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Israel

Small Talk braucht man in Israel nicht. Auch unter Fremden geht es direkt ans Eingemachte.





• Als Journalistin steht die Arbeitsteilung bei einem Interview eigentlich fest: Ich frage, mein Gegenüber antwortet. In Israel jedoch werden die Rollen oft vertauscht: Bevor ich mein Aufnahmegerät anschalte, fragen meine Gesprächspartner erst einmal mich aus. Was hat dich nach Israel verschlagen, was hältst du von der Regierung, hast du Kinder, und bist du eigentlich jüdisch?

Unverfänglicher Small Talk ist in Israel weitgehend unbekannt und überhaupt unnötig, denn zwischen Fremden muss kein Eis gebrochen werden. Man kommt ohne rhetorische Umwege zum Eingemachten – ob im Beruf, auf Grillpartys oder auf der Straße.

Kürzlich nahm ich ein Taxi im Norden Israels zur jordanischen Grenze. Die Fahrt dauerte eine Viertelstunde, die mein Fahrer effizient dafür nutzte, sämtliche Aspekte meiner beruflichen und privaten Lebensplanung abzufragen.

Er war nicht anzüglich, bloß neugierig, wie so viele seiner Landsleute, und dabei frei von jeglichen Hemmungen. Ob Politik, Geld oder Religion – mit Themen, die in anderen Ländern unter Fremden als Tabu gelten, lassen sich in Israel problemlos Gespräche einleiten.

Die fehlende Distanz macht manches leichter: Die ausgedehnte, manchmal mühsame Kennenlernphase zu Beginn einer freundschaftlichen oder romantischen Verbindung, die Deutsche durchlaufen müssen, um sich miteinander wohlzufühlen, fällt in Israel kurz aus oder ganz weg.

Wem jedoch etwas an seiner Privatsphäre liegt, der hat es hierzulande schwer. In Cafés passiert es, dass Fremde sich in die politische Diskussion am Nebentisch einmischen, wenn sie eine dort gefallene Äußerung besonders lobens- oder empörenswert finden. Beim Joggen im Park hielt mich einmal eine Dame an, um mir den freundlichen Tipp zu geben, meinen Mp3-Player in die Tasche zu stecken, statt ihn unbequem in der Hand zu halten. Mütter mit Babys müssen in der Öffentlichkeit damit rechnen, Ratschläge oder gar Kritik zu Erziehung, Ernährung und Kleidung des Nachwuchses zu ernten.

Geraten zwei Fremde aneinander, kann es rasch laut werden, ohne dass dies Konsequenzen nach sich zöge: Man schreit sich einander ein paar deftige Beleidigungen zu, die oft mit der Mutter des Kontrahenten zu tun haben, um sich anschließend rasch zu beruhigen und seiner Wege zu ziehen. Wie bei einem herzhaften Familienstreit.

Apropos Familie: Manche erklären die israelische Direktheit damit, dass unter der jüdischen Bevölkerungsmehrheit das Gefühl vorherrscht, jeder sei mit jedem verbandelt. Treffen sich zwei Israelis, ist die Chance groß, dass der Bruder des einen mit der Cousine der Ex-Freundin des anderen in derselben Fakultät studiert hat. Andere erklären das Phänomen mit dem mehrjährigen Wehrdienst, den die meisten Israelis im Alter von 18 Jahren antreten müssen: Soldaten haben keine Zeit für umständliches Geplänkel, zudem schweißt die intensive Zeit – für Männer drei, für Frauen zwei Jahre – die Rekruten zusammen.

Das kollektive Bewusstsein einer jahrtausendealten und größtenteils tragischen Geschichte verbindet zusätzlich. „Achi“, zu Deutsch „mein Bruder“, ist eine verbreitete Anrede unter jungen israelischen Männern: Kumpel nennen einander so, Verkäufer und Barkeeper sprechen ihre Kunden damit an, und Naftali Bennett, nationalistischer Bildungsminister mit höheren Ambitionen, hat aus seiner häufigen Verwendung dieser Ansprache ein Markenzeichen gemacht. Seine Botschaft: Egal wer du bist, was du machst, wo du politisch stehst – als Juden gehören wir am Ende zur selben Sippe.

Die israelische Direktheit schlägt sich auch in der Wirtschaft nieder. Das Desinteresse an Formalitäten und Hierarchien gilt vielen Experten als einer der Schlüssel für die Innovationskraft der hiesigen Hightech-Branche: In israelischen Firmen wird ohne Rücksicht auf Rangordnung diskutiert, der Schülerpraktikant darf, ja, soll der Chefin widersprechen, wenn er glaubt, die bessere Idee zu haben. Der Vorteil der barrierefreien Debatte liegt auf der Hand: Werden mehr Stimmen gehört, kommen mehr Ideen auf den Tisch, und wenn keiner sich fürchten muss, Kritik an Vorgesetzten zu äußern, werden Fehler schnell entdeckt.

Auf ausländische Besucher kann die israelische Geschäftskultur indes irritierend wirken. Ein deutscher Dienstleister für interkulturelle Kommunikation rät auf seiner Website dazu, es nicht „allzu persönlich“ zu nehmen, sollten israelische Geschäftspartner ihre Kritik in deftigen Worten äußern oder Fragen nach dem Privatleben stellen.

Dass die hebräische Sprache keine formale Ansprache wie das deutsche Sie oder das französische Vous kennt, schafft zusätzliche Nähe, ebenso wie die Angewohnheit, gnadenlos jeden mit Vornamen anzusprechen. Nachnamen existieren quasi nicht. Richte ich wider besseres Wissen eine E-Mail an Professor Cohen, weil ich meine deutsche Förmlichkeit nicht abstellen kann, wird der seine Antwort-Mail garantiert mit „Dani“ unterzeichnen.


„Als Juden gehören wir am Ende zur selben Sippe.“

Bei meiner Arbeit sorgt die israelische Direktheit immer wieder für überraschende Momente. Ein älterer Professor, den ich zur nahöstlichen Sicherheitslage interviewen wollte, verwickelte mich in eine Diskussion über Familienplanung (stets ein großes Thema im kinderbegeisterten Israel). Eine Aktivistin in einem abgelegenen Dorf im Norden des Landes bot mir spontan an, im Gästezimmer ihrer Eltern zu übernachten, statt den späten Bus nach Hause zu nehmen. Und der Kassierer im Supermarkt um die Ecke, der jede Begegnung nutzt, um mir ein neues persönliches Detail zu entlocken, müsste demnächst genügend Material zusammenhaben, um meine Biografie zu schreiben. Die landestypische Direktheit macht das Leben und Arbeiten in Israel manchmal anstrengend, manchmal lustig, manchmal anrührend – nur eines gewiss nie: langweilig. ---