Partner von
Partner von

Geduldsproben

Der alte Kapitalismus mochte es schnell und schmutzig. Die Wissensökonomie hingegen ist eine Ausdauersportart. Wir müssen lernen, uns in Geduld zu üben.





1. Modern Times

Kürze ist beliebt.

Bevor wir darüber reden, ob das klug ist und was es kostet, machen wir mal einen kleinen, kurzen Test.

Machen wir die Augen zu und konzentrieren uns. Und jetzt kommt die Frage: Was sehen Sie, wenn Sie an das System denken?

Vielleicht Leute, die zappeln, viel Lärm machen und Theater? Vielleicht haben einige auch Charlie Chaplin gesehen: Wie von der Tarantel gestochen sprang der kleine Mann in einem Chaos aus Zahnrädern und schnell laufenden Fließbändern in einer Fabrik namens „Electro Steel Corporation“ herum, der Inbegriff des dynamischen Produktionsbetriebs. Das war im Jahr 1936, der Film hieß „Modern Times“, was man eher als Dokumentation denn als Tragödie verstehen muss, weil darin gezeigt wird, wozu blinder Eifer, Hektik und Ungeduld führt, nämlich in die Irre. Augen auf.

Die Fleißwirtschaft, die Industrie, beruht auf Tempo und Masse. Das ergibt in Summe ein ungeduldiges Vieh, das keine Atempause kennt. Wer drängelt und schubst, hat recht. Zupacken, auch mal dreinschlagen – das sind die Haudegen, die das System liebt. Wer zaudert, verliert.

Die Ungeduld als Prinzip ist keine Erfindung des Kapitalismus, und auch die populären „Machertypen“ gab es schon immer. Aktionisten, die alles versprechen, um nichts zu halten, erschienen stets dort, wo den Leuten die Geduld ausging, aus gutem Grund oder einfach, weil sie nicht warten konnten. Wird es dann schwierig, ruft man König Zappelphilipp auf den Thron, der es richten soll. Der macht dann Versprechungen, was schneller geht als jede Form echter Veränderung.

Wir sollten das wissen, aber wir tun gerade so, als ob das egal wäre. Kein Wunder, denn auch wir halten die Ungeduldigen eigentlich für die Guten. Auch im Alltag gelten Menschen mit ausgeprägter Geduld meist als nett, also führungsschwach, nachgiebig, lethargisch und ein bisschen trottelig. Und ja: Wer sich alles gefallen lässt oder immer nur Visionen hat, von morgen redet, im Hier und Heute aber nicht liefert, dem kann man auch nicht trauen.

Doch Geduld hat nichts mit Arbeitsverweigerung zu tun, im Gegenteil. Die Wissensgesellschaft braucht den Menschen nicht mehr als Teil der Maschine, sondern als selbstständig denkendes und entscheidendes Individuum. Um Probleme zu lösen, muss man sich nicht benehmen wie eine Wüstenspringmaus. Ungeduld ist keine Tugend. Dranbleiben schon.

2. Instant Karma, Radio Edit

Die Langstrecke ist mühsam, aber komplexe Probleme löst man nicht im Sprint. Mag ja sein, dass in der Kürze auch mal die Würze liegt, aber meist schmeckt die nach Glutamat. Wann haben wir das vergessen?

Irgendwann entschlossen sich Radiostationen, Songs, die länger als dreieinhalb Minuten waren, kaum noch zu spielen. Für längere Stücke, hieß es, hätten die Leute immer weniger Geduld. Tatsächlich waren Single-Schallplatten anfangs technisch auf diese maximale Spieldauer beschränkt. Die Not wurde zur Tugend umgedeutet, auch weil sich damit mehr Werbung zwischen die Musik pressen ließ. Das Prinzip des Radio Edit verschärfte die Rastlosigkeit weiter.

Doch das Prinzip verbreitert eben auch die Absatzbasis. Der Aktionismus ist nicht zweckfrei: Er baut auf einer wesentlichen Behauptung der Konsumkultur, dass wir nämlich alles sofort und jederzeit haben können. Das ist keine Erfindung des Webzeitalters. John Lennon machte sich schon 1970 darüber lustig, Instant Karma, sofortige Erleuchtung, nannte er eine seiner ersten Solonummern nach dem Ausstieg bei den Beatles.

Sofortige Erleuchtung ist allerdings nicht zu erwarten. Alles, was wir erwarten dürfen, ist ein kurzes Blinken. Das ist keine Konsumkritik, sondern eine an den Konsumenten. Wir kriegen nichts wirklich Neues, weil wir so zappelig sind. Ein Beispiel: Ursprünglich meinte man mit Hardware jenen Teil eines Systems, der langfristig funktionieren sollte – und der deshalb von hoher Qualität sein musste. Das Betriebssystem wiederum war zur dynamischen Weiterentwicklung des Systems da. Das eine war eine Plattform, das andere ihre Aktualisierung und stete Verbesserung. Heute haben Updates ein anderes Ziel. Sie vernichten eine brauchbare Substanz, machen aus Smartphones und Computern lahme Enten und zwingen dazu, sich neue Hardware zu kaufen.

Abwarten ist etwas für Loser

Darüber mag man sich ärgern, aber es wäre nicht möglich, wenn dabei nur das Kalkül der Hersteller eine Rolle spielen würde. Es ist auch das Publikum. Es giert nach Neuem und gibt sich meist mit Krümeln statt echten Innovationen zufrieden – jedenfalls für kurze Zeit. Die Ungeduld führt zu einer Art konsumkapitalistischem Alzheimer.

Wir wissen zwar nicht, wo wir hinwollen, kommen dafür aber schneller an.

Wir vergessen, was wir wirklich wollen, weil wir ständig etwas fordern, das nur sehr kurzfristige Befriedigung verschafft. Genau das wird auch geliefert. Das Problem ist nur, dass die Grenzen zwischen dem, was kurzfristig wichtig ist und den Zielen und Wünschen, die sich nur auf lange Sicht erfüllen lassen, verschwimmen. Die Folge sind Frust und Enttäuschung und das Gefühl, betrogen worden zu sein – was stimmt, wenngleich auch von sich selbst.

Ziele sind ohne Geduld, ohne Ausdauer, ohne die Fähigkeit, Langstrecke zu laufen, nicht erreichbar. Dabei ist es unerheblich, was man möchte, ein neues Auto oder ein Smartphone, mehr Gesundheit, eine andere Gesellschaft, oder ob man knifflige Probleme lösen oder einfach Erfolg haben will mit dem, was man tut. Gut Ding will Weile haben. Den Kram hingegen könnt ihr gleich haben. Sollen wir es hübsch einpacken?

3. Vertagungen

Manche wissen das, viele ahnen es, und noch mehr ignorieren es, wofür eigene Techniken und Methoden angeboten werden, jeden Tag was Neues. Sie alle haben den Zweck, den aktionistischen Alltag nicht zu stören – und nicht dranbleiben zu müssen, also ausdauernd, geduldig und mit vollem Einsatz eine Sache zu betreiben. Man füllt den Tag mit Nebensächlichkeiten, die wichtigen Dinge hingegen lässt man links liegen, die sollen sich gefälligst von selbst erledigen oder von anderen erledigt werden. Dafür steht das Wort Prokrastination, abgeleitet aus dem lateinischen Begriff für Vertagung. Das liegt im Trend und hat noch andere Vorteile: Man kommt damit niemandem in die Quere und schafft sich keine Feinde, denn es macht ja niemandem etwas aus, wenn man nichts macht.

Denken wir jetzt nicht, wie so oft, wenn es um Klischees geht, an den Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg, wo die Rede vom Prokrastinieren vor einigen Jahren aufkam. Hektisches Nichtstun hat alle Sphären erfasst, Wirtschaft, Politik, Gesellschaft. Während man unaufhörlich über sie redet, zögert man wichtige Entscheidungen hinaus. Irgendwann ist man dafür nicht mehr zuständig, weil man nicht mehr im Amt ist oder sich anderweitig hinübergerettet hat. Die Nachfolger und künftigen Generationen müssen sich dann ein bisschen mehr anstrengen.

Prokrastination ermöglicht, ungeduldig zu sein, aktionistisch, unverbindlich, kurzatmig – und dabei den Eindruck maximalen Engagements zu hinterlassen. Es ist pure Heuchelei. Die hat ihren Preis. Denn Geduldsfäden sind nichts anderes als die direkten Beziehungen zwischen Menschen, und die bestehen aus Vertrauen und Zutrauen. Beides entsteht sozusagen aus dem Tagesgeschäft heraus und ist kein Produkt ewiger Ankündigungen oder Verschiebungen.

Die kleinen Schritte sind es, die beweisen, dass man für die lange Strecke die Geduld aufbringen kann. Man kann das auch ernsthafte Bemühungen nennen, die Versuche, mit ganzem Einsatz ein Ziel zu erreichen, die selbst dann gut sind, wenn sie scheitern. Langfristiges Systemvertrauen hält die Geduldsfäden zusammen. Wenn sie reißen, dann hört man das nicht immer gleich, aber die Folgen sind unausweichlich: Enttäuschung, Misstrauen ins System und der Verlust des so wichtigen Zutrauens in uns, des Optimismus, dass wir das Kind schon schaukeln werden.

Wer also die Geduld der anderen überstrapaziert, der diskreditiert mehr als seinen eigenen Ruf: Die Vertagungspolitik vernichtet die Lust an Zukunft, ein Wort, das bei vielen ohnehin nicht mehr bedeutet als die Zeit, die zwischen zwei Quartalsberichten verstreicht. Damit wird Innovation untergraben, auch der Mut, ein Risiko einzugehen. Wer weiß, wo er hinwill, ist bereit, dafür auch länger zu gehen – und nicht nur, wenn die Sonne scheint. Ein Ziel zu erreichen braucht Geduld. Das ist gleichbedeutend mit: die beste Lösung anstreben, nicht irgendeine.

Etwas Ganzes. Nichts Halbes.

Jeder will seinen Teil sofort, der Durchschnittsbürger, Konsument ebenso wie der Kapitalist – alles steht allen sofort zu. Kein Wunder, dass einem da die Puste ausgeht und das Leben nichts Ganzes mehr ist, sondern eine Ansammlung günstiger Gelegenheiten, ein Schnäppchen nach dem anderen. Ein Puzzle statt eines Bildes.

4. Puzzles und ganze Bilder

Die Geduld ist ein mentales Werkzeug, eine Sammlung von Kniffen, Methoden und Einstellungen, die uns erlauben, schwierige Probleme zu lösen. Für solche Fälle hat die Evolution uns mit Verstand ausgestattet, der greift, wenn sich die Dinge nicht von selbst erledigen. Wer denkt, nimmt sich Zeit. Der Geduldige muss sich bewusst anstrengen und verstehen lernen, warum. Das ist keine Nebenfrage, sondern entscheidend, wenn es darum geht, langfristige Ziele zu verstehen – und unsere Rolle dabei. Wer sich nur am Rande mit Innovationen, Zukunftsgestaltung, Entwicklung, Strategie oder Nachhaltigkeit beschäftigt, müsste eigentlich hier anfangen. Was macht die Geduld aus? Die Fähigkeit zu differenzieren: Was ist dringend, was wichtig? Kann man echte Innovationen, die weitreichende Folgen für das System haben, von Features, also den Häppchen der Erneuerung, unterscheiden?

Das fällt leichter, wenn man sich darüber im Klaren ist, was man eigentlich will. Womit wir wieder bei der unvermeidlichen Verwandtschaft von Geduld, Sinn und Zweck wären. Wo lernt man das? Wo wird einem das beigebracht? Her mit der Antwort, aber ein bisschen dalli!

Wie? Nirgends? Aber so ist es.

Warten gilt als ungerecht. Wer wartet, ist selber schuld und ganz schön doof. Denn wer wartet, der nimmt billigend in Kauf, dass jemand anderer ihm etwas wegnimmt. Und zwar ganz egal ob wir das nun brauchen oder nicht. Das steht mir zu! Hier haben wir den Haupterreger der Ungeduld, die Gier, den Neid, die Angst, zu kurz zu kommen, und da ist der Durchschnittsbürger im Sozialstaat sich mit dem Turbokapitalisten ganz einig. Man ist verbunden durch das eiserne Band der Anspruchskultur, in der alle alles wollen und einer dem anderen nichts gönnt oder ihm nicht traut. Jeder will „seinen“ Anteil. Sofort.

Das Leben wird eine Ansammlung von Forderungen, günstigen Gelegenheiten und Schnäppchen. Viel Halbes, nichts Ganzes. Das merkt man auch an anderen Details.

Was macht die Geduld aus? Die Fähigkeit zu differenzieren: Was ist dringend, was wichtig?

Menschen hatten früher einen Beruf, heute machen sie Projekte. Daran ist grundsätzlich nichts Schlechtes, wenn die Projekte den Zweck erfüllen, das Große und Ganze übersichtlicher und handhabbarer zu machen, und man sich diesem Ziel Stück für Stück nähert. Wenn ein Projekt danebengeht, dann macht man halt das nächste – und nicht alles ist verloren. Wer aber kein Ziel vor Augen hat, für den kann das Projektdenken zum Gegenteil führen. Statt Leben gibt es dann Lebensabschnitte, mit den dazugehörigen Partnern. Die Ungeduld ist dann Programm geworden, der kurze Atem die Geschäftsgrundlage. Langmut gilt als Zeichen eines überholten Charakters. Dabei kommt kein klares Bild heraus, sondern ein Puzzle.

5. Die Entdeckung der Langsamkeit

Aus einiger Entfernung sieht das aus wie etwas Ganzes, aber das ist eine optische Täuschung. Von Nahem betrachtet, zeigen sich die Bruchstücke, und je höher die Auflösung, der Realitätsgrad, desto größer die Enttäuschung. Das sieht nicht gut aus. Und vor allem: Es führt zu nichts. Viele ahnen das. Der Welterfolg des deutschen Schriftstellers Sten Nadolny aus dem Jahr 1983, „Die Entdeckung der Langsamkeit“, macht das klar. Es ist wohl kein Zufall, dass dieser Roman zu Beginn eines Jahrzehntes zum Erfolg wird, in dem der Personal Computer und die Massendigitalisierung in unsere Welt treten. Nadolnys Werk beschreibt Leben und Charakter des englischen Entdeckers John Franklin, ein überragender Polarforscher des 19. Jahrhunderts. Nadolny beschreibt ihn als langsam bis zur Begriffsstutzigkeit, doch der Mann ist nur gründlich, in den endlosen Eiswüsten, die er erforscht, ist das eine lebensnotwendige Tugend. Eroberer holen sich, was anderen gehört, aber für das Neue sind sie ungeeignet. Entdecker hingegen wissen, dass ihnen ihr Ziel nicht davonläuft.

Franklins Defizite in einer Welt der zunehmenden Eile, wie sie im revolutionär industriellen England des 19. Jahrhunderts verbreitet ist, werden zu Stärken, über seinen Tod hinaus. Auch wenn der Entdecker 1848 beim Versuch, die legendäre Nordwestpassage zu finden, mit mehr als hundert Mitstreitern ums Leben kommt – seine besonnene Methodik und geduldige Vorgangsweise werden zum Modell aller erfolgreichen Expeditionen der kommenden Jahrzehnte.

Die Entdeckung der Langsamkeit ist eine Parabel der frühen Wissensgesellschaft. Aktionismus greift zu kurz. Fortschritt ist ein zähes Geschäft. Hier wird alles zur Expedition. Kein ernst zu nehmendes Problem in einer komplexen Welt kann kurz und schmerzlos gelöst werden. Geduld setzt auf Vernunft und Realitätssinn. Sie verlangt nach Erfahrung, nach Eigenart und Konzentration.

Langmut schlägt Heldenmut.

Wissen schlägt Gewalt.

Jede Innovation baut auf Begreifen auf. Geduld ist die Voraussetzung dafür, solches Neuland zu durchdringen. Klassische Industriemanager müssen nicht geduldig sein, im Gegenteil. Ihr Job ist es, wie Peter Drucker es zeitlos schön definierte, „die Dinge richtig zu tun“, während vom Leadership erwartet wird, „die richtigen Dinge zu tun“, was nahelegt, dass mit rasender Routine da wenig auszurichten sein wird.

Eine weitere Variante des unterschätzten Geduldthemas findet man bei dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman – „Schnelles Denken. Langsames Denken“ ist letztlich nichts anderes als die Beschreibung der unterschiedlichen Geschwindigkeiten von Routine und geduldiger Reflexion. Kahneman hat dabei durch seine populären Beiträge zur Verhaltensökonomie den Stellenwert der Geduld deutlich erhöht. Vor vier Jahren erschien „Die Entdeckung der Geduld“ des österreichischen Verhaltensökonomen Matthias Sutter. Er ist heute Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn (siehe Interview auf Seite 54). Geduldige, so lautet seine Einsicht, sind erfolgreicher als Talentierte. Der kreative Wissensarbeiter kennt seine Ziele. Er arbeitet konzentriert darauf hin. Mit Geduld und Spucke. Beides braucht es.

6. Kontemplation

Das ist nicht neu, sondern nur eine Wiederentdeckung. In der alten Wissensgesellschaft der Klöster und Mönche war der Begriff der Kontemplation von zentraler Bedeutung.

Im Deutschen Wörterbuch wird Kontemplation mit „geistiger Versenkung“ beschrieben, also konzentriertem Nachdenken. Dabei geht es, so die Wikipedia ergänzend, „in erster Linie um die Betrachtung eines geistigen, ungegenständlichen Objekts, in das man sich vertieft, um darüber Erkenntnis zu gewinnen“.

Der Zweck der geduldigen Übung ist es, den eigenen Verstand auszubilden. Nach den Regeln des Pioniers des modernen Denkens, des im 15. Jahrhundert lebenden Niklaus von Kues – genannt Cusanus –, verbindet sich das mit den allgemeinen Regeln der Vernunft. Was dabei herauskommt, ist anschlussfähiges Denken, das kein Selbstzweck ist, sondern anderen bei der Lösung offener Fragen und Probleme nützt. Kontemplation ist die Denktechnik, die jeder gute Unternehmer, Forscher und Erfinder anwendet. Gründlich nachdenken, ein Problem erkennen und den anderen verständlich machen.

Für Caroline Seifert, einst verantwortlich für das Produktdesign der Deutschen Telekom AG und bis vor Kurzem in Indien als erste Marken- und Designchefin des Mobilfunkriesen Jio in Mumbai tätig, ist Geduld gleichbedeutend mit Klarheit und Selbstbewusstsein: „Geduld setzt das Wissen um das eigene Wollen zwingend voraus“, sagt sie. Wer 1,3 Milliarden Menschen mit schnellem Internet versorgen will, der braucht das. Und Seifert weiß, dass die Geduld, die man für die Entwicklung der Kompetenz bei der Lösung großer Probleme braucht, noch etwas braucht: Ungeduld. „Es klingt paradox, aber geduldige Menschen lassen nicht locker.“

Es heißt Geduldsprobe, weil die Geduld ständig durch die Ungeduld gefordert wird. Und umgekehrt. Es braucht beides, damit etwas vorangeht.

7. Lob der Ungeduld

Das sieht auch der Philosoph Peter Heintel aus Klagenfurt am Wörther See so, nur dass die Geduld in Zeiten wie diesen unterschätzt werde – obwohl wir mittlerweile in einer Welt leben, in der man mit dem Kopf sein Geld verdient. „Wir haben kulturell immer noch den Schlag ins Gewalttätige“, sagt Heintel. „Die abendländischen Vorbilder sind Alexander der Große, der den Gordischen Knoten nicht etwa mit Köpfchen löst, sondern mit dem Schwert durchhaut.“ Geht schneller, sagt Heintel, „macht aber das Seil kaputt“.

Der emeritierte Professor hat vor Jahrzehnten schon für Aufsehen gesorgt, als er mit Gleichgesinnten seinen „Verein zur Verzögerung der Zeit“ gründete. Das sorgte für einige Missverständnisse. Denn Heintel wollte nicht „entschleunigen“, sondern „Konzentration fürs Wesentliche“. „Es geht darum, dass wir uns der langfristigen Problemlösung, dem konzentrierten, gründlichen Nachdenken zuwenden müssen. Eine Wissensgesellschaft, die das unterlässt, trägt ihren Namen nur zum Schein“, sagt er.

Es fängt bei alltäglichen Kleinigkeiten an. Wer hat Geduld? Wer darf keine zeigen? „Die Hierarchien, die wir kennen, sind auf der alten Logik des Entweder-oder aufgebaut. Durchsetzen heißt umgehend Stärke zeigen, und das ist physisch gemeint. Der Anführer muss mit dem Untergebenen ungeduldig sein, ihn drängen, schubsen, antreiben, nicht nur, damit alles am Laufen gehalten wird, sondern eben auch, weil Macht aus Prinzip keinen Widerspruch dulden kann“, sagt Heintel. So kommt man von der Geduld zur Duldsamkeit, zum Dulden, der Toleranz, dem Aushalten.

Ein großes Thema überall.

Das Erdulden ist von jeher für die unteren Chargen vorgesehen. „Macht will bestätigt werden und braucht die Anerkennung der weniger Mächtigen“, sagt Heintel. Dazu gehöre die Duldung. „Die Ungeduld hingegen steht für den Verdacht des Widerstands, der Kritik, der Verweigerung.“ Ein Chef könne ungeduldig mit seinen Mitarbeitern sein, aber im umgekehrten Fall läge natürlich, so Heintel, „ein Aufstand vor“.

Das sind, wohlgemerkt, die alten Verhältnisse, die wir als normal empfinden. Natürlich gibt es viele langmütige, geduldige Chefs und Führungskräfte, die wissen, das gut Ding Weile braucht und Aushalten zu den Kernkompetenzen ihrer Arbeit gehört. Aber auch sie gehen in die Falle einer Kultur, die ihnen das schnell als Führungsschwäche auslegt – ein Irrtum, der oben in Unternehmen so verbreitet ist wie unten. Dass der Klügere nachgibt, weil er weiß, dass seine Ziele nur langfristig erreichbar sind, hat sich nicht wirklich herumgesprochen.

Es heißt Geduldsprobe, weil die Geduld ständig durch die Ungeduld gefordert wird. Die Ungeduld treibt uns voran. Die Geduld führt zum Ziel.

Nun hat Heintel grundsätzlich nichts gegen die Ungeduld, sie sei wichtig als Treiber der Veränderung, aber sie brauche auch eine neue Sichtweise. Der Krug geht bekanntlich zum Brunnen, bis er bricht. Aber warum macht er das eigentlich? Ist das schlau oder konstruktiv? Wieso staut sich der Ärger so lange auf, bis er explodiert – und wir buchstäblich die Geduld verloren haben? Wäre es nicht weitaus vernünftiger, regelmäßig unsere Verhältnisse und Beziehungen zu prüfen, bevor nichts mehr geht? Anders gesagt: „Ungeduld soll die Entwicklung fördern, nicht den Bruch“, so Peter Heintel.

Dabei wäre es doch sehr hilfreich, wenn sich die Leute ein bisschen mehr austauschten. Das Dulden ist auch das Ergebnis von besserem Wissen. Wir halten mehr aus, wenn wir erst einmal gelernt haben, was andere bewegt. „Die Quellen der Ungeduld und des Ärgers in Organisationen sind oft schlicht Unwissenheit, wie es den anderen geht. Jeder ist Spezialist in seiner Nische und versteht andere Spezialisten kaum noch. Und deshalb sind ,die anderen‘ immer die Blockierer, die sich der gemeinsamen Problemlösung entziehen“, sagt Heintel.

Die Ungeduld ist eine wichtige Eigenschaft, um sich gegen Willkür und Bevormundung zu wehren. Ungeduld ist Widerstand mit dem, was ist – und deshalb eine Triebfeder der Veränderung und Innovation.

Dazu muss man, wie bei der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und unbekannten Systemen, nicht alles wissen und auch nicht alles aushalten und hinnehmen – aber so viel Kontextwissen sammeln, um zu verstehen, warum die sich so und nicht anders verhalten. In komplexen Gesellschaften gehört Geduld damit zum Standardprogramm der Entwicklung. Und der Austausch, das Wissen darüber, warum wer was tut und wie die Welt in ihren Grundlagen funktioniert, zur elementaren Allgemeinbildung. Wer die nicht hat, irrt orientierungslos herum und macht sicher Ärger.

Das Gleichnis von der babylonischen Sprachverwirrung gilt immer noch, und immer noch führt es in Chaos und Untergang. Verstehen schafft Verstand, das ist eine alte Geduldsformel.

8. Geduldsübungen

Dann hätte sich auch der viel gescholtene Kapitalismus mehr Verstand und mehr Geduld verdient, nicht nur von seinen Betreibern, sondern in Zeiten wie diesen ganz besonders von seinen zahlreichen Kritikern. Geduld haben heißt verstehen – und das heißt lernen.

Der Wirtschaftsethiker Ingo Pies schlägt vor, mal den Versuch zu unternehmen, ob die Behauptung, dass der Kapitalismus ein auf kurzfristigen Vorteil und Aktionismus gebautes System sei, stimmt. „Ohne Interesse an Langfristigkeit gäbe es unsere Wirtschaftsordnung gar nicht“, sagt er. Und ohne Geduld und Spucke wären die bisherigen Erfolge der Ökonomie für alle nicht möglich gewesen, weiß der Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Die Geduld arbeitet längst für uns. Wir nennen das nur anders: „Für ein erfolgreiches Unternehmen und einen erfolgreichen Kapitalismus ist vor allen Dingen eines wichtig: die Investition“, sagt Pies, „und Investitionen sind klassischer unternehmerischer Langmut. Ich verzichte heute auf etwas, damit ich morgen etwas kriege, was mir noch wichtiger ist.“

Der Kapitalismus ist eine Geduldsübung. Klar gibt es Zocker, aber die gebe es auch in der Politik und in anderen gesellschaftlichen Sphären. Doch das sei nicht das Wesen des Systems. Es seien die Ausnahmen, die eine übersehene Regel bestätigen: „Geduld lohnt sich. Im Wortsinn“, sagt Pies: „Die Investitionszeiträume, die wir organisiert kriegen, wurden mit Beginn der kapitalistischen Ordnung immer länger, für Anlagen und Kraftwerke sind es mindestens 30, für Immobilien bis zu 100 Jahre.“

Der Kapitalismus ist zu einer Geduldsübung geworden. Investitionen verlangen nach langem Horizont. Die Langstrecke gilt für alle, die etwas unternehmen und ihre Sache wachsen sehen wollen. Geduld, das ist die Ironie der Geschichte, ist das Werkzeug derer, die nicht alles so lassen wollen, wie es ist.

Die Langstrecke gilt für alle. „Der Begriff der Lebensplanung war für die meisten Leute bis vor einigen Jahrzehnten überflüssig – denn es gab nichts zu planen“, so Pies. „Heute fragen sich schon Dreißigjährige, wie ihre Rente aussieht.“ Und wir reden über Nachhaltigkeit und mangelnde Zukunftsperspektiven – ein Luxusproblem, dem sich die allermeisten Generationen in der Menschheitsgeschichte nicht stellen mussten. „Wir leben länger und arbeiten weniger als unsere Vorfahren. Wir haben mehr Zeit. Und viele Entscheidungen, die wir treffen, sind auch noch stabiler“, sagt Pies. Darauf „sind wir schlicht nicht vorbereitet, das irritiert uns, und wir reagieren darauf mit operativer Hektik“.

Allgemeine Ungeduld und Aktionismus seien nichts anderes als eine „Entscheidungssimulation“, eine Art nervöser Reflex, den wir uns angewöhnt haben. Es sei Zeit, sagt Pies, das zu verstehen: „Wir müssen lernen, mit den Freiheiten, die wir haben, umzugehen. Und vor allen Dingen Geduld haben dabei, den anderen Selbstständigkeit zuzutrauen und Freiräume zu geben.“

Kriegen wir das hin?

Aber klar meint Ingo Pies. Keine Frage. Nur müsse man dranbleiben, ausdauernd sein. Darum heiße es ja auch:

Üben wir uns in Geduld.