von Maschinen voran, die komplexe Rechenaufgaben mit hoher Geschwindigkeit lösen konnten. Während die Alliierten in der Normandie kämpften, berechneten die Mathematiker ballistisch die Flugbahnen von Geschossen. Auf schreckliche Weise berühmt wurden die Berechnungen an der Mark I zu der Atombombe, die 1945 Nagasaki traf.

Im Jahr 1980 sprach Grace Hopper in einem Interview über ihre Arbeit während des Krieges: Viele Aufgaben hätten sie und ihre Kollegen einfach gelöst, ohne zu wissen, wozu die Ergebnisse verwendet würden. „Uns wurde nur gesagt, wir sollten Tabellen mit bestimmten Funktionen anfertigen. Praktisch alles hatte mit dem Krieg zu tun.“

Von 1949 an arbeitete Hopper für private Firmen. So brachte sie nicht nur für das Militär digitale Entwicklungen voran, sondern auch für die Gesellschaft. Sie entwickelte einen Compiler, der den Quellcode einer Programmiersprache in Maschinensprache übersetzt. Damit vereinfachte sie die Arbeit enorm.

Auch den Begriff „bug“ für Fehler machte sie bekannt, wie Walter Isaacson schreibt in seinem Buch „The Innovators“: Eines Abends fiel das Nachfolgemodell Mark II aus. Das Team suchte den Fehler und fand einen Falter, der in einem Relais zerdrückt worden war. Die Programmierer klebten ihn in ihr Protokollbuch mit dem Kommentar: „Ersten Schädling (englisch: bug) leibhaftig gesehen.“ Seitdem heißt das Beheben von Störungen „debugging“.

Grace Hopper blieb zeit ihres Lebens fasziniert von der Technik. In dem Interview im Jahr 1980 – sie war damals 74 Jahre alt – sagt sie, sie habe erkannt, dass „die Menge an Information wachsen“ werde. „Ich glaube, wir haben nicht einmal begonnen zu verstehen, wie viel wir mit diesen Computern zu tun haben werden.“ Für die Geräte werde es immer spezifischere Funktionen geben. Und weil man die Software darauf abstimmen könne, werde die Reaktionszeit kürzer: „Es wird immer schneller gehen.“ ---