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„China finanziert Trump“

Der Aufstieg Asiens hat die Finanzmärkte tiefgreifend verändert. Und ermöglicht das globale Spiel mit Billionen.





• In dem Film „Goldfinger“ aus dem Jahr 1964 versucht der Schurke, eine radioaktive Bombe in Fort Knox explodieren zu lassen. Indem er das Golddepot der Vereinigten Staaten verstrahlt, will er weltweit das Geld entwerten. James Bond schafft es selbstverständlich, den Plan zu durchkreuzen. Nach der Logik des Filmes hat der britische Agent damit die Weltwirtschaft vor dem Zusammenbruch gerettet.

Den Zuschauern leuchtete das damals ein, denn der US-Dollar war noch durch Gold gedeckt. Tatsächlich hätte ein Anschlag auf Fort Knox zu einer monetären Katastrophe geführt: Die Aktien wären abgestürzt, die Bürger hätten die Banken gestürmt. Und zwar weltweit. Denn die wichtigsten Währungen wie die D-Mark, der japanische Yen oder das britische Pfund waren ihrerseits an den Dollar gekoppelt.

Viele Bürger vermuten hinter dem Geld heute immer noch irgendeine Form von Besicherung. Doch in den fünf Jahrzehnten seit Goldfinger haben sich unsere Zahlungsmittel völlig verändert – das Geld wurde von allen Beschränkungen befreit. Daher stand noch nie so viel Kapital für neue Ideen und Projekte zur Verfügung wie heute. Und das Risiko von Finanzkrisen ist enorm gestiegen.

Die Veränderung begann bereits vier Jahre, nachdem Goldfinger auf die Leinwand kam: 1968 hob die US-Regierung den Goldstandard praktisch auf. Hinzu kam eine Entwicklung, die in ihrer Tragweite weithin unterschätzt wird: der Aufstieg Asiens und die Politik der dortigen Zentralbanken. Das Verständnis dieser Vorgänge beantwortet einige der drängendsten Fragen unserer Zeit. Dazu gehören die Bewertung von Handelsungleichgewichten und das richtig Maß für Schulden und Kredite.

Als Gert Fröbe und Sean Connery sich in Goldfinger gegenüberstanden, ähnelten sich die Grundlagen soliden Wirtschaftens im Kleinen wie im Großen noch. Wer über seine Verhältnisse lebte, musste alsbald mit der Pleite rechnen. Das galt selbst für die mächtigen USA, auch sie konnten am Ende nicht mehr ausgeben, als sie einnahmen. Deshalb löste der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson die Verbindung zwischen Dollar und Gold: Er brauchte dringend mehr Geld, als er nach den alten Regeln aufbringen konnte.

Die USA führten in Vietnam einen teuren Krieg. Es floss mehr Geld aus den Vereinigten Staaten ab, als die Wirtschaft im Ausland verdiente. Die Goldreserven schwanden. Die USA drohten zahlungsunfähig zu werden. Johnson hob daher die Golddeckung des US-Dollars per Gesetz auf. So konnten er und alle Präsidenten nach ihm so viel Geld ausgeben, wie sie wollten.

Zunächst bekam die US-Wirtschaft dafür die Quittung in Form von Inflation im zweistelligen Bereich. Doch dann kam Ostasien ins Spiel. In den Achtzigerjahren begannen die Volksrepublik China und die sogenannten Tigerstaaten – Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong – billige Waren zu liefern. Eine neue Zeitrechnung in der Geldpolitik brach an: Plötzlich waren niedrige Zinsen bei niedriger Inflation möglich, die Kreditvergabe ließ sich fast beliebig ausweiten und eine vernünftige Obergrenze für die Staatsverschuldung kaum noch begründen.

Der Dreh- und Angelpunkt war nicht die Geldpolitik, sondern die Veränderung der globalen Wirtschaft. Plötzlich standen Hunderte Millionen Arbeitskräfte zur Verfügung. Zu Johnsons Zeiten war China abgeschottet, doch schon zehn Jahre später wurde es zu einem entscheidenden Faktor in der Globalisierung.

Heute kann China fast jede beliebige Ware in jeder geforderten Menge liefern. Fast alle Branchen dort haben Überkapazitäten. Das hat die globale Inflation in den vergangenen Jahrzehnten auf ein Minimum gedrückt. Die Preissteigerungen lagen bei einem Bruchteil dessen, was infolge der Ausdehnung der Geldmenge zu erwarten gewesen wäre. Seit 1960 ist die Geldmenge in den USA um mehr als 4600 Prozent gestiegen, aber die Preise haben sich lediglich um etwa 730 Prozent erhöht.

Peking hortet Unsummen

Der Grund dafür ist in einem Gebäude mit graubrauner Steinfassade in Peking zu suchen, über dessen Eingang „Staatliches Devisenamt“ steht. Davor weht die rote Nationalflagge. In Fachkreisen ist diese Behörde unter ihrer Abkürzung Safe bekannt.

Safe ist eine Art Anti-Fort-Knox: Statt Gold hortet die Behörde US-Staatsanleihen. „Die Devisenbewirtschaftung durch China ist ein weit unterschätzter Faktor, der die Weltwirtschaft in den vergangenen rund 20 Jahren völlig transformiert hat“, sagt der Ökonom Richard Duncan, ehemaliger Mitarbeiter der Weltbank und Autor mehrerer Bücher, in denen er unter anderem die Finanzkrise von 2008 recht präzise vorhergesagt hat.

China und andere Länder Ostasiens geben die Dollar, die sie einnehmen, nicht für Waren aus, sondern verbuchen diese Einnahmen als Währungsreserven in den Bilanzen ihrer Zentralbanken. Diese Praxis ist neu. Früher hielten Zentralbanken Fremdwährungen nur in geringen Mengen, schließlich hatten sie Edelmetalle als Reserven.

China, Japan, Taiwan, Hongkong, Indien und Südkorea halten heute zusammen Reserven in Höhe von sechs Billionen US-Dollar. Das ist ein Drittel der jährlichen Wirtschaftsleistung der USA. Diese Länder hätten also Anrecht auf alle Waren und Dienste, die die Amerikaner von Januar bis April eines Jahres herstellen. Doch sie fordern diesen Reichtum nicht ein. Sie behalten das Geld und legen es in Wertpapieren an.

Die Regierung und die Wirtschaft der USA profitieren enorm von dieser Praxis. Denn die Dollar, mit denen die Amerikaner Waren in Asien bezahlen, kommen – weil die Asiaten US-Staatsanleihen kaufen – in die Vereinigten Staaten zurück und halten die dortige Wirtschaft in Schwung. Ein Handelsdefizit, das nicht arm macht, sondern reich.

Das Ziel der meisten gewöhnlichen Menschen ist es, mehr zu verdienen als auszugeben. Ihre Überschüsse legen sie in der einen oder anderen Form an, bezahlen eine Immobilie ab oder lassen das, was sie übrig haben, auf dem Konto liegen. Staaten mit Handelsüberschüssen wie China, Japan oder auch Deutschland können Devisen nicht in Form von Bargeld lagern. Daher müssen sie Kapital exportieren. Wenn eine chinesische Firma Dollar einnimmt, muss die chinesische Regierung diese irgendwo anlegen. Aus dem gleichen Grund ist auch Deutschland einer der größten Exporteure von Kapital.

China kauft für seine Dollar vor allem US-Wertpapiere: Staatsanleihen und Aktien. Richard Duncan: „Der defizitäre Außenhandel finanziert also ganz entscheidend den Staatshaushalt und die Börsenkurse in Amerika. Anders gesagt: China finanziert Trump.“

Die globale Ökonomie lebt in weiten Teilen gut mit den großen Geldströmen. „Die Weltwirtschaft wäre ohne diese Entwicklung viel kleiner“, sagt Duncan. Denn anders als früher würden Innovationen nicht mehr so stark durch Knappheit des Geldes gebremst. Dank üppiger Investitionen und vieler Exporte ist es China gelungen, eine Milliarde Bürger aus der Armut zu holen.

Die Amerikaner wiederum konnten einen höheren Lebensstandard genießen, als die eigene Volkswirtschaft eigentlich ermöglicht. Sie bekamen Turnschuhe und Smartphones und lieferten dafür Schuldpapiere mit zweifelhaftem Wert nach Asien. Zentralbankbilanzen sind – anders als die sprichwörtliche schwäbische Hausfrau – sehr geduldig.

Überschätzt: der Überschuss

Doch dieser Geldkreislauf könnte gestört werden. So senkt der US-Präsident Donald Trump die Steuern, plant höhere Staatsausgaben und droht damit, Einfuhren in die USA zu erschweren. Die Steuersenkung und die höheren Ausgaben werden ein Loch in den Staatshaushalt reißen, zugleich drosselt Trump die Finanzströme aus dem Ausland – die durch das eigene Handelsdefizit entstehen.

Ob der Präsident das verstanden hat? Vielleicht. Handelt er danach? Definitiv nicht.

Auch hierzulande gibt es viele Irrtümer, die aus einer Verwechslung von Makroökonomie mit Mikroökonomie resultieren. So ist es nicht allein deutscher Fleiß, der den Exporterfolg erklärt. Sondern der billige Euro. In Zeiten einer eigenständigen D-Mark hätte ein Handelsüberschuss zwangsläufig zu einer Aufwertung der Währung geführt, was die Waren im Ausland verteuert und so eine Korrektur eingeleitet hätte.

Aus Sicht vieler Ökonomen irritiert auch der Stolz der Deutschen auf ihren Handelsüberschuss, den sie als Beweis ihrer Leistungsfähigkeit sehen. Dabei ist es der Export –, nicht der Überschuss –, der die Beliebtheit deutscher Waren widerspiegelt. Wenn ihm ein gleich hoher Import gegenüberstände, gäbe es keine Probleme. Die hohe Differenz zwischen beiden Werten macht jedoch nicht reicher, sondern sorgt für Ärger.

Die Vorstellung, ein Handelsüberschuss sei ein Wert für sich, stammt noch aus den Zeiten Goldfingers. Damals brachte ein Plus im Außenhandel einen Zufluss von Edelmetallen und damit die Möglichkeit, im Inland mehr Liquidität zur Verfügung zu stellen. Erst ein Mehr an Gold machte die Ausgabe von mehr Geld möglich. Die Banken konnten mehr Kredite vergeben, es entstanden Arbeitsplätze und neue Produkte. Heute ist Liquidität jedoch ohnehin überreichlich vorhanden. Der Überschuss hat daher kaum noch einen positiven Effekt.

Die Währungen der Exportmeister China und Deutschland sollten daher deutlich aufgewertet werden, um die Verhältnisse richtig widerzuspiegeln. Das wäre nur dann möglich, wenn die Währungen untereinander frei handelbar wären. Doch gerade diese Forderungen widersprechen derzeit dem geltenden Dogma sowohl in Deutschland als auch in China. Der Euro mit dem gemeinsamen Wechselkurs für Italien wie für Deutschland gilt als unantastbar. Und auch China denkt nicht daran, den Yuan für den Handel freizugeben.

Also wird das große Rad der Finanzströme sich weiterdrehen, die Reserven in Ostasien werden steigen, ebenso wie die Verbindlichkeiten der USA. „Eine Störung dieses Kreislaufs“, sagt Richard Duncan, „wäre fast mit Sicherheit der Auslöser für eine neue Depression.“ --

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