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Felix Meiner Verlag

Bis beim Felix Meiner Verlag ein Buch fertig wird, dauert es Jahrzehnte. Und weitere Jahrzehnte, bis die erste Auflage verkauft ist.




• Als Marcel Simon-Gadhof vor 16 Jahren als Lektor im Hamburger Felix Meiner Verlag anfing, war eines der ersten Projekte, die er betreute, eine Sammlung antiker Aristoteles-Interpretationen. Nicht zum Gesamtwerk des Philosophen wohlgemerkt, sondern zu einer Passage aus der Schrift „Über die Seele“. Inzwischen haben die beiden Herausgeber die Arbeit an dem Buch abgeschlossen. Es ist im März erschienen, zweisprachig Altgriechisch-Deutsch, 954 Seiten, 136 Euro. Der Verlag war optimistisch und hat 400 Exemplare gedruckt. Mit etwas Glück werden davon im ersten Jahr 150 Bücher verkauft. „Ja, die Arbeit hat sich hingezogen, aber dafür macht auch kein anderer Verlag in den nächsten 100 Jahren so einen Titel“, sagt Marcel Simon-Gadhof.

In so ziemlich jedem anderen Verlag wäre ein Lektor mit derart entspannter Einstellung zum Verhältnis von Aufwand, Zeit und Verkaufserfolg in der Probezeit rausgeflogen. Manfred Meiner aber, der Verleger, vertraut ihm. Er hat ihn vor drei Jahren zum Chef-Lektor gemacht. Dass Bucheditionen viel Mühe verlangen und sich in sehr überschaubaren Stückzahlen verkaufen, ist in seinem Verlag keine Katastrophe, sondern der Normalfall.

Lektor Marcel Simon-Gadhof

50 verkaufte Bücher pro Titel reichen aus

Es liegt an der Geschichte und am Programm des Verlags, dass man bei Meiner den buchhandelsüblichen Rhythmus ignoriert und in großen Zeitspannen denkt. Seit Felix Meiner, ein Leipziger Kaufmann und der Großvater des heutigen Chefs, den Verlag 1911 gegründet hat, ist der ununterbrochen in Familienbesitz. Manfred Meiner, 66, wird 1981 neben seinem Vater geschäftsführender Gesellschafter. Seine Söhne Jakob und Johann sind ebenfalls im Verlag tätig, um ihn in vierter Generation fortzuführen.

Es handelt sich um einen der renommiertesten wissenschaftlichen Fachverlage des Landes. Verlegt wird seit gut 100 Jahren ausschließlich Philosophie. Und zwar „Philosophie pur“, so Manfred Meiner: auf dem aktuellen Stand der Forschung editierte Klassiker, Nachschlagewerke, Monografien, wissenschaftliche Zeitschriften. Das Kernstück des Programms, die Philosophische Bibliothek, ist sogar älter als das Unternehmen. Die ersten Bände erschienen 1868 mit Werken von Kant und Spinoza – bis heute Autoren, die der Verlag pflegt. Immanuel Kant verdankt Meiner seinen erfolgreichsten Titel: Die wissenschaftliche Standardausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ verkauft sich rund 2000-mal im Jahr – für Meiner-Verhältnisse ein Bestseller.

Jedes Jahr bringt man 50 bis 60 Neuerscheinungen oder Neuauflagen auf den Markt. Derzeit sind mehr als 1200 Titel lieferbar, davon „verkaufen wir im Jahr insgesamt etwa 50 000 Exemplare“, sagt Manfred Meiner. Das dürfte für einen Verlag dieser Größe ein rekordverdächtig ungünstiges Verhältnis von Titelanzahl und Absatz sein: Pro Titel werden im Schnitt weniger als 50 Bücher verkauft, von einigen mehrere Hundert, von anderen weniger als ein Dutzend. Das reicht für einen Jahresumsatz von rund zwei Millionen Euro, für die Gehälter der neun Mitarbeiter und eine schwarze Zahl am Ende der Bilanz, die Meiner „ordentlich“ nennt.

Das funktioniert nur, weil der Verleger penibel darauf achtet, den Apparat klein zu halten – etwa bei der Herstellung. Als er in den Siebzigerjahren als Hersteller bei de Gruyter arbeitete, einem deutlich größeren Wissenschaftsverlag, lagen allein die Satzkosten, etwa bei einer Aristoteles-Neuausgabe, Bleisatz, Altgriechisch, „bei etwa 800 D-Mark pro Bogen, also 16 Buchseiten“, erinnert er sich. „Heute zahlen wir einen kleinen Bruchteil davon.“ Auch sonst tut der Hamburger Kaufmann alles für die ausgeglichene Bilanz: „Wir sind uns auch nicht zu schade, mit kostengünstigen Sonderausgaben für den Versandhandel Geld zu verdienen.“

Dass dem Verlag die schöne Villa im Stadtteil Barmbek-Süd gehört, in der er schon lange residiert, verdankt Manfred Meiner den Wendungen der Geschichte und den guten Geschäften seiner Vorfahren. „Manchmal braucht es auch Fortune“, sagt der Verleger. „Wir hatten insofern Glück, dass uns nach der Wiedervereinigung bewusst wurde, dass es in Leipzig, dem ersten Sitz des Verlags, noch Grundstücke aus Verlagsbesitz gab, Vermögenswerte, von denen wir nichts wussten und mit denen wir uns nie beschäftigt hatten.“ Mit dem Verkauf konnte er den Verlagssitz in Hamburg erwerben. „Wenn wir für die gut 1000 Quadratmeter Büro- und Betriebsfläche Miete bezahlen müssten, wäre es schwierig. Nur so können wir zum Beispiel die Auslieferung selbst machen und sind unabhängig von externen Dienstleistern.“

Auch bei den Honoraren zeigt sich der Verleger kostenbewusst. Er zahlt den Wissenschaftlern, die viel Arbeit in die aufwendigen Editionen und Neuübersetzungen seiner Titel investieren, Beträge, die er „eher symbolisch“ nennt. „Honorare sind bei uns wie eine Schachtel Pralinen oder eine Kiste Rotwein, eine freundliche Geste, aber sicher keine adäquate Arbeitsbezahlung.“ Die Vorstellung, den Philosophieprofessoren, die sich jahrelang mit neuen Aristoteles- oder Schopenhauer-Ausgaben mühen, Honorare in der Nähe des gesetzlichen Mindestlohns zu zahlen, amüsiert ihn: „Das ist hoffnungslos, völlig undenkbar.“

Die Währung, mit der Meiner bezahlt, ist nicht Geld, sondern Renommee. Das funktioniert nur, weil der Verlag seinen Ruf über die Jahrzehnte hochgehalten und lieber zu viel als zu wenig Sorgfalt in die Edition philosophiegeschichtlich bedeutsamer Denker investiert hat. Das macht den Verlag für Wissenschaftler wie Wolfgang Bartuschat interessant. Der inzwischen emeritierte Professor für Philosophie an der Universität Hamburg hat über Jahrzehnte an einer Neuübersetzung der Hauptwerke von Spinoza (1632–1677) in sechs Bänden gearbeitet. Die Originaltexte sind zwar seit dreieinhalb Jahrhunderten dieselben, aber die Arbeit an der Interpretation hört nie auf.

Buchmacher mit sehr langem Atem: der Lektor Marcel Simon-Gadhof

Woanders würden Controller nervös

Die Texte der Klassiker sind gemeinfrei, also wird die sorgfältige Edition, die neue Übersetzung, der umfangreiche Anmerkungsapparat, die gute Verarbeitung mit alterungsbeständigem Papier und Fadenheftung zum Verkaufsargument. Zur Lebenshilfe weich gespülte Philosophie von Talkshow-Stammgästen mit markanten Frisuren interessiert Meiner dagegen nicht: kein Richard David Precht, kein „Machiavelli für Manager“, kein „Nietzsche für Dummys“, keine Kompromisse. Stattdessen kündigt der Verlag für 2017 völlig unbeeindruckt von Moden neue Ausgaben von Werken der Klassiker Aristoteles, Hegel, Hobbes, Schopenhauer, Spinoza oder Platon an.

Die Bücher, die der Verlag in diesem Jahr herausbringt, werden viele Jahrzehnte im Programm bleiben. Heute lebt er von der Arbeit, die vor Jahrzehnten geleistet wurde. Satte 50 Prozent des Umsatzes stammt von der Backlist, also dem Verkauf älterer Titel – ein Vielfaches dessen, was bei anderen Verlagen üblich ist. Im weiträumigen Keller des Verlagsgebäudes warten die Bücherstapel in langen Reihen von Metallregalen auf Bestellungen, viele davon seit zehn, zwanzig Jahren.

In jedem Konzernverlag würden Controller Lagerkosten mit der Verkaufserwartung gegenrechnen und einen Großteil des Bestands zügig verramschen oder der Altpapierverwertung zuführen. Bei Meiner warten sie einfach ab, bis die Bücher ihre Leser finden. Wenn die Erstauflage verkauft und die weitere Absatzhoffnung bescheiden ist, wird der Titel als Book-on-Demand verfügbar gehalten, Auflagengröße: 1.

„Alles bleibt lieferbar“, sagt Manfred Meiner. „Die ,Jenaer Systementwürfe‘ von Hegel etwa stehen nicht gerade im Zentrum des öffentlichen Interesses, auch nicht an den Universitäten. Der Absatz liegt bei 20 oder 30 Exemplaren im Jahr. Das können wir nicht regulär nachdrucken, wenn die Auflage verkauft ist. Also erscheint der Nachdruck im Book-on-Demand-Programm.“ Das ist eines der Erfolgsgeheimnisse, die dem Verlag das Überleben sichern: Das Buchlager und die stetig wachsende Backlist sind hier kein Ballast, sondern das eigentliche Kapital.

Aktualität und Zeitgenossenschaft werden zwischen den Bücherstapeln im Keller der Verlagsvilla zu relativen Kategorien. Schließlich ist Philosophie ein Gespräch über die Jahrhunderte: Kant und Leibniz antworten auf Descartes; Hegel und Nietzsche antworten auf Kant; und seit 2400 Jahren antworten alle auf Sokrates und Platon. Die Philosophische Bibliothek versammelt sie wie ein sehr großer, weit verzweigter Salon der Philosophiegeschichte. Hier können die Denker der vergangenen Jahrhunderte ihre Dialoge bis in alle Ewigkeit fortsetzen.


Geduld: Fähigkeit, eine Erwartung mit dem Gesetz des zeitlichen Ablaufs in Einklang zu bringen
Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Felix Meiner Verlag

Marcel Simon-Gadhof, der Lektor, ist ein höflicher Mensch, der schnell redet und noch etwas schneller denkt. Derzeit betreut er gut 100 geplante Titel. Was zu einem Buch wird, entscheidet er: „Hier wird das Programm nicht vom Verleger, sondern vom Lektorat gemacht.“ Zurzeit denkt er darüber nach, ob einer zweisprachigen lateinisch-deutschen Ausgabe eines Denkers aus dem Spätmittelalter, dessen Name weltweit nur einigen Spezialisten bekannt sein dürfte, eine Überarbeitung guttäte: „Ich lese Latein, aber die Übersetzung sollte ein Gutachter prüfen.“ Der freundliche Mann mit den kurzen grauen Haaren erscheint wie ein Nerd. Aber das waren die Intellektuellen, die in mittelalterlichen Klöstern Aristoteles-Texte abgeschrieben haben, auch. Und diesen Kloster-Nerds verdanken wir immerhin die Renaissance.

Zuschüsse einsammeln für einen Humanisten

Besonders langwierig ist die Arbeit an großen wissenschaftlichen Editionen wie der Hegel- oder der Cassirer-Ausgabe – den Flaggschiffen des Verlags. Möglich sind sie nur, weil Akademien oder Stiftungen die Editionsarbeit finanzieren. Aber auch hier ist es der Verlag, der für die notwendige Kontinuität sorgt. Der erste Band der Hegel-Ausgabe ist 1968 erschienen, nach Vorarbeiten von einem Jahrzehnt. Inzwischen liegen gut 50 Bände vor. Der Verleger hofft auf einen Abschluss der Ausgabe „in sechs bis acht Jahren“. Gedruckt werden 800 Exemplare pro Titel.

Früher waren es mehr, Sparmaßnahmen an Bibliotheken und Universitäten machen das Geschäft nicht leichter: „Die Hegel-Ausgabe hat in den vergangenen 20 Jahren die Hälfte ihrer Abonnenten verloren, weltweit. Wir haben früher einen erheblichen Teil der Auflage nach Japan verkauft, das ist massiv geschrumpft“, konstatiert Meiner. Dass auch die Editionsfinanzierung kompliziert bleibt, verrät sein sarkastischer Stoßseufzer im neuen Verlagsprospekt: „Gottlob haben wir auch noch andere Sorgen: Wie können wir zum Beispiel die Fertigstellung der historisch-kritischen Gesamtausgabe der Werke von G. W. F. Hegel finanzieren, nachdem die Düsseldorfer Akademie die Förderung eingestellt hat?“ Hegels Überzeugung, dass die Geschichte einen Sinn und ein Ziel hat, scheint sein Verleger nicht unbedingt zu teilen.

Aber verglichen mit anderen Verlagsautoren ist Hegel geradezu pflegeleicht. Deutlich länger, nämlich ein knappes Jahrhundert, dauerte die Edition der Werke des Nikolaus von Kues, einem Humanisten des 15. Jahrhunderts. Der erste Band der Ausgabe erschien 1927, inzwischen ist sie fast abgeschlossen. Als die Heidelberger Akademie, die die Arbeit an der Werkausgabe finanziert hatte, die Edition 2005, also nach fast 80 Jahren, für abgeschlossen und die Arbeit an ihr für beendet erklärte, wollten die verantwortlichen Herausgeber ehrenamtlich noch ausstehende Bände vorlegen. Der Verlag hat das ermöglicht und extern Druckkostenzuschüsse eingeworben. Trotz solcher wichtigen Partnerschaften ist der Verleger stolz auf seine wirtschaftliche Unabhängigkeit: „Der Anteil von Druckkostenzuschüssen an unserem Umsatz liegt bei weniger als drei Prozent.“


Kein Ort für tagesaktuelle Aufregung: Manche Meiner-Edition kann ein Jahrhundert in Anspruch nehmen

Der Umsatz mit E-Books: bisher minimal

Jeder umsatzorientierte Verlagsmanager dürfte das Modell wirtschaftlich für hellen Wahnsinn halten. Aber es geht auf. Manfred Meiner ist kein weltfremder Schöngeist, sondern ein hanseatischer Kaufmann, der mit spitzem Stift rechnet. Er selbst liest übrigens keine Philosophie, „viele Bücher unseres Verlags würde ich vermutlich auch nicht verstehen“. Für das Verstehen ist der Lektor zuständig: „Der Herr Simon-Gadhof verbringt den größten Teil des Tages mit Lesen.“ Es klingt nach einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen.

Das Geschäft wird eher noch mühsamer werden. Im Punktesystem der Bachelor-Studiengänge werden mehr Aufsätze und Auszüge als ganze Bücher gelesen. Den Studenten fehlt die Zeit, sich ein oder zwei Semester lang durch Hegels „Phänomenologie des Geistes“ oder Kants „Kritik der Urteilskraft“ zu quälen.

Das bekommt Meiner beim Umsatz zu spüren. Ein Großteil der Titel wird auch als E-Book angeboten, aber der Umsatzanteil sei bisher „minimal“, sagt Jakob Meiner, der Sohn des Verlegers. Die aktuelle Debatte um Open-Access-Zugänge für wissenschaftliche Bibliotheken hält man im Verlag für „brandgefährlich“ – unter anderem, weil Open-Access-Lösungen am Ende vor allem übermächtige Wissenschaftsverlage wie Elsevier, Springer Nature und Wiley begünstigen würden. Sie sind gegenüber den Abnehmern, also in der Regel wissenschaftliche Bibliotheken, durch ihre Marktmacht in einer dominanten Verhandlungsposition. Aber selbstverständlich verweigert man sich nicht der Digitalisierung. So bietet der Verlag sein Programm auf einer eigenen Plattform in elektronischer Form zur Lizenzierung für Bibliotheken und Privatpersonen an.

Derzeit erlebt die Branche einen Konzentrationsprozess. Die drei großen Verlagskonzerne kaufen ein, und natürlich hat auch Manfred Meiner schon Anfragen erhalten, ob er sich für einige Millionen von seinem Verlag trennen würde. Fragt man ihn danach, wird der sonst eher bedächtige Verleger sehr energisch: „Dann wäre es vorbei, das haben wir bei vielen Kollegen gesehen. Als Teil eines Konzerns ginge der Verlag unter, auch wenn er seinen Namen behielte. Ein Konzern will den Content verwerten, sonst nichts. Für uns hingegen sind die langjährigen Verbindungen mit den Autoren und den einzelnen Mitarbeitern im Interesse des wissenschaftlichen Programms entscheidend. In einem Konzern würden wir innerhalb kurzer Zeit zur Randfigur verkommen. Und selbst wenn die Backlist erhalten bliebe, würde sich vermutlich niemand mehr jahrelang darum kümmern, dass zum Beispiel eine veraltete Übersetzung von Aristoteles’ ,De Anima‘ neu gemacht wird. Jetzt ist der Band übrigens gerade für 15 Euro erschienen, und in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« hieß es: ,So liest man heute Aristoteles.‘ “

Seine Söhne sehen es ähnlich: „Dann käme morgen ein Lkw vorgefahren. Von jedem Titel würde man ein Buch mitnehmen und damit nach Tschechien fahren. Dort werden die Titel eingescannt und in großen Dateipaketen an Bibliotheken verkauft. Das wäre das Ende des Verlags. Das kommt für uns nicht infrage.“ ---

PS. Nach dem Besuch beim Verlag kommt eine freundliche Mail von Manfred Meiner. Ob man ein Buch zur Geschichte der Philosophischen Bibliothek möchte, das der Verlag zu deren 150- jährigem Jubiläum herausgegeben hat: „Sie müssen weder höflich noch bescheiden sein, wir haben noch genug Exemplare bis zum 300-jährigen Bestehen der Reihe.“