Partner von
Partner von

Blockchain

Mit der Blockchain ist mehr möglich als nur der Handel mit Bitcoin & Co. Die Pioniere der Technik versprechen nicht weniger als eine neue Weltwirtschaftsordnung.

Read this article in English: Chain reactions




Die Revolution der Weltwirtschaft kommt daher wie ein Projekt für „Jugend forscht“. Ein Schreibtisch in der Ecke eines Konferenzraums, darauf zwei Konstruktions-Sets aus einem Fischertechnik-Baukasten – schwarzrote Bauteile, zusammengesteckt zu Roboterarmen, Transportbändern, einer Stanzmaschine. „Hier links“, sagt Stephan Noller, „das ist, sagen wir mal, eine Fabrik in Shenzhen, die stellt Autoteile her.“ Auf der anderen Seite des Schreibtisches Bausatz Nummer zwei: „ein Autohersteller in Süddeutschland.“ Dazwischen, unsichtbar: eine Kette von Datenpaketen, die die beiden Fabriken, Maschinen und produzierten Teile miteinander verbindet. Die Blockchain.

Während alle Welt noch darüber diskutiert, wie lange der Hype um Krypto-Währungen wie Bitcoin oder Ether wohl noch anhalten wird, wie viele Menschen die Spekulation mit dem regierungs- und bankenunabhängigen Digitalgeld reich machen wird und wie viele Anleger ruiniert sein werden, wenn die Blase platzt, arbeiten Unternehmer wie Stephan Noller mit seiner Firma Ubirch daran, die Technik hinter den virtuellen Währungen für handfeste Geschäfte nutzbar zu machen. Sie funktioniert so: Daten werden in miteinander verknüpften Blocks verpackt, verschlüsselt und weltweit verteilt. Das Potenzial der Blockchain gehe weit über die Abwicklung von Finanztransaktionen hinaus, sagt Noll. Denn sie beruhe auf drei Prinzipien, „die in unserer vernetzten Wirtschaftswelt immer wichtiger werden: Dezentralität, Vertrauen und Sicherheit“.

Demonstriert Seriosität mit Fischertechnik: Stephan Noller

Die kleine Demonstrationsanlage dient ihm und seinem Team auch dazu, ihre Seriosität zu unterstreichen. „Es ist sehr wichtig, dass wir etwas ganz Praktisches zeigen können, etwas zum Anfassen“, sagt Noller. Das Blockchainbasierte Fertigungsmodell, das er Maschinenbauern, Automobilherstellern und anderen Industrieunternehmen schmackhaft machen will, soll Folgendes können: „Wenn unsere chinesische Fabrik hier ein Teil produziert, etwa einen Kotflügel, dann loggt sie gleichzeitig über die Blockchain sämtliche Fertigungsdaten in eine öffentliche Blockchain ein.“ Das heißt: Die Daten werden in verschlüsselten Datenblocks verpackt und dezentral auf Rechnern weltweit gespeichert. „Der kryptografische Schlüssel zu diesen Daten reist aber auf einem Chip oder Sensor mit, der fest in dem jeweiligen Teil verbaut ist“, fährt Noller fort. Welche Toleranzwerte wurden bei der Fertigung erreicht? Wie viel Energie wurde für die Produktion dieses Teils verbraucht? Wann, wo, von welcher Maschine, in welcher Fabrik wurde es hergestellt? All diese Daten werden mit dem Kotflügel bis in die Fabrik beim süddeutschen Automobilhersteller mitgeliefert.

Weil die Daten unveränderbar bei der Herstellung des Teils erzeugt und in der Blockchain abgelegt wurden, kann man diesen Informationen vertrauen. „Die Maschine vor Ort, die das Teil weiterverarbeitet, liest diese Daten automatisch aus – und passt eigenständig die Weiterverarbeitung des Kotflügels entsprechend an“, sagt Noller.

Das klingt zuerst einmal: praktisch. Viele Fertigungsabläufe könnten dank eines automatisierten Datenaustauschs zwischen Maschinen effizienter und sicherer werden. „Der Blockchainbasierte Datenfluss kann aus unserer Sicht aber viel mehr verändern als das“, sagt Noller. „Was wir hier entwickeln, könnte die Zusammenarbeit in industriellen Wertschöpfungsketten grundlegend verändern.“ Denn die Blockchain fungiere „wie eine Art digitaler Notar, der alle relevanten Informationen und Transaktionen mitschreibt und beglaubigt“. So brauche der Automobilhersteller seinen chinesischen Lieferanten nicht mehr persönlich kennenzulernen, um mit ihm Geschäfte zu machen. Von der Auftragsvergabe über die Qualitätskontrolle bis zur Abrechnung könne alles automatisiert über die Blockchain erfolgen – „es reicht, dass sich die Maschinen gegenseitig vertrauen“.

Auch könnten Unternehmen ihre Geschäftspartner jederzeit wechseln. „In einer Blockchainbasierten, dezentralen, weltweiten Datenbank könnten Unternehmen einer Branche Informationen darüber freigeben, welche Fertigungskapazitäten ihre Maschinen gerade haben“, sagt Noller. „Diese Kapazitäten könnten Hersteller dann automatisiert buchen – just in time.“

Noller ist Psychologe und hat als Vizepräsident des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) schon genug Gespräche mit Politikern und Unternehmern geführt, um zu wissen, dass ein solches Szenario eine Zumutung ist: für mittelständische Zulieferer, die um ihre Geschäftsgeheimnisse und um lang gepflegte Beziehungen bangen. Für Konzerne, die nicht bereit sind, ihre Daten preiszugeben. Für Betriebsräte, die fürchten, dass mit den Maschinendaten auch Daten über die Leistungsfähigkeit von Arbeitern verknüpft werden. Noller ist sich bewusst, dass er von der Verwirklichung seiner Idee noch weit entfernt ist.

„Aber das liegt nicht an der technischen Machbarkeit.

Glossar

Die Technik ist noch neu, hat aber schon allerhand Fachbegriffe hervor-gebracht. Hier sind die wichtigsten.

Distributed Ledger

ist der Oberbegriff für dezentral gesteuerte und weltweit verteilte Datenbanksysteme, zu denen auch die Blockchain-Technik zählt. Viele Fachleute benutzen lieber den Oberbegriff. Zum einen, um sich vom umstrittenen Geschäft mit Krypto-Währungen abzugrenzen. Zum anderen, weil inzwischen komplexere Varianten der Technik entwickelt werden.

Tangle

ist eine dieser Weiterentwicklungen. Anders als bei der Blockchain werden Transaktionsdaten nicht chronologisch hintereinander angeordnet, sondern in einem netzwerkartigen Gewirr („Tangle“) mit vielfältigen Knotenpunkten („Nodes“) verteilt. Bei diesem Prinzip braucht es
keine „Miner“ (Schürfer), die neue Datenblocks mit viel Rechenleistung produzieren. Stattdessen muss jeder Nutzer, der eine Transaktion abschließen will, zuvor zwei weitere Transaktionen validieren. Dadurch soll das Netz unendlich wachsen können – und weniger Energie und Rechenleistung verbrauchen als klassische Blockchains.

Smart Contracts

Krypto-Währungsplattformen wie Ethereum bieten Entwicklern die Möglichkeit sogenannter Smart Contracts. Eine beliebige Transaktion – das kann zum Beispiel der Kauf eines Produkts oder einer Dienstleistung sein – wird automatisch unter der Voraussetzung abgewickelt, dass alle beteiligten Parteien die zuvor in der Blockchain niedergelegten Konditionen erfüllt haben. Solche blockchainbasierten Verträge können auch in andere Software-Anwendungen und digitale Geschäftsmodelle integriert werden.

DApps

sind dezentralisierte, autonom arbeitende Apps, also Anwendungen. Anders als klassische Apps werden sie Open Source entwickelt, alle Daten und Protokolle werden öffentlich in einer Blockchain gespeichert. Eine DApp erzeugt Token – eine Art digitaler Anteilsscheine an dem Projekt, über die Nutzer Zugang zur Anwendung erhalten.

Decentralised Autonomous Organization (DAO)

Eine DAO ist eine neue Form der Organisation, deren Geschäftsordnung, Gesellschaftsvertrag oder Satzung durch einen Smart Contract festgelegt und -automatisch ausgeführt werden. Ein zentral organisiertes Management des Tagesgeschäftes soll damit überflüssig werden.

ICO

Bei einem Initial Coin Offering (ICO) werden quasi digitale Wertpapiere aufgelegt. Viele Krypto-Start-ups finanzieren sich und ihre Projekte über diesen Weg. Eine Firma erzeugt sogenannte digitale Token (vergleichbar mit Coupons) und verkauft sie anschließend. Da ICOs weitgehend unreguliert sind, ist dieses Krypto-Crowdfunding umstritten und gilt als höchst riskantes Investment. Dennoch wächst der ICO-Markt rasant. In den ersten drei Monaten des Jahres 2018 sammelten Unternehmen auf diese Art bereits mehr Kapital ein
als im gesamten Vorjahr. Den Rekord für die größte Token-Platzierung hält bislang der Messaging-Dienst Telegram mit einem Volumen von umgerechnet 850 Millionen Euro.

Kryptokatze

Eine der erfolgreichsten Anwendungen auf der Blockchain-Plattform Ethereum war im vergangenen Jahr das Sammlerspiel Cryptokitties. Nutzer können mit dieser Anwendung virtuelle Kätzchen züchten und mit ihnen handeln. Die teuersten Kätzchen werden derzeit für sechsstellige Summen verkauft. Das kanadische Design-Studio Axiom Zen, das sich den viralen Blockchain-Hit ausgedacht hat, hat gerade zwölf Millionen Dollar Risikokapital erhalten, um weitere Blockchain-basierte Spiele zu entwickeln. Die sollen laut den Gründern nicht nur die Games-Industrie auf den Kopf stellen – sondern vor allem auch Spielern außerhalb der Krypto-Szene das Blockchain-Prinzip verständlich machen.

Berät Krypto-Gründer: die Rechtsanwältin Nina-Luisa Siedler

Die Technik, die wir als Baukastenmodell auf dem Schreibtisch stehen haben, wird schon dieses Jahr in einer realen Fabrik arbeiten“, sagt er. Ingenieure der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen wollen 2018 mit einem selbst entwickelten Elektroauto, dem Kleinwagen E-Go Life in Serie -gehen. „Wir arbeiten daran, dass die Fertigungsmaschinen in der Aachener Fabrik über unsere Blockchain-Technologie bald miteinander kommunizieren werden.“ (Siehe auch: brand eins 03/2017: „Ich muss den Impuls setzen, sonst glaubt mir das keiner“.) 

Der Platzhirsch

Die Ethereum-Plattform ist bei Entwicklern derzeit das beliebteste
Blockchain-System. Sie profitiert von Netzwerk-effekten: Jedes
neue Ethereum-Entwicklungsprojekt trägt dazu bei, dass die bestehenden Projekte an Wert gewinnen. Das Wachstum fördert nicht zuletzt
die Enterprise Ethereum Alliance (EEA): Zahlreiche internationale
Groß-konzerne haben Ethereum zur Blockchain ihrer Wahl
erklärt und sich zu einem Konsortium zusammengeschlossen, das
die Nutzung der Technik vorantreiben soll.

Noller ist nicht der Einzige, der derzeit an solchen Pilotprojekten arbeitet. Auch Entwickler und Unternehmer aus der Krypto-Szene wenden sich nun der Industrie zu. Und das mit großem Selbstbewusstsein. „Ich möchte jetzt wirklich nicht arrogant rüberkommen“, sagt etwa Robert Küfner. „Aber wir sind diejenigen, die diese Technik verstehen und die Anwendungen in der Realwirtschaft umsetzen können.“

Der 30-Jährige ist einer der Pioniere, die früh in das Geschäft mit Krypto-Währungen eingestiegen sind – und damit sehr schnell sehr viel Geld verdient haben. Mit seinem Unternehmen nakamo.to und einer eigens zu diesem Zweck gegründeten börsennotierten Gesellschaft, der Advanced Blockchain AG, will Küfner Unternehmer bei Blockchain-Anwendungen beraten. „Es ist nicht etwa so, dass wir als Start-up jetzt mit unseren Ideen rumrennen und bei den Konzernen Klinken putzen“, sagt Küfner. „Es ist umgekehrt – die Konzerne kommen zu uns. Wir können uns Projekte und Partner aussuchen. Wir bestimmen das Tempo, wir bestimmen die Themen, die wir umsetzen wollen.“

Denn es gebe nur wenige Fachleute, die entsprechende Projekte auch tatsächlich umsetzen könnten. Oder: umsetzen wollten. „Monetär sind Krypto-Entwickler kaum zu motivieren“, sagt Küfner. „Zum einen haben viele mit Krypto-Währungen so viel verdient, dass sie eigentlich nicht mehr arbeiten müssten.“ Zum anderen könnten sich Kenner der Szene Kapital relativ einfach über einen ICO beschaffen, wobei quasi digitale Wertpapiere aufgelegt werden (siehe Glossar).

Krypto-Kapital

Die Gründer von Blockchain-Start-ups stammen oft selbst aus der Entwickler-, Schürfer- und Spekulanten-Szene, die rund um die Krypto-Währungen wie
Bitcoin und Ether entstanden sind. Viele stecken ihr Geld in ihre Unternehmen. Wenn sie zusätzliches
Kapital brauchen, setzen sie selten auf klassische Risiko-kapital-Investoren – und zapfen stattdessen über
Initial Coin Offerings (ICOs) direkt die liquide Krypto-Gemeinschaft an. Diese finanzielle Unabhängigkeit
von klassischen Investoren sorgt für Selbstbewusstsein
bei den Gründern.

Allianzen

Unternehmen und Institu-tionen wie die EU sowie die Vereinten Nationen
kooperieren mit Software-Entwicklern, um Standards für Blockchain-Anwendungen in ihren jeweiligen Branchen und Einfluss-gebieten zu erarbeiten sowie die Weiterentwicklung der Technik in ihrem Sinne zu beeinflussen. Wer setzt auf welche Technik?

Die Enterprise Ethereum Alliance (EEA)

Die Plattform Ethereum
ist bei Entwicklern sehr beliebt, weil sie die Möglichkeit bietet, sogenannte Smart Contracts und DApps zu entwickeln (siehe Glossar). Die im Frühjahr 2017 gegründete Enterprise Ethereum Alliance (EEA) bezeichnet sich selbst als „weltgrößte Open Source Blockchain Initiative“. Mitglieder sind Tech-Konzerne wie Microsoft, Cisco, Samsung und Intel, Rohstoffkonzerne wie BP und Shell, diverse Großbanken, Beratungsunternehmen, Medien- und Pharma-Konzerne sowie Firmen aus der Industrie. EEA-Arbeitsgruppen arbeiten an Anwendungen für ein
sehr breites Feld unterschiedlicher Branchen und Themenbereiche.

Zahl der Mitglieder: rund 300

Das Hyperledger Netzwerk

versteht sich als Dachorganisation, unter der verschiedene Open-
Source-Blockchains weiterentwickelt werden. Die Initiative wurde 2016 von Nutzern der freien Software Linux ins Leben gerufen. Im Fokus des Konsortiums stehen Anwendungen für die Finanz- und Gesundheitsbranche sowie das Lieferkettenmanagement von Industrie- und Handelsunternehmen. Neben den Linux-Leuten ist IBM ein maßgeblicher Akteur in dem Netzwerk. Beteiligt sind die Deutsche Börse, SAP, Daimler, Airbus, J.P. Morgan und der chinesische Suchmaschinenkonzern Baidu. Unternehmen wie die Deutsche Bank, HSBC
und Unicredit haben angekündigt, auf Basis von Hyperledger eigene Blockchain-Anwendungen zu entwickeln.

Zahl der Mitglieder: mehr als 20

Trusted IoT Alliance

Bosch hat im September 2017 gemeinsam mit Cisco, dem Finanzdienstleister BNY Mellon und einer Reihe von Krypto-Start-ups die Trusted IoT Alliance gegründet. Dort sollen vor allem Anwendungen rund um das Internet der Dinge sowie die Industrie 4.0 entwickelt werden. Die beteiligten Firmen setzen auf die Krypto-Währung IOTA, hinter der die Berliner IOTA Foundation steht. IOTA versteht sich als Weiterentwicklung und Alternative zu klassischen Blockchain-Techniken – das „Tangle“ genannte Netz (siehe Glossar) soll schneller wachsen können. Bosch hat sich mit seiner Risikokapitalgesellschaft RBVC auch direkt an IOTA beteiligt.

Zahl der Mitglieder: rund 30

Deutsche Telekom Blockchain Group

Der Konzern hat im November 2017 mit seiner Tochter T-Labs eine kleinere Gruppe gegründet, der sich Berliner Krypto-Start-ups wie BigchainDB, IOTA, Jolocom und Riddle & Code angeschlossen haben. Die Idee: Entwickler können über den „Stack“ der Blockchain Group Anwendungen entwickeln, die verschiedene Distributed-Ledger-Techniken kombinieren. Sie müssen sich nicht auf ein System festlegen.

EU-Blockchain

Die EU hat im Februar das weltweit aktive Ethereum-Start-up Consensys als Partner für ihr „EU Blockchain Observatory and Forum“ ausgewählt. 22 EU-Staaten wollen unter dem Dach der Initiative kooperieren und Pilotprojekte für Wirtschaft und Verwaltung entwickeln.

UN-Blockchain

Auch die Vereinten Nationen (UN) setzen auf Ethereum-Anwendungen, um die internationale Zusammenarbeit bei Projekten wie der Klimaschutz-Agenda oder bei der Flüchtlingshilfe effizienter zu gestalten. Flüchtlinge können in UN-Camps etwa mit Krypto-Gutscheinen bezahlen. Außerdem arbeitet die UN an einer blockchain-basierten, weltweit gültigen digitalen Identität.

„Und man darf auch nicht vergessen, dass die ganze Krypto-Szene eigentlich eine politische Bewegung ist“, sagt Küfner. „Viele der kreativen und genialen Köpfe aus dieser Szene würden niemals bei einem Konzern anheuern. Die sind Anti-Government, oft auch Antikapitalismus, stammen aus der gleichen Bewegung wie Occupy Wall Street oder der Piratenpartei hier in Deutschland.“ Mit einem Unterschied: Während Occupy-Aktivisten und Piraten inzwischen wieder weitgehend verschwunden sind, wollen die Krypto-Propheten jetzt erst richtig loslegen – und die Wirtschaftswelt verändern.

Wo Start-ups aus der Szene und etablierte Unternehmen zusammenkommen, prallen daher oft Welten aufeinander, berichtet Nina-Luisa Siedler. Die auf Finanztransaktionen spezialisierte Berliner Rechtsanwältin kam vor einigen Jahren eher zufällig auf das Thema Blockchain, als sie sich mit Fintechs befasste – und verbringt heute ihre Zeit damit, ICOs zu organisieren und Krypto-Gründer zu beraten. „Ich hatte mich anfangs mit ein paar Bekannten aus der Szene hier in Berlin zusammengesetzt und mir erklären lassen, was die da eigentlich machen“, erinnert sie sich. „Die sagten irgendwann einfach nur: Sorry, Nina, aber dein Recht ist für uns nicht attraktiv.“ Sie aber werbe dafür, sich mit rechtlichen Rahmenbedingungen auseinanderzusetzen, wenn man in der realen Welt etwas verändern wolle.

„Seit ein paar Monaten sehen wir etliche Projekte aus unterschiedlichen Branchen, in denen Krypto-Entwickler und etablierte Unternehmen zusammenarbeiten wollen“, berichtet Siedler. Das Verständnis füreinander sei aber noch begrenzt: „Die Konzerne wollen ihre Geschäftsmodelle beibehalten, ihre eigenen Standards setzen, ihre Profite absichern.“ Es ginge ihnen meist darum, „eine dezentrale Infrastruktur zu nutzen, um einige Abläufe effizienter zu gestalten“. Die Entwickler in den Krypto-Start-ups auf der anderen Seite versuchten die Großunternehmen davon zu überzeugen, alle ihre Datensilos zu öffnen und auf der Basis von Open-Source-Techniken zusammenzuarbeiten. Ambitionierte Projekte etwa zur Künstlichen Intelligenz brauchen ungeheure Datenmengen. „Ein einzelnes Unternehmen kann die nicht schnell genug sammeln“, sagt Siedler. Daher sollten die Firmen ihre Daten auf offenen Plattformen teilen – wo kein einzelner Beteiligter die Kontrolle hat.

Doch zu so weitreichenden Schritten seien derzeit nur wenige Unternehmen bereit, sagt Joachim Lohkamp, Gründer des Berliner Blockchain-Start-ups Jolocom und Schatzmeister im Lobbyverband der Krypto-Szene. „Damit die Blockchain-Technologie ihr volles Potenzial entfalten kann, müssen erst einmal alle Beteiligten verstehen, worum es eigentlich geht – Unternehmen ebenso wie Politiker und Konsumenten“, sagt er. „Der große Vorteil der Blockchain ist, dass Datenflüsse transparenter und leichter teilbar werden. Dass ich aber gleichzeitig die volle Kontrolle darüber behalten kann, welche Daten ich wann und wo mit wem teile“, führt Lohkamp weiter aus. „Unsere Vision ist, dass jeder Mensch, jedes Unternehmen, jede Institution und jedes Ding eine eigene, unverfälschbare und eindeutige digitale Identität bekommt. Und dass diese Identität auch vom Gesetzgeber, von Behörden und Verwaltungen anerkannt wird. Erst auf dieser Basis können Blockchain-Anwendungen wirkliche Breitenwirkung bekommen.“

Hoffnung machen ihm Politiker wie der französische Präsident Emmanuel Macron, der dem Thema wohlwollend gegenübersteht. „Wenn einer wie Macron sagt: Wir machen in Zukunft Regierungsprojekte Open Source und erwarten auch von Unternehmen, dass sie ihre Algorithmen transparent machen und Daten teilen – dann ist das ein wichtiges Signal für Unternehmen und Entwickler weltweit, dass Politiker in Europa verstehen, worum es geht.“

Ein ähnliches Signal erhofft er sich von der deutschen Politik. „Ich bin vorsichtig optimistisch, dass sich etwas tut. Im Koalitionsvertrag taucht ja immerhin schon sechsmal das Wort Blockchain auf.“ Noch besser als Absichtserklärungen wären aber konkrete, staatlich geförderte Projekte: „Warum nicht zum Beispiel das geplante EU-weite Drohnen-Register von Anfang an auf Blockchain-Basis umsetzen?“, fragt er. „Jede Drohne hätte immer noch ein klassisches Nummernschild, aber wichtiger wäre der Blockchain-Chip oder Sensor, der darin verbaut wäre und jederzeit einer Person oder Organisation zugeordnet werden könnte.“ Ein solches Projekt könnte seiner Ansicht nach Signalwirkung haben. „Die politischen Entscheider würden damit zeigen, dass sie dieses Mal die Digitalisierungswelle nicht verschlafen wollen. Und dass sie Rahmenbedingungen schaffen, mit denen Blockchain-Anwendungen rechtssicher umsetzbar werden.“ --

„Das Argument der Demo-kratisierung ist nur vorgeschoben“

Der Technikphilosoph Bruno Gransche, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungskolleg „Zukunft menschlich gestalten“ der Universität Siegen, teilt die Blockchain-Euphorie nicht.

brand eins: Herr Gransche, die Blockchain-Szene fordert: Rewrite everything! Das Ergebnis soll eine dezentrale, digitalisierte Ökonomie sein, in der jeder mit jedem interagieren kann. Und in der wir weder staatliche Instanzen wie Grundbuchämter und Zentralbanken brauchen noch Mittelsmänner wie Notare, Energieversorger oder Autovermieter. Das klingt reizvoll, oder?

Bruno Gransche: Das Versprechen lautet, dass man nicht mehr auf einzelne, veraltete, womöglich überforderte, vielleicht sogar korrupte Institutionen angewiesen sei. Die Macht, die Entscheidungsgewalt, die diese Institutionen haben, soll verteilt werden. Der Hintergrund, vor dem solche Ideen Einfluss gewinnen, ist der eines generellen Vertrauensverlustes in politische und wirtschaftliche Institutionen. Viele Menschen sind auf der Suche nach neuen oder aber wiedererstarkten alten Institutionen, denen sie zutrauen, in einer globalisierten und digitalisierten Welt Lösungen zu finden. Insofern entstehen Trends wie der Blockchain-Hype aus ähnlichen Gründen wie das derzeitige Erstarken nationalstaatlichen und rechtspopulistischen Gedankenguts. Das sind Ausgleichsbewegungen zu einem teils gefühlten, teils realen Kontroll- und Vertrauensverlust. Das Versprechen, auf diesem Wege die Kontrolle zurückzugewinnen, halte ich allerdings für fragwürdig.

Wieso?

Das Blockchain-Versprechen ist das einer Dezentralisierung und Demokratisierung. Dieses Versprechen hat schon einmal viele Menschen elektrisiert – in den Anfangszeiten des Internets. Was ist dabei herausgekommen? Neue starke, monopolitische Unternehmen wie Facebook, Google, Amazon, die sich demokratischer Kontrolle und gesellschaftlicher Verantwortung weitgehend entziehen können. Auch in der digitalen Welt gibt es Zugangsbeschränkungen, bilden sich Eliten, die die Profite abschöpfen.

Die Blockchain soll diese Akteure ja entmachten: Onlineplattformen wie Facebook oder Amazon würden ihren Einfluss – dank der Dezentralisierung und Fälschungssicherheit der Daten – verlieren. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten.

Das mag sein. Ich befürchte allerdings, dass das Argument der Demokratisierung, der Liberalisierung, für viele Akteure auf diesem Markt ein vorgeschobenes ist. Es geht darum, Profitmöglichkeiten zu schaffen. Neue Eliten zu schaffen, die die alten ablösen. Auch hier wird es Zugangsbeschränkungen geben, denn Blockchain-Anwendungen brauchen eine Infrastruktur. Und viel Energie, um sie ins Laufen zu bringen, das haben wir schon bei den ersten Anwendungen in der Finanzbranche gesehen. Blockchains brauchen jede Menge Rechnerleistung. Und es erfordert ein sehr spezielles Know-how, um diese Technologien zu gestalten und zu nutzen. Was wir derzeit sehen, sind doch in erster Linie privilegierte Akteure – diejenigen, die sich mit der Technik auskennen und die Zugang zur nötigen Infrastruktur haben. Sie wollen ihre jeweiligen Geschäftsmodelle nun an den Mann bringen.

Ist das nicht sehr pessimistisch gedacht?

Bestimmte Kompetenzen werden belohnt, andere entwertet. So funktioniert Wandel in der Wirtschaft – ich sehe keine Gründe, warum es mit Blockchain-Technologien anders laufen sollte.

Also die Revolution absagen?

Die Geschichte hat uns gelehrt, dass bei Revolutionen immer auch Köpfe rollen. Ich sage nicht, dass die Technologie kein Potenzial hat. Aber welches sich tatsächlich entfaltet, das hängt von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ab. Wenn wir als Gesellschaft sagen: Ja, wir wollen diesen Wandel, dann müssen wir darauf achten, dass wir dabei nicht lang und hart erkämpfte gesellschaftliche Errungenschaften aufs Spiel setzen, sei es versehentlich, fahrlässig oder gar absichtlich. Eine dieser Errungenschaften ist die, dass wir Akteure, die gesellschaftlichen Wandel gestalten, wählen oder durch gewählte Instanzen kontrollieren. Dass diejenigen, die bei so einem Wandel abgehängt werden könnten, ein Einspruchsrecht haben – oder zumindest gehört werden. Was hier geschaffen werden soll, sind neue mächtige Cyber-Institutionen. Aber man muss das mal realistisch sehen: Bei der Kontrolle digitaler Institutionen sind wir noch sehr, sehr schlecht. Wir können ja derzeit nicht einmal Unternehmen wie Facebook und Co angemessen kontrollieren. Damit müssten wir anfangen: Kontrollmöglichkeiten und Wissen aufbauen. Und den Zugang zur Infrastruktur möglichst frei gestalten. Damit am Ende nicht diejenigen mit dem schnellsten Rechner entscheiden, wessen Köpfe rollen. --