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Pascual Iranzo

Er hat die Locken von Gabriel García Márquez gebändigt und Salvador Dalís Bartspitzen gezwirbelt. Sogar Juan Carlos vertraut ihm seit Jahrzehnten sein königliches Haupthaar an: Der Katalane Pascual Iranzo ist der bekannteste Friseur Spaniens. Ein Porträt.




• Der abgedankte spanische König wird gleich in dieser Geschichte erscheinen, und zwar mit nassem Haupthaar und einem Messer an den Locken. Ferner werden allerhand weitere mächtige Männer auftreten, Politiker, Wirtschaftskapitäne und der männliche Teil von Spaniens Kulturelite, sowie Gabriel García Márquez aus Kolumbien, dekoriert mit dem Literaturnobelpreis und einem respektablen Schnauzer in klassischem Querbalkenformat. Und schließlich taucht, in einer überraschenden Gastrolle als Werbegesicht, für einen Moment Salvador Dalí auf, die Bartspitzen, wie üblich, sorgfältigst gezwirbelt, nadelfein und himmelwärts strebend.

Die Hauptperson ist jedoch ein anderer. Pascual Iranzo, 87 Jahre alt, Beruf: Friseur.

In Spanien ist keiner seiner Zunft so berühmt wie er, hat er doch an den wichtigsten Köpfen des Landes Hand angelegt. Er ist Mittelpunkt einer ganz eigenen Welt aus Männerfreundschaft und Männerdüften, aus Netzwerken von Macht, Geld und Geist, Waschbecken und heißer Föhnluft und Herren mit wichtigen Mienen, die fundamentale Entscheidungen fällen, das eigene Haupthaar wie die Zukunft des Königreiches betreffend.

Eine Welt, die Iranzo selbst vor mehr als einem halben Jahrhundert erschaffen hat, als für spanische Männer der Gang zum Barbier im eigenen Viertel noch das Maximum an Schönheitspflege bedeutete, das Geschäftsmodell „Prominentenfriseur“ im Land ganz und gar unbekannt war und Spanien eine Diktatur unter General Franco. So ist dies auch eine Geschichte über die Veränderung der spanischen Gesellschaft – und natürlich über den überraschenden Aufstieg eines Sohnes aus ärmlichen Verhältnissen in die allerhöchsten Kreise.

Der 87-jährige Patron mit den zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren ist eine illustre Persönlichkeit, mag sein Handwerkszeug auch herkömmlich sein

Denn es hat eine Zeit gegeben, als Iranzo selbst ein einfacher Barbier war, ein Junge von 16 Jahren ohne Schulabschluss, der nach einem Schlaganfall des Vaters dessen Salon im Arbeiterviertel Sants im Südwesten von Barcelona übernahm – mit dem bisschen Handwerk, das er sich bis dahin abgeschaut hatte. Aber irgendjemand musste schließlich die Eltern und die beiden jüngeren Geschwister durchbringen.

Inzwischen jedoch sind mehr als 70 Jahre vergangen, Iranzo ist berühmt und Herrscher über ein kleines Imperium mit zur Zeit vier Salons in den besten Lagen der Stadt, wo lauter Herren in teuren Anzügen und gut polierten Lederschuhen in einer langen Reihe von Einzelkabinen auf weißen Friseurstühlen thronen, und inzwischen gibt es auch eine kleine Damenabteilung für die Gattinnen. Und auch wenn sich schon seit einer Weile andere um die Köpfe und Bärte der Kundschaft kümmern, dreht sich nach wie vor alles um den Patron.

Der verbringt seine alten Tage noch immer in seinem Salon in einem Jugendstilgebäude an Barcelonas exklusiver Flaniermeile Passeig de Gracia und sorgt dafür, dass alle das Gefühl haben, nicht in einem schnöden Friseurgeschäft zu sitzen, sondern viel mehr für kurze Zeit Teil von Pascual Iranzos kultiviertem Kosmos zu sein. So erinnern die Räumlichkeiten weniger an einen Herrensalon als an ein feudales Wohnzimmer, das vor allem unterstreicht, welch besondere Persönlichkeit hier das Sagen hat: mit dem offenen Kamin aus rotem Marmor, den Ledersofas und den Gemälden und Skulpturen, dem Ganzkörperporträt im Pop-Art-Stil, das den Meister selbst darstellt in jugendlichem Saft und der eigenes für diesen angefertigten Bronzeskulptur des Bildhauers Josep Maria Subirachs, der schon die Passions-Fassade der Sagrada Familia in Stein meißelte, ein enger Freund Iranzos selbstverständlich auch er.

Dann ist da natürlich der Patron selbst und seine perfekt austarierte Mischung aus Exzentrik und Eleganz: die schwarze Hornbrille, die wachen Augen, die zum Pferdeschwanz gebundenen weißen Haare, der feste Händedruck, das überschwängliche Lachen, die – trotz seiner Jahre – unzähmbare Energie. Und vor allem: die Gabe, anderen das Gefühl von Freundschaft und persönlichem Interesse zu vermitteln, gerade auch Leuten, die womöglich mehr Verantwortung als echte Freunde haben. „Ein Friseur“, sagt Iranzo, „braucht psychologischen Instinkt. Und eine Beobachtungsgabe scharf wie ein Rasiermesser.“

Und schließlich ist da Iranzos Geschichte, die seiner mit Macht und Geld ausgestattenen Kundschaft geradezu exotisch anmuten muss: eine Herkunft, die ihnen fremder nicht sein könnte und vielleicht gerade deshalb so anziehend und interessant sein mag. Der Vater, der nicht nur ein kleiner Barbier war, sondern auch Mitglied einer anarchosyndikalistischen Arbeitergewerkschaft, die von einem wilden Sozialismus träumte, vom Ende des Staates und sämtlicher Machteliten – auch Pascual Iranzo selbst ist trotz seiner Nähe zur Macht bis heute ein Linker, wenn auch kein Anarchist. Das gefährliche Leben, das der Vater im Untergrund führen musste, jederzeit hätte er von Francos Geheimpolizei verhaftet werden können. Die Entscheidung, Pascual, den Sohn, nicht in die Schule zu schicken, weil ihm dort die faschistische Ideologie eingebläut worden wäre. Stattdessen las der Vater dem Sohn Bücher von mittelalterlichen Humanisten, Kirchenkritikern und ketzerischen frühen Medizinern vor, einer von ihnen hatte bei einer verbotenen Leichenöffnung den Blutkreislauf durch die Lunge entdeckt.

„Mich fasziniert die Anatomie des menschlichen Körpers schon seit meiner Kindheit“, sagt Iranzo, „wenn ich es mir hätte aussuchen können, wäre ich Arzt geworden.“ Unmöglich für einen Anarchistensohn im faschistischen Spanien. Als kleine Reminiszenz an die Träume seiner Jugend hängt heute eine anatomische Lehrtafel mit Querschnitten verschiedener Haarformen im Salon, und gern spricht Pascual Iranzo von den notwendigen Kenntnissen der Morphologie des Kopfes sowie von Haar und Haut.

Mit geliehenem Geld nach Paris

Trotz aller Widrigkeiten beginnt damals in den Vierzigerjahren plötzlich eine Art Märchen. Da ist diese Zeitschrift von L’Oréal Paris, die eines Tages jemand in den väterlichen Barbier-Salon mitbringt. Artistische Hochsteckfrisuren! Voluminöse Kurzhaarschnitte für Damen! So etwas hat der junge Pascual Iranzo noch nie gesehen. Wir schreiben das Jahr 1947 – und in diesem Moment packen den 17-Jährigen der Ehrgeiz und die Sehnsucht, in Paris, wo es nun offenbar begnadete Haarkünstler gibt, die neuesten handwerklichen Techniken zu lernen.

Mit zusammengeliehenem Geld und dem Segen des siechen Vaters macht er sich auf den Weg, um in der französischen Hauptstadt in dem eleganten Salon „Coiffeur Club“ vorzusprechen, den der spanische Emigrant Alfonso Pachaeco führt. Der Landsmann stellt ihn ein, und schon bald beherrscht Iranzo die französische Sprache und das französische Haar, föhnt und frisiert die feine Pariser Gesellschaft und übt nachts an Modellen neue Schnitttechniken. Schließlich nimmt Iranzo am renommierten Coiffeur-Wettbewerb „Festival International Paris“ teil, schafft es bei 1500 Mitstreitern prompt auf den dritten Platz. Er ist der erste Spanier überhaupt, der mit der „Rose d’Or“, so nennt sich der Preis, ausgezeichnet wird. Zeit für den nächsten großen Schritt.

Der führt Iranzo, der längst kein Junge aus dem Barbier-Salon des Vaters mehr ist, sondern ein eleganter junger Herr, 1960 zurück in die Heimat. In ein muffiges, noch immer faschistisches Land, in dem die Männer die Haare am liebsten militärisch tragen: die Seiten und der Nacken extrem kurz, der Schopf akkurat gekämmt, der Oberlippenbart in Form gestutzt, ganz nach dem Vorbild des Generals Franco. Dennoch will Iranzo hier etwas ganz Neues wagen: In der Carrer de Tuset No. 1 in Barcelona eröffnet er den ersten Herrensalon Spaniens, der nichts mehr mit einem klassischen Barbier gemein hat.

Iranzo hat nicht nur den Mut, für Männer Maniküren und Gesichtsbehandlungen anzubieten, er beherrscht auch die Messerschnitttechnik, die Volumen, Struktur und Leichtigkeit ins Haar bringt. Das Haar wird auf bestimmte Art und Weise gehalten und mit dem Rasiermesser in feinsten Bewegungen geschnitten. Am Ende sieht die Frisur weich und organisch aus, und der Mann wirkt nicht mehr, als käme er gerade vom Kasernenhof.

Als Iranzo Männern dann auch noch vorschlägt, die Brust- und Achselhaare zu rasieren, ist das für die einheimische Presse genug: „Lieber Herr Iranzo,“ schreibt der Redakteur einer monarchistischen Zeitung, „Sie sind eine Tunte, genau wie Ihre Anhänger. Nur Tunten und Frauen rasieren sich am ganzen Körper, echte Männer rasieren sich ausschließlich den Bart und das nur aus hygienischen Gründen. Wer sind Sie? Sind Sie eine Tunte oder eine Frau? Bestimmt Letzteres. Ein Gruß voller Abscheu und Verachtung …“.

Zu spät. Iranzo hat mit seinem Konzept Erfolg. Auch weil der Zeitgeist der Swinging Sixties, des Jahrzehnts des Umbruchs und der modischen Experimente, nun auch Spanien erreicht. Ausgerechnet in der Carrer de Tuset, wo Iranzo seinen Salon eröffnet hat, siedeln sich jetzt Bars, Nachtclubs und Boutiquen an, und nirgendwo gäbe es eine bessere Klientel für des Meisters kühne Schnitte. Irgendwann taucht sogar Salvador Dalí in der Straße auf, samt lebendigem Ozelot und einer aus Brasilien eingeflogenen Schildkröte, deren Panzer ihm als Unterlage für Autogramme und Skizzen dient.

Unterdessen hat Iranzo auch einen gewissen missionarischen Eifer entwickelt. Er veranstaltet Fortbildungen für andere Kollegen, tritt im Fernsehen als Experte für Stil und Eleganz auf, und er publiziert von 1961 an eine ganze Reihe von Büchern. „Neue Vision des männlichen Frisiersalons“, „Die Erotik und die politischen Führer“, „Psychoästhetik der persönlichen Eleganz“ – insgesamt bringt er elf Publikationen heraus.

Und hier kommt nun Salvador Dalí ins Spiel: Gemeinsam mit Iranzo präsentiert er 1973 im Hotel Ritz dessen zweites Buch „Ein Selbst, das sich kämmt“, das Frisuren und Bärte in einen kostümgeschichtlichen Zusammenhang stellt. Salvador Dalí als Werbegesicht verpflichten – das schafft auch nicht jeder!

Aber da ist Iranzos Karriere als Person des öffentlichen Lebens längst ein Selbstläufer. Er ist dafür berühmt, berühmt zu sein und Freundschaften mit berühmten Leuten zu pflegen, was wiederum weitere Berühmtheiten anzieht. Wie etwa Gabriel García Márquez. Der arbeitet in Barcelona einige Jahre als Journalist, erscheint im Salon wie ein Mechaniker im Blaumann, und sein „lockiges Haar war eine wirkliche Herausforderung“, wie Iranzo sagt. Natürlich steht auf dem Bücherregal ein gerahmtes Foto: „Für Iranzo, von seinem Freund Gabo.“

Dabei ist Iranzo tatsächlich ganz anders als die sogenannten Prominentenfriseure späterer Jahre. Er umgibt sich nicht mit Millionärsgattinnen und B-Prominenten aus dem Fernsehen. Vielmehr ist er selbst ein eleganter Schöngeist unter eleganten Schöngeistern, Besitzer einer Bibliothek mit 3000 teils antiken Bänden – wie etwa „Le Barbier des Louis XI“ aus den Jahren 1439 bis 1483.

Und irgendwann zählen auch die Geld- und die Machtelite zur Kundschaft des Linken Iranzo, unter ihnen auch Gestalten, mit denen er politisch nichts gemein hat. Egal, Geschäft ist Geschäft, und in seinem Salon, sagt Iranzo, verkaufe er schließlich seine professionellen Fähigkeiten und nicht seine Gesinnung.

Iranzo stutzt Haare – und Banker zurecht

Da ist etwa Xavier Trias, damals eher konservativer Bürgermeister von Barcelona. Oder Emilio Botín, Präsident der Bank Santander, eines der größten Geldhäuser der Welt, inzwischen verstorben, aber damals gefürchtet wie kein Zweiter, weil er die von der Finanzkrise von 2008 geschwächte Konkurrenz aufkaufen konnte. Als Botín eines Tages in Iranzos Salon auftaucht, trägt er eine Brille, die dem Patron gar nicht gefällt. Sofort verpasst er ihm eine neue und gibt ihm fortan Ratschläge aller Art: „Sitz nicht so breitbeinig und machohaft auf deinem Schreibtisch, wenn du fotografiert wirst! Das gefällt den Leuten nicht.“ Oder Jordi Pujol, der die autonome Region Katalonien 23 Jahre regiert. Bis ihm wegen Steuerhinterziehung, Geldwäsche und Korruption der Prozess gemacht wird – angeblich hat er einen handgeschriebenen Brief an Iranzo, seinen Friseur, verfasst, in dem er sich für sein Verbrechen entschuldigt.

Und schließlich ist da König Juan Carlos I. Den Kontakt zu ihm vermittelt ein katalanischer Geschäftsmann, der sowohl enger Vertrauter des Königs als auch Stammkunde im Salon ist. Eines Tages klingelt bei Iranzo das Telefon. Ob er kurz im Hafen von Barcelona auf der königlichen Jacht vorbeischauen könne. Seine Majestät brauche dringend einen Haarschnitt. Juan Carlos, sagt Iranzo, habe schon immer penibel auf sein Haar geachtet. Gerüchten zufolge hätten sogar Geldscheine neu gedruckt werden müssen, weil auf den Abbildungen die Frisur nicht richtig gesessen habe.

Seit 35 Jahren ist Juan Carlos nun schon Iranzos treuer Kunde. Regelmäßig fliegt der Friseur nach Madrid, ein Chauffeur bringt ihn zum Palast, und dann wird er in den Privatgemächern empfangen. Man stelle sich vor: Juan Carlos in einem Fitnessraum mit Hantelbank und Heimtrainer, seine Majestät in einer Ecke mit Waschbecken und Spiegel – und der Friseur, Sohn eines Anarchosyndikalisten, der mit gezücktem Rasiermesser hinter ihm steht. Nur dass das dann eben doch nicht das Ende der Monarchie in Spanien ist, sondern eine Maßnahme zu deren Fortbestehen, weil der Patron überzeugt ist, dass der Potentat hinterher viel besser aussieht als vorher. Schließlich kenne nur er das Geheimnis, wie es anzustellen ist, dass das königliche Haar an einer gewissen Stelle hinter dem Ohr nicht vom Kopf absteht. Und wer weiß: Vielleicht ist das anliegende Haar des Königs ja irgendwie gut für Spanien.

Iranzo käme jedenfalls nie auch nur eine Sekunde auf die Idee, seine Rolle zu unterschätzen. „Der Friseur,“ sagt er, „soll ein allumfassender Spezialist für alle Aspekte der äußeren Erscheinung sein, ein Stilberater von der Frisur bis zur Kleidung, von der Körperhaltung und Gestik bis zum Ton der Stimme.“ Nur so könne er die Persönlichkeit seines Klienten zur Geltung bringen. Sei es die eines Königs, eines Nobelpreisträgers oder wessen auch immer.

Pascual Iranzo hat es geschafft, einen vermeintlich profanen Beruf mit beträchtlicher Bedeutung aufzuladen. Und die höchsten Kreise Spaniens davon überzeugt, dass er überlebenswichtig für sie ist. Wenn das kein Alleinstellungsmerkmal ist. ---