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Hamilton (Musical)

Ein Hip-Hop-Musical über Amerikas ersten Finanzminister? Rappen über das Bankensystem? Klingt sperrig bis überpädagogisch. Doch „Hamilton“ bricht am Broadway alle Rekorde. Und soll nun auch nach Deutschland kommen.






The ten-dollar founding father without a father got a lot farther by working a lot harder by being a lot smarter by being a self-starter.
Lin-Manuel Miranda – Hamilton

• Als im April 2009 sein Telefon klingelt und das Weiße Haus ihn einlädt, bei einem Liederabend für den frisch vereidigten US-Präsidenten Barack Obama zu singen, ist Lin-Manuel Miranda 29 Jahre alt. Er hat gerade mit dem von ihm geschriebenen und komponierten Musical „In The Heights“ einen Achtungserfolg erzielt – aus diesem Werk über ein Einwandererviertel möge er doch bitte etwas vortragen.

Miranda geht hin. Aber als er vor Barack Obama, dessen Frau Michelle und hochrangigen Gästen auf einer kleinen Bühne steht, kündigt er eine andere Nummer an. Er schreibe an einem größeren Werk über Alexander Hamilton, den ersten Finanzminister der USA. Hip-Hop übrigens. Gelächter im Saal. Ein Rap über einen längst verstorbenen Bürokaten? Dann beginnt Miranda mit schelmischem Grinsen und zu Klavierbegleitung zu rappen. In einem Song erzählt er die Lebensgeschichte des Mannes, der im Vergleich zu Zeitgenossen wie Thomas Jefferson und George Washington als einer der unwichtigeren Gründerväter gilt. Nicht nur die First Lady schnippt begeistert mit – am Ende erheben sich alle zum Stehapplaus.

Miranda arbeitete nach dem kurzen Auftritt noch sechs Jahre an seinem Musical über Alexander Hamilton, den Mann, der heute die Zehn-Dollar-Note ziert. Das Stück wurde zum Mega-Erfolg: Es ist seit seiner Premiere 2015 durchgehend ausverkauft, die Schwarzmarktpreise für die Tickets lagen zeitweise bei mehr als 5000 Dollar. Es wurde mit 15 Tonys, den Oscars der Musicalwelt, ausgezeichnet und gewann sowohl den Pulitzerpreis für Theater als auch einen Grammy. Das »Time Magazine« nahm Lin-Manuel Miranda in die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt auf. Ein üppig ausgestattetes Buch mit den Texten, Anmerkungen Mirandas und Essays führte wochenlang die Bestsellerliste der »New York Times« an. Neben den Aufführungen am Broadway ist das Stück inzwischen auch in Chicago, Los Angeles und London zu sehen.

Beef mit allen

Erfolgreich ist das Musical, weil Miranda tatsächlich einen faszinierenden Stoff zutage gefördert hat, auch wenn man das auf den ersten Blick nicht glauben mag. Die Idee, das Leben des einstigen Finanzministers als Musical zu vertonen, kam ihm, als er im Urlaub die rund 600-seitige Hamilton-Biografie des Historikers Ron Chernow las, der später auch als Berater am Bühnenstück mitwirken sollte. Noch im aufblasbaren Swimmingpool-Stuhl wurde dem Musiker klar, dass es sich bei Hamiltons Leben um einen klassischen Hip-Hop-Stoff handelt: Mitte des 18. Jahrhunderts als uneheliches Kind auf einer Karibikinsel aufgewachsen, wurde Hamilton bald zum Waisen und aufgrund seines außerordentlichen schreiberischen Talents nach New York geschickt. Dort schloss er sich der Amerikanischen Revolution an, avancierte zu George Washingtons rechter Hand – und legte sich dennoch mit beinahe jedem seiner Kollegen an. „Er hatte mit allen Beef“, beschreibt Miranda bei seinem Auftritt im Weißen Haus die streitsüchtige Mentalität seines Protagonisten. „Und das meist allein aufgrund der Texte, die er schrieb. Für mich verkörpert er die Macht des Wortes.“

Mirandas Faszination für seinen Helden hat sicherlich auch mit der eigenen Biografie zu tun: Seine Eltern stammen ebenfalls aus der Karibik, siedelten von Puerto Rico nach New York über. Ihr dort geborener Sohn Lin-Manuel, der früh sein Talent für das Verfassen von Theaterstücken und die Schauspielerei entdeckte, merkte jedoch, dass ihm aufgrund seiner Herkunft nicht alle Türen offen standen: „Bei Castings wurde ich höchstens als bester Freund des weißen Hauptdarstellers in Erwägung gezogen“, sagte er in einem Interview mit dem »New Yorker«. „Ich merkte: Wenn ich die Hauptrolle will, muss ich sie mir selber schreiben.“

Miranda schrieb sich nicht nur Hamilton auf den Leib; sämtliche wichtigen Rollen des Stückes sind mit Afroamerikanern, Latinos oder asiatischstämmigen Schauspielern besetzt. Miranda betont, dass es kein kalkulierter Tabubruch sei, George Washington von einem Schwarzen spielen zu lassen: „Unsere Besetzung sieht aus, wie Amerika heute aussieht“, sagt er, „und das ist zweifellos Absicht.“

Nationalbank der USA

Von Alexander Hamilton konzipiert und gegen zahlreiche Widerstände durchgesetzt, wurde die „First Bank of the United States“ 1791 in Philadelphia gegründet, der damaligen Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Neben der Zentralisierung der Staatsschulden (siehe unten) bestand ihre Aufgabe vor allem darin, die Kreditwürdigkeit der USA sicherzustellen, Banknoten in einer gemeinsamen Währung auszugeben und Kredite zu vergeben. Auf Hamiltons ausdrücklichen Wunsch ist die Nationalbank vom Finanzministerium unabhängig. Sie festigte nicht nur den damals noch losen Bund aus Einzelstaaten, sondern diente auch als Grundlage für ein modernes Finanzsystem. Überdies sorgte sie als eine Institution, der man vertraute, für eine Belebung der Wirtschaft der jungen Nation. Als 1811 die auf 20 Jahre limitierte Bankkonzession nicht verlängert wurde, lebte Hamilton bereits nicht mehr. 1816 wurde jedoch mit der „Second Bank of the United States“ ein Nachfolgeinstitut mit beinahe denselben Funktionen und Aufgaben geschaffen.

Staatsschulden

Einer der Gründe für die Schaffung einer Nationalbank war
für Hamilton: Sie sollte die Schulden, die die einzelnen Bundesstaaten nach dem Unabhängigkeitskrieg hatten, bündeln. Fast alle anderen Gründerväter wie Thomas Jefferson, James Madison oder John Adams standen dem Bankwesen insgesamt noch sehr misstrauisch gegenüber. Jefferson sah außerdem nicht ein, warum durch Plantagen (und Sklavenarbeit) wohlhabend gewordene Staaten wie Virginia für die Schulden anderer Bundesstaaten aufkommen sollten – und fürchtete einen dominanten Zentralstaat. Hamilton konnte ihn und Madison nur für sein Vorhaben gewinnen, indem er im „Kompromiss von 1790“ die Hauptstadt der USA in den Süden verlegte: Am Ufer des Potomac River, auf ehemaligem Grund der Staaten Maryland und Virginia, entstand der Distrikt von Columbia, heute bekannt als Washington D. C.

Auch dieser Aspekt des Musicals passt somit perfekt in die spätestens seit der Wahl von Donald Trump wieder verstärkt geführte Debatte, welche Rolle Immigranten für Amerika spielen. Wer zu den USA gehört und wer nicht, warum Rassismus und Diskriminierung die Nation immer noch spalten. „Immigrants – we get the job done!“, lautet beispielsweise eine Textzeile, die bei Aufführungen regelmäßig bejubelt wird. Es ist eine optimistische Geschichte, die Miranda erzählt. Eine vom möglichen Aufstieg von ganz unten, wenn man nur gut ist und sich traut. Eine, die die USA eben doch als Land der unbegrenzten Möglichkeiten zeigt, als Ort, an dem Leistung wichtiger ist als Herkunft. Und natürlich ist es auch eine Parallele zu Barack Obama, während dessen Präsidentschaft das Stück entstand und Premiere feierte. Obama sah sich das Musical mehrfach an, lud das Ensemble sogar ins Weiße Haus ein. „Hamilton ist die einzige Sache der Welt, auf die Dick Cheney und ich uns einigen können“, beschrieb er einmal das Phänomen, dass selbst konservative Republikaner das Stück mögen.

Erst als Trumps Vizepräsident Mike Pence zwischen Wahl und Amtsantritt eine Vorstellung besuchte, kam es zum Eklat: Am Ende der Aufführung wandte sich einer der Schauspieler im Namen der gesamten Produktion von der Bühne aus an Pence. Höflich, aber bestimmt schilderte er die Ängste des multiethnischen Teams vor der zu erwartenden Politik Trumps und schloss mit den Worten: „Wir hoffen aufrichtig, dass diese Aufführung Sie angeregt hat, unsere amerikanischen Werte hochzuhalten und Ihr Amt für alle von uns auszuüben.“ Trump reagierte mit wutentbrannten Tweets: Sein Vizepräsident sei „schikaniert“ worden und eine Entschuldigung des „sehr unverschämten“ Ensembles fällig.

Schnelle Reime für die Staatsverschuldung

Der erste US-Präsident George Washington machte Hamilton nach dem gewonnenen Unabhängigkeitskrieg zum Finanzminister seines Kabinetts. Im Musical schafft es Miranda, selbst diese Phase in Hamiltons Leben höchst unterhaltsam darzustellen: Die Kabinettsdebatten werden als Rap-Battles wiedergegeben, in denen sich Hamilton und sein Widersacher, Außenminister Thomas Jefferson, mit Mikrofonen in der Hand zum gereimten Schlagabtausch umkreisen. Mit dem Tempo eines Maschinengewehrs lässt Miranda Hamilton seine Argumente für eine Nationalbank vorbringen, die dieser gründen möchte. In schnellen Reimen erklärt er den Skeptikern die konjunkturellen Vorzüge einer Staatsverschuldung – und droht Jefferson einen Tritt in den Hintern an, sollte dieser sich weiter querstellen.

Nicht nur in Sachen Nationalbank und Staatsschulden konnte sich Hamilton durchsetzen, auch auf andere Weise prägte er die junge Nation. So schrieb er in furiosem Tempo zwei Drittel der insgesamt 85 Essays der Federalist Papers, die bis heute als wichtigste Grundlage zum Verständnis der US-Verfassung gelten. Hamiltons Stern strahlte immer heller, nichts schien seinen Aufstieg aufhalten zu können – bis ihn schließlich der erste Sex-Skandal der USA zu Fall brachte: Seine Widersacher erfuhren von einer außerehelichen Affäre und setzten ihn unter Druck.

Hamilton, stets auf die Kraft seiner Worte vertrauend, glaubte, seinen Kopf einmal mehr aus der Schlinge schreiben zu können – und gab den Fehltritt in einer öffentlichen Erklärung zu. Statt des erhofften Befreiungsschlags war es sein politisches Ende. Das Stück endet wie Hamiltons Leben: mit einem Duell am Ufer des Hudson River im Morgengrauen.

Das Musical-Geschäft mutet bisweilen anachronistisch an. Digitale Filmkopien können in kürzester Zeit in Tausende Kinosäle auf der ganzen Welt geschickt werden. Einen Blockbuster wie zuletzt „Black Panther“ sehen an einem einzigen Wochenende Millionen von Zuschauern. Im Richard-Rodgers-Theater am Broadway können jeden Abend genau 1319 Menschen eine Hamilton-Aufführung verfolgen. Diese Verknappung ermöglicht wiederum andere Preise als im Kino: Rund 110 Dollar kostet ein durchschnittliches Broadway-Musical im offiziellen Vorverkauf. Hamilton startete mit 180 Dollar pro Karte und hob den Durchschnittspreis aufgrund der gigantischen Nachfrage nach und nach auf 350 Dollar an. Für die besten Plätze werden über 800 Dollar fällig. Allein am Broadway spielt das Stück bis zu 3,8 Millionen Dollar pro Woche ein – bei laufenden Kosten von rund 600 000 Dollar für Theatermiete, Gagen und Werbung.

Als Vorwürfe laut wurden, die horrenden Preise erlaubten nur einer (weißen) Oberschicht, die Produktion zu sehen, führte Miranda Matinee-Vorführungen für Schulen ein. Auch in Chicago und Los Angeles können Schüler aus ärmeren Schulbezirken das Stück für 10 Dollar sehen. Sponsoren legen dabei 50 Dollar pro Ticket drauf, um die Kosten für die Aufführung zu decken.

Lukrativ, aber riskant

Die Musicalbranche boomt: Allein am Broadway haben sich die Einnahmen von 843 Millionen Dollar in der Saison 2006 /2007 binnen zehn Jahren um mehr als 50 Prozent auf fast 1,3 Milliarden Dollar erhöht. Richtig lukrativ wird ein Stück wie Hamilton vor allem dann, wenn es über Jahre oder Jahrzehnte erfolgreich läuft. Während es bislang kein Film geschafft hat, in Nordamerika eine Milliarde Dollar einzuspielen, haben schon drei Musicals diese Marke geknackt: „Das Phantom der Oper“, „Der König der Löwen“ und das Hexen-Musical „Wicked“. Weltweit hat das „Phantom“ sogar schon über sechs Milliarden Dollar eingespielt – mehr als das Doppelte von „Avatar“, dem erfolgreichsten Film aller Zeiten. Doch das Risiko ist beträchtlich: Ob am Broadway oder in Hamburg (siehe „Kontrollierte Gefühle“ in brand eins 05/2007)  – eine große Produktion auf die Bühne zu bringen kostet vorab 10 bis 15 Millionen Euro.

Statt gigantischen Erfolg zu haben, hätte Hamilton wie 80 Prozent aller Stücke floppen können. Andere waren mit ähnlichen Ansätzen krachend gescheitert: Das Musical „Holler if Ya Hear Me“, das Texte des Rappers Tupac Shakur auf die Bühne gebracht hatte, wurde nach nur sechs Wochen eingestellt, das Rockmusical „Bloody Bloody Andrew Jackson“ über den siebten Präsidenten der USA nach vier Monaten.

Wie unwahrscheinlich der Erfolg von Hamilton war, wird klar, wenn man die Idee nach Deutschland überträgt. „Stellen wir uns vor, ein Türke schreibt ein Musical über die Gründung Deutschlands 1848 in Frankfurt und textet Gangsta-Rap darüber“, beschreibt der Journalist und Hamilton-Fan Christian Fahrenbach in einem Artikel ein solches Szenario. „Er klaut aus deutschen Heimatfilmen der Fünfzigerjahre genauso wie bei ausschweifenden Berliner Partys zu Zeiten der Weimarer Republik. Dann engagiert er Schwarze, Syrer und einige wenige Deutsche für sein Stück. Und die Hauptrolle spielt er selbst. (…) Das Ausländer-Ensemble tritt mehrfach im Kanzleramt auf, Merkel hält dem türkischen Rapper dabei Stichwort-Karten hin, die er zu einem Live-Rap verarbeitet. Der neue Star wiederum nutzt die Aufmerksamkeit dafür, Reformen und Hilfen für seine Heimat voranzutreiben. Und er verschafft endlich all denen Anerkennung, die seit Jahrzehnten hier leben, aber in Politik und Kultur immer noch viel zu wenig Teil der Gesellschaft sind.“

Klingt nicht sehr wahrscheinlich. Trotzdem könnte es bald eine deutsche Version von Hamilton geben: Die Hamburger Stage Entertainment GmbH will den Stoff nach Deutschland holen. „Aus unserer Sicht ist Hamilton innerhalb der Theatergattung Musical ein künstlerischer Meilenstein, eine überragend gute Weiterentwicklung des Genres, wie sie nur jede Dekade einmal vorkommt“, sagt der Stage-Kommunikationschef Stephan Jaekel. „Uns stockte beim ersten Besuch des Stückes der Atem vor Begeisterung – und das als Genre-Profis.“ Man sei mit den Produzenten im Gespräch, um Hamilton für Deutschland und die Niederlande zu lizenzieren. Allerdings müsse noch eine Übersetzung angefertigt werden. „Um die Aktualität und die Nahbarkeit der Geschichte für unser Publikum überzeugend darzustellen, ist ein entscheidender erster Schritt die Übertragung in die Landessprache; daran arbeiten wir aktuell und werden im Anschluss die weiteren Schritte entscheiden“, sagt Jaekel.

Miranda hat in der Zwischenzeit angekündigt, das Musical Anfang 2019 auch nach Puerto Rico, die Heimat seiner Eltern, bringen zu wollen. Denn das Außengebiet der USA leidet seit Jahren unter einer massiven Schuldenkrise und wurde im September 2017 vom Hurrikan „Maria“ verwüstet. „Ein Drittel der Tickets wird zehn Dollar kosten und für Einheimische reserviert sein“, sagte Miranda in einer US-Talkshow. „Und ein Drittel wird unfassbar teuer sein, damit viel Geld nach Puerto Rico kommt, denn das Land braucht es wirklich.“ Schon vor dem Gastspiel hat er verschiedene Benefiz-Projekte für die Insel gestartet und mehrere Millionen Dollar an Hilfsgeldern gesammelt.

Ob Donald Trump das Musical je besuchen wird? „Ich würde gern sehen“, sagt Miranda, „wie er auf die Tatsache reagiert, dass unser Finanzsystem, das seinen Vater reich gemacht hat und ihm ermöglicht, mit dem Geld seines Vaters zu spielen, von einem Immigranten erschaffen wurde.“ --

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