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SOS-Kinderdörfer

In SOS-Kinderdörfern finden Kinder ein neues Zuhause. Das gelingt nur mit Menschen, die sich rund um die Uhr um ihre Schützlinge kümmern. So wie Jörg Lamprecht, der in einer Einrichtung am Ammersee drei Mädchen und drei Jungen ein Ersatzvater ist.

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„Ich habe sie alle lieb“: Jörg Lamprecht und seine Pflegekinder im SOS-Kinderdorf am Ammersee

• In einer Frühlingsnacht im vergangenen Jahr sitzen Jörg Lamprecht, 58, und der 14-jährige Merlin* nebeneinander im Auto. Sie schauen auf die von Scheinwerfern mal hier, mal dort erhellte Autobahn und sprechen über den Tod. Merlins Mutter ist gestorben, vor einer Stunde kam der Anruf aus dem Krankenhaus. Am Telefon hatte Lamprecht gesagt: Wir kommen uns verabschieden, in zwei Stunden sind wir da. Während sie Richtung Norden durch Bayern fahren, bereitet er Merlin darauf vor, dass sich die Haut seiner Mutter kühl anfühlen wird. 

Sie sprechen auch darüber, auf welche Weisen ein Mensch bestattet werden kann. Auf einmal fällt Merlin ein, dass er kaum Fotos von ihr besitzt. Lamprecht verspricht, welche zu besorgen. Außerdem verspricht er ihm, dass sie das Grab regelmäßig besuchen werden. Merlin zweifelt nicht daran. Es ist nicht die erste schwere Stunde, in der Jörg Lamprecht für ihn da ist. Da zu sein ist Lamprechts Job.

Merlin nennt ihn Papa, genau wie die anderen fünf Pflegekinder: Linus, 8, Johan, 10, Tabea, 12, Sandra, 13, und Dora, 15. Sie alle leben unter einem Dach im SOS-Kinderdorf am Ammersee, zusammen mit Lamprecht, dessen Zimmer im ersten Stock liegt. „Ich hab’ sie alle lieb“, sagt er. Es ist Dienstagvormittag, die Kinder sind in der Schule. Der Hausherr nutzt die Zeit für eine Führung. Sie beginnt in der Küche, die von einem 4,70 Meter langen Tisch dominiert wird, um den zehn Stühle stehen. Lamprecht öffnet die Türen zu fünf Bädern, zeigt die Computerecke der Kinder und vergisst auch nicht die Porzellanverzierungen an Tabeas Prinzessinnenbett. Er schwärmt wie ein stolzer Vater. Im Flur bleibt er vor einer Tafel mit den Terminen seiner Schützlinge stehen: Saxofon, Geige, Mathe-Nachhilfe, Tanzen. Daneben hängt ein Holzkreuz, darauf ist zu lesen:

Lieber Gott
Erde braucht Regen
Pflanzen brauchen Sonne
Tiere brauchen Platz
Kinder brauchen Achtung
Menschen brauchen Liebe
Alle brauchen Dich

Lamprecht ist Katholik. Das ist nicht nur sinnstiftend, sondern auch praktisch. „Wenn ich mal wieder der Arsch bin, dann ist der liebe Gott immer noch der liebe Gott“, sagt er. Bei sechs Kindern braucht er diesen Trost eigentlich ständig. Er weiß zum Beispiel jetzt schon, dass Johan sauer sein wird, wenn er aus der Schule kommt. Am Morgen war der Elektriker da, um in dessen Zimmer eine Lampe anzubringen. Mit dem Fuß der Leiter hat er einige Spielzeugautos verschoben, die in einer langen Reihe aufgestellt waren. Das darf aber nicht passieren, weil ein nicht mehr an seinem Platz stehender Feuerwehrwagen Johans innere Ordnung empfindlich stören kann. Er ist Autist. Aus diesem Grund bringt ihn ein Fahrdienst zur Schule. „Eine Biene, eine Hummel, ein Schmetterling: Allein würde er nie in der Schule ankommen“, sagt Jörg Lamprecht.

Wer selbst Kinder hat, weiß, dass Liebe nicht nur Kopfkraulen, Buchvorlesen und Gute-Nacht-Kuss ist. Die Organisation eines kindgerechten Alltags schluckt einen Großteil dieser Liebe. Die Strumpfhose, die nicht kratzt, die Zahnpasta, die schmeckt, das Gefahre zum Judo-Training – all das ist Liebe. Wie Energie geht sie nicht verloren, sie tritt nur in unterschiedlichen Aggregatzuständen auf. Es geht vor allem darum, da zu sein, immer wieder da zu sein, niemals nicht da zu sein. Anwesenheit als das unausgesprochene Versprechen: Du bist nicht allein auf dieser Welt, in die du ungefragt gekommen bist.

Um allen Kindern gerecht zu werden, wird Lamprecht von zwei Pädagoginnen und einer Hauswirtschafterin unterstützt – Letztere ist seine Frau Eva-Maria. Das Zimmer am Ende des Ganges gehört den Erzieherinnen, hier schlafen sie, wenn die Lamprechts alle paar Wochen für einige Tage in ihr anderes Zuhause im thüringischen Eichsfeld fahren. Weil die Kinder das nicht mögen, haben sie einen Deal: Papa ist immer erreichbar. Wenn sein Telefon klingelt, hört er meist die Frage: In drei Tagen bist du wieder da, stimmt’s? Wieder und wieder müssen sie sich seiner versichern. Linus etwa, acht Jahre alt, kam schon als Kleinkind in die Familie. Ein ganzes Jahr lang saß Lamprecht Nacht für Nacht bei ihm am Bett, der Kleine konnte einfach nicht schlafen. Das Essen war auch ein Kampf, viel zu schmal war er, wollte nur Schokoriegel, kannte nichts anderes. „Als Linus seine erste Banane aß, haben wir gefeiert“, erinnert sich Lamprecht.

Das SOS-Kinderdorf Ammersee-Lech, eingeweiht am 7. Juni 1958, ist das älteste in Deutschland. Eine 33 000 Quadratmeter große Idylle südwestlich von München. 21 Gebäude ziehen sich einen Hang hinauf, im Tal hängt Herbstnebel. Außer den Lamprechts – so kann man das ruhig sagen – leben hier acht weitere Familien. Die anderen Häuser beherbergen Verwaltung, Gemeinschaftsräume und eine öffentliche Kita. Die Dorfstraße schlägt zwei Bögen und endet an einem Basket- ballplatz, der von gelbem Laub bedeckt ist. Zwischen Dorf und Seeufer erstreckt sich ein Vogelschutzgebiet, Kenner unterscheiden die Rufe von Kiebitz, Graugans und Stockente.

In das Kinderdorf kommen Kinder, die Gewalt oder sexuelle Übergriffe erfahren haben. Deren Eltern süchtig sind, psychisch krank oder massiv überfordert. Auch Empathielosigkeit kann das Kindeswohl gefährden. Es gibt Eltern, denen der sprichwörtliche Vater- oder Mutterinstinkt fehlt, die einfach nicht sehen, was ihr Kind braucht. Manchmal beginnt der Weg in ein Kinderdorf dramatisch. Wenn Gefahr im Verzug ist, werden Kinder schon mal von der Polizei aus der Schule geholt. Neuankömmlinge sind im Durchschnitt zwischen fünf und acht Jahre alt, es kommen aber auch Babys. Die SOS-Kinderdörfer sind auf langfristige Unterbringung ausgelegt. Das Jugendamt geht also nicht davon aus, dass sich die Verhältnisse in den Familien bald bessern. Nicht selten kommen mehrere Geschwister, weil ein solches Dorf die nötige Infrastruktur bietet. Die Schwester oder den Bruder in der Nähe zu haben kann eine zusätzliche Stütze sein.

Aber kann man eine Familie überhaupt nachbilden? Nein. Daher geht es im Kinderdorf nicht darum, die Familie zu kopieren, sie soll gelebt werden. Der Gründer der Organisation, Hermann Gmeiner, hat einst formuliert, was ein Kind braucht: eine Mutter, Geschwister, ein Haus und ein Dorf. Im Grunde hat sich daran bis heute nichts geändert.

Lamprecht wird nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt, nach Abzügen bleiben ihm etwa 2500 Euro. Das ist also geregelt, der Job ist es nicht. Vater ist man immer, ohne Pause, ohne Feierabend. Weil die Kinderdorffamilie eine Lebensgemeinschaft ist, greift das Arbeitszeitgesetz nicht. In diesem Haus klingt Work-Life-Balance wie eine Vokabel aus einer anderen Welt. Man müsse schon auf gewisse Weise vorgeschädigt sein, um das hier zu machen, sagt Lamprecht. „Und man braucht Liebe. Klingt abgedroschen, aber so ist es.“

Er selbst kommt aus schwierigen Verhältnissen, wuchs mit sechs Brüdern auf, einer der älteren war schwer krank, um den kümmerte er sich. Der Vater war kein schlechter Kerl, aber er trank, und wenn er trank, schlug er zu. Der Kummer seiner Mutter machte Jörg Lamprecht zu schaffen. Damals schwor er sich, es einmal besser zu machen.

Gegenüber seinen eigenen Kindern – beide sind mittlerweile erwachsen – hat er das Versprechen eingelöst. Aber das reichte ihm nicht. In der DDR war er Grundschullehrer, später Heimbetreuer, 2012 ging er ins Kinderdorf nach Bayern. Er habe immer ein Herz für jene gehabt, die keinen guten Start ins Leben hatten, sagt er. Seine Söhne verstünden das. Sie kennen ihren Vater nicht anders, er war immer gesellschaftlich engagiert. Dass er seine Enkel nicht bei jedem Entwicklungsschritt begleiten kann, macht er in den Wochen wett, in denen er in Thüringen ist.

In einer Kinderdorffamilie bestimmen klare Regeln den Umgang. Die Erzieherinnen in den Familien helfen nicht nur, sie sind auch eine Kontrollinstanz, außerdem muss Lamprecht den Alltag dokumentieren. Nicht alles, was in einer normalen Familie geht, geht auch hier. Seine drei Mädchen beispielsweise bräuchten viel Nähe, sagt Lamprecht, Nähe, die er ihnen nicht geben kann. Er kann sich nicht neben sie legen und sie in den Arm nehmen, wie es ein leiblicher Vater könnte. Sie haben deshalb ein Ritual entwickelt: Lamprecht legt ihnen die flache Hand auf den Kopf und zeichnet mit seinem Daumen ein Kreuz auf die Stirn. Es ist eine Art Allzweckgeste: Ich-hab’-dich-lieb, Auf-Wiedersehen und Pass-auf-dich-auf in einem. Manchmal muss er es trotzdem ein zweites Mal machen, doppelt hält besser.


Trotz aller Regeln und Rituale: Ausgelassenes Herumtoben muss sein

Ablehnung nicht persönlich nehmen – eine Kunst

Der Alltag im Kinderdorf sei „durchpädagogisiert“, sagt Kristin Teuber. Die promovierte Psychologin ist Referatsleiterin in der Münchener SOS-Zentrale. Für 38 Einrichtungen deutschlandweit entwirft sie die pädagogischen Leitlinien. „Der institutionelle Rahmen gibt den Kinderdorfmüttern und -vätern Sicherheit für ihre Aufgabe“, sagt sie. Viele Kinder entwickeln Verhaltensweisen, die schwer auszuhalten sind. „Manche sind aggressiv, andere verletzen sich selbst, viele können sich erst mal nicht auf eine Beziehung einlassen und sind zugleich sehr bedürftig.“ Für die Betreuer ist das eine enorme Herausforderung.

Trotz der Regeln soll die Beziehung zu den Kindern so unmittelbar wie möglich sein. Morgenrituale, Abendessen, Sanktionen, Geburtstage, Weihnachten, all das wird individuell gestaltet, wie in einer Familie eben. „Den Zustand gekonnter Deprofessionalität zu erreichen ist natürlich sehr professionell“, sagt Teuber. „Die Kunst ist, da zu sein, empathisch zu sein, verlässlich im Kontakt zu bleiben, aber Ablehnung möglichst nicht persönlich zu nehmen.“

Wenn etwa ein Kind erlebt hat, dass Nähe im Elternhaus zu sexuellen Übergriffen führt, wird es Zuneigung als Bedrohung empfinden. Wenn ein Kind zu Hause nicht ausreichend versorgt wurde, kann es sein, dass es im Kinderdorf Essen hortet, bis es unterm Bett schimmelt. Es dauere, das nötige Vertrauen aufzubauen, sagt Teuber. Sie erzählt von Kinderdorfeltern, die kaum Schlaf finden, weil die Kinder mehrmals in der Nacht zu ihnen ans Bett kommen, um zu sehen, ob sie noch da sind. „Man braucht schon eine sehr hohe Motivation, um diesen Job zu machen.“

Ein Betreuer muss auch wissen, dass die Kinder zu ihren leiblichen Eltern halten – egal was zu Hause vorgefallen ist. Deshalb werden sie einbezogen. Die Forschung hat gezeigt, dass sich Kinder besser entwickeln, wenn kein Loyalitätskonflikt zwischen Herkunftsfamilie und Kinderdorffamilie entsteht. Wenn es gut läuft, erkennen die leiblichen Eltern, dass es ihrem Kind im Dorf besser geht, und geben das auch zu.


Entwirft pädagogische Leitlinien: Kristin Teuber, Referatsleiterin in der Münchener Zentrale der SOS-Kinderdörfer

An Weihnachten geht es auf die Hütte

Jörg Lamprecht würde nie schlecht über die Eltern eines Kindes sprechen. Trotzdem muss er den Kindern ihre Situation erklären. Das fängt mit der Frage an: Warum bin ich hier? Sonst kann es passieren, dass sich die Kinder selbst die Schuld geben oder den Geschwistern. So war es bei Tabea und Johan. Tabea machte ihren kleinen Bruder dafür verantwortlich, dass sie von der Mutter wegmussten. Die war aber schon vor dem zweiten Kind überfordert gewesen. Seit Tabea das verstanden hat, kann sie ihren Bruder wieder lieb haben.

Wenn die Kinder volljährig sind, müssen sie ausziehen, für viele ein schwerer Schritt. Damit das Kinderdorf nicht zur Käseglocke wird, müssen sie lernen, dass sie nicht nur Teil der kleinen Dorfgemeinschaft sind, sondern auch der großen Welt drum herum. Einen Zaun gibt es deshalb nicht. Die Offenheit funktioniert beidseitig: Viele Ehemalige bleiben mit ihren Kinderdorffamilien in Kontakt.

So wie Armin, der mit 22 noch jedes zweite Wochenende bei den Lamprechts verbringt. Er ist der Beweis, dass auch eine zusammengewürfelte Familie eine Familie ist. Natürlich hat sie auch ihre eigenen Dynamiken: Drei von Lamprechts Mädchen sind gleichzeitig in der Pubertät. An einem Tag sind sie BFF, best friends forever, am nächsten hassen sie sich scheinbar grundlos. „Man braucht viel Humor, um das durchzustehen“, sagt Lamprecht. Wenn es mal wieder knallt, interveniert er, dann heißt es: in fünf Minuten im Büro. Dort setzt er sich auf den Stuhl mit der großen Lehne und lässt sich erklären, was vorgefallen ist.

Auch wenn es keinen Streit gibt, verbringt Lamprecht viele Stunden im Büro, um der Dokumentationspflicht nachzukommen. Er schreibt einen täglichen Bericht, notiert, welche Eltern sich gemeldet haben, oder fertigt Protokolle von Treffen mit Familienangehörigen an. Dann sind da natürlich noch der Budgetplan und diverse Förderanträge. Gerade hat er bei der Leiterin des Kinderdorfs eine Beteiligung für Merlins Klassenfahrt beantragt. In den Werbeprospekten auf dem Schreibtisch sucht er nach den Sonderangeboten der Woche. Bei so vielen Kindern lohnen sich Rabattaktionen gleich mehrfach.

Eine Großfamilie funktioniert nur mit einem eingespielten Rhythmus. Unter der Woche stehen Lamprecht und seine Frau um 5.45 Uhr auf, schmieren die Frühstücksbrote und hoffen, dass sich die Mädchen im Bad nicht in die Haare kriegen. Das erste Tagesziel: „Die Kinder haben gefrühstückt und verlassen das Haus pünktlich und mit guter Laune.“ Eltern wissen, dass dieser Satz trivial klingt, es aber nicht ist.

Die Nachmittage vergehen über Schularbeiten und Musikunterricht, kurz vor sechs gibt es Abendessen. Danach dürfen die Kinder noch eine Stunde fernsehen. Das Ecksofa im Wohnzimmer ist groß genug für alle, manchmal gibt es Streit, wer neben Papa sitzen darf. Meist ist es Linus, der Jüngste. Auch an Weihnachten sind sie alle zusammen. Lamprecht fährt sie mit seinem Neunsitzer ins Berchtesgadener Land, wo das Kinderdorf eine Hütte hat. Ende Dezember liegen dort schon mal drei Meter Schnee. Wenn die Wasserleitung eingefroren ist, ersetzen zwei Eimer Schnee die Toilettenspülung. Ein Tannenzweig aus dem Wald wird mit Christbaumschmuck dekoriert, es gibt Bratäpfel. Vor der Bescherung liest jedes Kind einen Teil der Weihnachtsgeschichte vor, wer das nicht kann, erzählt etwas. Dann ist Bescherung.

Was Geschenke angeht, sind die Kinder erfinderisch. Kürzlich wurde Lamprecht 58, Dora schenkte ihm ein Marmeladenglas mit 58 Papierröllchen, auf denen je ein Spruch steht. Viele hat die 15-Jährige selbst verfasst. Auf dem Zettel, den er heute Morgen entrollte, stand, er schaut kurz nach: „Von deiner Geduld sollten sich viele Menschen eine Scheibe abschneiden.“

Jörg Lamprecht lächelt, dann schaut er auf die Uhr und atmet tief durch. Gleich müssten die ersten seiner Schützlinge aus der Schule kommen. Dann wird aus dem stillen Haus wieder ein lebendiges Zuhause. Dafür wurde es gebaut. In drei Jahren könnte Lamprecht ausziehen und in den Vorruhestand gehen. Acht Jahre will er noch machen, sagt er, für die Kinder. „Dann sind sie aus dem Gröbsten raus.“ ---

(* Die Namen aller Kinder sind geändert.)

Der Verein SOS-Kinderdorf zählt zu den renommiertesten Jugendhilfeträgern in Deutschland. 1949 gründete Hermann Gmeiner das erste Kinderdorf im österreichischen Imst. Er war der Meinung, dass Kinder vier Dinge bräuchten: eine Mutter, Geschwister, ein Haus, ein Dorf. Die Idee einer Kinderdorfmutter als verlässliche Bezugsperson war nicht nur in der Fachwelt umstritten. Auch die Kirche sprach sich zunächst dagegen aus, weil sie das traditionelle Familienbild gefährdet sah. 1955 wurde der deutsche Ableger des Vereins gegründet, drei Jahre später das erste deutsche Kinderdorf am Ammersee. Anfangs machten Kriegswaisen einen Großteil der zu Betreuenden aus, heute sind es fast ausschließlich Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. An 38 Standorten beschäftigt der Verein landesweit 3907 Mitarbeiter und 1122 Ehrenamtliche. In mehr als 100 Kinderdorffamilien leben annähernd 700 Kinder und Jugendliche. Knapp 1300 werden darüber hinaus in stationären Wohngruppen betreut.