Villeroy & Boch

Die traditionsreiche europäische Marke Villeroy & Boch steht seit 270 Jahren auf tönernen Füßen. Und will nun auf zeitgemäße Weise mit ihrer Geschichte wuchern.





• Am Hauptsitz in Mettlach kann man sich – je nach Stimmung – in unterschiedlichem Ambiente erleichtern. Eine jüngst sanierte und heute als Bürogebäude und Konferenzzentrum genutzte ehemalige Fabrik bietet sieben verschiedene Sanitärbereiche mit entsprechender Musik: vom „Zen-Garten“ bis hin zum im Metallic-Look gestalteten WC. Die Örtchen sollen demonstrieren, was mit den Produkten von Villeroy & Boch alles möglich ist.

Das saarländische Traditionsunternehmen ist – nach schwierigen Jahren – dabei, sich neu zu inszenieren. Maßgeblich verantwortlich dafür ist die Marketing-Leiterin Béatrice Jungblut. Sie kam vor vier Jahren zu Villeroy & Boch. Anders als bei Henkel, einem ihrer vorigen Arbeitgeber, hat sie es nun mit sehr langlebigen Produkten zu tun. „Keramik hält ewig“, sagt die 47-Jährige. Die Ausgangsmaterialien – Ton, Feldspat und Quarz – sind das verbindende Element der beiden unterschiedlichen Sparten Tischkultur sowie Bad und Wellness. Das Geschäft mit Toiletten und Waschtischen läuft derzeit wegen des Bau-Booms gut. Das mit Geschirr stagniert wegen sich verändernder Lebensstile; 36-teilige Services zur Aussteuer sind heute außer Mode.

Das Unternehmen ist mit der industriellen Produktion einstiger Luxusprodukte groß geworden, weshalb man sich in Mettlach gern die „Demokratisierung von Tisch- und Badezimmerkultur“ auf die Fahnen schreibt. Jungblut schwärmt von „der starken Marke, mit der hierzulande schon jeder in Berührung gekommen ist“, sowie der eindrucksvollen Familiengeschichte der Villeroys und Bochs.

Die Firma hat schon immer einen breiten Kundenkreis im Visier. So gibt es neben Geschirr-Klassikern wie „Alt Luxemburg“ zahlreiche weitere Kollektionen. Für die Generation Convenience sind Coffee-to-go-Becher aus Porzellan im Angebot und für den asiatischen Markt Teller mit Elefanten-Motiven, gegen die jede Mahlzeit verblassen muss. Und in der Sanitärausstellung steht eine mit Swarovski-Steinen verzierte Badewanne.

Das Sortiment soll künftig in opulentem Rahmen präsentiert werden. Das im Dreiländereck zu Frankreich und Luxemburg idyllisch an der Saar gelegene Werksgelände – mit einer ehemaligen Abtei als Schmuckstück – wird derzeit aufwendig umgestaltet. Die Arbeiten sind Teil eines Mettlach 2.0 genannten Stadtentwicklungsprogramms von Gemeinde und Unternehmen. Villeroy & Boch investiert bis zum Jahr 2021 rund 20 Millionen Euro in das Projekt. Eine „Markenerlebniswelt“ soll Shopping-Touristen und Freunde der Industriekultur anlocken.

Man setzt auf ein Pfund, mit dem andere nicht wuchern können: Geschichte. Die hält auch Überraschungen bereit. So erfuhr Béatrice Jungblut nach Antritt ihres Jobs, dass sie in die Fußstapfen ihres Urgroßvaters getreten ist: „Er hat bei Villeroy & Boch Porzellanmaler gelernt, bevor er sich als Künstler selbstständig machte.“ --

Villeroy & Boch AG

Mitarbeiter: 7500
Umsatz 2017: 836,5 Mio. Euro 
davon Bad und Wellness: etwa zwei Drittel
Gewinn: 29,8 Mio. Euro

François Boch gründet 1748 in Lothringen eine Töpferei. Später zieht die Firma nach Luxemburg um und entwickelt sich dank staatlicher Förderung und zeitgemäßer Technik zum ersten Großbetrieb des Landes. Jean-François Boch aus der dritten Generation kauft 1809 eine ehemalige Benediktiner-Abtei in Mettlach, baut dort eine Fabrik auf und entwickelt weißes, festes Steingut, das erheblich billiger als Porzellan ist. 1836 fusioniert Boch mit dem Konkurrenten Nicolas Villeroy; gemeinsam expandieren sie ins Ausland. Später wird das Sortiment um Fliesen und Sanitärartikel erweitert. Die Firma übersteht die beiden Weltkriege, die Grenzverschiebungen in der Region und wächst mit dem deutschen Wirtschaftswunder. 1990 geht das Unternehmen an die Börse; die mehr als 200 Aktionäre der Familie behalten dank ihrer Stammaktien bestimmenden Einfluss. Nach dem Vereinigungs-Boom gerät die Firma in Schwierigkeiten. Ab 2009 leitet mit Frank Göring ein externer Manager das Unternehmen. Er muss die Folgen der Finanzkrise und verbotener Preisabsprachen bewältigen – für die 2010 eine EU-Kartellstrafe von 71,5 Millionen Euro zu zahlen ist. Göring gelingt die Wende. Er setzt auf Internationalisierung und die Kraft der Marke.