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Johan Nicolaï

Eine neue Apfelsorte zu züchten ist wie Lotto-Spielen. Man wartet jahrelang auf den großen Gewinn – der vielleicht nie kommt. Eine belgische Familie hat es dennoch geschafft, daraus ein lohnendes Geschäft zu machen.

Read this article in English: Hard graft and miracles




1.

Man muss wissen, dass wahrscheinlich alle Anstrengungen vergeblich sein werden. Man muss wissen, dass das Wetter jederzeit alles zunichte machen kann. Man muss wissen, dass die Chancen wahnsinnig schlecht stehen, einen wirklich guten Apfel zu finden, und dass es Jahrzehnte dauern kann. Wenn man sich damit abgefunden hat, dann kann man anfangen, Äpfel zu züchten. Und darf hoffen, das Glück vielleicht doch erzwingen zu können.

2.

Johan Nicolaïs Baumschule liegt in der flachen belgischen Provinz Limburg, zwischen Maastricht und Brüssel. Der 63-Jährige ist nach eigenen Aussagen einer der erfolgreichsten privaten Apfelzüchter der Welt – einer von vier, fünf Unternehmern, die aus dieser langwierigen Arbeit ein Geschäft gemacht haben.

Seine Karriere begann mit einer Krise: Jahrzehntelang hatten sich Züchter und Apfelbauern auf das Aussehen ihrer Produkte konzentriert. Die Kunden in den Supermärkten, die vor allem tiefrote, runde Äpfel kauften, gaben ihnen recht. Aber Ende der Achtzigerjahre dämmerte es den ersten in Europa, dass man es vielleicht übertrieben hatte. Man stellte fest, dass all die schönen Äpfel immer schlechter schmeckten. Weil viele außerdem mehlig und nicht knackig genug waren, kauften die Kunden immer weniger davon. Der Preis sank. Und irgendwann wurde klar, dass man neue, bessere Sorten brauchte.

Der Agrarwissenschaftler Nicolaï machte sich mit seinem ehemaligen Professor von der Universität Leuven auf zu einer Rundreise zu den wichtigsten staatlichen Züchtungsstationen in Deutschland, Frankreich, Südafrika, den USA, Neuseeland und Japan. Nach zwei Wochen kamen sie zurück und wussten, dass sie es besser können. „Wir erlebten, wie ineffizient das Züchten von Äpfeln ablief. Und wie weit es am Bedürfnis der Konsumenten vorbeiging. Meistens dauerte die Züchtung einer Apfelsorte mehr als 20 Jahre und wurde von einem Züchter an den nächsten weitergegeben, wenn einer in Rente ging“, sagt Nicolaï. „Da wurde viel gezüchtet, was die Kunden nicht mögen.“

Sie beschlossen, ein eigenes Zuchtprogramm zu entwickeln.

3.

Der Apfel ist eine wenig berechenbare Frucht, auch nach mindestens zwei Jahrtausenden Kultivierung durch den Menschen. Es gibt Exemplare, die beim Verzehr riechen würden wie Stinkwanzen, andere sind saurer als Zitronen oder so bitter, dass man meint, sich übergeben zu müssen. Es ist keine Frucht, die von sich aus schön und süß ist. Sie muss dazu gezwungen werden.

Laura Nicolaï, die Tochter von Johan, betreut seit sechs Jahren das Züchtungsprogramm ihres Vaters. Die 33-Jährige hat einen Doktor in Neuro-Genetik. Aber statt für einen Job an der Universität nach New York zu gehen, kehrte sie in die Heimat zurück. „Das hier war die größere Herausforderung. Und ich muss hier nicht den ganzen Tag in einem Labor sitzen.“

Jedes Jahr im April und Mai geht sie mit einem kleinen Farbpinsel von Blüte zu Blüte, mehrere Tausend Mal. An dem Pinsel befinden sich Pollen, denn Äpfel sind selbststeril, können sich also nicht selbst befruchten, man benötigt eine zweite Sorte für ihre Bestäubung. So entstehen geplante Partnerschaften zwischen gut schmeckenden, stark wachsenden, krankheitsresistenten Eltern, in der Hoffnung, dass ihre positiven Eigenschaften auf die Kinder übergehen. Die Äpfel, die so entstehen, werden geerntet, die Samen entfernt, einige Wochen für einen künstlichen Winter in den Kühlschrank gepackt und dann eingepflanzt.

Jeder der Bäume, die nun entstehen, ist eine eigene Apfelsorte, die sich von den Eltern deutlich unterscheidet. Äpfel haben eine außergewöhnlich hohe genetische Vielfalt, viel größer als die anderer Früchte wie Bananen, Erdbeeren, Kirschen. Diese Vielfalt kommt zum Vorschein, wenn sie sich paaren.

Von Ende August bis Anfang November gehen Vater und Tochter Nicolaï fast drei- bis viermal die Woche durch die langen Reihen junger Apfelbäume und testen die Früchte. Wenn ein Baum kränklich aussieht, zu langsam wächst oder die Äpfel klein und hässlich sind, wird er gleich ausgerissen. Beim Rest entscheidet die Bissprobe.

„Das ist ein bisschen wie Wein-Testen“, sagt Laura Nicolaï. „Man beißt rein, kaut etwas und spuckt dann wieder aus. Viele Äpfel schmecken nicht besonders gut. Einige sind sehr weich und mehlig, andere etwas bitter, einige unangenehm süß, und wieder andere schmecken nach überhaupt nichts. Vier Stunden am Tag machen wir das. Länger hält man das nicht durch.“

Nur die ganz wenigen, die wirklich gut schmecken, bekommen eine Chance. Vier Jahre nach der Bestäubung der Blüten sind von 10 000 Sorten noch 30 hoffnungsvolle Kandidaten übrig – und das auch nur, wenn es gut läuft.

Es folgen mindestens drei weitere Jahre des Testens. Dabei klonen die Nicolaïs die Bäume mehrere Hundert Mal, in dem sie einen Ast des Ursprungsbaums abschneiden und ihn an der Schnittstelle mit einem anderen Baum verwachsen lassen. Auf diese Weise können die Züchter aus einem Ursprungsbaum innerhalb eines Jahres 500 Kopien machen. Und dann schauen sie, ob die Klone gesund bleiben, stark genug wachsen, genügend schöne Früchte produzieren. Die meisten schaffen es nicht. „Man sagt, dass ein guter Apfel wie ein Lotteriegewinn sei“, sagt Laura Nicolaï. „Ich glaube inzwischen, dass das keine Übertreibung ist.“

Immer wieder probieren, klonen, aussortieren: der Apfelzüchter Johan Nicolaï

4.

Neue Sorten werden vor allem aus zwei Gründen gezüchtet: erstens, um Äpfel zu erhalten, die einen neuen, aufregenden Geschmack bieten. Und zweitens, um Bäume zu produzieren, die weniger krankheitsanfällig sind. Es gibt Tausende gut schmeckender, alter Sorten, aber die meisten sind für den Massenanbau ungeeignet. Nur ganz wenige Sorten lassen sich wochen- oder monatelang lagern, ohne Geschmack zu verlieren. Oder mit Lkw in Kisten transportieren, ohne braune Stellen zu bekommen.

Johan Nicolaïs mit Abstand erfolgreichster Treffer war eine kleine Geschmacksrevolution. Nicolaï hatte ihn Anfang der Neunzigerjahre entdeckt: ein ganz besonders schön geformtes Exemplar, rund, wie zwei ineinander greifende Herzen, groß, noch grün, eine Kreuzung der Sorten Gala und Braeburn. Später nahm dieser Apfel dann ein tiefes, glänzendes, schillerndes Rot an. Fast zu schön, um lecker zu sein. Denn Schönheit ist trügerisch bei Äpfeln.

Eines Tages stürzte dann ein aufgeregter Mitarbeiter zu Nicolaï ins Büro: „Ich habe den Apfel unseres Lebens gefunden.“ Es stellte sich heraus, dass der Apfel nicht nur gut aussah, er schmeckte auch. Wenn man reinbiss, war da dieses Knacken im Mund, bei dem man das Gefühl hatte, auf eine kleine Wasserbombe mit Apfelsaft gebissen zu haben.

Die Sorte mit der ursprünglichen Bezeichnung Nicoter sollte ein Riesenerfolg werden. Unter dem Markennamen Kanzi liegen die Äpfel inzwischen in den meisten Obstabteilungen nordeuropäischer Supermärkte. Es ist die wohl erfolgreichste Neuentdeckung eines Züchters, seit 1973 in Australien der Pink Lady und 1985 in Neuseeland der Jazz-Apfel entdeckt wurde.

5.

„Die Züchtung einer neuen Apfelsorte kostet uns etwa 800 000 Euro“, sagt Laura Nicolaï. Ihr Betrieb beschäftigt acht dauerhaft angestellte Mitarbeiter und 25 Saisonarbeiter, die bezahlt werden müssen. Laut belgischem Handelsregister machten die Unternehmer 2016 einen Betriebsgewinn von knapp 480 000 Euro. Vom Moment der Kreuzung an brauchen die Nicolaïs mindestens sieben Jahre, bis der erste Apfel im Supermarkt ankommt. „Die Bäume einer Sorte müssen etwa 250 Hektar Anbaufläche haben, damit sich das lohnt“, sagt sie – also ungefähr die Fläche des riesigen Bergparks Wilhelmshöhe in Kassel.

Geld verdienen die Nicolaïs hauptsächlich durch Lizenzgebühren. Apfel-Marken sind das geistige Eigentum der Züchter. Wie Musiker eine Vergütung erhalten, wenn ihr Lied im Radio gespielt wird, bekommen die Nicolaïs für jeden Baum etwa einen Euro Gebühr von den Bauern und zusätzlich einen bestimmten Betrag für jede Tonne Früchte, die geerntet wird. „Ein guter Apfel“, sagt Laura Nicolai, „bringt über 10 bis 20 Jahre bestenfalls vier bis fünf Millionen Euro an Gebühren ein.“

Ein wesentlicher Grund für den Erfolg der Belgier liegt darin, dass sie schneller sind als die meisten anderen Züchter. Zusammen mit der Universität in Leuven haben sie ein Verfahren entwickelt, mit dem Jungpflanzen schneller wachsen, schneller blühen und schneller Früchte tragen: Die ganz kleinen Jungpflanzen wachsen einige Monate in einer Klima-Kammer bei 18 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit mit exakt zwölf Stunden künstlichem Tageslicht. Dadurch kommen die Pflanzen bereits im ersten Jahr auf mehr als 1,80 Meter Länge und tragen schon im zweiten Jahr Früchte – und nicht erst nach sechs oder sieben Jahren wie sonst. Diese Zeitersparnis ist die Voraussetzung dafür, rentabel zu arbeiten. Wer schneller ist, kann mehr Sorten ausprobieren und wieder verwerfen. Es ist, als würde man Lotto spielen, aber ein Teilnehmer darf doppelt so viele Spielscheine kaufen wie alle anderen.

6.

Der schwierigste Teil der Apfelzüchtung ist die Markteinführung. „Die meisten Supermärkte in Europa haben Platz für sechs, vielleicht sieben Apfelsorten“, sagt Johan Nicolaï. „Die verkaufen Granny Smith, Golden Delicious, Red Delicious, Pink Lady, Jonagold und in Deutschland dann noch einen Elstar. Sie streiten sich also um den letzten verfügbaren, freien Platz. Da braucht man einen besonderen Apfel. Und gutes Marketing.“

Der Kanzi-Apfel ist dafür ein Beispiel. Die Sorte war eine der ersten, die professionell beworben wurde. 2005 kaufte ein Zusammenschluss von großen europäischen Obst-Erzeugern – die Fruitmasters aus den Niederlanden, Belorta aus Belgien und die Württembergische Obstgenossenschaft – die Lizenz- und Markenrechte an dem Apfel. Man betrieb einen Aufwand wie sonst für Schokoriegel und Waschmittel. Es gab ganzseitige Anzeigen in Magazinen, Spots im Radio und Fernsehen. Tausende von Äpfeln wurden zur freien Verkostung an Supermarkttheken und in Fußgängerzonen angeboten. Von jener Sorte aus Nicolaïs Baumschule gibt es heute sechs Millionen Bäume und 80 000 Tonnen Früchte im Jahr.

Auch dank dieses Erfolges können die Nicolaïs inzwischen etwas tun, was sonst kaum ein Apfelzüchter schafft: Sie verkaufen die Rechte an ihren Äpfeln direkt an Supermarktketten und bieten ihnen Sorten exklusiv an, die kein Konkurrent im Sortiment hat. 2019 wird so der erste Apfel unter dem Namen Coryphée in die Läden der belgischen Colruyt-Kette kommen.


Nicht weit vom Stamm gefallen: Laura Nicolaï unterstützt ihren Vater


Was jetzt noch lagert, wird später Lizenzgebühren abwerfen. Die müssen die Apfelbauern für jeden Baum an den Züchter Nicolaï entrichten

7.

Dennoch: Es bleibt ein unsicheres Geschäft. „Vergangenes Jahr hatten wir späten Frost im Frühling, sodass alle unsere Neuzüchtungen erfroren sind“, sagt Laura Nicolaï. „Das sind Nächte, in denen man vor Sorge kein Auge zumacht. Und am Ende steht man vor einem Feld, in dem alle Blüten braun und tot sind. Da wird die Arbeit von zwei Jahren in einigen Stunden vernichtet.“ Es gibt Jahre, in denen den Nicolaïs kein einziger brauchbarer neuer Apfel übrig bleibt.

Trotz aller Professionalisierung reden die beiden deshalb immer wieder von Wundern, wenn sie von ihren Früchten sprechen. Während einer Frostperiode 2017 fiel eine etwas ältere Neuzüchtung auf, weil sie ihre Blüten nicht verlor und einige Monate später dicke, süße, komplett unbeschadete Äpfel trug. „Wir haben keine Ahnung wieso“, sagt Laura Nicolaï.

Einige Monate später bekamen die Nicolaïs eine E-Mail von einer amerikanischen Firma: Man habe diesen Apfel gesehen, in einem Forschungsfeld bei Hamburg. Der einzige, der nicht zerstört war vom Frost. Ob man den ausprobieren könne? Planen kann man so etwas nicht. ---