Beruf: Geldvernichter

Verschwendung kann sich lohnen. Eine Typologie des professionellen Protzens.





Nichts ist dem vernünftig kalkulierenden Nutzen-Optimierer, dem Homo oeconomicus, so zuwider wie sinnlose Verschwendung. Aber das Gegenteil von sinnloser Verschwendung ist nicht Geiz oder „innerweltliche Askese“ (Max Weber), sondern kalkulierte Verschwendung.

Der US-Ökonom Thorstein Veblen prägte dafür schon 1899 in seiner zum Klassiker gewordenen Theorie der müßigen Klasse den Begriff des „demonstrativen Konsums“ als „Zeugnis finanzieller Macht“. Entscheidend ist die Demonstration: Es braucht ein großes Publikum, um durch zur Schau gestelltes Protzen nicht unbedingt Respekt, aber Prestige und Wettbewerbsvorteile in der Aufmerksamkeits-Ökonomie zu erlangen.

Die Masche funktioniert in vielen Varianten – von den Pharaonen-Gräbern bis zum Trash-Protzen im Privatfernsehen, von der Selbstinszenierung höfischer Herrscher bis zu den Höchstpreisen eines hyperventilierenden Kunstmarktes.

Der Bling-Bling-Rapper

Wenn sich Rapper wie Lil Wayne Diamanten auf die Vorderzähne kleben oder sich mit Gold behängen, als wären sie Weihnachtsbäume, ist das ein Dienst am Image. Die Demonstration wirtschaftlicher Potenz liefert nebenbei eine interessante symbolische Umkehrung alter Hierarchien. Indem die Musiker ihren Reichtum so wuchtig wie möglich vorführen, verhöhnen sie gleichzeitig die Werte der (weißen) Puritaner und feiern ihren Aufstieg aus der schwarzen Unterschicht: Jede kiloschwere Goldkette wird zur Rache für erlittene Demütigungen, zur aggressiv ausgestellten Kompensation. Zu den Späßen der Popkultur gehören Hitlisten der Rapper mit dem teuersten Bling-Bling. Weit vorn liegt der sonst eher unbedeutende Rick Ross mit seiner 1,5 Millionen Dollar schweren Goldkette. Den Großmeistern des Genres ist der Bling-Stress zu anstrengend: Snoop Dogg bevorzugt Kiffer-Lässigkeit, Ice-T pflegt den düsteren Black-Panther-Look, und der Milliardär Dr. Dre mag es elegant. Die Bling-Bling-Angeber-Spiele demonstrieren zweierlei: Man kann es sich leisten und hat es nötig, das auch zu zeigen.

Der Feudalherrscher

Luxus hat mit Genuss nicht das Geringste zu tun. Öffentlich ins Extrem getriebener Luxus verlangt eiserne Disziplin und ist harte Arbeit. Ruhm ist die Währung, in der höfische Macht demonstriert und gesichert wird. Zu den Selbstinszenierungskünsten eines Ludwig XIV. (1638–1715) gehören komplizierte Rituale, schon das königliche Verlassen des Bettes verlangt jeden Morgen ein elaboriertes Zeremoniell. Die Raffinesse, mit der bei höfischen Festen und verschwenderischen Feuerwerken Schauspiele scheinbar sinnfreier Prachtentfaltung zelebriert werden, folgt einer Strategie der Beeindruckung. Zeremoniell, Kunst und Architektur sind Elemente eines Überbietungswettbewerbs, „Instrumente der Selbstbehauptung“, die „Fortsetzung von Krieg und Diplomatie mit anderen Mitteln“, wie der Kulturhistoriker Peter Burke („Die Inszenierung des Sonnenkönigs“) schreibt. Ein Rest davon hat sich im steifen Protokoll heutiger Staatsempfänge erhalten. Beim Monarchen alten Stils wird die Person des Königs identisch mit ihrer Inszenierung. Gemälde, Stiche, Münzen vervielfältigen die Bilder des herrschaftlichen Luxusgeschöpfs – eine Propaganda-Maschine, die Burke mit der Wirkung moderner Werbung vergleicht, indem er von der „Verpackung des Monarchen“ und gezielter „Verkaufsstrategie“ spricht.

Der TV-Selbstvermarkter

Robert Geiss, der Sohn eines Kirmesausstatters, lässt sich hauptberuflich dabei filmen, wie er Jachten mietet, seine Bediensteten zusammenstaucht, sich mit dem Helikopter mal schnell an die Côte d’Azur fliegen lässt, Villen begutachtet oder seiner Gattin gelangweilt beim Shoppen von Schuhen, Schmuck oder Hantaschen zusieht – Hauptsache, es ist teuer und glitzert. Schrilles Geplänkel des Ehepaars („Roooobääärt!“) sorgt für eine Art Handlung, aber eigentlich geht es vor allem um die Aneinanderreihung von Klischeebildern dessen, was ein bestimmtes Fernsehpublikum für Jet-Set hält. Der Hauptdarsteller verbindet das Feingefühl einer Bulldogge mit Dezenz und Charisma eines Holzhammers. Die Fernsehsendungen der „schrecklich glamourösen Familie“ wirken wie die Parodie dessen, was Thorstein Veblendie „stellvertretend müßige Klasse“ nennt: Einerseits kann der Normalverdiener kurz von einem ähnlich mondänen Lebensstil träumen, andererseits sorgt die Vulgarität der Geissens für wohligen Schauder. Die Kombination von beidem, die Möglichkeit, beim Zusehen Neid mit Verachtung zu verbinden, sichert zufriedenstellende Einschaltquoten und damit das Funktionieren des Geschäftsmodells.

Der Snob

„Man sieht sofort, dass die Majestät aus der Perücke gemacht ist, den hochhackigen Schuhen und dem Mantel. (…) So stellen Barbiere und Flickschuster die Götter her, die wir anbeten“, höhnt der britische Schriftsteller William Thackeray. Sein „Book of Snobs“ prägt 1848 den Begriff des überkultivierten Schnösels, wobei der Ursprung des Wortes nicht ganz klar ist. Eine mögliche Erklärung: Bürgerliche Studenten wurden in Cambridge als „sine nobilitate“ geführt, „ohne Adel“. Der Snob ist ein Bürger, der so tut, als wäre er ein Adeliger. Er überschreitet symbolisch Klassengrenzen und lässt den Dünkel des Adels grotesk erscheinen. „Die Rang- und Standesliste ist eine Lüge und wert, ins Feuer geworfen zu werden“, schreibt Thackeray. Die Provokation des bürgerlichen Dandys liegt vor allem in der Zeit, die er darauf verschwendet, seinen Auftritt zu kultivieren – statt sie produktiv und effizient zu nutzen. Diese Demonstration des müßigen Lebens stellte in Feudalgesellschaften „den unmittelbarsten und überzeugendsten Beweis von Reichtum und damit von überlegener Macht dar“ (Veblen). Die Ironie des Dandys liegt in der Anmaßung, einen Müßiggang zu demonstrieren, den sich ein gewöhnlicher Bürger nicht leisten kann. Indem er Zeit und Geld verschwendet (gern auch geliehenes Geld, das er nie zurückzuzahlen gedenkt), macht er sich über die Privilegien des Adels wie über die Moral des Bürgers lustig, dem Zeit Geld ist. Oscar Wilde dreht das mit der Eleganz des Dandys um und erklärt: „Zeit ist Geldverschwendung.“

Der Papst

Je vager begründet die Macht ist, je schwerer beweisbar der mit ihr verbundene Wahrheits- und Deutungsanspruch, desto notwendiger wird ihre Demonstration. Kein Wunder, dass die Selbstinszenierung schon immer zur Kernkompetenz des Klerus zählte: die Pracht-Demonstration als Macht-Demonstration und sichtbarer Beweis des Wirkens höherer Kräfte. Die kostbaren Gewänder, die üppig geschmückten Dome, die sakralen Bauten des Vatikans sieht der Historiker Peter Hersche als „Mittel der Auseinandersetzung“ im „Theater der Politik“, in dem es darum geht, „sich möglichst glanzvoll zu inszenieren“. Aus dieser Perspektive wird selbst der ausschweifende Luxus am Papst-Hof in Avignon unter Gregor XI. zum Beweis der Überlegenheit des katholischen Glaubens, und selbst die handgefertigten roten Schuhe von Ex Papst Benedikt XVI. dienen dem Lob und Preis des Allmächtigen. Dass auch die Inszenierung demonstrativer Bescheidenheit eine gut funktionierende Selbstdarstellungsstrategie sein kann, führt sein Nachfolger vor.

Der König der Nacht

Rolf Eden ist die Antwort des alten Westberlins auf den Las-Vegas-Glamour, eine gelungene Symbiose aus Berliner Breitbeinigkeit und enthemmtem Nachtleben. Eden macht sich schmerzfrei und strategisch geschickt zur Boulevardfigur mit hohem Verschleiß an Sexualpartnerinnen. Der Mann mit der Vorliebe für weiße Anzüge, der auch mal Schwarz trägt, führt einen unbekümmert hedonistischen Lebensstil vor. Das ist gut fürs Geschäft: Jede Pressenotiz, jedes Foto, jeder Fernsehauftritt macht Werbung für die zahlreichen Diskotheken und Nachtclubs, die er im Westberlin der Sechziger- und Siebzigerjahre betreibt.

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