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Tu nix!

Fachleute nennen den ärgsten Feind der Geduld Action Bias – Handlungsneigung. Der Drang, unbedingt etwas zu tun, überkommt uns oft in unklaren Situationen. Anthropologen vermuten, dass es sich um ein Erbe aus der Vergangenheit handelt: Wenn der Säbelzahntiger um die Ecke kam, war Zögern tödlich. In der modernen Welt ist Nichtstun dagegen häufig die beste Option.




 1  Wir haben fast immer den Eindruck, im Stau in der falschen Spur zu stehen. Das kann statistisch nicht sein, und die Statistik hat auch in diesem Fall recht. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman erkennt in dem Phänomen eine optische Täuschung jedes Einzelnen in der Masse der Wartenden. Wir stehen länger, als wir fahren. Das geht zwar allen so – aber subjektiv entsteht der Eindruck, die anderen kämen schneller voran. Deshalb wechseln wir die Spur, wenn sich eine Lücke auftut. Und machen damit den Verkehr noch zähflüssiger für alle – auch für uns selbst.

 2  Torwarte hechten beim Elfmeter fast immer in eine Ecke. Es sähe vor den Fans und den Mitspielern schlafmützig aus, einfach in der Mitte des Tores stehen zu bleiben und auf die Schüsse zu hoffen, die der Schütze – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – in die Mitte platziert. Für das Warten wird ein Sportler nicht bezahlt. Der israelische Sportforscher Michael Bar-Eli hat allerdings ermittelt: Im Profi-Fußball landet ein Drittel aller Schüsse genau dort, wo ein Torwart, der nichts tut, sie mühelos abwehren könnte.

 3  Polizisten sollten bei einer sich anbahnenden Kneipenschlägerei nicht zu früh eingreifen. Denn oft legt sich ein Gerangel am Tresen von allein wieder, ohne dass Dritte einbezogen werden. Geht die Ordnungsmacht rasch dazwischen, gewinnt die Keilerei erst richtig Fahrt und greift auf streitlustige Unbeteiligte über. Generell gilt: Erfahrene Polizisten warten länger.

 4  An der Börse ist Aktionismus nicht zu empfehlen. Die sogenannte Buy-and-hold-Strategie – nach wie vor von dem Großinvestor Warren Buffett populär vertreten – funktioniert vor allem, wenn sich auf den Märkten nichts Grundsätzliches ändert. Und: Hektisches Kaufen und Verkaufen von Aktien in brenzligen Situationen ist oft die teuerste Möglichkeit von allen.

 5  Der Patient ist schwer krank. Die Angehörigen leiden mit. Sie fordern rasch eine eindeutige Diagnose und wirkungsvolle Therapie. Der Arzt fühlt sich verpflichtet, etwas zu tun, er ist schließlich Arzt geworden, um zu helfen. Dieser Druck fördert Aktionismus, weil Nichtstun kaum auszuhalten ist. Die Notlösung für solche Fälle: das Placebo. Die Scheinmedizin suggeriert Aktivität – und gelegentlich nützt sie sogar.

 6  Sie verirren sich im tiefen Wald. Es wird kalt und dunkel. Was tun? Nichts, rät Laurence Gonzales in seinem legendären Überlebens-Ratgeber „Deep Survival“. Wer auf der Stelle verharrt, sich, falls möglich, irgendwie zudeckt, seine Kräfte schont und alles daransetzt, bloß nicht zu erfrieren, steigert seine Chancen erheblich, von anderen lebend gefunden und gerettet zu werden. Wer umherirrt, in der Hoffnung, den Ausweg selbst zu finden, schwächt den Körper, bis oft gar nichts mehr geht – und dies der letzte Ausflug in die Natur war.

 7  Schweigen ist beim ersten Date oder im Vorstellungsgespräch gewiss nicht Gold – aber das Gegenteil ist auch nicht hilfreich. Denn einsame Herzen oder Jobsuchende neigen häufig dazu, es mit der verbalen Selbstdarstellung zu übertreiben. Auch die Kommunikation unterliegt dem Action Bias – besonders in Stresssituationen. Und so reden sich die Leute gerade dann, wenn es darauf ankommt, um Kopf und Kragen.

 8  „Ich werde auf das nächste große Ding warten.“ Mit diesem Satz beschrieb Steve Jobs seine Innovationsstrategie. Apple hat nie versucht, Technik von Grund auf neu zu erfinden, sondern stets das clever kombiniert, was andere entwickelt hatten. Und stieg mit dem iPod, iPhone und iPad zum wertvollsten Unternehmen der Welt auf. Man könnte auch sagen: mit den großen Dingen der anderen.

 9  Helmut Kohl hat viele Skandale ausgesessen. Und seiner Nachfolgerin Angela Merkel ist es anscheinend gelungen, den Action Bias in der Politik endgültig zu bezwingen. Womöglich empfindet sie ihren Spitznamen Zauderkünstlerin sogar als Ehrentitel. Es könnte allerdings auch sein, dass bei der Bundeskanzlerin der Omission Bias stärker wirkt als bei anderen Politikern. So nennen Verhaltenswissenschaftler das Gegenteil vom Action Bias – den Unterlassungseffekt.