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Stockholm

Stockholm gilt international als einer der besten Standorte für Internet-Unternehmen. Obwohl dort ganz andere Regeln gelten als im Silicon Valley. Vielleicht aber auch genau deswegen.




• Wenn es eine Eigenschaft der Schweden gibt, die als extrem gilt – dann ist das ihre Besonnenheit. Zurückhaltung, Höflichkeit und Mäßigung sind Grundtugenden. Lautstärke ist dagegen in jeder Form verpönt. Es muss also viel passieren, damit wie am 11. Mai 2016 in Stockholm die Menschen auf die Straße gehen. Mit Schildern haben sie sich am Vormittag vor dem Riksdag postiert, dem schwedischen Parlament. „Zwingt uns nicht, in die USA zu ziehen – wir mögen keine Burger“, steht auf ihren Plakaten. Oder: „Fix this fast!“

Es sind vor allem junge Unternehmer aus der Tech-Branche, die gegen die ihrer Ansicht nach schlechten Bedingungen für Start-ups in Schwedens Hauptstadt protestieren. Es fehle an Wohnraum, so die Klage, die Einwanderungsgesetze seien zu streng und die Steuern auf Aktienoptionen zu hoch. Der Demonstration voraus ging ein offener Brief von Daniel Ek, dem Gründer und Vorstandsvorsitzenden von Spotify. Er hatte dieselbe Kritik an Schwedens Politikern geäußert und gedroht, Spotify notfalls ins Ausland zu verlagern, falls Stockholm seinen Bedürfnissen nicht entgegenkäme.

Der Konflikt schwelt schon seit einer Weile, und es geht dabei um nicht weniger als um die Deutungshoheit über die Zukunft der Stadt sowie die Frage, in welche Richtung sie sich entwickeln soll – und wie die Stockholmer in ihr leben möchten. Im Grunde ist es ein Kampf zwischen dem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat schwedischer Prägung und einer Wirtschaftsordnung, die sich am kalifornischen Standard orientiert, der auf die Selbstregelungskräfte des Marktes setzt.

Doch ist Stockholm wirklich so rückständig und innovationsfeindlich, wie manche der Online-Unternehmer es behaupten?

Im Gegenteil: Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren als sehr guter Standort für Internet-Unternehmen erwiesen. Stockholm wurde von der britischen »Financial Times« gar als „Unicorn Factory“ gefeiert, weil, abgesehen vom Silicon Valley, nirgendwo auf der Welt die Dichte an sogenannten „Einhörnern“ höher ist: Onlinefirmen mit einer Marktbewertung von mehr als einer Milliarde Dollar – wie in Schweden etwa Spotify, Skype und die Spielefirma Mojang, die hinter dem Videospiel „Minecraft“ steckt.

Während der Weißen Nächte im Sommer findet das Leben im Freien statt: ein Blick auf den Verkehrsknotenpunkt „Slussen“ (Schleuse), im Hintergrund die Stockholmer Altstadt Gamla Stan

Auch in anderen Rankings, die bewerten, in welcher Stadt Tech-Firmen am besten gedeihen, landet Stockholm regelmäßig weit vorn. 18 Prozent aller Stockholmer etwa arbeiten in der Tech-Branche, so viel wie in kaum einer anderen europäischen Stadt. Berlin kommt auf 12 Prozent, London auf 11,5. Stockholm scheint das Kunststück gelungen zu sein, erfolgreich in einer von Start-ups getriebenen Ökonomie zu sein, ohne die sozialstaatliche Identität aufzugeben.

Planwirtschaft moderner Art

Die Gründe für Stockholms Erfolg reichen Jahrzehnte zurück: So half Schwedens Regierung beispielsweise in den Neunzigerjahren Bill Gates’ Vision, „ein Computer in jedem Haushalt“, Realität werden zu lassen – und subventionierte die Anschaffung von PCs für Familien. Eine ganze Generation von Schweden wuchs ganz selbstverständlich mit Computern auf, lernte das Programmieren und digitale Tüfteln. Die große Zahl von Softwareentwicklern und anderen Digitalarbeitern, die derzeit so nützlich für Schwedens Wirtschaft sind, wurde also durch eine staatliche Förderung vor rund 20 Jahren ermöglicht.

Auch die Notwendigkeit einer öffentlichen digitalen Infrastruktur hat man in Stockholm früh erkannt. Im Jahr 1994 wurde deshalb Stokab gegründet, ein städtischer Träger für extrem schnelle und leistungsstarke Glasfaserleitungen. Stokab ist für die Leitungen verantwortlich, muss aber nicht gewinnorientiert arbeiten. So kommen nicht nur Gegenden in den Genuss von gigantischen Bandbreiten, die finanziell besonders lukrativ sind – sondern alle. Stokab verkauft keine Internetanschlüsse an Endkunden, sondern stellt seine Infrastruktur mehr als 100 konkurrierenden Dienste-Anbietern bereit. Diese stellen dann Unternehmen und Privatkunden Breitbandverbindungen von bis zu 1000 MBit pro Sekunde zu sehr günstigen Preisen zur Verfügung.

„Wir bauen 30000 neue Apartments bis zum Jahr 2020 und 140000 bis 2030“: Blick auf das Neubaugebiet Hammarby Sjöstad am Rande des traditionellen Stadtgebiets, wo zurzeit viele Wohnungen entstehen

Laut der Studie „State of the Internet“ war Schweden im ersten Quartal 2016 weltweit das Land mit den drittschnellsten Internetverbindungen. Deutschland, wo die Bundesregierung mehr oder weniger vergeblich versucht, die privatwirtschaftlichen Netzanbieter zum Ausbau von Glasfaserinfrastruktur zu bewegen, liegt auf Platz 25 und droht weiter abzurutschen. Denn die Nachbarn in diesem Ranking, Länder wie Slowenien oder Lettland bauen ihre Netzkapazitäten deutlich schneller aus.

Eine andere Studie – „Cities of Opportunity“ von PricewaterhouseCoopers – bescheinigt Stockholm hervorragend vernetzte Schulen. Auch hier macht sich Stokab bezahlt, das mehr als 130 von ihnen mit High-Speed-Anschlüssen versorgt. In zahlreichen Schulen werden die Schüler außerdem mit Laptops oder Tablets ausgestattet, und es gibt Pilotprojekte, die testen, ob Programmieren als Pflichtfach angeboten werden soll, neben den bisherigen Optionen Werken und Handarbeiten. Stockholms Bürgermeisterin Karin Wanngård ist sogar dafür, schon Grundschülern das Programmieren beizubringen.

Was ist es also, das die jungen Gründer auf die Straße treibt?

Warteliste für Wohnungen

Einer der Organisatoren des Protestes sitzt rund zwei Monate nach der Demo im Café des Coworking-Büros und Start-up-Hubs „Epicenter“. Der Tag neigt sich dem Ende entgegen, aber draußen vor den Fenstern bleibt es hell – das Mittsommerfest steht kurz bevor und damit die Zeit der kurzen Nächte. „Natürlich ist Stockholm immer noch ein fantastischer Ort, um ein Start-up zu gründen. Aber wenn wir nicht aufpassen, verlieren wir den Vorsprung, den wir momentan gegenüber den meisten anderen Städten haben“, sagt Tyler Crowley. Vor vier Jahren ist der US-Amerikaner aus Los Angeles nach Stockholm gekommen und hat es geschafft, innerhalb dieser Zeit zu einer der Schlüsselfiguren der hiesigen Tech-Szene zu werden. Er veranstaltet ein monatliches Treffen und das jährliche „STHLM Tech Fest“ – eine Konferenz, auf der von Skype-Mitgründer Niklas Zennström bis zu Spotify-Chef Daniel Ek alle sprechen, die in der Branche Rang und Namen haben.

Schnittstelle zwischen Stadtverwaltung und Gründern: Joseph Michael

„Für Leute, die nach Stockholm kommen, ist es nahezu unmöglich, eine Wohnung zu finden“, sagt er. „Ich musste lange in Hotelzimmern wohnen. Jetzt bezahle ich mehr als 2000 Euro pro Monat für ein kleines Apartment in einem abgelegenen Randbezirk.“ Der Hintergrund: Schwedens Mietmarkt ist stark reguliert. Bei fast allen Wohnungen, gerade in Ballungsräumen wie Stockholm, ist die Miete gedeckelt. Wer eine sucht, muss brav warten, bis er an der Reihe ist. Statt des Vermieters entscheidet eine Warteliste über die Vergabe. Die durchschnittliche Zeit, die man auf der Warteliste verbringt, um eine Wohnung in Stockholm zu bekommen, beträgt neun Jahre. In besonders begehrten Bezirken muss man sogar 20 Jahre warten.

Diese Regelungen führen andererseits jedoch dazu, dass Stockholms Mieten mit im Durchschnitt weniger als 700 Euro für eine circa 66 Quadratmeter große Wohnung für eine Großstadt sehr billig sind. „Man kommt eben nur nicht ran. Denn wer eine solche Wohnung hat, verlässt sie nur mit den Füßen voraus wieder“, sagt Crowley. Für schnell wachsende IT-Firmen, die oft darauf angewiesen sind, in kurzer Zeit Dutzende oder gar Hunderte von Entwicklern anzuheuern, sei der Stockholmer Wohnungsmarkt eine extreme Hürde.

Aber soll man den Wohnungsmarkt einer Stadt wirklich daran ausrichten, dass Unternehmen möglichst gut wachsen können? Soll sich ein Gemeinwesen wie eine Stadt, die ja für alle da sein soll, vor allem den Wünschen einer einflussreichen und sehr erfolgreichen Unternehmenswelt beugen? Oder sind andere Kriterien wichtiger? Sind Start-up-Mantren wie Facebooks „Move fast and break things“, die sich auch an den Wänden von Stockholms Co-Working-Spaces finden, die richtige Leitlinie für das gesellschaftliche Zusammenleben?

War ein Jahr im Silicon Valley und kam dennoch gern wieder zurück nach Stockholm: der IT-Untermehmer Gustav Borgefalk

Es sind diese Fragen, die in Stockholm gerade intensiv diskutiert werden – die aber in ähnlicher Form überall auf der Welt geklärt werden müssen. Wie viel ist eine Stadt oder ein Land bereit an Lebensqualität, Absicherung oder Regulierung aufzugeben, um möglichst gute Wachstumsbedingungen für eine Branche zu schaffen, die in Zeiten von Risikokapital auf nichts so sehr angewiesen ist wie auf ein solches rasantes Wachstum?

Einer der wichtigsten Vermittler zwischen den jungen Unternehmern und der Politik ist Joseph Michael. Er arbeitet seit fünf Jahren für die Stadt Stockholm und ist mit dem Programm „Invest Stockholm“ Anlaufstelle für die Tech-Branche.

Er warnt vor allzu einfachen Lösungen: „Es ist nicht ganz so schwarz-weiß, wie es manche Leute gerne darstellen“, sagt er. „Natürlich ist der momentane Mietmarkt nicht sehr effektiv und für Neuankömmlinge besonders hart. Aber viele Leute befürchten, dass die Mieten in kürzester Zeit nach oben schießen könnten, wenn man ihn dereguliert. Dann käme es zu einer kompletten Segregation. Nur noch Reiche könnten es sich leisten, in der Stadt zu wohnen, während alle anderen ins Umland ziehen müssten.“ Das ist auch der Grund, warum die Stadt hart gegen Dauervermieter auf Airbnb und andere Schwarzmarkt-Angebote vorgeht.

Die Herausforderung ist in der Tat enorm: Stockholm gehört zu den am schnellsten wachsenden Städten in Europa. Von rund 750 000 Einwohnern zur Jahrtausendwende ist die Zahl auf momentan 910 000 gestiegen, bis 2020 soll sie bei mehr als einer Million liegen.

„Wir tun wirklich alles, um den Druck auf dem Wohnungsmarkt zu verringern“, sagt Michael. „Wir bauen 30 000 neue Apartments bis zum Jahr 2020 und 140000 bis 2030.“ Er ist um maximale Neutralität bemüht und vermeidet es, in der Debatte persönlich Position zu beziehen: „Ich bin absolut überzeugt davon, dass wir dasselbe wollen und unser Ziel in derselben Richtung sehen“, sagt er. „Die Frage ist nur die Geschwindigkeit, mit der wir uns bewegen. Spotify fordert in dem offenen Brief ein extrem hohes Tempo. Ganz so schnell ist die Stadt vielleicht nicht.“ Trotzdem gibt er zu bedenken, dass auch eine Deregulierung nicht alle Probleme löst: „Klar, in London oder San Francisco gibt es keine staatlichen Wartelisten für ein Apartment. Da können Sie gleich morgen eines anmieten. Aber können Sie es auch bezahlen?“

Auch so kann es in einem Start-up aussehen: die Firmenräume von Sqore

Es ist in der Tat fraglich, ob eine Deregulierung, wie sie einige Stockholmer Start-ups fordern, die Situation wirklich verbessern würde. Denn in San Francisco und dem Silicon Valley gibt es zwar keine Wartelisten – die Wohnraumprobleme sind letztlich aber sogar schlimmer als in Stockholm. Ende 2015 machte beispielsweise die Geschichte eines Google-Mitarbeiters die Runde, der seit inzwischen mehr als einem Jahr in einem umgebauten Lieferwagen auf dem Firmenparkplatz lebt. Er sah nicht ein, die ortsüblichen Mieten zu bezahlen, bei denen selbst ein WG-Zimmer, das er sich mit jemandem hätte teilen müssen, rund 2000 Dollar kosten würde. Die zum Silicon Valley gehörende Gemeinde von San Jose wiederum lehnte kürzlich den Bau eines Gewerbegebiets mit der Begründung ab, dieses würde zwar 49 000 neue Jobs bringen – man habe aber jetzt schon keinen Wohnraum mehr. Auch der kalifornische Weg, so scheint es, führt also nicht zwangsweise zu unbegrenztem wirtschaftlichem Wachstum.

Soziale Sicherheit statt Existenzangst

Gustav Borgefalk kennt sowohl den schwedischen als auch den kalifornischen Weg. Er ist der Mitgründer und Vorstandsvorsitzende von Sqore, einer relativ jungen Firma, die sich auf Online-Recruitment spezialisiert hat. Durch Wettbewerbe im Netz hilft sie Firmen oder Universitäten, die richtigen Bewerber für Stellen oder Stipendien zu finden. „Nicht zuletzt durch die Internationalisierung kommt es immer weniger auf Lebensläufe oder bestimmte Zeugnisse an“, sagt er. „Sondern auf tatsächliche Fähigkeiten. Und die können Firmen mithilfe unserer Onlinewettbewerbe sehr gut überprüfen.“ Borgefalk hat ein Jahr im Silicon Valley verbracht, unter anderem an der von Google geförderten Singularity University von Ray Kurzweil.

„Es war toll“, sagt Borgefalk. „Aber mir wurde klar, dass ich wieder nach Stockholm zurück und hier weiter an Sqore arbeiten will.“ Die Büros von Sqore im Hipster-Stadtteil Södermalm sehen nicht aus wie die typischen funktionalen Großraumbüros von heute. Die Firma residiert in einer 14-Zimmer-Altbauwohnung. Über drei Etagen erstreckt sich das holzvertäfelte Labyrinth aus Wendeltreppen, Minifoyers und Geheimtüren. Einige der Büroräume haben einen offenen Kamin. Doch es sind nicht solche Skurrilitäten, die Borgefalk wieder nach Schweden gelockt haben: „Im Silicon Valley geht es ausschließlich um schnelles Wachstum und einen möglichst hohen Exit“, sagt er. „Hier in Schweden hingegen versuchen die meisten Gründer, ein solides Unternehmen aufzubauen. Sie sind sparsamer und konzentrieren sich mehr auf ihr Erlösmodell und langfristiges Wachstum.“

Es sind also längst nicht alle Internet-Unternehmer unzufrieden. „Die Infrastruktur hier ist ideal, um ein Unternehmen zu starten“, sagt Borgefalk. „Als Student beispielsweise bekommt man jede Menge Unterstützung und hat viel Zeit, sich auszuprobieren, ohne allzu viel zu riskieren.“ Er spricht aus Erfahrung: Sqore hat er mit zwei Kommilitonen während des Studiums gegründet, heute beschäftigen sie rund 50 Mitarbeiter. Sowohl die Königlich Technische Hochschule (KTH) als auch die Handelshochschule Stockholm haben bereits zahlreiche solcher erfolgreichen Firmen hervorgebracht.

Es gehört zum Mythos des Silicon Valley, dass es dort nur die Härtesten schaffen. Die, die bereit sind, für ihre Idee bis zum Äußersten zu gehen und alles zu riskieren. Die beim „Bootstrapping“, also dem Gründen eines Start-ups ohne Finanzmittel von außen, sogar in Kauf nehmen, auf dem zurückgeklappten Beifahrersitz ihres Uralt-Toyotas zu schlafen oder sich monatelang von Nudeln für ein paar Cent pro Päckchen zu ernähren. Vielleicht ist das aber nicht optimal – und der schwedische Weg, junge Gründer mit einem sozialen Sicherheitsnetz auszustatten, der gesündere?

Begann als Zwei-Mann-Bude und beschäftigt heute 50 Mitarbeiter:
die Firma Sqore

Der Schuldenberg, den viele junge Amerikaner durch oft sechsstellige Kredite für Studiengebühren abzahlen müssen, erschwert das Gründen von Unternehmen. Schweden stattet seine Studenten bis zu elf Semester lang mit großzügiger finanzieller Unterstützung aus; und für Unternehmensgründer gibt es viele Möglichkeiten staatlicher Förderung.

Vorbild San Francisco?

Je genauer man hinschaut, umso unsinniger erscheint es, bei dem Vergleich zwischen Schweden und Kalifornien, Letzteres als Blaupause für das bestmögliche Tech-Ökosystem zu verwenden. Denn so oft die dort ansässigen Unternehmen auch betonen, dass sie „die Welt zu einem besseren Ort machen“ wollen, so wenig gelingt ihnen, ihre eigene Stadt als einen einigermaßen lebenswerten Ort zu erhalten. San Francisco entwickelt sich mehr und mehr zu einer Stadt, in der ein Teil der Bevölkerung auf der Straße lebt und der andere Teil damit reich wird, dass er Apps entwickelt, mit denen man sich das Essen liefern lassen kann. Unter anderem, weil die Menschen wegen der viele Obdachlosen nicht mehr so gern auf die Straße gehen.

Maciej Cegłowski, der Gründer der Bookmarking-Plattform Pinboard, formulierte es kürzlich auf einer Konferenz im kalifornischen Berkeley so: „Machen Sie einmal einen Spaziergang durch San Franciscos Innenstadt, und Sie werden nicht glauben, sich im Zentrum eines inzwischen 40 Jahre dauernden Booms zu befinden. Alles, was Sie sehen, ist ein Freizeitpark für Tech-Firmen, umgeben von Unmengen an Armut. Unsere Anwesenheit hat diese Armut und dieses Elend nicht beseitigt, sondern eher schlimmer gemacht. Und gleichzeitig tun wir so, als ob unsere Produkte, die nur unserer Bequemlichkeit und Produktivität dienen, das Leben all dieser Menschen in irgendeiner Form besser machen würden. (…) Wir sind auf völlig banale Probleme fixiert und erschaffen gleichzeitig echte.“

Selbstverständlich kann man das schwedische Modell für nicht mehr zeitgemäß halten. Kann über die in allen Unternehmen geradezu religiös eingehaltene „Fika“ genannte Kaffeepause lächeln. Kann die Tatsache altmodisch finden, dass die Geschäfte früh schließen und das gesamte Land Mitte Juni kollektiv rund sechs Wochen lang die Arbeit niederlegt und sich in kleine Sommerhäuschen zurückzieht. Kann den Kopf schütteln über 480 Tage bezahlte Elternzeit und staatlich organisierte Kinderbetreuung. Aber sollten sowohl das Silicon Valley als auch Stockholm es schaffen, den Mars zu besiedeln – man ahnt, in welcher Kolonie das Leben schöner wäre. ---