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Hermann-Josef Tenhagen im Interview

Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Ganz so einfach ist das in Zeiten niedriger Zinsen nicht mehr. Oder doch? Hermann-Josef Tenhagen über Aktien, Festgeld und seine Großmutter.




brand eins: Herr Tenhagen, es gibt kaum noch Zinsen, die Inflationsrate liegt bei 1,8 Prozent. Ist Sparen also sinnlos?

Hermann-Josef Tenhagen: Natürlich gab es zu anderen Zeiten deutlich mehr Zinsen als heute. Zum Beispiel 2009 und 2010, nach der Finanzkrise: Da haben die Banken bei einer vergleichsweise niedrigen Inflation sehr viel geboten. Historisch gesehen ist es aber oft so, dass die Inflationsrate höher ist als das, was der Sparer bekommt. Interessanterweise liegen trotz der niedrigen Zinsen insgesamt mehr als zwei Billionen Euro auf täglich verfügbaren Konten in Deutschland.

Wo das Vermögen schrumpft.

Viele Leute sagen, ich weiß ja nicht, ob ich das Geld nächste Woche brauche. Das ist Quatsch, niemand braucht spontan 50 000 Euro. Die Menschen haben Angst davor, ihr Geld in Aktien anzulegen, weil ihnen niemand gesagt hat: Wenn du lange anlegst und ganz breit streust, dann kann nicht viel passieren, es müsste schon der Kapitalismus über die Wupper gehen. Und so einen Systemzusammenbruch können wir uns im Westen gar nicht vorstellen. Mit dem Ende der DDR haben die Ostdeutschen da eine andere Erfahrung gemacht. Die andere Langfristalternative ist, eine Immobilie zu kaufen und darin zu wohnen.

Sollte man das denn?

Es ist durchaus vernünftig, selbst einzuziehen, weil man dann den täglichen Blick auf die eigene Anlage hat und beeinflussen kann, ob es ein gutes Investment wird. Denn wenn die Immobilie ein wesentlicher Teil der Altersvorsorge ist, dann muss sie sich auch rentieren. Das Haus muss in 20 oder 25, vielleicht auch schon in 15 Jahren, so attraktiv sein, dass Käufer sich dafür interessieren.

In Deutschland wird gemietet, nur jeder Zweite lebt im Eigentum.

Es ist völlig in Ordnung, Immobilien auch als reine Geldanlage zu besitzen, wenn man zum Beispiel beruflich bedingt häufiger den Wohnort wechselt. Langfristig ist aber die Anlage in die eigene Wohnung oder in Aktien sinnvoller. Und je sicherer die eigene finanzielle Situation ist, desto mehr Risiko kann man sich leisten. Aktienanlagen sind so gesehen gerade für Beamte gut geeignet.

Warum machen das so wenige Menschen hierzulande?

Die Banken haben den Leuten in der Vergangenheit notorisch Dinge verkauft, die vor allem Gebühren verschlangen. Das gab es vor der Dotcom-Blase ganz extrem, vor allem mit der Telekom-Aktie. Wie kann man Leuten, die keine Erfahrung damit haben, eine einzige sehr konjunkturanfällige Aktie verkaufen? Um Himmels willen, das geht doch nicht! Eigentlich hätte der Bankberater fragen müssen: Aktien, wunderbar, aber wollen Sie sich regelmäßig damit beschäftigen? Nein? Okay, dann müssen wir schon mal einen Fonds nehmen. Am besten etwas Europa- oder Weltweites.

Es war aber offenbar nicht schwer, die Leute zu überzeugen. Um die Volksaktie der Telekom rissen sich die Anleger damals – bevor der Wert der Papiere dann ins Bodenlose stürzte. Lassen sich die Deutschen zu leicht Finanzprodukte andrehen?

Nein, es ist ein Mythos, dass das finanzielle Analphabetentum nur hierzulande besonders ausgeprägt ist. Die internationalen Finanzskandale zeigen, dass jedes Land seine eigenen Probleme hat. Payday-Loans etwa, also Kurzzeitkredite mit hohen Zinsen, sind in Großbritannien ein großes Problem, in Deutschland jedoch nicht. Wir haben allerdings die Restschuldversicherung, die im Todesfall oder bei Arbeitslosigkeit offene Kreditraten abdecken soll. Das ist Unfug. Denn kaum ein Mensch braucht eine Restschuldversicherung. Den einzigen Kredit, den man damit sinnvoll absichern könnte, ist die Baufinanzierung. Und das macht man am besten mit einer Risikolebensversicherung.

Welche anderen Fehler beim Geldanlegen begegnen Ihnen häufig?

Viele Leute haben genau eine Aktie – nämlich die von ihrem Arbeitgeber. So setzt man seinen Job und die Geldanlage auf eine Karte. Das würde ich nicht tun. Es geht immer darum, breit anzulegen, gerade bei Aktien. Und dann geduldig zu sein und nicht in schwierigen Phasen verkaufen zu müssen.

Trotzdem gelten Aktiengeschäfte nicht nur als unsicher, sondern auch als kompliziert.

Dabei haben wir mit den Indexfonds ein Vehikel bekommen, das ganz einfach ist. Die gibt es seit 10, 15 Jahren für den breiten Markt. Dabei muss man sich um nichts kümmern, nur einen möglichst weltweiten Indexfonds kaufen, jeden Monat etwas einzahlen und das Ding laufen lassen bis zur Rente. Breit gestreute Indexfonds sind sozusagen die Lebensversicherung des 21. Jahrhunderts.


Die Deutschen haben zu viel Geduld mit ihren Finanzdienstleistern. Vor allem Bestandskunden werden hässlich behandelt.

Man darf nur nicht die Geduld verlieren. Was sind typische Gründe, Geldanlagen vorzeitig aufzulösen?

Manchmal ist es Panik an der Börse, meist aber ist es ganz einfach: Jemand verliert seinen Arbeitsplatz, lässt sich scheiden oder wird krank. Das sind auch die drei Hauptgründe, die Leute in Armut bringen oder Privatinsolvenzen auslösen. Wer für solche Situationen vorgesorgt hat, der wird dank des Notgroschens nicht so schnell aus der Bahn geworfen. Deshalb erst das Tagesgeldkonto auffüllen und dann etwas fürs Alter anlegen.

Wie groß sollte so ein Notgroschen sein?

Zwei oder drei Monatseinkommen. Die helfen mir schon, wenn Kühlschrank und Auto gleichzeitig kaputtgehen. Dann muss ich mein Konto nicht überziehen und zehn Prozent Zinsen zahlen. Ein solcher Notgroschen hilft in Krisensituationen: wenn ich krank bin, meinen Beruf länger nicht ausüben kann oder wenn ich mich scheiden lasse und mir eine neue Wohnung suchen muss. Wenn man gemeinsam eine Wohnung oder ein Haus kauft, schadet es übrigens nicht, darüber nachzudenken, was man im Falle einer Trennung machen würde; vielleicht ist es sinnvoll, einen Ehevertrag zu schließen.

Macht nur kaum jemand.

Die Leute finden das unromantisch. Meine Großmutter hat immer gesagt: Liebe vergeht, Hektar besteht. Wenn man eine Wohnung im Zweifel teilen kann, ist das super. Oder wenn man zwei Eingänge an einem Haus hat.

Wie sehr ist das Thema Geldanlage auch eine Generationenfrage? Es heißt ja, dass für jüngere Menschen Erlebnisse wichtiger sind als Werte.

In jeder Generation gibt es Lernkurven. Ich komme vom Bauernhof, mein Vater ist noch selbst hinter Pferd und Pflug über den Acker gegangen. Er hat damals für den Liter Milch, den er gemolken hat, ein gleich großes Glas Bier in der Kneipe bekommen. Mein Bruder hat im vergangenen Jahr erlebt, dass die Solaranlage auf dem Dach seines Kuhstalls zeitweise mehr Geld eingebracht hat als die Milch der zahlreichen Kühe, die im selben Stall gemolken werden. Das sind ganz unterschiedliche Erfahrungen. Von daher ist es wahrscheinlich immer so, dass 50-Jährige anders mit Geld umgehen als 25-Jährige.

Was raten Sie jemandem, der im Jahr 2018 Geld anlegen will?

Erst Tagesgeld, dann Festgeld und dann Aktien. Zuerst aber brauchen Sie einen Plan, der in sich einigermaßen konsistent ist und zu Ihnen passt. Sie müssen sich fragen: Mit wie vielen Schwankungen komme ich klar? Welche beruflichen Pläne habe ich? Und welche Folgen haben die für mein Einkommen? Wenn ich mich selbstständig mache, kann das 20 Jahre lang gut funktionieren. Aber zwischendurch kann es auch schwierige Jahre geben. Deswegen ist es wichtig, einen Finanzplan zu haben, der zum Lebensplan passt und nicht ganz so rigide ist, weil es häufig ein bisschen anders kommt. Der zentrale Punkt beim Anlegen ist immer derselbe: Man muss vergleichen, um ein gutes Angebot zu finden. Das war schon immer so. Und: Geldanlegen ist eine langfristige Geschichte, für die man viel Geduld braucht.

Kann man auch zu viel Geduld haben?

Die Deutschen haben auf jeden Fall zu viel Geduld mit ihren Finanzdienstleistern. Vor allem Bestandskunden werden hässlich behandelt. Es gibt Tagesgeld-Angebote für vier oder sechs Monate mit ganz ordentlichen Zinsen, und danach stürzen sie ab. Ich habe nichts gegen solche Angebote, das ist wie ein Sonderangebot im Supermarkt, aber man muss dann eben auch wieder gehen. Genauso bei Baufinanzierungen: Bei der ersten Finanzierung vergleichen noch relativ viele Leute, um den günstigsten Zins zu bekommen. Nach zehn Jahren, wenn die Zinsen bei der Anschlussfinanzierung neu verhandelt werden können, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Hausbank zwei oder drei Zehntel zu viel verlangt und damit durchkommt. Je nach Gesamtsumme kann das ein fünfstelliger Betrag sein, den man nicht ausgeben müsste, wenn man die Bank wechseln würde.

Wann ist der richtige Zeitpunkt gekommen, mit dem Sparen aufzuhören?

Um noch einmal mit meiner Großmutter zu sprechen, die hat immer gesagt, es ist besser, mit warmen Händen zu geben als zu vererben. Das Ziel ist ja nicht, im Ruhestand alles zusammenzuhalten, sich nichts zu gönnen, um dann alles zu vererben, sondern das Leben zu genießen. Ich spare, damit ich in der Not vernünftig über die Runden komme. Und ich spare, damit ich im Alter auch wirklich über die Runden komme und die zwei Monate im Winter auf den Kanaren drin sind, wenn mir das hilft. Oder damit ich meine große Wohnung trotz weniger Gehalt behalten kann, weil mir der riesige Bücherschrank wichtig ist oder diese große Küche, in der ich früher mit meinen Kindern gesessen habe und jetzt mit meinen Nachbarn oder mit meinem Kaffeekränzchen. Wichtig ist, sich darüber klar zu werden, was schön ist im Leben – und das Geld dann dafür einzusetzen. ---

Hermann-Josef Tenhagen, 55, ist seit 2014 Chefredakteur des Verbraucherportals »Finanztip«. Wo man Geld sparen und wie man es anlegen kann, beschäftigte ihn zuvor bereits 15 Jahre lang als Chefredakteur der Zeitschrift »Finanztest«. Tenhagen studierte Politik und Volkswirtschaft und lebt in Berlin.