Partner von
Partner von

Glashütte Lamberts

Das wohl schönste Glas der Welt kommt aus einer bayerischen Kleinstadt. Vielleicht weil es dort noch den Rohstoff gibt, der es so besonders macht: Zeit. Hans Reiner Meindl, einst Manager, heute Miteigentümer, lernt dort, seine Ungeduld zu zügeln.




• Es ist dieser eine Moment, in dem es aus dem Manager herausbricht. Gerade noch hat Hans Reiner Meindl den Espresso auf den Tisch gestellt, die zarten Tässchen verschwinden fast in seinen massigen Händen, mit auf sanft gedimmter Stimme parliert er über den Kaffeegenuss. Dann springt er auf, läuft mit schnellen Schritten quer durchs Zimmer, schnappt sich den Filzschreiber und beginnt den Konferenztisch zu beschmieren, voller Schwung, seine Glas-Manschettenknöpfe klirren über die Platte. Plötzlich ist er wieder ruhig, ganz ruhig. Nur seine Augen funkeln erwartungsfroh aus dem runden Gesicht. Er hat gerade eine Weltneuheit vorgeführt. Aber es wird dauern, bis die Welt das versteht.

Gehen wir ein paar Schritte zurück. Es ist das Jahr 2009. Meindl scheidet als Geschäftsführer der Unternehmensgruppe Heinz Glas aus. Er verlässt den Hersteller von Parfüm-Flakons mit damals 2500 Beschäftigten, verabschiedet sich von seiner Assistentin, die ihm so viel abnimmt, von Investitionsentscheidungen, für die Millionensummen bereitstanden, von den Bequemlichkeiten des Großunternehmens, das für alles und jedes seine eigene Stabsstelle unterhält. Stattdessen kauft er zusammen mit seiner Familie die Glashütte Lamberts, 70 Mitarbeiter, rund vier Millionen Euro Jahresumsatz. Er beginnt ein Abenteuer, ergreift die Chance, so sagt er, „den Weltmarktführer zu leiten“. Es soll seine Mission werden.

Wir sind in Waldsassen. Waldsassen liegt im Norden der Oberpfalz. Die Oberpfalz liegt im Norden Bayerns. Der Norden Bayerns liegt ganz weit weg von überall. Hier entsteht Echt-Antikglas, eine mundgeblasene Kostbarkeit. Dafür ist die Glashütte Lamberts bekannt, weltbekannt. Blutrot schmückt das Glas aus Waldsassen in New York die Gedenkstätte am Ground Zero. In der Kathedrale von Brasilia zeigt es rund 2400 Quadratmeter groß und strahlend blau Himmelsszenen, ganz weit oben. In Taiwan fahren Brautpaare hinab zur U-Bahnstation Formosa Boulevard, ganz nach unten, um unter einer beeindruckenden Lamberts-Glas-Kuppel mit 30 Metern Durchmesser ihr Hochzeitsfoto schießen zu lassen.

Das ist die Gegenwart. Hans Reiner Meindl beschäftigt die Zukunft, als er nach Waldsassen zieht. Denn der Weltmarktführer Lamberts ist in Gefahr. Es prallen Kulturen aufeinander. Da kommt der Fremde aus der großen Welt, der es gewohnt ist, rastlos von Flughafen zu Flughafen zu jetten, durch die Zeitzonen der Erde. Er trifft auf eine andere Zeitqualität. Die Hüttenmeister haben sich über Jahrzehnte hochgearbeitet. Der Schmelzmeister lernt sein Wissen vom Vater. Der Prokurist Robert Christ hat schon als Schulkind auf dem Gelände Glasscherben gesammelt. Den Schlosser hält Meindl lange Zeit für taubstumm, weil der mit dem Neuen nicht ein einziges Wort redet. Alles atmet Beständigkeit. Aber der Atem ist flach geworden. Das Ende des Verkäufermarktes, als sich die Kunden, wenn sie denn schon unbedingt kaufen wollten, doch bitte schön auf den Weg hierher machen mussten, so weit weg von überall, hatte die Glashütte übersehen. Und dann, just als Meindl übernimmt, wird die Welt von der Wirtschaftskrise erschüttert, die mit der branchenüblichen Verspätung drei Jahre später in Waldsassen einschlägt.

Ein Start mit Hindernissen

Der Umsatz sackt um rund 20 Prozent auf 3, 7 Millionen Euro. Die lohnintensive Produktion bricht dem neuen Eigentümer fast das Genick: Als Manager in der Glasindustrie hatte er mit sechs Prozent Lohnkostenanteil kalkuliert, bei Lamberts sind es 60 Prozent. „Ich wusste am Montag nicht“, sagt Meindl, „wie ich am Freitag die Löhne zahlen sollte. Das macht schlaflose Nächte.“ Die Belegschaft verzichtet aufs Weihnachtsgeld. Kunden schießen vor. Banken spielen mit. Dennoch muss er die Mitarbeiter, die er neu eingestellt hat, wieder entlassen.

Meindl lernt zwei Dinge. Sein Glas war zu gut geworden. Es ist ein Kunde in Skandinavien, der ihn zur Seite nimmt und vor allzu viel Perfektion warnt. Wer die wolle, der werde lieber gleich zu Industrieglas greifen. Antikglas-Käufer suchten echte Handwerklichkeit, kleine Unvollkommenheiten, ein Glas, das sich nach Leben anfühlt. Der Unternehmer ist alarmiert. Im Streben nach Vollkommenheit hat seine Glashütte die Kunden vergessen. Er ändert die Positionierung. „Wir sind gut“, beschließt er, „wir positionieren uns als die, die alles probieren. Wir können sogar nicht perfekt.“

Er lernt für die Zukunft aber auch, und das schmerzhaft: „Ich kann keine Beschäftigungsgarantie bis 65 geben.“ Seine erste Frage beim Vorstellungsgespräch lautet nun: „Sind Sie arbeitslos?“ Nur wer mit Ja antwortet, bekommt eine Chance – niemand soll seine Festanstellung riskieren. Und nur wer versichert, dass seine Familie den Abschied vom normalen Leben mitträgt. Denn wer in der Glashütte anfängt, fällt aus der normalen Zeit. Es klingt nach Himmelfahrtskommando. Es ist die Hölle.

Den Besucher empfängt die Glashütte wie ein Denkmal. Rechts vom Eingang eingelassen die Tafel „Immaterielles Kulturerbe“. An der Wand folgen die Urkunde für den Bayerischen Denkmalpflegepreis in Gold, der Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz. Doch dann ist da die Stahltür mit der Aufschrift: „Stets geschlossen halten!“ Wer die aufstößt, der hält erschrocken inne: Das Denkmal lebt, es faucht und brodelt. Hier beginnt die andere, die eigentliche Welt der Glashütte. Finster ist es die meiste Zeit, wenn hier gearbeitet wird, denn Schichtbeginn ist nachts um vier. Feuerstöße flackern quer durch die Halle, laut bellen die Gasflammen. Rot glühendes Glas bringt die einzige Farbe ins Dunkel. Riesige schwarze Vorzeit-Ventilatoren mühen sich, um ein wenig Luft in die ewige Hitze der Glasöfen zu fächeln. In beeindruckender Pegelstärke spielt ein Telefunken-Doppelkassettenrekorder gegen den Höllenlärm an: „Oh baby, baby, it’s a wild world!“ Selten hatte Cat Stevens so recht.

Nicht nur die Musik ist historisch. Seit 111 Jahren überspannt die Holzkonstruktion der Halle diesen Hexenkessel, in dem nur zweimal das Feuer ausging: 1928 zur Weltwirtschaftskrise und 1945 bei Kriegsende. Und selbst ganz zu Beginn war die Halle schon ein Recyclingprodukt, in Nürnberg abgebaut und 160 Kilometer weiter in Waldsassen wieder errichtet. Die Öfen bauen die eigenen Ofenmaurer, Ausbesserungen über- nehmen die eigenen Schreiner, bricht einem der Ventilatoren ein Flügel, dreht der eigene Schlosser aus Blech einen neuen – für alles hält sich die Hütte ihren Spezialisten, denn alles hier ist speziell. In der Generationenkunst des Glasmachens ist vieles sogar so eigen, dass es seine eigene Sprache braucht.

Es ist kurz nach 16 Uhr, da bespricht sich der Hüttenmeister Wenzel Riederer mit dem Kölbelmacher. Das ist der, der mit seiner fast zwei Meter langen Glasmacherpfeife das erste Glas aus der 1080 Grad Celsius heißen Masse zieht. Er bläst es zur kleinen Kugel, formt es in einer mit Pappe ausgelegten Holzkuhle vor. Das ist der offensichtliche Teil seiner Arbeit. Wird ganz am Ende des Prozesses die Glasscheibe zu dunkel, muss der Kölbelmacher weniger Glas entnehmen. Wird das Glas zu hell, muss er die Menge steigern. Um wie viel? Riederer arbeitet seit 44 Jahren bei Lamberts. Er sagt von sich: „Ich beherrsche das Glas.“ Doch selbst der Hüttenmeister zuckt mit den Schultern: „Das ist sein Gefühl. Nur sein Gefühl.“

Die Farben mischt der Schmelzmeister. Marcel Kempke ist 38 und arbeitet seit 20 Jahren in der Hütte. Gelernt hat er bei seinem Vater. Der allein hatte das Wissen, um einen Nachfolger auszubilden. 5000 Farben hat die Glashütte Lamberts im Angebot, rund zehnmal mehr als die Wettbewerber in Frankreich, hundertmal mehr als die Konkurrenz in Polen. Das Grundgemenge fürs Glas ist einfach. Es ist ein Gemisch aus Quarzsand, Soda und Kalk, das 14 Stunden lang bei 1450 Grad eingeschmolzen wird. Die Farben entstehen durch die Zugabe von Gold und Silber, Eisen, Kupfer und Nickel. Das ist die Version, wie sie in den Prospekten steht. Der Schmelzer sagt es deutlicher, als er sich die Atemmaske aufsetzt und zum Mischen hinter die Tür mit dem Totenkopf geht: „Alles, was leuchtet, ist giftig.“

24 Stunden vergehen bis zur fertigen Glasplatte. Der Kölbelmacher übergibt an den Anfänger, der mit dem Aufblasen beginnt, es übernehmen Einträger und Walzenträger, Patzler und Platscher, die Aufschneiderin, es ist ein Reigen althergebrachter Arbeitsbezeichnungen für ein Ballett in glühender Hitze, wo jeder dem anderen zuarbeitet, der eine wissen muss, wohin sich der andere bewegen wird, denn im Kern dreht sich jeder Handgriff ums zähflüssige Glas. Und das bleibt brandgefährlich.

Wir treten durch die Brandschutztür, gehen vorbei an den Urkunden, kehren zurück in die Welt der Papiere und der Worte. Es ist der Moment, wo Hans Reiner Meindl zum Filzschreiber greift und sich über seinen Konferenztisch hermacht. Er holt eine UV-Lampe – seine Schmiererei leuchtet auf. Er hält eine Glasscheibe vor die Lichtquelle – das Gekritzel verschwindet. Restauro heißt die neueste Entwicklung. Lamberts hat dafür eine seiner Stärken genutzt. „Wir arbeiten schon ab 500 Kilogramm Hafenschmelze“, sagt Manager Meindl. „Wenn bei uns ein Versuch schiefgeht, kostet das 5000 Euro. In der Industrie mit ihren Mengen liegt das Risiko bei 500 000 Euro.“

Die Weltneuheit filtert UV-Licht direkt im Glas, nicht durch Beschichtungen und Folien, und es ist dabei nahezu weiß, verfälscht also nicht, was es an Kunst und historischen Schätzen schützen soll. „Wir können das modernste Glas der Welt“, sagt Meindl. Er hat es zum Patent angemeldet. Es sind solche Erfolge in der Nische, die den Manager zuversichtlich machen. Im Juni soll ein neuer Ofen in Betrieb gehen. Dafür investiert er 250 000 Euro. „Fast alles, was wir probiert haben, haben wir geschafft. Wir sind nicht umsonst Weltmarktführer!“

Zwischendurch checkt Meindl seine E-Mails auf dem iPhone. Es ist sein fünftes in fünf Jahren. Er weiß, dass sein neuer Audi vor der Tür in nur drei Jahrzehnten als Oldtimer gelten wird. Und er schwärmt von Kirchenfenstern, die sich ihre Leuchtkraft und ihre Botschaft seit mehr als 1000 Jahren erhalten haben. Er hat gelernt, in anderen Dimensionen zu denken. „Das ist die Verpflichtung“, sagt er. „Ich muss eine Qualität schaffen, die diesem Anspruch wirklich standhält. Manchmal macht mir das Angst. Was wir auf den Markt bringen, ist eine Hinterlassenschaft für Generationen.“

Zwei Pläne für die Zukunft

In dieses Generationengeschäft des Glasmachens hat Hans Reiner Meindl ausgerechnet seine Ungeduld gebracht. Als angestellter Manager hatte er erlebt, wie Flugzeug und Handy, Internet und Skype-Konferenz, die wwweltweite Verfügbarkeit und das 24/7-Erreichbarsein nur die Dringlichkeiten erhöhen. „Es ist doch so, dass im Gegenteil die Entscheidungen immer langsamer werden“, sagt Meindl, „es gibt einfach immer weniger echte Entscheider.“ Er glaubt, sich mit dem Abschied vom Angestelltendasein das Magengeschwür erspart zu haben. „Jetzt geht es um mein eigenes Geld. Ich habe weniger Bequemlichkeit, dafür aber viel mehr Freiheit.“

Die Rastlosigkeit hat er nicht aufgegeben. Er sagt: „Ich muss der Aufreißer sein.“ Viele Kunden verlangen nach dem Chef. Das hat auch die Kultur verändert. Die Glashütte Lamberts hat gelernt, dass es nicht reicht, auf Kunden nur zu warten. Heute verkauft sie ihr Echt-Antikglas offensiv. Irgendwann stand der Buchhalter vor Meindls Schreibtisch, die Sorgenfalten auf der Stirn und den Vorwurf in der Stimme: Lamberts habe, klagte der Mann, noch nie so horrende Reisekosten gehabt. Da war Meindl zufrieden.

Wir verabschieden uns am Flughafen im zwei Stunden entfernten Prag. Der Chef fliegt zu einer Messe nach Dubai. Dann geht es nach St. Petersburg, nach Japan, nach Südkorea.

In Waldsassen gehen die Uhren anders. Dort hat der Hüttenmeister seine Schicht beendet. Mittags fährt Wenzel Riederer heim, um sich für eine Stunde hinzulegen. Sein Zuhause ist 1745 erbaut. Davor wächst eine Kastanie in den Himmel, die kannte seine Frau schon als Kind. Im Innenhof steht der Golf, der ist 29 Jahre alt. Wenzel Riederer ist die verkörperte Beständigkeit. In seinen 44 Jahren in der Glashütte hat er sich vom Walzenträger zum Hüttenmeister hochgearbeitet. Er hat den Darmkrebs überstanden, den Gehirntumor seiner Frau und die Zeit nach ihrer Operation, als sie zwei Jahre im Rollstuhl saß. Er ist glücklich. „Mein Leben ist so“, sagt er und nimmt eine Prise Schnupftabak, damit das Feuchte in seinen Augen nicht so auffällt, „wie ich es mir in meine kühnsten Träumen nicht erhofft hatte.“

Wenzel Riederer wird 60. Langsam, schön langsam bereitet er sich auf den Ruhestand vor. Drei Hektar Waldgrundstück hat er gekauft, darin liegt gut versteckt sein eigener Teich. Darauf will er ein Entenhaus schwimmen lassen. Seit Monaten arbeitet er daran. Fast fertig steht es im Schuppen. Es ist ein Häuschen aus Holz, die Fenster aus mundgeblasenem Echt-Antikglas. Ob tatsächlich irgendwann Enten einziehen werden? „Das spielt keine Rolle.“ Aber die viele Zeit, die er daran gearbeitet hat? „Das spielt keine Rolle.“ Vielleicht gibt es nur hier, ganz im Norden der Oberpfalz, ganz im Norden Bayerns, ganz weit weg also von überall, noch genug von dem Rohstoff, der das Waldsassener Antikglas so besonders macht: Zeit.

In der Generationenkunst des Glasmachens ist die Nachfolge geklärt. Vor zwölf Monaten hat Wenzel Riederers Sohn in der Glashütte Lamberts begonnen. Auch die Familie Meindl denkt über die Nachfolge nach, denn Hans Reiner Meindl ist 60, nur wenig älter als sein Hüttenmeister.

Mit der Zeit ist das eine blöde Sache. Das Gefühl der eigenen Unendlichkeit ist nur ein zerbrechlicher Traum der ersten Lebenshälfte, zerbrechlich wie das Glas. Hans Reiner Meindl spürt, dass sein Blick nach hinten weiter reicht als der nach vorn. Ihn treibt die Zukunft seines Unternehmens um. Inzwischen beschäftigt die Glashütte 67 Menschen, der Umsatz ist auf knapp fünf Millionen Euro geklettert. Aber wer soll diese Mission übernehmen? Meindl denkt, eine Stiftung würde perfekt passen. „Wichtig für mich ist die Fortführung“, sagt er. „Das ist mir wichtiger als ein vielleicht höherer Erlös. Unsere Kultur ist ein eigener Wert.“

Er arbeitet sozusagen für die Ewigkeit. ---