Agrilution: Plantcube

Intelligente Boxen erlauben den Gemüseanbau in der heimischen Küche.




• Tausende Jahre war klar: Eine Pflanze braucht Sonne, Erde, Wasser und Luft, um zu gedeihen. Mittlerweile genügen dafür neben Luft elektrisches Licht und eine Nährlösung, mit der die Wurzeln regelmäßig benetzt werden. Und wenn die Vision von der vertikalen Landwirtschaft eines Tages Wirklichkeit wird, wächst unser Gemüse mitten in der Stadt: in geschlossenen Gebäuden, platzsparend auf mehreren Ebenen übereinander. Im viel kleineren Maßstab wird das bald in der heimischen Küche möglich sein. Zwei junge Unternehmen wollen Gewächsschränke auf den Markt bringen, die ihre Besitzer rund ums Jahr mit frischen Kräutern, Sprossen und Salat versorgen sollen.

Die Münchener Firma Agrilution hat ihre Entwicklung Plantcube genannt. Sie sieht aus wie ein kleiner Kneipenkühlschrank mit Glastür, nur dass auf den beiden Einschüben keine Bierflaschen liegen, sondern Pflanzen wachsen. Zum Beispiel Kräuter, Minisalate und junge Keimpflanzen, die nach wenigen Tagen geerntet werden können.

LED-Lampen bestrahlen die Gewächse, aus einem Wassertank werden ihre Wurzeln nach Bedarf versorgt – alles vollautomatisch und an die jeweiligen Pflanzen angepasst. So soll selbst Menschen mit einem braunen Daumen der Anbau zu Hause gelingen. Sie müssen lediglich die Schubladen mit Samenmatten bestücken und schließlich das Gemüse ernten. Wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, zeigt eine App an.

Ursprünglich wollten die Gründer Maximilian Lössl und Philipp Wagner eine große vertikale Farm betreiben. 2012 war Lössl auf das Konzept gestoßen und hatte sich in den Niederlanden während seines Studiums „International Food and Agribusiness“ damit beschäftigt. Doch dann entdeckte er mit seinem heutigen Kompagnon Wagner, einem Mechatroniker und Mathematiker, die Nische des vertikalen Anbaus zu Hause, und sie kamen auf die Idee, die Technik zu schrumpfen.

„Der Plantcube ermöglicht es, jederzeit frisches Gemüse zu ernten, das ein Maximum an Nähr- und Geschmacksstoffen enthält und gleichzeitig ohne Pestizide auskommt“, sagt Lössl. „Dabei verbraucht unsere Methode bis zu 95 Prozent weniger Wasser und bis zu 60 Prozent weniger Düngemittel als die konventionelle Landwirtschaft.“

Mehr als vier Jahre haben Lössl, Wagner und ihre mittlerweile 22 Vollzeitmitarbeiter an dem System gearbeitet. Investoren wie Osram, Tengelmann Ventures und Kraut Capital haben zusammen einen einstelligen Millionenbetrag in das Unternehmen gesteckt – zu Weihnachten sollen die ersten Geräte verkauft werden.

So weit ist der Konkurrent Neofarms noch nicht, der in Hannover an einem ähnlichen Gewächsschrank für den Hausgebrauch arbeitet. Dieser soll jedoch nicht nur mit den herstellereigenen Samenmatten, sondern auch mit Saatgut und Stecklingen fremder Herkunft funktionieren – und rund zwei Quadratmeter Anbaufläche bieten, fast sechsmal so viel wie der Plantcube. 30 bis 40 Kilo Salat soll man darauf pro Jahr ernten können.

Zudem arbeitet Neofarms mit einer Versorgungstechnik, die sich die Gründer Henrik Jobczyk und Maximilian Richter von der US-Weltraumbehörde Nasa abgeguckt haben. Bei der Aeroponik genannten Methode werden die Wurzeln mit einem Nährstoff-Wasser-Nebel eingesprüht, der sie optimal versorgt.


Die Technik soll auch Menschen ohne grünen Daumen Erfolgserlebnisse verschaffen.

In den Phasen, in denen nicht gesprüht wird, lässt sich gezielt Trockenstress auslösen, der bestimmte Pflanzen anregt, verstärkt Geschmacksstoffe zu bilden. „Wir haben vorhandene Technik für die private Anwendung angepasst und uns die Umsetzung patentieren lassen“, sagt Jobczyk, der sein Studium der Biotechnologie für seine Firma hat sausen lassen.

Rund 80.000 Euro haben er und Richter bislang in das Unternehmen gesteckt. Sie haben mit vier Studenten mehrere Prototypen konstruiert und arbeiten jetzt an einer Kleinserie. Partner für die weitere Entwicklung und den Vertrieb seien gefunden, sagt der Industriedesigner Richter. Nun spreche man mit potenziellen Investoren. „Wir brauchen rund 1,7 Millionen Euro, um in Produktion zu gehen. Dann könnten wir innerhalb von zwei Jahren auf den Markt kommen.“

Zwischen 5000 und 6500 Euro wird die erste Serie der Neofarms voraussichtlich kosten, der Plantcube rund 2980 Euro. Beide Firmen haben wohlhabende Käufer im Blick, die auf ihre Ernährung achten und gern kochen.

Heike Mempel, Professorin für Gewächshaustechnik und Qualitätserhaltung an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, hält die Gewächskühlschränke für Lifestyle-Produkte, die aber durchaus interessant sind. „Man kann mit solchen Geräten Wasser und Pflanzenschutzmittel deutlich einsparen.“ Allerdings sei die Energiebilanz schlechter als beim Freilandanbau, „denn Sonnenlicht ist CO2-neutral und kostenlos – und der Transport nach Deutschland fällt in der Rechnung auch bei einem Salat aus Südeuropa kaum ins Gewicht.“ Das Supermarktangebot werden die Geräte Mempels Ansicht nach nur ergänzen, nicht ersetzen können. --

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