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Drei-Rubel-Russland

Warum die russische Währung mit jedem Kilometer Entfernung von Moskau an Wert verliert.





Was schert es meinen Schwager Oleg, dass ein kleiner Milchkaffee im Moskauer Schickimicki-Café „Kofemanija“ umgerechnet 4,20 Euro kostet. Oleg kann sich nicht erinnern, je ein Bedürfnis nach Milchkaffee verspürt zu haben. Er wohnt in Nischnije Kibetschi, einem 400-Seelen-Dörfchen, zehn Autostunden von Moskau entfernt, zwei von Tscheboksary. Auch wenn im Dorfladen eine Espressomaschine stünde, er verkniffe sich jede Art von Bohnenkaffee, weil Geld für Oleg Mangelware ist, die man nur für Wesentliches ausgibt. Die Währung mag offiziell bei 76 Rubel pro Euro stehen, im russischen Alltag aber gibt es drei Kurse: den Moskauer, den Stadt und den Dorfrubel.

Moskau ist bekanntlich eine Stadt des Geldes, laut des Bürgermeisters Sergei Sobjanin fließen hier 80 Prozent der russischen Finanzen. Wer in Moskau Geld zählen kann, also als Buchhalter arbeitet, verdient mindestens 680 Euro, seine Kollegen in den Provinzstädten wie Tscheboksary oder Omsk begnügen sich mit 330 und im westsibirischen Landkreis Ust-Kischim mit 170 Euro. Aber dort gibt es ja auch weniger Geld zu zählen.

Die Moskauer prassen gezielt, mit möglichst großer Außenwirkung. Mein Freund Alexander kurvt entweder mit seinem Mercedes-Sportwagen oder einem Pobeda-Oldtimer durch die Hauptstadt. Aber wenn wir zusammen ein Bier trinken, plädiert er für jene preiswerten Craftbeer-Stehkneipen, wo es das 0,4-Liter-Glas schon für 3 Euro gibt. In einem der gestylten „Bier-Restaurants“ kostet das oft mehr als ein Flugticket nach Tscheboksary, die Hauptstadt Tschuwaschiens.

Meine Frau Olga freut sich jedes Mal, wenn wir nach Tscheboksary fahren. Weil es ihre Heimat ist, aber auch, weil man dort mehr für seine Rubel bekommt. „Einmal drei Wochen nicht kochen“, sagt sie, sie geht mit unseren Töchtern täglich essen, lässt sie in Kletterparks oder Hüpfburgen toben, alles dreimal billiger als in Moskau. Theaterkarten kosten im Schnitt sogar nur ein Fünftel des Moskauer Preises. Ich selbst fühle mich in der russischen Provinz immer, als wäre ich gerade aus Berlin nach Bukarest gekommen: reich.

Olga schaut auch nach mehr als zehn Jahren noch immer schräg auf die Moskauer Preise, spart bei Wegwerfwindeln wie bei Wintermänteln. Auch zu Hause haben die Tschuwaschen etwas Schwabenhaftes, sie bauen gern Häuser, solide Häuser. Oleg hat um sein kleines gelbes Holzhaus ein neues Verbundsteinhaus gebaut. In jahrelanger Kleinarbeit, mangels Geld und Material legte er immer wieder Pausen ein.

Oleg kommt eher selten nach Tscheboksary, zu Verwandtenbesuchen oder kapitalen Einkäufen. Er kommt aber nach Moskau, manchmal monatelang. Dann lässt er sich nicht bei uns blicken, weil er sich hier als Bauhandwerker in Akkordbrigaden verdingt, um die Rubel zu verdienen, die es in Nischnije Kibetschi nicht gibt. Und weil er mit der teuersten Stadt Osteuropas möglichst wenig zu tun haben will. Wer mag schon die Ferne, wenn sie zehnmal teurer ist als die Heimat?

Zu Hause, in Nischnije Kibetschi, kommen Oleg und seine vierköpfige Familie mit knapp 200 Euro im Monat aus. Für Kleidung, Strom, Benzin – oder für einen neuen Trennschleifer. Ansonsten zieht er selbst den Pflug, um die Felder zu beackern, füttert den Stier, fällt Brennholz, gärt Kefir und brennt Schnaps. Selbst gebrannter Schnaps macht in der dörflichen Naturalienwirtschaft dem Rubel als Währung schon seit Jahrhunderten Konkurrenz.

Ich fühle mich bei Besuchen in Nischnije Kibetschi immer auf sonderbare Weise überflüssig. Vermutlich auch, weil mein Geld hier nichts wert ist. Oleg aber wirkt plötzlich selbstbewusst wie ein britischer Fußballprofi. Von Krise merke er nichts, kommentierte er die Wirtschaftsflaute der vergangenen Jahre. „Wer was kann, der hat hier immer zu tun.“
Mit oder ohne Rubel. --