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Armen Avanessian im Interview

Meditation und Achtsamkeit, Slow Food und Digital Detox – heute wird gern Entschleunigung gefordert. Der Philosoph Armen Avanessian hält nichts davon.




• In einem der letzten unrenovierten Häuser an der viel befahrenen Torstraße in Berlin-Mitte wohnt der österreichische Philosoph Armen Avanessian in einer spärlich eingerichteten Altbauwohnung. Avanessian ist der prominenteste deutsche Vertreter einer neuen Denkschule namens Akzelerationismus, die der Deutschlandfunk als „Mischung aus Techno, Terminator und Marx“ bezeichnet. Am Vorabend des Interviews bestritt er im Roten Salon der Berliner Volksbühne einen ausverkauften Abend seiner Veranstaltungsreihe „Armen Avanessian and Enemies“. Es wurde spät. Avanessian ist trotzdem nicht müde und spricht mit der einem Akzelerationisten angemessenen Hochgeschwindigkeit.

brand eins: Herr Avanessian, wie erklären Sie Ihrer Großmutter, was Akzelerationismus ist?

Armen Avanessian: Oft ist es ja einfacher zu sagen, was etwas nicht ist. Es geht beim Akzelerationismus nicht darum, dass alles immer schneller werden muss. Vielmehr hinterfragt er die allgemeine Tendenz, sich über die Geschwindigkeit des modernen Lebens zu beschweren. Stattdessen geht es darum, zu beleuchten, was die progressiven Tendenzen in der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung sind. Was kann man da aufnehmen, weiter stärken und in diesem Sinne beschleunigen? Leider herrscht in der politischen Linken – polemisch zugespitzt – so etwas wie ein technischer Analphabetismus. Da heißt es dann oft, Technik sei etwas, das uns entfremdet. Das ist ein sehr, sehr bürgerlicher Gedanke. Unter anderem deswegen sucht der Akzelerationismus nach Alternativen.

Ist diese Fortschrittsskepsis nur ein linkes Phänomen?

Sie ist heute natürlich weitverbreitet. Wir haben uns insgesamt daran gewöhnt, eine bestimmte Formel als naturgegeben zu betrachten: Moderne = Kapitalismus = Fortschritt = ständige Beschleunigung. Diese Formel funktioniert inzwischen wie eine Ideologie. Wir hinterfragen sie gar nicht mehr. Und egal ob auf konservativer oder auf linker Seite – jeder, der Probleme mit dem Status quo hat, setzt automatisch auf Entschleunigung, wehrt sich damit aber auch gegen den Fortschritt. Mein Anliegen ist es eher, diese Gleichung zu hinterfragen. Kann man auch eine Moderne denken, die nicht kapitalistisch ist? Ist der Kapitalismus überhaupt fortschrittlich?

Die Beschleunigung ist Ihrer Ansicht nach also gar nicht das Übel, für das sie so oft gehalten wird.

Das größere Übel ist möglicherweise, dass wir keinen positiven Zukunftsbegriff mehr haben. Dass wir gar keinen Fortschritt mehr wollen. Wenn man heute Passanten fragt, wie sie die Zukunft sehen, sagen doch die meisten: Also ich hoffe, es wird nicht viel schlimmer. Dagegen gilt es anzudenken und zu handeln. Der Akzelerationismus ist deshalb zunächst auch eine etwas optimistischere politische Theorie und Strategie.

Woher kommt dieser Zukunfts-Pessimismus, der auch die meisten Parteien ergriffen zu haben scheint?

Was ich in der Politik der großen Volksparteien sehe, ist ein stumpfes Festhalten an Idealen und Versprechen der Sechziger- bis Achtzigerjahre. Dabei ist es sowohl historisch wie auch geopolitisch blind, zu glauben, dass diese drei bis vier Jahrzehnte der ökonomischen und politischen Stabilität, die wir in Europa und Nordamerika nach dem Zweiten Weltkrieg hatten, sich einfach so fortsetzen werden. Diese Phase des Wachstums hatte bestimmte Ursachen. Von der vorangegangenen Zerstörung, die den Wiederaufbau ermöglichte, über den Marshallplan bis zu einem Übermaß an Ressourcen aus den früheren Kolonien – all das lässt sich nicht auf die Zukunft projizieren, auch weil sich die geopolitischen Konstellationen ändern. Was soll heute noch der Ruf nach Vollbeschäftigung? Warum sollen wir länger arbeiten? Was soll das in Zeiten der Roboterisierung, der Digitalisierung, der Automatisierung? Es werden weiterhin Versprechungen aus der Vergangenheit gemacht, und gleichzeitig gibt es kaum Positionen mit einem positiven Zukunftsbegriff. Oder gar konkrete Schritte, wie man dorthin kommt.

Wie könnten die aussehen? Oder sind Sie als Philosoph nur für die Theorie zuständig?

Da will ich mich nicht verstecken. Eine Diskussion, die unter Akzelerationisten beispielsweise geführt wird, dreht sich um den Plattformkapitalismus. Um die Frage, ob es sich bei den dominanten Technikfirmen, die auf eine feudale Art und Weise die Infrastrukturen unseres Lebens bestimmen, nicht um öffentliche Güter handelt. Sind die sozialen Netzwerke nicht genauso ein Gemeingut? Eine andere Fragestellung: Wie können wir die vorhandene Technik stärker zum Klimaschutz nutzen? Einer der Grundansätze des Akzelerationismus ist ein ganz naives Wundern darüber, warum wir noch in einer so rückwärtsgewandten und zunehmend reaktionären Gesellschaft leben.

Tun wir das?

Natürlich! Wir haben technische und wissenschaftliche Möglichkeiten, die uns ein ganz anderes Leben ermöglichten. Die Vorteile von Algorithmen, Plattformstrukturen und immer bessere Maschinen erlaubten uns, weniger zu arbeiten und ein bedingungsloses Grundeinkommen zu verankern – noch ein konkreter Schritt übrigens. Stattdessen erlauben wir immer mehr Kontrolle und Ausbeutung des Einzelnen durch Firmen wie Facebook oder Uber, von denen letztlich nur ein paar Silicon-Valley-Leute oder Shareholder profitieren, aber nicht die Gesellschaft als Ganzes, nicht diejenigen, die diese Plattformen nutzen. Der Autor Trebor Scholz hat etwas vorgeschlagen, das er Plattform-Kooperativen nennt: also eine Beteiligung der Menschen an den Plattformen, für die sie arbeiten. Solche Ideen liegen weit jenseits des alten parteipolitischen Strukturdenkens.

Wer verhindert, dass wir die technischen Errungenschaften positiv nutzen? Der böse Kapitalismus?

Zunächst mal glaube ich nicht, dass der Kapitalismus böse ist. Aber es können einem durchaus Zweifel kommen, ob wir überhaupt noch im guten alten Kapitalismus leben. Also in einem System, in dem durch die Produktion von Gütern ein Mehrwert hergestellt wird. Vielleicht leben wir stattdessen schon in einem derivativen ökonomischen System, in dem die Verteilung von Gütern, die Produktion von Bedeutung oder immaterielle Arbeit immer wichtiger werden, monopolistische und neofeudalistische Tendenzen inklusive. Und es ist gut möglich, dass wir in 20 Jahren dafür einen besseren Namen haben als Kapitalismus.

Wer ist dann schuld an der von Ihnen beklagten repressiven Welt?

Ich glaube nicht, dass es ein paar böse Menschen sind. Wir haben es mit einer neuen Technik zu tun, die Monopolbildung sehr stark fördert. Gleichzeitig liegt es in der Natur des Menschen, die gesellschaftlichen Umwälzungen, die eine solche Entwicklung mit sich bringt, falsch einzuschätzen. Beim Buchdruck haben die Menschen hundert Jahre lang gedacht, er sei dazu gut, die Bibel besser zu verbreiten. Stattdessen hat er für eine komplette kulturelle, religiöse, aber auch politische Umwälzung gesorgt. Für jahrzehntelange Kriege, an deren Ende dann neue politische Konstrukte, etwa Nationalstaaten standen. Seit drei oder vier Jahrzehnten sehen wir nun, dass dieses fixierte nationalstaatliche Modell in einer Krise steckt. Dass die drei Grundpfeiler dessen, was wir als unsere politische Ökonomie verstanden haben – ein stabiler Staat, eine klar abgegrenzte Bevölkerung, ein sich selbst regulierendes ökonomisches System – vor unseren Augen zerfallen. Mit der Digitalisierung erleben wir einen technischen Wandel, der unsere Kultur, Ökonomie und Politik auf eine Weise verändern wird, wie wir es noch nicht absehen können.

Legt ungern die Füße hoch: Armen Avanessian

Die Zeitspanne, in der sich neue Entwicklungen durchsetzen, wird immer kürzer. Ist es daher nicht verständlich, wenn Menschen über Beschleunigung klagen?

Man muss differenzieren zwischen einer lebensweltlichen Beschleunigung auf der einen Seite: also dauerndes E-Mail-Checken, Hetze zum Flughafen, Newsticker statt Tageszeitung. Natürlich beschleunigt sich das Leben, und natürlich fühle ich mich auch manchmal gehetzt. Aber das muss man unterscheiden von einer technischen Beschleunigung auf der anderen Seite. Und leider hinkt die Politik da ebenso hinterher wie die Institutionen, die uns eigentlich auf das Leben vorbereiten sollten.

Vielleicht geht es auch den Politikern einfach zu schnell?

Ich bin gegen dieses ständige Wiederholen des Beschleunigungsparadigmas, denn das, was wir erleben, ist keine Beschleunigung mehr. Phänomene wie Just-in-time-Produktion oder Just-in-time-Delivery scheinen mir noch im 20. Jahrhundert verankert zu sein. Womit wir es im 21. Jahrhundert verstärkt zu tun haben werden, ist eher eine Verkehrung der Zeit. Eine Drehung oder, um es bildlich auszudrücken, quasi eine Richtungsänderung der Zeit. Wir haben es mit einer Fülle von Präemptionsphänomenen zu tun, zum Beispiel in der Kriegsführung.

Also der Präventivschlag, noch bevor der Gegner angreift?

Genau. Wir werden auch mehr und mehr zu etwas, das Soziologen eine präemptive Persönlichkeit nennen. Das heißt, die Algorithmen wissen schon vorher, was wir wollen, was wir brauchen, was sie uns empfehlen. Amazon ist da nur ein Beispiel von vielen. Präemptive Polizeiarbeit bedeutet, dass die Polizei nicht wartet, bis ein Verbrechen passiert, sondern versucht herauszufinden, wer wann potenziell ein Verbrechen begehen könnte. In Österreich wird derzeit zum Beispiel über präventive Verhaftungen diskutiert. Der Film „Minority Report“ – beziehungsweise die Kurzgeschichte, auf der er basiert – ist dafür ein gutes Beispiel: Dank „preemptive policing“ hat sich eine verbrechensfreie, mordfreie Gesellschaft entwickelt. Ein Beispiel aus der Wirtschaft ist der Derivatehandel, bei dem auch Zukunftsannahmen die Gegenwart bestimmen. Das heißt, wir setzen die gegenwärtige Zukunft mit der zukünftigen Gegenwart gleich. Als ob es da keine Differenz gäbe.

Eine Gesellschaft ganz ohne Verbrechen klingt doch nicht schlecht?

Das Problem ist nur: Da werden ständig Leute eingesperrt, die kein Verbrechen begangen haben. Weil sie schon vorher aus dem Verkehr gezogen werden. Da haben wir ein moralphilosophisches, ein metaphysisches, aber letztlich auch ein politisches Problem. Und das ist die Krux: dass die Zeit aus der Zukunft zu uns kommt. Das bedeutet, dass wir uns als Subjekte, aber auch als Gesellschaft in der Zukunft verorten müssen und lernen, aus der Zukunft über die Gegenwart zu denken und nicht, wie es die Politik heute tut, aus der Gegenwart zurück in die Vergangenheit zu starren und zu versprechen, dass es irgendwann wieder so sein wird wie früher.

Make America great again – alles soll wieder so sein wie damals?

Ja, ich nenne das ein Anwachsen der Vergangenheitsgenossenschaft. Make America great again, make Poland great again, Alternative für Deutschland – das ist alles immer rückwärtsgewandt. Wir müssen Zeitgenossenschaft nicht mehr als Gegenwartsgenossenschaft denken, und noch viel weniger als Vergangenheitsgenossenschaft, sondern eben als Zukunftsgenossenschaft.

Aber die Zukunft ist bedrohlich, etwa wenn es um künstliche Intelligenz geht und um die „Singularität“ genannte Angst, dass kluge Maschinen bald ohne den Menschen auskommen. Ein Thema für Akzelerationisten?

Künstliche Intelligenz ist sicherlich das Feld, auf dem sowohl die wissenschaftlichen und technischen als auch die politischen Fragen entschieden werden. Die Idee der Singularität halte ich aber für eine gesellschaftlich bedenkliche und auch philosophisch unsinnige Theorie. Der Ausgangspunkt mancher KI-Forschung, aber auch vieler Ängste, die damit zu tun haben, ist problematisch, weil da immer wieder Maschinen vermenschlicht werden.

Weil Roboter Kinderaugen bekommen und traurig escheinen können?

Weil man so tut, als ob KI nach dem Muster menschlicher Intelligenz funktionierte. Das ist in etwa so, als hätte man ein Flugzeug konstruiert, das die Flugbewegungen von Amseln nachmacht. Deshalb glaube ich auch, dass diese aus Science-Fiction-Filmen wie „Terminator“ oder „Matrix“ bekannten Ängste, dass eine KI irgendwann zornig werden und die Menschen unterwerfen kann, absoluter Unsinn ist. Das ist Ausdruck eines Mangels an Fantasie und an Imaginationskraft, was denn überhaupt mit dieser künstlichen Intelligenz zu tun sein wird und wie man sie progressiv wird nutzen können.

Die Idee der Singularität arbeitet mit einem chronologischen Zeitmodell, wonach es diesen einen Moment gibt, in dem alles umschlägt. Dabei hat sich die Menschheit immer in der Auseinandersetzung mit den Techniken, die sie hergestellt hat, entfremdet und neu erfunden. Wenn sich die menschliche Spezies durch irgendetwas auszeichnet, dann dadurch, dass es keine endgültige Definition von ihr gibt. Seit 2000 Jahren lamentieren Philosophen darüber, inwiefern jede neue Technik den Menschen kaputtmacht, das Gedächtnis zerstört und so weiter. Schon Platon polemisierte gegen die Schrift und prophezeite, dass wir uns nicht mehr erinnern könnten, wenn wir Dinge aufschreiben. Ich persönlich glaube nicht an das Zurück. Ich glaube, dass man nur, wenn man diese Techniken ernst nimmt und sich so viel wie möglich mit ihnen beschäftigt – nur dann gibt es eine Möglichkeit, sie progressiv zu steuern. Das ist sozusagen Akzelerationismus in a nutshell.

Was stört Sie am meisten am Ruf nach Entschleunigung?

Kants kategorischer Imperativ sagt, stark vereinfacht, man soll nur so handeln, wie man wollen kann, dass alle anderen auch handeln. Und viele der Entschleunigungssehnsüchte taugen nicht für sieben Milliarden Menschen. Sie sind für mich Phänomene der oberen Mittelschicht. Stattdessen brauchen wir Lösungen, wie wir mit den zahlreichen Menschen umgehen, die nicht nur als Kriegs-, sondern auch verstärkt als Klimaflüchtlinge zu uns kommen werden, weil der Klimawandel das Leben in ihren Heimatländern unmöglich macht. Uns ist noch gar nicht klar, welche Fragen überhaupt zu stellen sind. Wollen wir unseren Planeten retten? Uns als Gattung? Wollen wir, dass alle sieben oder bald zehn Milliarden Menschen durchkommen? Ist das dieselbe Frage? Oder müssen wir uns für eine der drei entscheiden? Müssen wir runter auf eine Milliarde? Ich habe nichts gegen Meditation, Yoga und Slow Food. Aber das sind Luxusphänomene. Die kann man zum Vergnügen betreiben, aber als politische Option finde ich das nicht mal diskussionswürdig. ---

Armen Avanessian, geboren 1973 in Wien, ist Philosoph, Literaturwissenschaftler und politischer Theoretiker. Er lehrte an der Freien Universität Berlin, war Visiting Fellow an den Universitäten Columbia und Yale und ist Gastdozent an verschiedenen Kunstakademien sowie Chefredakteur des Kleinverlags Merve. Sein jüngstes Buch ist „Miamification“ (b1.de/Miamification).