Rolle rückwärts

Vor zehn Jahren platzte in den USA die Immobilienblase. Eine der größten Finanzkrisen in der Geschichte des Landes brach aus – und riss die Welt mit.

Was haben die Verantwortlichen daraus gelernt?





• Am 30. November 2016, nur wenige Stunden nachdem US-Präsident Donald Trump ihn zum Finanzminister berufen hatte, trat Steven Mnuchin im Fernsehen auf. Er trug eine leuchtend rote Krawatte und sagte: „Wir haben ein großartiges Wirtschaftsteam und werden dem Land bald wieder zu einem großartigen Wachstum verhelfen.“

Dann verkündete er, worauf die Wall Street gewartet hatte: Man werde Teile der viel zu komplizierten Bankenregulierung wieder rückgängig machen, das habe „oberste Priorität“.

Eine Kampfansage. Denn der sogenannte Dodd-Frank-Act, der die Regulierung der Banken verschärft hat, war 2010 nach langen, harten Auseinandersetzungen in Kraft getreten. Das 848 Seiten lange Gesetz ist die Antwort auf eine der größten Finanzkrisen in der Geschichte der USA. Nie wieder, so der ihm zugrunde liegende Gedanke, sollten solche Exzesse möglich sein wie die, die zum Desaster von 2007/2008 geführt hatten.

Die Wall Street hatte sich von Beginn an durch das Gesetz gegängelt gefühlt und es mit massiver Lobbyarbeit bekämpft. Solange Barack Obama Präsident war, mit wenig Erfolg. Nun aber hat sich die Lage geändert. Vor allem seit Mnuchins Berufung können sich die Banker des Wohlwollens der Regierung sicher sein.

Denn der neue Finanzminister ist einer von ihnen. Sein Vater war Zeit seines Berufslebens bei Goldman Sachs, er selbst immerhin 17 Jahre lang. Danach gründete er mit Unterstützung des Investors George Soros den Hedgefonds Dune Capital, benannt nach einem Strandabschnitt in den Hamptons, wo er, wie viele reiche New Yorker, eine Villa besitzt. 2005 wechselte er das Fach und wurde Hollywood-Produzent, kehrte aber wenige Jahre später ins Bankgeschäft zurück. Die Finanzkrise hatte da schon ihre Spuren hinterlassen, und Mnuchin erkannte die Gelegenheit, die sich daraus ergab. Er führte eine Gruppe von Investoren an, die für 1,5 Milliarden Dollar die IndyMac Bank übernahm, einen Spezialisten für Hypothekenkredite, der der Krise zum Opfer gefallen und in Staatsbesitz übergegangen war. Mnuchin setzte sich an die Spitze des Geldhauses, benannte es in OneWest um und machte sich daran, massenhaft säumige Kreditnehmer aus ihren Häusern zu klagen. Das brachte ihm den Beinamen „Mr. Zwangsversteigerung“ ein. Mehrfach wurde gegen ihn wegen unlauterer Geschäftspraktiken ermittelt, doch belangen konnte man ihn nie. 2015 verkauften er und seine Partner OneWest für 3,4 Milliarden Dollar an die CIT Group. Der Deal hatte sich gelohnt.

Angesichts der Vergangenheit von Steven Mnuchin verwundert es nicht, dass unmittelbar nach seinem Amtsantritt im Kabinett Trump die Deregulierung der Branche Fahrt aufnahm. Doch es formierte sich auch Widerstand. Die Befürworter strenger Regeln fragten alarmiert: Haben wir nichts daraus gelernt, dass im Jahr 2008 die Großbank Lehman Brothers bankrottging, riesige Finanzkonzerne mit Steuergeldern in Höhe von 700 Milliarden Dollar gerettet werden mussten und Millionen Bürger ihre Häuser, Ersparnisse, Jobs verloren?

Die Krise

Die Erinnerung an das Jahr 2008 wird in diesen Tagen wieder wach. Die Finanzkrise brachte das kapitalistische System ins Wanken, und in ihrer Folge kam es zu einer weltweiten Wirtschaftskrise mit einem hohen Anstieg der Arbeitslosigkeit, zu drohenden Staatspleiten in Europa, zur Euro-Krise und zum Aufstieg populistischer Parteien.

Begonnen hatte alles damit, dass in den USA Banken und Hypothekengesellschaften massenhaft Kredite an Immobilienkäufer mit schlechter Bonität vergeben hatten. Normalerweise würde sich aufgrund des hohen Ausfallrisikos keine Bank auf solche Geschäfte einlassen, doch die Verantwortlichen in den Geldhäusern hatten einen Weg gefunden, die gefährlichen Kredite aus der Bilanz verschwinden zu lassen: Sie wandelten sie in handelbare Wertpapiere um, schnürten große Bündel aus sicheren und extrem riskanten Krediten und verkauften sie an institutionelle Anleger wie Versicherungen oder Investmentfonds. Diese Finanzinnovation hatte dramatische Folgen: Die Banken konnten ihre Kreditvergabe stark ausweiten und das Risiko weiterreichen, an sogenannte Schattenbanken, die ohne jede Aufsicht agierten.

Dann platzte die Blase, und die Immobilien, die als Sicherheiten gedient hatten, verloren dramatisch an Wert. Panisch versuchten Banken und Investoren, ihre auf gefährlichen Krediten basierenden Verbriefungen loszuwerden, doch jetzt wollte sie keiner mehr haben. Ihr Wert fiel ins Bodenlose.

Verheerend war, dass sich in dieser Situation die Banken untereinander misstrauten. Da niemand wusste, wer welche Ramschpapiere besaß, sank die Bereitschaft erheblich, sich gegenseitig Kredit zu gewähren oder Wertpapiere abzukaufen. Die globalen Finanzmärkte erstarrten, die Banken strichen die Kredite an Unternehmen zusammen, die Wirtschaft erlahmte.


Im Dezember 2007 hat ein einziger Trader bei Morgan Stanley neun Milliarden Dollar verzockt. Keine zehn Monate später stand die Großbank vor dem Bankrott.
Dennis Kelleher, Jurist

Die Reaktion

Der 2010 verabschiedete Dodd-Frank-Act hat in verschiedener Hinsicht Lehren aus der Krise gezogen. Um zu vermeiden, dass der Staat noch einmal in die Lage gerät, große, systemrelevante Banken retten zu müssen, verlangt das Gesetz erstens, dass die Institute als eine Art Airbag gegen Verlustgeschäfte eine bessere Eigenkapitalausstattung besitzen. Vor der Krise lag sie bei vielen Großbanken unter drei Prozent der Bilanzsumme. Seit Dodd-Frank muss die Eigenkapitalquote mindestens fünf Prozent betragen, zudem kann die Aufsichtsbehörde je nach Ermessen weitere 2,5 Prozent verlangen.

Zweitens müssen Banken sich aus allzu riskanten Geschäften heraushalten. Vor der Krise durften sie genauso wie Hedgefonds auf eigene Rechnung (also nicht im Auftrag von Kunden) mit Aktien und Anleihen spekulieren. Damit ist es nun vorbei. Die sogenannte Volcker Rule verbietet den Eigenhandel weitgehend. Banken, so der Gedanke, sollen sich wieder stärker auf das Privatkunden- und Kreditgeschäft konzentrieren. Auch ihre Beteiligung an Hedgefonds und Private-Equity-Gesellschaften ist stark limitiert.

Es gibt außerdem mit dem Financial Stability Oversight Council nun erstmals eine Behörde, die das gesamte US-Finanzsystem überwacht. Die Krisenfestigkeit der größeren Banken wird in jährlichen Stresstests überprüft. Zudem müssen sie einen jährlich zu aktualisierenden Plan für die eigene Abwicklung vorlegen – mit dem Ziel, in Schieflage geratene Institute einem Insolvenzverfahren unterwerfen zu können, ohne dass die Wirtschaft größeren Schaden nimmt. Vor der Krise gab es so etwas nicht. Banken, denen der Bankrott drohte, mussten mit Steuergeldern vor dem Untergang bewahrt werden, um zu verhindern, dass sie aufgrund von Verflechtungen andere Geldhäuser mit in den Abgrund rissen.

Die Debatte

Schon bevor Obama im Juli 2010 den Dodd-Frank-Act unterzeichnete, hatten rund 3000 Banken-Lobbyisten mit Mitgliedern des gesetzgebenden US-Kongresses um jedes Detail gerungen. Später setzten sie den Kampf, der bis heute anhält, in noch deutlich höherer Anzahl fort. Besonders die Volcker Rule ist den Banken ein Dorn im Auge: Das Verbot des Eigenhandels bedeutet für sie, auf Milliardenumsätze verzichten zu müssen. Die Regelung sei viel zu kompliziert, lautet der Vorwurf.

„Ständig läufst du Gefahr, gegen das Gesetz zu verstoßen, weil bestimmte Deals im Dienste unserer Kunden als Eigenhandel ausgelegt werden könnten“, schimpft ein Manager eines großen Instituts, der anonym bleiben möchte. James Dimon, der Chef der Großbank J. P. Morgan Chase, höhnte einmal: „Seit der Volcker Rule braucht es, um sauber zu bleiben, einen Rechtsanwalt und einen Psychiater, die neben dir sitzen und bei allem, was du tust, deine Intention interpretieren.“

Die Banker werden von marktradikalen Ökonomen unterstützt, die staatliche Regulierung generell kritisch sehen. Einer von ihnen ist Charles Calomiris, Professor für Finanzinstitutionen an der Columbia Business School in New York. Beim Thema Bankenregulierung redet er sich in Rage, wütet über „unfähige Politiker, die nur so tun, als würden sie Probleme lösen, um sich bei den Wählern beliebt zu machen“. Die Volcker Rule sollte ersatzlos gestrichen werden, fordert er. Überhaupt seien die Banken nicht das Problem, sondern deren Instrumentalisierung durch die Politik. „Der spekulative Eigenhandel hat die Krise von 2008 nicht verursacht.“

Auslöser, so der Professor, seien vielmehr zwei staatliche Anreize gewesen: zum einen die extrem lockere Geldpolitik, die die Zinsen künstlich niedrig gehalten und zum Entstehen spekulativer Blasen auf Aktien- und Immobilienmärkten beigetragen habe; zum anderen die massive Eigenheimförderung und damit verbunden die Subventionierung von Hypothekengesellschaften und deren großzügige Kreditvergabe. „Beides zusammen hat die Banken unter Druck gesetzt, sich ebenfalls im Geschäft mit Krediten für Immobilienkäufer mit schlechter Bonität zu engagieren.“

Calomiris weist zurecht auf die Mitschuld des Staates hin, doch das ändert nichts daran, dass undurchsichtige Spekulationen der Banken eine wichtige Rolle bei der Krise spielten. „Der Eigenhandel versprach große Profite und hat die Banken dazu verführt, Eigenkapital und Liquidität auf ein Minimum herunterzufahren und stattdessen zu zocken“, sagt Dennis Kelleher. Der 60-jährige Jurist hat 2010 mit dem Hedgefonds-Manager Michael Masters die in Washington ansässige Non-Profit-Organisation Better Markets gegründet – in der Überzeugung, dass das Investmentbanking strenge Regeln braucht und die Lobby der Wall Street ein Gegengewicht. „Im Dezember 2007“, sagt Kelleher, „hat ein einziger Trader bei Morgan Stanley neun Milliarden Dollar verzockt. Keine zehn Monate später stand die Großbank vor dem Bankrott. Sie könne am Montag aufgrund mangelnder Liquidität ihre Türen nicht öffnen, schrieb sie am 19. September 2008 in einer E-Mail an die Notenbank.“ Der Eigenhandel habe die Krise vielleicht nicht direkt verursacht, ergänzt er. „Aber er hat die Banken extrem verwundbar gemacht.“

Ein großes Risiko ging auch von sogenannten Credit Default Swaps aus. Finanzriesen wie Morgan Stanley, die Deutsche Bank und Goldman Sachs wetteten mit diesen Derivaten auf ein Platzen der Immobilienblase, während sie gleichzeitig die mit hohem Ausfallrisiko behafteten Wertpapierbündel verkauften.

Sie verdienten Milliarden damit, dass das Produkt, das sie selbst verkauften, an Wert verlor, wetteten somit gegen die eigenen Kunden. Diese Praxis spitzte die Finanzkrise dramatisch zu. Denn der Zusammenbruch des Immobilienmarkts brachte nicht nur die Käufer der auf gefährlichen Häuserkrediten basierenden Wertpapierbündel in Not, sondern auch die Käufer der Swaps. Der bei Weitem größte war der US-Versicherungskonzern AIG. Sein Bankrott hätte für seine Wettpartner beim Swap-Handel, vor allem Großbanken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley, Milliardenverluste nach sich gezogen. Nur dank staatlicher Hilfe in Höhe von 85 Milliarden Dollar wurde das verhindert.

Anat Admati, Professorin für Finanz- und Volkswirtschaft an der Stanford University, hatte sich als Lehre aus der Geschichte radikale Veränderungen gewünscht. Dodd-Frank geht ihr nicht weit genug. Müssten Finanzinstitute wie gewöhnliche Unternehmen mit dem Geld ihrer Aktionäre wirtschaften statt mit geliehenen Einlagen (inklusive dem Geld von Sparern), würde das die Zockerei eindämmen, so die Überzeugung der Professorin. Sie plädiert daher für eine Eigenkapitalquote von 20 bis 30 Prozent – etwa fünfmal so hoch wie heute verlangt.

Mike Konczal hält diese Forderung für überzogen. Der Experte für Finanzregulierung am Roosevelt Institute, das den Demokraten nahesteht und Hillary Clinton im Wahlkampf beriet, sagt: „Das Ziel von Dodd-Frank ist nicht, alle Gefahren des Finanzsystems zu eliminieren, sondern diese besser zu managen. Das gelingt dem Gesetz heute schon gut.“

Die Ignoranz

Die Frage ist: Wie lange noch? Denn eine Mehrheit der Politiker im US-Kongress will die Banken wieder von der Leine lassen. Die Republikaner würden dabei sehr weit gehen, wie ein Gesetzentwurf aus ihren Reihen zeigt, der im vergangenen Jahr bereits vom Repräsentantenhaus verabschiedet wurde. Der sogenannte Financial Choice Act würde die Banken von allen speziellen Auflagen und der Volcker Rule befreien, wenn sie im Gegenzug ihre Eigenkapitalquote auf lediglich zehn Prozent erhöhten. Gefährliche Wertpapiergeschäfte auf eigene Rechnung wären ihnen damit wieder erlaubt.

Um Gesetz zu werden, bräuchte der Choice Act eine Zweidrittelmehrheit im Senat, was von Anfang an aussichtslos war. Doch allein der Versuch zeigt, dass für die Republikaner, die sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat eine Mehrheit besitzen, die Sicherheit des Finanzsystems zehn Jahre nach der Krise keine Priorität mehr hat. Sie beklagen stattdessen, dass die Regulierung den Banken zu hohe Kosten auferlege und so deren Kreditvergabe hemme, was die gesamte Wirtschaft bremse.

Das Bild von allzu kurz gehaltenen Instituten erweist sich beim Blick auf die Bilanzen allerdings als realitätsfern. Die Geschäfte boomen, der Branchenprimus J. P. Morgan Chase erzielte in den ersten drei Monaten des Jahres 2018 den höchsten Profit, den eine Bank in einem Quartal je erzielt hat. Die gesamte Branche machte im vergangenen Jahr 175 Milliarden Dollar Gewinn und schüttete Rekord-Dividenden aus.

Ungeachtet dessen hat auch der Finanzminister Steven Mnuchin Empfehlungen zu einer weitreichenden Aufweichung der Regulierung formuliert. Zu gern, sagen Beobachter, würde er als der Minister in die Geschichte eingehen, unter dem die Banken aus den Fesseln von Dodd-Frank befreit wurden.

Der Trend, die Lehren aus der Krise zu ignorieren, ist unverkennbar. Inzwischen gibt es einen zweiten,  ebenfalls von den Republikanern initiierten Gesetzentwurf. Dieser hat mit der nötigen Zustimmung von 13 Demokraten den Senat passiert, wird nun in den Ausschüssen des Repräsentantenhauses diskutiert und vermutlich noch leicht geändert. Er lässt die Regulierung der größten US-Banken unangetastet, lockert aber für kleinere und mittlere Institute die Vorschriften.

Bislang lag die Schwelle, von der an Banken als systemrelevant eingestuft werden und besonderer Kontrolle unterliegen, bei einer Bilanzsumme von 50 Milliarden Dollar. Der neue Gesetzentwurf will sie auf 250 Milliarden Dollar anheben. Der Regulierungsexperte Konczal hält das für „unverantwortlich“. 26 der 39 größten US-amerikanischen Banken würden von den Stresstests und anderen Auflagen befreit, „darunter viele, die in die Finanzkrise verwickelt waren“. Ebenso entsetzt sagt Dennis Kelleher: „Wenn das durchkommt, wäre es wie eine Bitte um den nächsten Horror-Crash.“

Steven Mnuchin ist für solche Bedenken offenbar unempfänglich. Er steht für eine neue Zeit. Als im November 2017 die ersten Dollarnoten, die seine Unterschrift tragen, aus der Druckerpresse kamen, nahm er das zum Anlass, zusammen mit seiner Frau, der schottischen Schauspielerin Louise Linton, die Staatsdruckerei in Washington zu besuchen. Die Fotos, die dabei entstanden, muten bizarr an: Das Ehepaar hält einen großen Papierbogen mit Dollarnoten hoch und blickt bewusst verwegen in die Kamera. Er in feinem Zwirn, sie ganz in Schwarz, mit langen Lederhandschuhen. Als mehrere Kommentatoren das Paar mit Schurken aus einem James-Bond-Streifen assoziierten, fasste der Finanzminister das als Kompliment auf. --