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Amazon für Entrepreneure

Damit aus einer guten Idee Wirklichkeit wird, braucht es vor allem: einen langen Atem. Das zeigt die Geschichte einer neuen Internetplattform für angehende Unternehmer.





• Es geht abwärts mit Deutschland. Und das seit Jahren – jedenfalls bei den Existenzgründungen. Wagten 2014 laut der staatlichen KfW Bankengruppe noch 915 000 Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit, waren es 2016 nur noch 672 000. Das kann man zwar auch als Zeichen einer guten Konjunktur mit entspanntem Arbeitsmarkt deuten, doch Fachleuten bereitet die Entwicklung Sorge. Denn neue Betriebe geben der Volkswirtschaft Impulse, sorgen für Innovationen und Arbeitsplätze der Zukunft. Förderer und Finanziers werben daher unter anderem im Internet für das Thema. Doch im weltweiten Web herrscht Kleinstaaterei: Nahezu jede Bank und jede regionale Wirtschaftsfördergesellschaft informiert potenzielle Gründer über das Thema auf eigenen Seiten. Kaum jemand hat in einem solchen Dickicht den Überblick.

Auf die Idee, wie das zu ändern wäre, kam Jan Evers bereits im Jahr 2012. Damals hatte er mit seiner Hamburger Beratungsfirma Evers & Jung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWi) eine Studie zur Zukunft der Gründungsförderung erstellt, die das Nebeneinander der verschiedenen Angebote kritisierte. Bei einer Rede vor Politikern, Bankern und Wirtschaftsförderern schlug Evers eine Lösung vor: ein Amazon für Gründer. So wie das Onlinekaufhaus seinen Kunden nahezu alles biete, sollte eine zentrale Plattform angehende Unternehmer auf ihrem Weg begleiten. „Zuerst war der ganze Saal still“, erinnert sich Jan Evers. „Dann fragten einige: ‚Wie soll das gehen?‘“

Das Ziel ist erreicht, auch dank Jan Evers, der hartnäckig am Ball blieb

Es dauerte dann auch rund sechs Jahre, bis die Idee Realität wurde. Am 16. April hat der Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier das Portal Gründerplattform.de offiziell eröffnet. Es wurde gemeinsam von der KfW, dem BMWi, der Businesspilot GmbH (einer Tochter von Evers & Jung und der Softwarefirma Individee) entwickelt. Auf der Seite finden sich fünf Module – Inspiration, Idee, Geschäftsmodell, Businessplan und Finanzierung –, die sich an einer typischen Gründungsgeschichte orientieren. Eine konkrete Geschäftsidee ist zu Beginn nicht nötig, wer will, kann sich auf der Plattform zu einer inspirieren lassen.

Evers spricht von einem „bahnbrechenden Projekt für die Gründungsförderung, das es hierzulande bislang so noch nicht gab“. Und er ist froh, dass nun das Ziel bei dem Marathon erreicht ist. Denn so einleuchtend das Konzept heute erscheint, so schwierig war die Verwirklichung. Die Projektpartner mussten dazu eine kritische Masse der deutschen Förder- und Finanzierungsszene mit all ihren unterschiedlichen Interessen, mit ihren Bedenken und auch Eitelkeiten unter einen Hut bringen. Das erforderte von den Beteiligten Ausdauer, Beharrlichkeit und Langmut.

Letztlich setzte sich die Erkenntnis durch, dass es einen smarteren Weg als die bisherige Praxis gibt, Menschen beim Sprung in die Selbstständigkeit zu unterstützen. Denn, so Evers: „Es war noch nie so einfach und nahezu risikolos, einen Betrieb zu gründen. Schließlich kann man dank des Internets Ideen einfach ausprobieren, Produkte und Dienstleistungen anbieten und sich mit Partnern zusammenschließen – und das alles sogar nebenberuflich, wenn man sich erst einmal eine gewisse Sicherheit erhalten will.“

Herkömmliche Internetangebote wirkten mit ihren trockenen Informationen, Checklisten und Tests eher abschreckend, kritisiert Evers. „Den Nutzern wird dort oft vermittelt, dass sie Wirtschaftsfachleute sein müssen, um Unternehmer zu werden.“ Die neue Plattform wolle dagegen Hemmschwellen abbauen. Evers, selbst Betriebswirt, sagt: „Die BWLer sollen aufhören, das Unternehmertum allein für sich zu reklamieren.“ Über den Erfolg einer Geschäftsidee solle der Markt entscheiden, nicht ein Geschäftsplan.

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Schaue stets durch die Brille des Gründers!

Ruft ein Nutzer die Gründerplattform erstmals auf, kann er zunächst mithilfe von Schiebereglern verschiedene persönliche Eigenschaften wie sein Planungs- und Organisationstalent sowie seine fachliche Qualifikation einschätzen. Das Programm gleicht die Ergebnisse – ähnlich wie ein Partnersuchportal – mit Beispielunternehmern in der Datenbank ab und zeigt dann passende Vorbilder an. Diese Menschen erzählen in Videos über ihren Weg in die Selbstständigkeit und tauchen auch in späteren Modulen immer wieder auf.

Auf dieser Basis können Interessierte eine Unternehmensidee und das Geschäftsmodell entwickeln, die Pläne im System notieren und passwortgeschützt dort speichern. Die Plattform unterstützt die Nutzer dabei mit Hinweisen und Schlüsselfragen.

Der Clou ist das Businessplan-Modul: Das Programm fragt die wichtigsten betriebswirtschaftlichen Daten ab und erstellt daraus ein Gerüst, das der Gründer später anhand einer vorgegebenen Gliederung zu einem kompletten Plan ausarbeitet. Das Hantieren mit Excel-Tabellen ist nicht nötig.

Der Plan kann dann direkt aus dem System an Dritte zum Überprüfen versandt werden oder dient zur Berechnung einer passenden Finanzierung. Das entsprechende Bank- oder Förderinstitut in der Nähe lässt sich nach Eingabe der Postleitzahl finden und direkt kontaktieren. Auch in anderen Modulen kann der Nutzer Berater in seiner Nähe suchen, die ihn auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützen. Der Service ist für alle Interessenten gratis. Auch eventuelle Erstgespräche mit Finanziers und Beratern sind kostenlos.


„ Es war noch nie so einfach und nahezu risikolos, einen Betrieb zu gründen. “

Richtig ins Rollen kam das Projekt im Frühjahr 2016, rund dreieinhalb Jahre nach Evers Rede. „Da haben KfW, BMWi und wir gemerkt, dass wir alle etwas Ähnliches vorhaben: die guten Förderansätze aus dem ganzen Land zusammenzubringen und den Gründungsprozess zu standardisieren“, sagt er. „Also haben wir uns zusammengesetzt, unsere Pläne abgestimmt und beschlossen, etwas Gemeinsames zu entwickeln.“

Allerdings galt es zunächst, Bankenverbände, Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammern ins Boot zu holen. Diese hätten erst einmal verhalten reagiert, erinnert sich Evers: „Die meisten haben erst mal am Konzept herumkritisiert – aber dann haben doch alle mitgemacht.“ Weil die Partner schon in der Planungsphase einbezogen wurden, konnten sie zwar ihre Ideen einbringen, aber sie ließen sich damit auf etwas für sie Ungewohntes ein: die Ungewissheit, wie die Website einmal aussehen würde. Denn bislang war das Projekt nicht viel mehr als eine abstrakte Idee.

„Wir Initiatoren konnten zu Beginn noch nichts Konkretes zeigen“, sagt Sophie Meilinger, die verantwortliche Projektleiterin der KfW. „Zwar hatten wir ein Bild vor Augen, aber es war schwierig, das allen Partnern zu vermitteln.“ Zudem habe erst einmal eine gemeinsame Sprache entwickelt werden müssen. „In Kleingruppen haben wir zum Beispiel erklärt, was digitale Plattform und Wegbegleitung in Bezug auf unser Projekt überhaupt bedeuten.“

Eine Herausforderung sei für viele Partner auch die neuartige Ausrichtung der Plattform gewesen. Evers: „Bislang waren sie gewohnt gewesen, auf ihren Seiten ihr Angebot in den Vordergrund zu stellen. Die fragen den Nutzer nicht: ‚Wo stehst du?‘, sondern sagen ihm: ‚Wir bieten‘.“ Auf der Gründerplattform tauchen die entsprechenden Institutionen dagegen nur auf, wenn ihr Service zum Nutzer und seinem Projekt passt.

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Die Initiatoren hätten den Partnern einiges abverlangt, sagt Jan Evers: „Die mussten auch so manche Kröte schlucken.“ KfW und BMWi hätten oft die Rolle des Vermittlers übernommen. „Das hätten wir als Businesspilot GmbH allein nie gestemmt.“

Neben dem knapp 20 Mitarbeiter großen Kernteam der Initiatoren waren fast 40 Vertreter von Kammern, Verbänden, Banken und Ministerien in den Entwicklungsprozess eingebunden. Allein im vergangenen Jahr traf man sich zu mehr als 20 Workshops. „Natürlich gibt es bei so vielen Akteuren immer auch unterschiedliche Interessenschwerpunkte“, sagt Matthias Wittstock, Leiter des Referats Unternehmensgründung, Finanzierung- und Förderberatung im BMWi. Da alle Beteiligten jedoch das eine Ziel hätten, Existenzgründungen zu unterstützen, „haben wir in schwierigen Situationen immer versucht, uns daran zu orientieren, was den Nutzern der Plattform am besten hilft“.

Stets durch die Gründerbrille sehen – das hatten die Initiatoren sich vorgenommen. Um diesen Anspruch einzulösen, wurden potenzielle Selbstständige vom vergangenen Sommer an alle zwei Monate zum Konzept befragt. „Das war oft gar nicht leicht, wenn wir eine neue Idee entwickelt hatten und abwarten mussten, wie die Zielgruppe diese aufnehmen würde“, sagt KfW-Frau Sophie Meilinger. Die Methode, bereits ein minimal funktionsfähiges Produkt zu zeigen, bescherte den Entwicklern zudem manche Extraschicht. Jan Evers: „Da hat man sich mit den Verbänden nach langen Diskussionen auf ein Detail geeinigt, und die Tester lehnen es ab – das wirft einen schon zurück und kann sehr anstrengen.“ Allerdings minimiert es das Risiko, an den Nutzern vorbeizuentwickeln und am Ende mit einem Produkt dazustehen, das nicht angenommen wird.

Die KfW musste sich auf neue Arbeitsweisen einlassen. „Etwas Unfertiges testen zu lassen ist nicht gerade üblich in unserem Haus“, sagt Meilinger. Vor allem die Revisionsabteilung habe sich umstellen müssen. „Wir haben statt des gesamten Projektes von Modul zu Modul geplant und danach stets eine Prüfung durchgeführt.“

Was lange währt: So sieht die Website aus – mit „ echten Menschen, die ihr Ding machen “

„ Geh raus und hol dir Feedback “

Und was halten Gründer von der neuen Plattform? Jürgen Meyer, der das Projekt als Tester bereits vor dem offiziellen Start kennengelernt hat, findet es gut, dass Interessierte an die Hand genommen werden und praktische Hilfe bekommen. Ihn sprächen vor allem die Videos an, in denen Unternehmer über ihre Erfahrungen berichten, sagt der Hamburger, der in Zukunft für mittelständische Kunden neuartige Arbeitskonzepte und Büroumgebungen entwickeln möchte.

„Gründerseminare, zum Beispiel in Unis, werden oft von Menschen gehalten, die sich zwar mit der Theorie gut auskennen, aber noch nie mit vollem Risiko unternehmerisch tätig waren“, sagt Meyer. Er wünscht sich noch weitere Themen auf der Plattform. „Ich würde hier zum Beispiel gern lernen, wie man sich als Unternehmer besser verkauft und für Pitch-Wettbewerbe vorbereitet. Hilfreich wären sicher auch Berichte Selbstständiger über ihren Umgang mit Fehlern und Scheitern.“

Tatsächlich planen die Betreiber bereits weitere Module, mögliche Themen wären zum Beispiel Gewerbeanmeldung oder Unternehmensnachfolge. „Nach dem Startschuss werden wir im ersten Jahr die Rückmeldungen verfolgen und das Angebot gezielt erweitern“, sagt Sophie Meilinger. Die KfW, die mit anderen Beteiligten die notwendigen Ressourcen für die Plattform zur Verfügung gestellt hat, werde sich dauerhaft in dem Projekt engagieren. Zum Start waren laut Meilinger bereits mehr als 100 Partner dabei. „Andere wollen sich das erst einmal angucken, wie es läuft. Die können später jederzeit dazustoßen.“

So anstrengend die Arbeit an der Plattform und so ungewohnt die Entwicklungsmethoden mitunter auch für die Beteiligten gewesen sein mögen – sie nehmen mehr davon mit als nur das fertige Produkt. „Wir haben viel gelernt für unsere eigene Arbeitsorganisation“, sagt Meilinger, die bei der KfW auch das Team Digitale Geschäftsentwicklung führt.

Und Matthias Wittstock, der Zuständige aus dem Bundeswirtschaftsministerium, sieht bei der eigenen Arbeit sogar Parallelen zur Zielgruppe: „Im Grunde haben wir das gemacht, was wir angehenden Gründern immer empfehlen“, sagt er. „Sprich drüber, geh raus und hol dir Feedback.“ ---

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