Partner von
Partner von

Theater

Theater kann manchmal zur Geduldsprobe werden. Aber in Aufführungen, die acht, zwölf oder 24 Stunden dauern, wird es zur Droge.





• Spätestens seit sie in Frank Castorfs „Faust“-Inszenierung an der Berliner Volksbühne zwei Hauptfiguren, Margarete und Helena, gespielt hat, ist die Schauspielerin Valery Tscheplanowa ein Theaterstar. Dass die Aufführung, in der sie fast durchgehend auf der Bühne steht, acht Stunden dauert, empfindet sie nicht als Zumutung, sondern als Befreiung: „Man kann Dinge machen, die man sich in einem streng gebauten Abend nie trauen würde. Ich spiele anders, oder vielleicht spiele ich irgendwann gar nicht mehr, sondern komme in den Zustand, den die Szene braucht.“ Nach einigen Stunden auf der Bühne „denkt man nicht mehr nach, über gar nichts“, sagt sie. „Nach vier oder fünf Stunden geht der Verstand aus. In den restlichen Stunden macht alles Spaß, weil man nicht mehr beurteilt. Man ist über Stunden auf Adrenalin, auch noch ein, zwei Tage danach.“

Kontrollverlust

Was Valery Tscheplanowa in diesen langen Aufführungen erlebt, beschreibt sie als eine Art gezielt hergestellten „Kontrollverlust“. Offenbar gibt es ein Bedürfnis nach solchen Extremerfahrungen, nicht nur bei Schauspielern, auch bei Zuschauern. Seit einigen Jahren können Theaterproduktionen acht, zwölf, 24 Stunden oder mehrere Tage dauern. Wenn die Inszenierung gelingt, entwickelt das XXL-Theater die Wirkung einer bewusstseinserweiternden Droge, deren Wirkung sehr langsam einsetzt und lange nachklingt. Man bekommt mehr zu sehen, als man verarbeiten kann. Irgendwann überlagern sich die Eindrücke. Die Wirklichkeit da draußen ist abgemeldet.

Thomas Oberender, der Intendant der Berliner Festspiele und frühere Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, hat öfter solche Inszenierungen produziert. Hatten die Zuschauer bei den Salzburger Festspielen die Wahl, eine lange „Faust“-Aufführung entweder am Stück oder verteilt auf zwei Abende zu sehen, war die Langfassung regelmäßig schneller verkauft. „Man schafft mit einer Marathonaufführung ein Ereignis. Anders als kleinformatige Angebote erfordert und ermöglicht sie den Austritt aus der Alltagszeit. Das schafft eine andere Erlebnisintensität“, sagt Oberender.

Dass diese „Erlebnisintensität“ jede Zeitökonomie sprengt, von den Anforderungen einer normalen Arbeitswoche ganz zu schweigen, scheint sie besonders attraktiv zu machen. Das hat allerdings seinen Preis. In den langen Theaternächten „passieren auf der Bühne gute und schlechte Dinge. Wenn ich zweimal hintereinander ,Faust‘ spiele, habe ich hinterher viele blaue Flecken“, erzählt Valery Tscheplanowa. In der zweiten „Faust“-Vorstellung zog sie sich am Beginn des Abends einen Kreuzbandriss zu. Sie spielte die acht Stunden – dank reichlich Adrenalin – trotzdem in Hochform zu Ende. Die Schauspielerin vergleicht die langen Theaternächte mit der Lektüre dicker Romane, die erst mit der Zeit ihre ganze Kraft entfalten: „Wenn man einen Dostojewski-Roman liest, muss man auch durch die ersten 100, 200 Seiten, bis man richtig reinkommt. Aber wenn man drin ist, ist es ein Sog.“

Für Zuschauer und Schauspieler gilt gleichermaßen: Sie müssen sich entscheiden, ob sie sich auf die Aufführung einlassen wollen. „Wenn ich zu Beginn denken würde, was ich noch vor mir habe, ginge es nicht“, sagt Tscheplanowa. „Man spielt nur den Augenblick, sonst würde man verrückt werden. Ich liebe auch das Gefühl: Das geht über meine Kräfte, das ist eine Zumutung. Es gibt den Punkt, an dem man in der fünften oder sechsten Stunde in der Garderobe ist und wieder raus muss und denkt: Ich kann nicht mehr! Wie soll ich das schaffen? Das ist ein toller Moment. Man geht raus, und es geht. Es gibt eine Kraft im Menschen, an die man nur in Notsituationen kommt. Die wird in solchen Momenten freigesetzt.“

Entgrenzung

Theater bedeutet, alles ist Spiel. Niemand ist am Ende wirklich tot, nichts von dem, was auf der Bühne geschieht, ist real. Andererseits ist nichts so real wie das Vergehen von Lebenszeit. Dieses Verwischen der Grenze zwischen Spiel und gemeinsamem Erleben in sehr langen Aufführungen nennt Thomas Oberender das „permanente Flirren des Realitätsstatus“. Schon die Genrebezeichnung („Durational Performance“) verrät, dass die Dauer wesentlich ist: Theater ist Zeitverschwendung, das ist ja das Gute daran.

Was in solch langen Theaternächten zwischen Bühne und Zuschauerraum entstehen kann, ist für Oberender die „Verbrüderung von zwei Gemeinschaften“. Allein die Mischung aus körperlicher Erschöpfung und sanfter Euphorie sorgt dafür, dass man nach acht oder zwölf Stunden in andere Zustände gelangt. Bei „Mount Olympus“, einer 24-Stunden-Inszenierung des Belgiers Jan Fabre bei den Berliner Festspielen 2015, jubelten sich am Ende die Schauspieler und die Zuschauer, die durchgehalten hatten, gegenseitig zu. „Das war eine Art von gemeinsamer Ekstase, wie auf einem langen Rave“, sagt Oberender.

Überstunden

Logistisch ist das natürlich blanker Irrsinn. Die Kosten für die Überstunden sind noch das geringste Problem. Die Langfassung von „Les Misérables“ am Berliner Ensemble etwa bedeutet für Bühnentechniker, Requisite und Souffleuse einen fast zehnstündigen Dauereinsatz. Das erfordert neben der Zustimmung des Betriebsrats die Bereitschaft der Kollegen, sich das anzutun. „Das stellt alle Beteiligten vor außergewöhnliche Herausforderungen. Aber die lange Fassung zu spielen war der ausdrückliche Wunsch des Ensembles“, sagt der Intendant Oliver Reese.

Insgesamt entsteht bei solchen Inszenierungen „eine die Institution Theater an den Rand ihrer Möglichkeiten treibende Erlebnissituation“, sagt der Festspielintendant Oberender. Bei langen Aufführungen werden auf der Hinterbühne für die Spieler und die Technik große Buffets mit Obst und Wasser aufgebaut. Der ganze Biorhythmus passt sich an den Rhythmus der Aufführung an. Für das 24-Stunden-Stück „Mount Olympus“ brauchten die Festspiele mehrere Technikschichten. „Wir haben bei bestimmten Aufführungen mit übergroßen Technikteams gearbeitet, sodass sich Kollegen zwischendurch hinlegen konnten. Wir haben unmittelbar am Spielort Hotelzimmer angemietet“, berichtet Oberender.

Nebenbei entsteht ein ganz neues Problem: Man muss das Publikum organisieren. Die Zuschauer entwickeln theaterunübliche Bedürfnisse, sie müssen essen und bei extrem langen Aufführungen auch schlafen. Sie trinken Alkohol, sie müssen sich die Zähne putzen, sie wollen mal kurz weg und wiederkommen. Wenn es feste Pausen gibt, muss man 800 oder 1000 hungrige Leute binnen kürzester Zeit mit Essen und Getränken versorgen. Bei der Vorstellung „Mount Olympus“ war für Schlafmöglichkeiten gesorgt. Dann geht die Vorstellung im Traum weiter.

Gewaltakt „Ein Sportstück“

Regie: Einar Schleef
Burgtheater Wien
1998
7 Stunden

Im Theater des Regisseurs Einar Schleef skandieren lautstarke Chöre, die Choreografie erfolgt in geschlossener Aufmarschformation, das Exerzier-Ballett macht die Bühne zum Kriegsschauplatz. Diese Regie-Terrorakte passen bestens zu Elfriede Jelineks Sprachkaskaden, in denen sich die Welt zuverlässig in ein von Nazis, Kinderschändern, Katholiken, Vergewaltigern und anderen Dämonen (zum Beispiel Skifahrern und Bodybuildern) bevölkertes Höllen-Österreich verwandelt. Weil Überwältigungstheater zur maximalen Wirkungsentfaltung die hohe Dosis braucht, war es nur logisch, dass sich Schleefs Uraufführung von Jelineks „Sportstück“ mit mehr als 100 Darstellern am Burgtheater bis weit nach Mitternacht erstreckte.

Delirium „Faust“

Regie: Frank Castorf
Volksbühne Berlin
2018
8 Stunden

Frank Castorfs Inszenierungen dehnen sich immer über viele Stunden. Und meistens gibt es in der zweiten Halbzeit einen Durchhänger, die Aufführung schlafft ab, viele Zuschauer gleiten in den Halbdämmer. Weil der Regisseur die Stücke mit Fremdmaterial anreichert und nicht unbedingt linear erzählt, verliert man irgendwann den Überblick über Handlungsstränge und Figuren. Am nächsten Tag erinnert man sich dank der Hochenergie-Schauspieler an die Castorf-Nacht wie an einen schweren Fiebertraum. Die „Faust“-Inszenierung ist, wie es sich bei dem Stück gehört, eine komplette Überforderung. Damit es nicht zu einfach wird, mixt der Regisseur noch Bordell-Szenen aus einem Zola-Roman und antikolonialistische Polemik zum deutschen Großklassiker: Faust ist kein Wahrheitssucher, sondern ein Europäer, der die Natur, die Frauen und den Rest der Welt unterwirft. Danach will man alles sofort noch einmal sehen, weil man höchstens ein Drittel des Geschehens verstanden hat.

Folter „Quizoola!“

von Tim Etchells
Forced Entertainment London
1996
9 Stunden

Die Versuchsanordnung: Ein von nackten Glühbirnen beleuchteter Raum, in einem Kreidekreis sitzt ein Schauspieler auf einem Stuhl, ein zweiter Schauspieler hat Papierblätter mit 600 Fragen. Der sitzende Schauspieler muss diese Fragen beantworten und darf keine Gegenfragen stellen. Er kann lügen oder die Wahrheit sagen. Die Situation ist Verhör, Interview, intimes Gespräch, Quizshow, Psychotherapie. Die Fragen sind vorgegeben, die Antworten werden improvisiert. Die Aufführung dauert mindes- tens neun Stunden. Der Schauspieler auf dem Stuhl versucht in der Regel so lange wie möglich, sein Privatleben zu schützen und und zu lügen. Mit der Zeit wird seine Mauer immer poröser. Lügen verlangen Kreativität und sind auf Dauer zu anstrengend. Nach einigen Stunden ändern sich die Antworten. Wenn der Schauspieler auf dem Stuhl nicht mehr kann, werden die Rollen getauscht, der Verhörte wird zum Verhörer. Das Publikum kann kommen und gehen.

Psychotrip „Nationaltheater Reinickendorf“

Regie: Vegard Vinge / Ida Müller
Berliner Festspiele
2017
12 Stunden

Nachts um vier in einem abgedunkelten Raum zu sitzen und dabei zuzusehen, wie farbbeschmierte, halb nackte Körper gegen Wände geworfen werden, ist nicht jedermanns Sache. In einer Loge sieht man ein Jugendzimmer, dessen Bewohner niemand anderer als der Regisseur Vinge ist. Hier also wurden die düsteren Träume ausgebrütet, denen das Publikum beiwohnen darf. Die zwölfstündige Reise durch die Nacht ist ein Trip in die dunkleren Ecken des Bewusstseins. Die Gummimasken der Darsteller, die wild bemalten Pappdekorationen, die klaustrophobische Theaterhöhle sorgen für eine Geisterbahn-Atmosphäre, in der es völlig normal wirkt, wenn zum Beispiel Gott (ein Greis mit weißem Bart) verprügelt wird. Häufig werden Szenen sehr ausgiebig zerdehnt oder manisch-depressiv wiederholt: Die Zeit und die Frage, wie sich in den Endlos-Repetitionsschleifen die Wahrnehmung verändert, wird zum Thema der Aufführung.

Disziplin „Faust“

Regie: Peter Stein
Expo Hannover
2000
22 Stunden

Alle 12 111 Verse der beiden Teile des „Faust“ zu sprechen und zu spielen kann sich ziehen. Die Reise vom Himmel durch die Welt zur Hölle, der Ritt vom Mittelalter in die Moderne dauert in Peter Steins Inszenierung 22 Stunden an zwei Tagen, 8 Stunden für „Faust I“, 14 Stunden für „Faust II“. Andererseits hat sich Goethe sein Leben lang mit dem „Faust“-Stoff beschäftigt, von einer ersten Textfassung mit 23 Jahren bis kurz vor seinem Tod 50 Jahre später. Verglichen damit sind die 22 Stunden der Aufführung ein rasanter Schnelldurchlauf. Trotzdem stellt sich bei den Zuschauern Erleichterung ein, wenn der Chor gegen Mitternacht des zweiten Tages die letzten rätselhaften Verse spricht. Die eher penible als inspirierte Regie-Fleißarbeit hakt jede Szene Vers für Vers mit deutscher Gründlichkeit ab. Bei der Premiere konnte man Zuschauer sehen, die im Reclam-Heft mitlasen, als wollten sie überprüfen, ob die Schauspieler auch wirklich keine Silbe auslassen.

Gemetzel „Schlachten!

Regie: Luk Perceval Salzburger Festspiele/Deutsches Schauspielhaus Hamburg
1999
12 Stunden

In Shakespeares Historienstücken ist der Herrscher, der sich eben erfolgreich auf den Thron gemordet hat, vor allem dazu da, von seinem Nachfolger beiseitegeschafft zu werden: Der Sturz vom Thron ins Grab kann schnell gehen. Der belgische Regisseur Luk Perceval hat die acht chronologisch aufeinander folgenden Shakespeare-Historien ineinander montiert und auf insgesamt zwölf Stunden gerafft – ein sich zügig beschleunigendes Gemetzel, neben dem jeder Mafia-Film harmlos wirkt. Ist der Königsmord zu Beginn noch ein Drama, gewöhnt man sich im Verlauf des Abends schnell ans Theaterblut. Genau wie die Gewalt radikalisiert sich auch die Inszenierung: Die Sprache wird rüder, die Schockmomente geraten drastischer, der Kampf um die politische Macht wirkt zunehmend sinnlos. In Percevals Aufführung kann man sehen, was Hollywood von Shakespeare gelernt hat, umgekehrt bedient sich die Inszenierung bei Popkultur und Gangster-Rap.

Orgie „Mount Olympus“

Regie: Jan Fabre
Berliner Festspiele
2015
24 Stunden

Der Belgier Jan Fabre versucht nicht weniger, als etwa 3000 Jahre zu überspringen und das Theater der Gegenwart mit archaischen Ritualen zu verschmelzen. Seine 24-Stunden-Aufführung „Mount Olympus“ ist in jeder Hinsicht maßlos und exzessiv. Und das nicht nur, weil jede Menge Kunstblut, Schweiß, Blumen, Lametta, entblößte Körper, Kriegs- und Paarungstänze zu sehen sind. Zwischendurch gönnen sich die Schauspieler morgens um sechs auf der Bühne kollektiv ein Erholungsschläfchen. Danach und davor geht es um Dionysos und andere antike Götter und die Grenzen zwischen Wildnis und Zivilisation. Die letzten Worte lauten folgerichtig „Wahrheit ist Wahnsinn“, was zumindest nach den 24 Stunden virtuoser Entäußerung einleuchtend klingt. Der Exzess ist harte Arbeit: Die Proben dauerten inklusive des Körpertrainings der Hochleistungs-Performer anderthalb Jahre.

Paralleluniversum „Die Erscheinungen der Martha Rubin“,

Regie: Signa
Schauspiel Köln
2007
192 Stunden

Die Besucher dieser Acht-Tage-Nonstop-Performance können während der Vorstellung nicht nur essen, trinken und übernachten, sie müssen auch mitspielen. Ein Einführungsfilm klärt sie über den strengen Verhaltenskodex auf („Vermeiden Sie sexuellen Kontakt!“). Die Inszenierung simuliert eine Diktatur-Situation mit Grenzkontrolle und Soldaten, die das Publikum kommandieren („Stellen Sie sich bitte in einer Reihe auf!“). Der Spielort: eine riesige Halle, darin ein nachgebautes Dorf mit 40 Bewohnern, Wodka-Bar, Wohnwagen-Siedlung, Peepshow, Militärlager. Im fiktiven Elendsdorf, das natürlich sein dunkles Geheimnis hat, bewegen sich die Zuschauer wie Voyeure – eine Situation zwischen touristischem Erlebnisangebot und theatralischem Soziobiotop. Wie die Besucher auf Soldaten und Dorfbewohner (die konsequent in ihrer Rolle bleiben) reagieren, ob sie sich auf die scheinbar vertraulichen Gespräche einlassen, ob sie das Setting als Zumutung oder als Faszination (oder beides) empfinden, bleibt jedem selbst überlassen.