Nelson Mandela

Der Gründervater des neuen Südafrikas ist zur unsterblichen Ikone geworden. Und für sein Land wichtiger denn je.





• Das neue Südafrika wurde in einer Rugby-Arena geboren: Im Juni 1995 strömten an einem strahlenden Samstagmorgen mehr als 60 000 Zuschauer ins Johannesburger Ellis-Park-Stadion, um das Finale der Rugbyweltmeisterschaft zwischen Südafrika und Neuseeland mitzuerleben. Die meisten von ihnen waren natürlich Anhänger der Gastgeber, fast alle von ihnen – genauso selbstverständlich – weiß. Einige Fans des rauen Sports hatten ihre alte Flagge aus Zeiten der Apartheid mitgebracht, sie war seit den ersten allgemeinen Wahlen ein gutes Jahr zuvor eigentlich abgeschafft. Dann sangen sie die alte Landeshymne in der Burensprache Afrikaans und hofften auf einen Sieg ihrer „Springböcke“, die bis auf eine einzige Ausnahme alle ein bleiches Fell hatten. Rugby galt am Kap der Guten Hoffnung traditionell als Sport der weißen Minderheit – die politisch entmachteten Weißen hofften auf ihren letzten Triumph.

Doch sie hatten ihre Rechnung ohne den neuen Präsidenten gemacht. Zur Aufstellung der Mannschaften schlenderte Nelson Mandela kurz vor dem Match aufs Spielfeld: Er hatte sich ein grünes Springbock-Trikot mit der Nummer 6 des Kapitäns übergezogen und begrüßte jeden Spieler mit Handschlag. Von den Rängen waren die ersten „Nelson, Nelson“-Rufe zu hören: Sie schwollen schnell zu Sprechchören an. Verlegen packten die Gestrigen ihre alten Fahnen weg und hörten, wie ihre Idole die neue Hymne „Nkosi Sikelele Africa“ sangen. Mandela hatte sichergestellt, dass sie diese zuvor auswendig lernten – nichts war an diesem Tag dem Zufall überlassen.

Auch beim Match ging alles nach Plan. Die Gastgeber rangen ihre Gegner in der Verlängerung mit einem Dropkick nieder, und ein strahlender Mandela – noch immer im grünen Trikot – überreichte den Siegern den goldenen Cup. Im Stadion flossen Tränen, und im Rest des Landes lagen sich erstmals schwarze und weiße Südafrikaner in den Armen. Nelson Mandela war seit jenem 24. Juni 1995 nicht mehr nur der Held der schwarzen Bevölkerung, die ihm ihre Befreiung verdankte – er war auch zum Idol der weißen Minderheit geworden, die spätestens jetzt verstand, dass sie ihm ihre Zukunft am Kap der Guten Hoffnung verdankt. Zum ersten Mal in der Geschichte der seit Hunderten von Jahren zersplitterten Nation hatte Südafrika ein gemeinsames Vorbild: eine Person, von der sich jeder gern regieren ließ.

Heute, 21 Jahre später, ist von der Euphorie wenig geblieben. Unter Mandelas Nachnachfolger Jacob Zuma ist die Regenbogennation am Verblassen. Der Präsident stolpert von einem Skandal zum anderen, während sich das von Korruption und Nepotismus zersetzte Land höchstens rückwärts bewegt – dem Kap ist die Hoffnung abhandengekommen. Wenn sich schwarze und weiße Südafrikaner heute noch über etwas einig sind, dann darüber, dass unter Nelson Mandela ein so dramatischer Verfall der politischen Kultur und der Vision ihres Gründervaters nicht möglich gewesen wäre. Mit seinem Steuermann hat das junge Staatsschiff auch seine Orientierung verloren.

Ohne ihn wäre das „Wunder vom Kap“ – die einigermaßen friedliche Verwandlung der Diktatur in eine moderne Demokratie – nicht möglich gewesen. Bereits Anfang der Sechzigerjahre hatte der feurige Befreiungskämpfer den bewaffneten Kampf gegen das Rassistenregime aufgenommen und den schwarzen Südafrikanern wenigstens einen Teil ihres Stolzes wiedergegeben. Dann verbrachte er 27 Jahre lang hinter Gittern und verließ das Gefängnis anschließend ohne eine Spur von Bitterkeit. Als Präsident setzte er alles daran, die um ihre Privilegien besorgte weiße Minderheit aus ihrer selbst verschuldeten Isolation zu befreien und die mit peinlicher Besessenheit gespaltene Gesellschaft zusammenzuführen. Während seiner kurzen Regierungszeit gab es nur wenige, die den Gründervater der neuen Nation nicht verehrten. In aller Welt wurde Mandela als Inkarnation eines vorbildlichen Spitzenpolitikers gefeiert – weise, selbstlos, urteilsstark.

Heute scheint das Vorbild nur noch in wenigen Gefolgsleuten wie Thuli Madonsela weiterzuleben. Die 53-jährige Juristin und erklärte Mandela-Jüngerin kämpft als „Public Protector“ gegen Misswirtschaft und Korruption und hat mit ihren Ermittlungen bereits für den Rücktritt zweier Minister, eines Polizeichefs sowie der Vorsitzenden der Wahlkommission gesorgt. Ihre Entschlossenheit, der politischen Verwahrlosung Herr zu werden, machte selbst vor der Nummer eins im Staat nicht halt. Nach jahrelanger Schlacht zwang die „eiserne Lady mit der zarten Stimme“ den Präsidenten Zuma, zumindest einen symbolischen Teil der rund 15 Millionen Euro an Staatsgeldern zurückzuerstatten, die er in seiner Privatvilla verbauen ließ. Zumas Gefolgsleute, allen voran die Jugendliga des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC) beschimpfen Madonsela seitdem. Doch unter der Bevölkerung gilt sie als vertrauenswürdigste Persönlichkeit Südafrikas.

Ihr Erfolg wurde von den höchsten Richtern des Landes besiegelt. In einem aufsehenerregenden Urteil priesen sie die Verfassungsrichter als „David im Kampf gegen Goliath“ und warfen Zuma eine grobe Verletzung des Grundgesetzes vor. Eigentlich hätte dieser Vorfall zum Rücktritt des Präsidenten führen müssen, doch Zuma beschwerte sich anschließend sogar noch über die ungebührliche Macht der Gerichte.

Er selbst wagt es allerdings kaum noch, sich auf den ehemaligen ANC-Präsidenten zu berufen, zu weit hat er sich von ihm entfernt. Aber wehe, wenn der politische Gegner das tut! Zum Kommunalwahlkampf zeigte die oppositionelle Demokratische Allianz (DA) einen Fernsehspot, in dem ausgerechnet der einstige Chef der Konkurrenzpartei als Mentor ihrer Politik in Anspruch genommen wurde. In dem Werbefilmchen ist eine junge schwarze Südafrikanerin an einer Wahlurne zu sehen: Sie zögert, ihr Kreuzchen (mal wieder) hinter den ANC zu setzen. Da ertönt die sonore Stimme Nelson Mandelas aus dem Off, wie er in einer Rede über Südafrikas goldene Zukunft über Arbeit und Brot für alle spricht. Da weiß die Frau, was zu tun ist: Sie setzt ihr Kreuzchen bei der DA.

Die Regierungspartei reagierte darauf empört. Wie konnte die von Weißen dominierte Oppositionspartei die Frechheit besitzen, den schwarzen Befreiungsführer für ihren Wahlkampf zu instrumentalisieren? Da dieser doch bis zum Ende seines Lebens ein loyales ANC-Mitglied war und sogar angekündigt hatte, sich – einmal im Himmel angekommen – zuallererst nach dem dortigen Ortsverein der Partei umzusehen. Für den ANC kam die Vereinnahmung seiner Ikone einer Majestätsbeleidigung gleich. Mit juristischen Mitteln sollte der Spot aus dem Verkehr gezogen werden.

Dass das Filmchen ohne ihr Zutun gar nicht funktionieren würde, kam den ANC-Funktionären offenbar nicht in den Sinn. Beruht dessen Pointe doch darauf, dass den Südafrikanern die tiefe Kluft zwischen den Werten Mandelas und der derzeitigen prinzipienlosen Politik seiner Partei bewusst ist.

Der Eklat markiert einen bedeutenden Abschnitt in der Wir-kungsgeschichte einer Ikone: deren Ablösung von ihrem historischen Fundament. Auch die schlimmsten Irrwege ihrer Organisation können der Ikone heute nichts mehr anhaben.

Wer ihn angreift, hat verloren

Das bekam auch der populistische Nachwuchspolitiker Julius Malema zu spüren. Der einstige Präsident der ANC-Jugendliga musste nach einem Streit mit seinem Mentor Zuma die Regierungspartei verlassen und gründete daraufhin das Sammelbecken der zornigen Jugend, die „Economic Freedom Fighters“. Als bisher einziger Politiker griff er Mandela öffentlich an: Für die bleibende soziale Ungerechtigkeit sei kein anderer als der Gründervater selbst verantwortlich. Mit seiner Absage an die Verstaatlichung von Großunternehmen und seinen Deals mit dem „weißem Kapital“ habe er das arme schwarze Volk verraten. Der Aufschrei, der seinen Bemerkungen folgte, hat den Nachwuchspolitiker wohl überzeugt, dass sein Versuch des Denkmalsturzes nicht mehrheitsfähig ist. Jedenfalls hält er sich seither von jeglicher Mandela-Kritik zurück.

Die Kinder der europäischen Aufklärung verfolgen jeden Personenkult mit Skepsis. In ihren Augen können sich Vorbilder nur identitätsverwirrte Teenager leisten: Spätestens als 20-Jähriger sollte der Mensch ohne Idole auskommen.

In stabilen, auf dem Fundament gemeinsamer Werte gegründeten Gemeinwesen mag das durchaus hilfreich sein, weil auf diese Weise Eigenständigkeit und Skepsis vor Autoritäten gefördert wird. In heterogenen Gesellschaften wie der südafrikanischen jedoch, die ständig auseinanderzubrechen drohen und dauernd neu begründet werden müssen, sind allgemein anerkannte Idole lebenswichtig. Denn Nelson Mandela und seine Vision vom Regenbogenstaat ist der einzige Nenner, auf den sich Südafrikaner jeder Couleur und Provenienz einigen können: „Etwas anderes“, sagt Thuli Madonsela, „haben wir nicht.“ ---