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Grundeinkommen

Die erstaunliche Karriere des Grundeinkommens.





• Jetzt also auch Joe Kaeser. Der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG bezeichnete jüngst „eine Art Grundeinkommen“ als „völlig unvermeidlich“. Genauso wie zuvor schon Telekom-Chef Timotheus Höttges, der SAP-Vorstand Bernd Leukert und di­verse Gründer aus dem Silicon Valley – die Initiative „Wirtschaft für Grundeinkommen“ listet auf ihrer Website inzwischen knapp hundert Namen aus aller Welt auf. Damit scheint eine Idee, die bislang eher Sozialromantikern zugeordnet wurde, gesellschaftsfähig geworden zu sein. Wie konnte das passieren?

Die Antwort lieferten Wolf Lotter und Matthias Spielkamp schon im Mai 2000 (brand eins 04/2000, „Teilen oder untergehen“): „Die Automation beginnt erst.“ Die Entwicklung, die in den Siebzigern mit dem flächendeckenden Einsatz von Computern einsetzte, werde sich beschleunigt fortsetzen und zu zweierlei führen: zu einer immer höheren Produktivität – die mit immer weniger Arbeitskräften erreicht wird. Das aber sollte keine Ab­sage an die Zukunft sein, sondern eine Aufforderung, sich der Herausforderung zu stellen: „Es ist eine Illusion zu glauben“, so zitierten die Autoren den Sozial- und Gesundheitsökonomen Christoph Köck, „man könne den Sozialstaat der Industriegesellschaft durch Reformen retten.“ Nur ein neuer Sozialpakt könne die zu erwartenden Unwuchten ausgleichen, konkret: ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Die Idee war auch damals nicht neu. Sie taucht in Thomas Morus’ „Utopia“ (1516) ebenso auf wie in Tommaso Campanellas „Sonnenstaat“ (1602) und gehört zu den wenigen Themen, bei dem sich der Kapitalismus-Ahnherr Adam Smith und der Kapitalismus-Kritiker Karl Marx einig waren. Doch so richtig Karriere hatte sie allen prominenten Befürwortern zum Trotz nicht gemacht: Zwar gründete sich 1986 das Basic Income European Network, seit 2004 gibt es auch ein deutsches Netzwerk Grundeinkommen – die große Welle aber blieb aus. Was auch an der etwas unübersichtlichen Motivation der Anhänger lag: Ob sie einfach nur Geld vom Staat haben oder ein neues Denken über Erwerbsarbeit etablieren wollten, blieb für ein breiteres Publikum offen. Die meisten taten die obskur erscheinende Idee als unfinanzierbare Freibier-Variante ab.

Das änderte sich hierzulande, als mit Götz W. Werner*, dem Gründer der Drogeriekette dm, ein Mann für das bedingungslose Grundeinkommen eintrat, dem ökonomischer Sachverstand kaum abzusprechen war. Die Begründung lieferte er im März 2005 in einem Interview mit brand eins: „Die Produktivitätsentwicklung hat die Bedürfnisentwicklung längst überholt, wir haben gesättigte Märkte, und wir brauchen immer weniger Menschen, um dieses Übermaß an Gütern zu produzieren. Jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir uns vom Zwang zur Arbeit befreien können.“

Das Interview und sein Konzept, das vom Abbau der Sozial­bürokratie bis zum Umbau des Steuersystems reichte, brachten dem Thema unerwartete Publizität: Das Grundeinkommen wurde in diversen Medien diskutiert – und schnell abgehakt. „Die Ideen sind verschieden, doch der Haken an der Sache ist immer der gleiche“, schrieb Kolja Rudzio in der »Zeit«. „Wird das Grundeinkommen so niedrig angesetzt, dass es nur die nackte Existenz sichert, würden die meisten Beschäftigten an ihrem Job festhalten. Dann wäre die Entkopplung von Arbeit und Einkommen aber nicht gelungen.“ Weil zudem die Frage der Finanzierung offen sei, bleibe das Grundeinkommen, was es immer war – eine Utopie.

Inzwischen hat sich das Blatt gewendet. Je deutlicher wird, dass die Automatisierung vor kaum einer Branche haltmacht und soziale Verwerfungen ungeahnten Ausmaßes mit sich bringt, desto attraktiver wird die Idee, den Wandel abzupolstern. In der Schweiz stimmten beim Volksentscheid 2016 immerhin 23 Prozent für ein bedingungsloses Grundeinkommen. In Finnland beginnt gerade ein wissenschaftliches Experiment, das von einer konservativ- liberalen Regierung in Auftrag gegeben wurde. Auch einige niederländische Kommunen wollen mit einem solchen Versuch prüfen, ob das Grundeinkommen Problem oder Lösung ist. Selbst beim Weltwirtschaftsforum in Davos wurde das einst als spinnert geltende Konzept diskutiert.

Mehrheitsfähig ist das Grundeinkommen damit noch lange nicht, allein schon, weil auch die Unterstützer aus der Industrie nicht unbedingt Freunde der Bedingungslosigkeit sind. Zu tief sitzt das Credo der Industriegesellschaft: Wer arbeitet, soll es besser haben als der, der Leistungen vom Staat bezieht – die Diskussion, ob Erwerbsarbeit die einzige anerkannte Form von Arbeit ist, steht noch aus. Aber die Idee entwickelt Kraft, an zum Teil unerwarteten Orten. Und die Automatisierung wird weitergehen. ---
* Götz W. Werner ist Aktionär bei der brand eins Medien AG.