Darf’s etwas weniger sein?

Der Kampf einer Schwäbin gegen ihre Sozialisation.






Don’t let, don’t let, don’t let money rule you For the love of money Money can change people sometimes Don’t let, don’t let, don’t let money fool you.
The O’Jays, 1973

• Ich finde Geiz eine ziemlich abtörnende Eigenschaft. Dabei muss ich gegen meine Dispositionen ankämpfen: Erstens bin ich vorbelastet, weil im Schwabenland aufgewachsen – bei de Schwoba, dias Geld niamols zom Fenschdr nausschmeißet. Ich bin also in einer Umgebung sozialisiert worden, in der man zum Einzug von den Mietern im Stockwerk unter einem begrüßt wird mit „Wenn Se mol zlaut send, ruf i Se a ond lass es dreimol klengla. Des koschd nix.“ Schwabenwitze sind fast immer Sparwitze: „Wieso kann ein Schwabe eine Speisekarte in jeder Sprache der Welt lesen? Weil er nur die Preise liest.“ Oder: „Was macht ein Schwabe am vierten Advent? Er sitzt mit zwei Adventskerzen vor einem Spiegel.“

Dazu kommt mein Sternzeichen, Jungfrau, das mieseste überhaupt: Wir sind bekanntermaßen unlocker-faschistoide Zwangscharaktere und sparsam bis an den Rand des Wahnsinns. Deshalb darf man jemanden wie mich auch niemals Buch führen lassen über seine Ausgaben – das verstärkt die zwanghafte Neigung nur. Es entsteht dann so ein Wettbewerb mit sich selbst: Hei, diesen einen Euro kannst du auch noch sparen. Und am Ende des Monats hat man ein Plus auf dem Konto, aber ein dickes Minus in der Lebensqualität.

Und Punkt drei: Ich arbeite selbstständig. Wenn bei anderen Zeit Geld ist, heißt die Gleichung bei mir: (Frei-)Zeit = kein Geld. Also besser immer was auf die hohe Kante legen – wer weiß, was im nächsten Monat ist oder im nächsten Jahr.

Manchmal frage ich mich tatsächlich im vietnamesischen Restaurant, ob ich nicht doch lieber die Nudelsuppe nehmen soll statt des Currys, weil sie 50 Cent billiger ist. Womöglich kaufe ich aber eine halbe Stunde später beim Trödler an der Ecke einen verratzten Chesterfield für 500 Euro, weil ich mich spontan in den Sessel verliebt habe. Ich vergesse regelmäßig, wenn ich jemandem Geld geliehen habe (oder es ist mir zu unangenehm, daran zu erinnern). Ich bin auch noch nie auf die Idee gekommen, das Rückgeld an der Kasse abzuzählen. Vielleicht werde ich so niemals reich. Aber ich bezweifle die Philosophie des Ikea-Gründers Kamprad. Ich glaube: Am Ende des Tages und des Lebens kommt man mit allen Münzen, Nudelsuppen und Sesseln zusammengerechnet bei plus /minus null raus.

Ein Trick für mehr Gelassenheit und gegen Sparsamkeit ist zum Beispiel: viel Geld auf einmal abheben – wenn ich viel Bargeld in der Tasche habe, tut ein kleiner Schein nicht weh. Sind ja noch viele andere da. Oder gar kein Geld abheben: Mit Karte zahlen ist für den Moment meistens schmerzfrei. Oder ins Ausland fahren. Da verschiebt sich das Gefühl für Größenordnungen, raus aus dem Alltag plus Fremdwährungen macht verschwenderisch. Ein bisschen großzügig runden, ein bisschen Autosuggestion: „Wo ich schon mal hier bin …“ Aber auch das gleicht sich irgendwo wieder aus. Ich finde immer wieder Geld. Clubs sind zum Beispiel eine Fundgrube. Zertanzte Geldscheine, die sich niemandem mehr zuordnen lassen, kann man besten Gewissens mit nach Hause nehmen, waschen und föhnen.

Wo Geldausgeben allerdings richtig wehtut: bei Sachen, die man bestimmt nicht haben will. Kaputte Waschmaschinen. Steuernachzahlungen. Flugtickets, deren Preis sich von einer auf die andere Minute verdoppelt. Wo Geldausgeben in Ordnung geht: bei Dingen, die irgendwie notwendig sind und um die kaum ein Weg herumführt: Nasentropfen, Butter oder Ersatz für durchlöcherte Turnschuhe. Wo ich gern Geld ausgebe: für „Soziales“, und damit meine ich nicht nur gemeinnützige Spenden. Eine Runde in der Kneipe zum Beispiel. Oder für große Essenseinladungen. Das ist Win-win für alle. Und um die Schwäbin in mir zu besänftigen, nehme ich notfalls am nächsten Morgen die Schrippen, nicht das Croissant. Spart immerhin 60 Cent. --