Vom großen Glück

Die Geschichte eines Mannes, der eigentlich nur ein Boot kaufen wollte.




• Wir stehen auf der Rialtobrücke über dem Canal Grande und schauen auf die Gondeln und Boote. „Papa, ich möchte auch ein Boot haben und da durchfahren.“ Es fiel mir schon immer schwer, eine Bitte meines Sohnes abzuschlagen, der damals 13 ist. Und ich will es ja auch, wenn ich ehrlich bin. „Wir werden das machen, Henri, wir kaufen uns ein Boot.“

Nach der Rückkehr aus unserem Italien-Urlaub fange ich an, bei Ebay nach einem Boot zu suchen. Ich denke an ein Schlauchboot mit einem kleinen Außenbordmotor. Das hätte ich mir noch leisten können. Aber ich verliere mich, je länger der Abend dauert, auf den Angebotsseiten mit wunderschönen weißen Motorjachten und fange an zu träumen von entlegenen Buchten, schäumender Gischt und romantischen Nächten in der Kajüte. Der Rotwein tut sein Übriges. Gegen Mitternacht gebe ich ein Angebot ab für ein älteres, reparaturbedürftiges Motorboot mit Kajüte und einem 165 PS starken Mercruiser-Innenbordmotor. Dann gehe ich schlafen. Am nächsten Morgen lese ich in einer E-Mail: „Herzlichen Glückwunsch. Sie haben die Auktion gewonnen.“

Für 2000 Euro bin ich über Nacht Besitzer einer kleinen, defekten Motorjacht geworden, die irgendwo an der Ostsee liegt und nur mit einem Führerschein gefahren werden darf, den ich nicht besitze. Um es an meinen Wohnort im schwäbischen Mittelgebirge zu schleppen, ist mein kleines Auto viel zu schwach. Das Boot wiegt weit mehr als eine Tonne. Als Erstes brauche ich also ein stärkeres Auto, als Zweites einen Liegeplatz, als Drittes einen Bootsmechaniker und als Viertes den Sportboot-Führerschein.

Wenige Wochen später steht das Boot in der Scheune eines Bauern auf der Schwäbischen Alb, der Motor liegt ausgebaut bei einem befreundeten Automechaniker, und ich sitze einmal die Woche abends im Führerscheinkurs und lerne Antworten auf Fragen wie: „Welches zusätzliche Schallsignal darf jeder Ankerlieger bei verminderter Sicht geben, um einem sich nähernden Fahrzeug seinen Standort anzuzeigen?“

Das Gefühl, als das Boot ein Jahr später in das Hafenbecken von Pisa am Mittelmeer abgelassen wird, ist mit Glück nur unzureichend beschrieben. Bevor mein Sohn und ich in den Canal Grande von Venedig fahren, müssen wir aber noch üben. Wir fahren den Arno von Pisa bis zur Mündung, und als wir das Meer erreichen, gibt es im Motorraum einen lauten Knall. Die Küstenwache schleppt uns zurück in den Hafen. Ein Automechaniker ist eben doch kein Bootsmechaniker. Aber der Schaden lässt sich sicher bald beheben. Die Ferien verbringe ich mit ölverschmierten Händen im Motorraum des Bootes. Manchmal bringe ich den Motor tatsächlich zum Laufen. Dann kommt wieder dieses Glücksgefühl, und ich vergesse, wie viele Tausend Euro ich schon in die Reparatur und in die Miete des Liegeplatzes gesteckt habe.

Immer wieder schaffen wir es ein paar Meter hinaus aufs Meer, dann qualmt es im Motorraum. Die Küstenwache kennt uns schon, sie lachen, wenn sie uns wieder zurück in den Hafen schleppen. Ihnen gefällt der Name unseres Schiffes: „Ave Maria“. So geht das drei Sommer lang. Mein Sohn hat immer seltener Lust, seinem Vater beim Reparieren zuzusehen, und so beschließe ich eines Tages, das Boot zurück über die Alpen zu ziehen und bei Berlin in die Havel zu legen.

Eines Nachts wache ich auf und habe nur noch einen Gedanken: Das Boot muss weg. Es ist fünf Uhr morgens, als ich es bei Ebay zu einem Spottpreis anbiete. Eine Stunde später hat es ein Mensch aus Dortmund gekauft, ohne es vorher anzuschauen. „Es gibt zwei glückliche Momente im Leben eines Bootsbesitzers“, hatte mir irgendjemand irgendwann einmal gesagt. „Dann, wenn er sich das Boot gekauft hat, und dann, wenn er es wieder verkauft.“ Es muss ein weiser Mann gewesen sein. --