Sind Daten das neue Geld?

Warum der Preis eines Produktes im Datenkapitalismus an Bedeutung verliert.





• Geld ist eine der wichtigsten Erfindungen. Ohne Geld wäre die Marktwirtschaft nicht weit gekommen, denn es löst mehrere Probleme auf einmal. Erstens lassen sich damit Werte speichern und zweitens von einer Person oder Organisation auf eine andere übertragen. Der dritte Vorzug wird gern übersehen: Geld überträgt eine Fülle von Informationen in einem einzigen Datenpunkt, dem Preis.

Preise vereinfachen das Leben. Der österreichische Nationalökonom Friedrich von Hayek wurde zeitlebens nicht müde, die Bedeutung des Preises als Informationsträger zu betonen. Sein Paradebeispiel war der Aktienmarkt: Im Preis einer Aktie, so die liberale Wirtschaftstheorie, sind alle auf dem Markt verfügbaren Informationen enthalten. Gute wie schlechte Unternehmenszahlen, Nachrichten aus der Branche und Vorhersagen zur Weltkonjunktur sind demnach „eingepreist“. Das ist für uns Menschen mit unseren begrenzten kognitiven Fähigkeiten ungemein praktisch. Wir können mit diesem Datenpunkt, der alle Informationen zusammenfasst, gut umgehen.

Von der Fülle der Informationen, die dahinterstehen, sind wir hingegen überfordert. Das menschliche Gehirn kann unterschiedliche Objekte mit verschiedenen Eigenschaften nur sehr schlecht miteinander vergleichen. Wenn ein Kunde eher säuerliche Früchte in Bioqualität mag, es im Supermarkt aber nur Bio-Bananen oder Boskop-Äpfel aus konventionellem Anbau gibt, weiß er nicht mehr, was er kaufen soll. Er schaut dann sofort auf den Preis, und zwar nicht nur, weil er Geld sparen möchte, sondern weil der Orientierung verspricht. Wir haben im Sinne Hayeks verinnerlicht, dass uns der Preis auf einen Schlag alle verfügbaren Informationen des Produktes verrät.

Doch dieser Glaube hat seine Tücken. Oft verleitet uns der Blick aufs Preisschild zu unüberlegten Kaufentscheidungen. Marketingfachleute nutzen daher Preise systematisch, um uns die Irre und zu ihrem Produkt zu führen. Doch das wird sich dank digitaler Hilfsmittel in Zukunft ändern.

Seit rund 20 Jahren diskutieren Ökonomen, Wissenschaftler und Politiker darüber, wie die Digitalisierung das Leben und die Gesellschaft verändert. Eine wenig beachtete Erkenntnis: Daten sind das neue Geld, denn sie übernehmen schrittweise die Informationsfunktion des Geldes.

Daten sind digitalisierte, maschinenlesbare Informationen. Dank ihnen und den sie verarbeitenden Systemen lassen sich Informationen schneller, günstiger und präziser austauschen. Das Einkaufserlebnis bei Amazon mit seinen bequemen Suchfunktionen und Empfehlungen ist ein technisch ausgereifter Vorbote einer Entwicklung, die alle Märkte mit etwas Zeitverzögerung durchlaufen werden.

Mithilfe von Daten können Anbieter die Merkmale ihrer Produkte oder Dienstleistungen immer genauer beschreiben. Die Kunden können auf der anderen Seite ihre Vorlieben digital erfassen und beschreiben – also die Frage beantworten: Was suche oder brauche ich eigentlich? Wenn nun Systeme in für sie lesbarer Form Angebot und Nachfrage kennen und wissen, was die einen haben und was die anderen wollen, dann können sie beide viel treffender zusammenführen. Der Preis wird dann zu einem Datenpunkt unter vielen.

Eine Vorahnung geben datengetriebene Plattformen wie die digitale Mitfahrzentrale Blablacar. Der Name des Unternehmens verweist auf den sogenannten Chatiness-Faktor. Fahrer und Mitfahrer geben auf der Plattform an, wie gesprächig sie sind. Bla = findet Reden als soziale Kompetenz maßlos überschätzt. Blablabla = Plaudertasche, die Gesprächspausen von mehr als drei Sekunden nur schwer aushält. Damit es zu angenehmer Stimmung im Auto kommt, teilen die Plattformnutzer aber auch noch Daten über Vorlieben wie Musikgeschmack, Tierliebe oder sportliche Interessen. Die Matching-Algorithmen bringen dann Angebot und Nachfrage zusammen. Der Preis spielt auf diesem Markt dann so gut wie keine Rolle mehr, denn der Fahrer kann diesen nur in engen Grenzen variieren.

Blablacar oder auch kuratierte Shopping-Plattformen wie Stitch Fix, die im Abo-Modell Mode vertreiben, sind Post-Preis-Händler. Die Kunden schauen nicht mehr aufs Geld, sondern darauf, ob das Angebot zu ihnen passt.

Das heißt freilich nicht, dass der Datenpunkt Preis auf den meisten Märkten irrelevant wird. Denn selbstverständlich werden Preise auch weiter zum Ausschlusskriterium, wenn sie unser Budget überschreiten.

Aber wir werden dank Daten nicht mehr auf den Preis starren müssen, weil uns die Vielfalt von Produktinformationen überfordert. Digitale Assistenten werden uns dabei helfen, im Rahmen unserer Budgetgrenzen die passenden Angebote aus der Vielfalt herauszusuchen und dabei im Übrigen auch nicht auf die Taschenspielertricks der Marketingleute hereinzufallen, die einen übermäßig teuren Fernseher im Geschäft haben, damit der zweitteuerste daneben wie ein Schnäppchen wirkt.

Die Zukunft sieht eher so aus: Unser altes Smartphone wird wissen, welches neue Smartphone zu uns passt. Denn es weiß, wie viel wir telefonieren, welche Anforderungen wir an die Kamera haben und wie viel Speicherplatz wir benötigen, weil wir Musik auch offline hören. Das Smartphone als Shopping-Assistent wird auch wissen, wo es das neue Produkt günstig gibt, wenn man die Details der Garantie- und Umtausch-Regelungen berücksichtigt.

Daten sind also nicht im Wortsinn das neue Geld. Aber sie sind ein technisches Hilfsmittel, das die Informationsfunktion des Geldes übernimmt. Hierin liegt der eigentliche Wert der Daten für den ökonomischen Fortschritt. Das Geld war die wichtigste Ressource des Finanzkapitalismus. Im Datenkapitalismus wird es an Bedeutung verlieren. --

Im Econ-Verlag erschienen:
Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge: Das Digital – Markt, Mehrwert und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus