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Wirtschaftsgeschichte

Rauchende Colts

Der US-Justizminister Homer Cummings brachte die Kumpanen von Al Capone ins Gefängnis – weil sie für ihre Schusswaffen keine Steuern bezahlt haben. Eine überraschend einfache und effektive Maßnahme.





• Es war die Zeit der Prohibition und der Bandenkriege in Amerikas Städten. Die Gangs von Al Capone und Lucky Luciano kontrollierten den illegalen Handel mit Schnaps und terrorisierten sich gegenseitig. Am Valentinstag 1929 wurden sieben Mitglieder der North Side Gang in Chicago brutal ermordet. Die Täter kamen als Polizisten getarnt, entwaffneten ihre Opfer, reihten sie an der Wand auf – und richteten sie dann mit zwei Maschinenpistolen hin. Das Massaker erschütterte das Land, die Täter wurden nie ermittelt.

Schon 1926 hatte die »New York Times« davor gewarnt, dass „Krieg gegen die Bevölkerung“ drohe, weil zu viele Amerikaner eine Waffe besitzen. „Jeder, der das Geld hat, kann eine – oder hundert – automatische Waffen kaufen, ohne dass ihn jemand daran hindert“, hieß es in dem Blatt. Das Valentinstag-Massaker war nicht die einzige Tragödie zu jener Zeit. Zwischen 11 000 und 12 000 Menschen wurden in den USA pro Jahr zu Beginn der Dreißigerjahre ermordet. Nach Angaben des Justizministeriums wurden rund 70 Prozent der Morde mit Feuerwaffen begangen. Doch die Politik reagierte kaum. Der Kongress verabschiedete als Reaktion auf die Gewalt ein halbherziges Gesetz, das es verbot, Kleinwaffen mit der staatlichen Post zu verschicken, was dazu führte, dass Colts, Gewehre und Maschinenpistolen künftig per Express geliefert wurden.

Die kam ihm, als er sich an einen Mordfall erinnerte, den er als Staatsanwalt einst untersucht hatte. Der Täter hatte zwei automatische Waffen eingesetzt, und Cummings wollte damals wissen, wo der Mörder sie gekauft hatte. Das war nicht rauszubekommen. Aber die Untersuchung brachte andere Erkenntnisse. Welche, schilderte Cummings in einer Rede im Jahr 1937 vor der internationalen Vereinigung der Polizeichefs: „Einige Jahre vor dem Mord läuft ein Mann in einen Sportladen, gibt an, ein Werkzeughändler zu sein, nennt einen falschen Namen und kauft 30 Waffen.“ Darunter auch die zwei aus dem späteren Mordfall. Weitere Waffen tauchen bei Gang-Morden in Oak Park, im Bundesstaat Illinois, in Newark und in Philadelphia auf. Wie die Waffen in die Hände der Täter kamen, weiß niemand.


„Zeige mir einen Mann, der seine Waffe nicht registriert hat, und ich zeige dir einen, der keine Waffe haben sollte.“

Für Cummings war seitdem klar, dass Colts, Pistolen und Gewehre nicht mehr so einfach den Besitzer wechseln dürfen. Dies fand Eingang in das Nationale Feuerwaffengesetz von 1934. Danach musste sich jeder, der eine Waffe kaufte, registrieren lassen und seine Fingerabdrücke hinterlassen. Und nicht nur das: Der Staat besteuerte jeden Verkauf mit 200 Dollar, etwa 3700 Dollar nach heutigem Wert. Dadurch verdoppelte Cummings den Preis einer automatischen Waffe.

Was dank der Reform erreicht wurde, schilderte Cummings in seiner Rede vor den Polizeichefs 1937: „Wir haben nicht erwartet, dass Kriminelle, die Waffen besitzen, diese registrieren würden.“ Aber: „Zeig mir einen Mann, der seine Waffe nicht registriert hat, und ich zeige dir einen Mann, der keine Waffe haben sollte.“ Und gegen diese Personen konnte die Polizei jetzt vorgehen. Wurde jemand mit einer Waffe erwischt, die nicht registriert war, drohten ihm bis zu fünf Jahre Haft – wegen Steuerhinterziehung. Denn wer beim Kauf Steuern bezahlt hat, steht auch im Register der Steuerbehörde (IRS). Das war eine ziemlich effektive Art, mögliche Verbrecher zu finden. Es half auch, den Nachschub zu stoppen. Fortan konnte keiner mehr in einen Sportladen gehen und unter falschem Namen 30 Gewehre erstehen. Und auch die Steuer half: Dadurch, dass Automatikwaffen doppelt so teuer wurden, sank die Nachfrage nach ihnen.

Das Gesetz wurde mehrfach angepasst, die Steuer ist noch in Kraft. Aber sie wurde nicht an die Inflation angepasst. Sie liegt heute noch immer bei 200 Dollar – was automatische Waffen erschwinglich macht. ---