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Matthias Sutter im Interview

Der Ökonom Matthias Sutter plädiert für mehr Ausdauer. Die vergessene Tugend sei der Schlüssel für ein erfolgreiches Leben.





brand eins: Herr Sutter, Sie sagen, Geduld sei für Erfolg mindestens so wichtig wie Talent und Intelligenz. Warum?

Matthias Sutter: Geduldige Menschen bleiben nicht auf halber Strecke stehen, geben nicht auf, wenn es schwierig wird. Sie halten bis zum Ende durch, um große Ziele zu erreichen. So ist eine Bergtour, sofern man nicht die Seilbahn nimmt, meist eine anstrengende Angelegenheit. Doch wenn man nicht umkehrt und den Gipfel erreicht, ist der Ausblick mehr als lohnend.

Das Bergsteiger-Beispiel leuchtet ein, aber die Wirklichkeit in vielen Unternehmen sieht oft anders aus. Dort zahlt sich Ungeduld aus, man denke nur an Zalando oder Tesla. Können sich Unternehmer Geduld überhaupt leisten?

Ein Kollege von mir lehrt an der Universität Innsbruck Unternehmensführung. Er hat kleine und mittelständische Firmen in Tirol befragt, nach Kennzahlen, wirtschaftlichem Erfolg, Return of Investment und solchen Dingen. Es zeigte sich ein positiver Zusammenhang zwischen Innovationstätigkeit und Gewinn – bei den Firmen, deren Geschäftsführer oder Vorstände Geduld zeigten. Sie erklärten etwa, dass sie auch mal bereit seien, ein Vierteljahr auf Top-Ergebnisse zu verzichten, weil sie in eine Sache etwas länger investieren wollen.

Sich gedulden klingt ein bisschen langweilig.

Wenn ich über Geduld sprechen möchte, befürchten die Leute oft, ich würde von einem total faden Leben reden. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Ich kann Dinge verfolgen, die Spaß machen. Auch wenn diese Assoziation in Deutschland ganz oft kommt – es geht nicht um Kohl’sches Aussitzen. Nicht um Nichtstun und Warten, bis alle Feinde über die Klippe gepurzelt sind.

Was für kleine und mittelständische Firmen funktioniert, muss bei den großen Unternehmen nicht automatisch zum Erfolg führen. Dort wird Agilität beschworen.

Das mag sein. Aktionismus allein hilft aber auch dort nicht weiter, er muss mit Geduld kombiniert werden. Der Mensch muss die Dinge wirklich zu Ende bringen können. Wenn etwas richtig werden soll, muss man Zeit und Mühe investieren.

Wer kann sich das heute noch leisten?

Öffentlicher Druck spielt sicher eine große Rolle. Das sieht man gut im Fußball, Thema Trainerwechsel. Untersuchungen zeigen, dass der Effekt des Trainerwechsels eigentlich gar nichts bringt. Als ob durch den Tausch eines einzelnen Mannes gleichzeitig alle Spieler erneuert wären! Trotzdem machen es alle Vereine. Auch hier gilt: Aktionismus ist ein Blödsinn!

Entscheidungsschwäche aber auch, oder?

Geduld darf nicht missverstanden werden in dem Sinne, dass man das Schicksal entscheiden lässt. Geduld ist ein tatkräftiges Hinarbeiten auf etwas. Ausdauer ist in diesen Zusammenhängen der bessere Ausdruck.

Sie sagen, dass ungeduldige Menschen dazu neigen, die Folgen des eigenen Handelns für die Zukunft zu unterschätzen. Wie äußert sich das?

Wir haben festgestellt, dass ungeduldige Menschen zum Beispiel schneller ihr Geld ausgeben, sie machen mehr Schulden und können mit höherer Wahrscheinlichkeit ihre Schulden nicht zurückzahlen. Alles nur deshalb, weil sie dem Impuls schlecht widerstehen können, etwas sehr schnell haben zu wollen.

Wie lässt sich das ändern?

Man kann sich zum Beispiel helfen, indem man die eigenen Hände bindet. Es gibt Menschen, die regelmäßig eine gewisse Summe Geld von ihrem Konto auf ein Sparbuch überweisen. Im Sommer haben sie dann ausreichend Geld für den Urlaub angespart. Und das Sparbuch wird immer nur am 1. Juli geplündert. Es entsteht eine Routine, eine Gewohnheit. So kann man sich eine Art Geduld antrainieren. Aber es gibt kein Patentrezept.

Wenn ich eine Firma leite, hilft aber kein Sommer-Sparbuch-Trick.

Wohl nicht. Ich muss meinen Leuten Geduld vorleben. Wenn ich als Vorstandsvorsitzender eines sehr großen Unternehmens nach außen hin den Eindruck erwecke, dass das Einzige, das für mich zählt, der nächste Quartalsbericht ist, weil meine Aktienoptionen dann wertvoller werden – dann kann ich nicht von meinen tausend Mitarbeitern verlangen, dass sie über das Quartalsende hinausschauen und überlegen, was langfristig das Richtige für mein Unternehmen ist.

Ein guter Chef ist ein geduldiger Chef?

Aus meiner Sicht ja. Es wird nur in den Daten nicht auftauchen, oder eben nicht direkt, weil die Zyklen, in denen die Manager ausgetauscht werden, ja immer kürzer werden. Die haben ja oft gar nicht die Gelegenheit, sich grundsätzlich zu überlegen, wie das Unternehmen sich aufstellen sollte.

Wieso wird Ausdauer in der Arbeitswelt unterschätzt?

Das Problem ist, wenn ich ein Unternehmen habe, das einen schnellen Erfolg braucht, dann kann ich keinen Vorstand einstellen, der sagt, ich lege die Entwicklung nun mal langfristig auf zehn Jahre an. Da kommen dann Mehrheitsaktionäre, die wollen sofort ihr Geld haben, nicht erst in zehn Jahren.

Haben Sie dennoch Hoffnung?

Ich beobachte, dass sich Einstellungen ändern. Der Drang zur absoluten Leistungsbereitschaft ist heute bereits geringer ausgeprägt als zu der Zeit, in der ich aufgewachsen bin. Das gründliche Nachdenken darf immer öfter stattfinden und wird auch immer mehr gefordert. In einer komplexen Wissensgesellschaft braucht es Vernunft und Geduld – als wichtige Kräfte gegen die Sensationen und Revolutionen, die uns beinah täglich ereilen.

Vielleicht gibt es ja eine Revolution in Sachen Geduld.

Da bin ich sehr skeptisch, weil unser Wirtschaftssystem dafür keine Anreize gibt. Geduld gelingt derzeit im kleineren Rahmen, für jeden Einzelnen. So haben Forscher belegt, dass Menschen, die als Kinder auch mal warten und sich länger beschäftigen konnten, also Ausdauer und Situationstoleranz zeigten – dass diese Menschen im Erwachsenenalter besser gebildet, reicher, gesünder und weniger häufiger straffällig waren. Geduld zahlt sich im Individuellen statistisch betrachtet aus. Und hier tun Eltern ein Gutes, ihren Kindern eine gewisse Geduld und Ausdauer vorzuleben. ---

Der Österreicher Matthias Sutter, 49, Direktor am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern in Bonn, lehrt an den Universitäten Köln und Innsbruck. Sein Schwerpunkt ist die Experimentelle Wirtschaftsforschung, er befasst sich mit Team-Entscheidungen und Entwicklung des ökonomischen Entscheidungsverhaltens bei Kindern und Jugendlichen. In seinen Studien entdeckte der Wirtschaftsforscher die Kraft der Geduld und publizierte 2014 das Buch „Die Entdeckung der Geduld –Ausdauer schlägt Talent.“