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Newsletter zur 05/2018



brand eins Chefredakteurin Gabriele Fischer stellt einmal im Monat das neue Heft vor und schreibt über die Gedanken, die die Redaktion zum jeweiligen Schwerpunkt bewogen haben. Wenn Sie den Leser-Newsletter gerne empfangen möchten, melden Sie sich bitte hier an:

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was hat denn das mit Wirtschaft zu tun? Das werden wir bei so manchem Schwerpunktthema gefragt – zumindest, bevor Menschen das Heft gelesen haben. Geduld zum Beispiel mag ja eine gute Eigenschaft sein, aber ökonomisch? Ein Rohrkrepierer. Schließlich weiß doch jeder, dass die Schnellen die Langsamen fressen und einen der Konkurrent bestraft, wenn man zu spät kommt. Was also hat die Geduld in einem Wirtschaftsmagazin zu suchen?

Sie wird, davon ist nicht nur Wolf Lotter überzeugt, zu einem wesentlichen ökonomischen Faktor werden, wenn es in einer nächsten Phase der Digitalisierung nicht mehr allein um Beschleunigung geht („Geduldsproben“, S. 38). Geduld wird gebraucht, wenn Antworten auf die großen Fragen gesucht werden, wenn Geschäfte länger leben sollen als bis zum Börsengang oder wenn man etwas Grundsätzliches verändern will.

Aber lesen Sie selbst. 

Foto: Evelyn Dragan

257 Synonyme nennt das Online-Wörterbuch Woxikon für Geduld, sie reichen von Abgeklärtheit bis Zuneigung – vermutlich kommt einem der Begriff deshalb etwas wirtschaftsfremd vor. Aber viele seiner Bedeutungen stehen für Tugenden, ohne die Thomas Rebmann noch immer ein paar Leuchten über Ebay verkaufte, das Biotech-unternehmen Morphosys pleite wäre und Josef Fitz ein Schreiner unter vielen. Heute,

19 Jahre später, ist Rebmanns Lampenwelt Europas größte Plattform für Lampen und Leuchten, 25 Jahre nach der Gründung steckt erstmals ein von Morphosys entwickelter Wirkstoff in einem zugelassenen Medikament und Josef Fitz hat die vom Vater übernommene Schreinerei in den vergangenen 30 Jahren zu einem Spezialausstatter für Luxusjachten gemacht („Dickbrettbohrer“, S. 48).

Illustration: Joni Majer

Der Geduldige ist keine Schlafmütze – er denkt nur nach, bevor er agiert. Wie lange das im Idealfall dauert? Diese Frage erforschen Wissenschaftler schon lange und haben dennoch nur Näherungswerte für den richtigen Zeitpunkt einer Entscheidung gefunden. Trotzdem ist hilfreich, was Thomas Ramge an wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammengetragen hat – und beruhigend: „Von wenigen Ausnahmen abgesehen“, sagt der Unternehmer und Autor Rolf Dobelli, „können wir bei geschäftlichen Entscheidungen immer eine Nacht darüber schlafen, bevor wir sie treffen.“ Hektik jedenfalls hilft selten, wie der Ökonom Matthias Sutter bestätigt. Im Gegenteil: Gerade in brenzligen Situationen kann es die beste Lösung sein, nichts zu tun („Der Punkt des maximalen Grübelns“, S. 80 / „Aktionismus ist ein Blödsinn“, S. 102 / „Tu nix!“, S. 108).

Illustration: Roderick Aichinger

Kennen Sie Kanzi? Das ist eine der erfolgreichsten Apfel-Neuzüchtungen und damit ein gutes Geschäft. Johannes Böhme hat sich angesehen, was dahintersteckt und weiß nun, dass Apfelzüchter kein Beruf für Ungeduldige ist. Manager dagegen schon, Hans Reiner Meindl war eine erfolgreiche Führungskraft. Doch 2009 ließ er die Glasindustrie hinter sich und kaufte mit seiner Familie eine der ältesten Glas-Manufakturen: Geduld kann man lernen, wenn man muss. Oder man hat sie, wie Manfred Meiner. Der leidenschaftliche Jäger und bekennende Philosophie-Ignorant hat von seinem Vater einen Verlag für philosophische Literatur geerbt, den er mit ebenso viel Geschäftssinn wie Gelassenheit führt („Hart erarbeitete Wunder“, S. 74 / „Schuften für die Ewigkeit“, S. 58 / „Kant kann warten“, S. 68).

Foto: Jens Umbach

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie lange eine Gesetzesvorlage durch die verschiedenen Gremien geschleust werden muss, ehe sie Gesetz wird? 11 Jahre hat es beim Mindestlohngesetz gedauert, 23 bis zur Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe. Wer sich auf und mit der Politik einlässt, braucht also starke Nerven. Jan Evers war sich dessen bewusst – und hat dennoch nicht geahnt worauf er sich einließ, als er vor sechs Jahren Politikern, Bankern und Wirtschaftsförderern vorschlug, eine Plattform für Gründer aufzubauen. Inzwischen ist sie online, und Evers muss seine Ungeduld nicht mehr zügeln („Der lange Anlauf vor dem Abnicken“, S. 84 / „Amazon für Entrepreneure“, S. 96).

Foto: Michael Hudler

Dass es Wissenschaftler ohne Geduld nicht weit bringen, ist bekannt. Und doch sind die beiden Forscher, die Denis Dilba und Mischa Täubner aufgespürt haben, besondere Kaliber. Der eine, Randolf Pohl, hat zwölf lange Jahre damit zugebracht, den Radius eines Protons zu messen. Dank ihm weiß man, dass er 0,877 Femtometer beträgt, das ist nicht ganz der billiardste Teil eines Meters. Immerhin hatte sein Geduldsspiel Erfolg, Douglas Lenat ist davon noch ein gutes Stück entfernt. Seine Versuche, dem Computer gesunden Menschenverstand beizubringen, werden aber immerhin im 35. Forschungsjahr von einigen Experten als wegweisend gewürdigt („Wenn‘s mal wieder ein paar Jahre länger dauert“, S. 92 / „Blick zum Horizont“, S. 114).