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Pedius

Eine App aus Italien soll Gehörlosen zu mehr Unabhängigkeit verhelfen.




• Gabriele Serpi hat einen Unfall. Es ist tiefe Nacht, irgendwo in Süditalien. Serpi ist kaum verletzt, aber sein Auto fährt nicht mehr. Der Unfallgegner begeht Fahrerflucht. Mehrere Stunden ist Serpi im Auto eingesperrt. Die Polizei ruft er nicht an. Denn er würde nicht hören, was sein Gesprächspartner sagt – Serpi ist taub. Auch seine Mobil-Nachrichten erreichen um diese Uhrzeit niemanden. Das passiert im Jahr 2012.

Lorenzo Di Ciaccio sah den Fall im Fernsehen. „Ich bin fast vom Stuhl gefallen, dass so etwas möglich ist“, sagt er. Eine Woche später kündigte er seinen Job bei einer IT-Beratung und suchte sich zwei Mitstreiter: Stefano La Cesa und den Programmierer Alessandro Gaeta. 2013 gründeten sie die Firma Pedius und entwickelten eine App, mit der Gehörlose ohne fremde Hilfe telefonieren können.

Bei einem Anruf über Pedius kann der Nutzer entweder ins Telefon sprechen oder seinen Text tippen und von einer Computerstimme vorlesen lassen. Die Antworten des Gesprächspartners werden von einer Spracherkennungssoftware transkribiert und erscheinen sofort auf dem Bildschirm. Bislang konnten Gehörlose nur telefonieren, indem sie per Video einen Gebärdendolmetscher zuschalteten. Das war umständlich, teuer – und wenig privat.

Trotzdem hatte die App anfangs wenig Zulauf. „Viele Gehörlose in Rom waren misstrauisch gegenüber Geschäftsideen aus der Welt der Hörenden“, sagt Di Ciaccio. Über einen Kollegen lernte er Gabriele Serpi persönlich kennen. Erst durch dessen Beratung gelang es, das Vertrauen der ersten Kunden zu gewinnen.

Jeder Nutzer erhält 20 Freiminuten im Monat, für fünf Euro gibt es 100 Minuten, und eine Flatrate kostet 30 Euro pro Jahr. Pedius erzielt lediglich ein Prozent seiner 150 000 Euro Jahresumsatz durch die Nutzungsgebühren. Nicht die Gehörlosen sollen wegen ihrer Behinderung zahlen müssen, sondern Behörden und Unternehmen dafür, dass sie von allen Menschen zu erreichen sind.

Über Pedius lässt sich jede beliebige Nummer anrufen. Gegen Gebühr können sich Firmen zusätzlich ins Telefonbuch der App eintragen lassen und gratis angerufen werden. Für die Übermittlung der Gespräche nutzt Pedius einen Anbieter für IP-Telefonie. „Die Techniken, die wir brauchten, gab es alle schon. Wir mussten sie nur zusammenbringen“, sagt Di Ciaccio.

Das Wichtigste ist, dass die Spracherkennung zuverlässig funktioniert. Darum verwendet Pedius nicht nur eine Software, sondern kombiniert die Ergebnisse von Google, Nuance und – je nach Sprache – weiteren Anbietern. Zuletzt optimiert der hausgemachte Algorithmus das Ergebnis, indem er den Kontext des Gesprächs berücksichtigt: Wenn der Nutzer über das Telefonbuch einen Arzt angerufen hat, bevorzugt er Wörter, die mit Krankheit und Gesundheit zu tun haben.


Nicht Gehörlose sollen wegen ihrer Behinderung zahlen müssen, sondern Unternehmen, damit sie für alle erreichbar sind.

Dieser Aufwand ist nötig, erklärt Stefano La Cesa; denn die Tonqualität am Telefon ist schlechter, als wenn man direkt in ein Mikrofon spricht: „Unter optimalen Bedingungen haben wir eine Trefferquote von 95 Prozent. Wenn jemand an einer Straße steht oder das Meer im Hintergrund rauscht, sind es eher 80 Prozent.“

Auch wenn die App mal ein Wort missversteht, die Nutzer scheinen angetan zu sein: Pedius wächst schnell. 2018 will Di Ciaccio den Umsatz auf 1,4 Millionen Euro verzehnfachen. Etwa 20 000 Menschen aus elf Ländern nutzen die App, knapp die Hälfte davon in Italien. Die Software kann außerdem Portugiesisch, Spanisch, Französisch und Englisch transkribieren. Der Markt ist groß: In Italien leben 42 000, in Deutschland etwa 100 000 und EU-weit rund 800 000 gehörlose Menschen.

Die Art der Nachfrage unterscheidet sich erheblich. In Italien überwiegt der ursprüngliche Zweck: Anrufe bei Behörden, Notrufe, Bestellungen. In den USA hingegen, wo es einen guten, kostenlosen Dolmetscher-Dienst gibt, wählen die Nutzer Pedius eher für vertrauliche Gespräche, die kein Übersetzer mithören soll.

Auf Di Ciaccios Handy ist die deutsche Version der App bereits installiert, die ab Frühjahr verfügbar sein soll. Ein kurzer Test in Behördendeutsch: Im Nu erscheint das Wort „Einkommensteuerbescheid“ auf dem Bildschirm. Nach Deutschland wollen die Gründer auch auf den chinesischen Markt. Für Pedius ist er besonders wichtig, denn dort leben mehr als 20 der weltweit 70 Millionen Gehörlosen. Zudem bietet das Land beste Voraussetzungen für die automatische Spracherkennung: viele Menschen – also viele Beispieldaten – und kaum Datenschutz.

Bei seltenen Sprachen stößt Pedius an seine Grenzen. In Finnland gaben die Gründer nach kurzer Zeit auf. Sie fanden niemanden, der für die 5000 gehörlosen Finnen Geld ausgeben wollte. Und die Spracherkennung versagte: Weil nur sehr wenige Menschen die Sprache sprechen, ist die Datenbasis zu klein, um die Algorithmen richtig zu trainieren. Mit Finnisch – das mussten sie bald feststellen – tun sich Computer noch ebenso schwer wie Menschen. ---