Wladimir Putin

Wladimir Putin präsentiert sich den Russen als asketisches Gegenbild ihrer traditionellen Untugenden. Aber was sie wirklich entzückt, sind die schlechten Angewohnheiten, die er selbst offensiv auslebt.





• Schöner ist er nicht geworden. Die blasse Haut wirkt etwas fleckig, die Iris seiner kleinen grauen Augen schimmert wässrig, eine breite Doppelfalte am 63-jährigen Hals macht seinem schmalen Kinn zunehmend Konkurrenz. Nur ein Hauch Grau an den Schläfen verleiht dem spärlichen, dünnen Haar nun mehr Farbe.

Aber man muss nicht schön aussehen, um Idol zu sein. Wladimir Wladimirowitsch Putin prangt als schwarz-weiße Ikone mit Sonnenbrille auf den T-Shirts Hunderttausender Russen. In Nachtclubs an der Wolga hängen Fotocollagen, da schaut er stoisch, mit nackter Brust, unter einer Wolfsfellkapuze hervor, ein Häuptling. Laut einer aktuellen Umfrage befürworten 82 Prozent der Russen die Politik ihres Präsidenten, Berufsfans rühmen ihn gar als „Übermenschen“.

Auch im Westen hat Putin Verehrer: Das »Time« Magazine und »The Times« platzieren ihn als „Person des Jahres“ immer wieder ganz vorn, Silvio Berlusconi nennt ihn ein „Geschenk Gottes“. Laut einer »Stern«-Umfrage vom Juli haben auch 13 Prozent der Deutschen „sehr großes bis großes Vertrauen“ zu Putin, darunter Spitzenpolitiker fast aller Parteien. Sarah Wagenknecht nimmt ihn in Schutz, und Horst Seehofer wird nach einem Treffen in Moskau ganz träumerisch: „Und dann hat er sich noch einmal umgedreht und gesagt: ,Sie können wiederkommen.‘ “

Was bewundern sie alle so an Putin? Der drahtige und offiziell 1,70 Meter große Ex-Geheimdienstler gilt als bissiger Redner, aber meist liest er seine Bissigkeiten vom Blatt ab. Er ist für seine schlagfertigen Interview-Antworten bekannt, aber auch dafür, dass er als Interviewpartner zahme Sympathisanten oder oberflächlich informierte Chefredakteure vorzieht. Und dass er tunlichst öffentliche Gespräche meidet, in denen kritische Nachfragen drohen. Er gilt als Arbeitstier, als einer, der nicht trinkt und kaum schläft – offiziell hat er seit seiner 2013 bekannt gegebenen Scheidung kein Privatleben. Dafür gewährt er Einblick in seinen sportlichen Alltag: morgens Kraftraum, danach mindestens 1000 Meter schwimmen, nachts mehrfach wöchentlich Eishockeytraining. Putin isst Haferbrei zum Frühstück, steht auf Trennkost und Kefir. Ein Asket, dessen Fitnesspensum ahnen lässt, welch ein Hochleistungspräsident in ihm steckt.

Damit aber ist er den meisten Russen mehr Gegen- als Vorbild. Sie setzen ernährungsmäßig eher auf Cholesterin, betrachten ihren Bauch als Statussymbol, trumpfen mit hübschen und wechselnden Geliebten auf und zeigen ihren sportlichen Ehrgeiz vor allem beim Trinken. Putin personifiziert das Fehlen all dieser nationalen Untugenden – das macht ihn eher zum vaterländischen Antivorbild.

Was Russland wirklich an Wladimir Putin entzückt, sind die Untugenden, die er in seiner Person verwirklicht. Mit dem tschetschenischen Separatismus räumte er rücksichtslos auf, die meisten der 80 000 Todesopfer waren Zivilisten. Opponierende Oligarchen flogen ins Gefängnis und die Oppositionsparteien aus der Staatsduma. Russlands Beamten verbot Putin gesetzlich Guthaben im Ausland, während über die Offshore-Konten seiner Petersburger Kumpel weiter Abermillionen Dollar flossen.

Er macht, was er will. Unter Mithilfe seines Staatssicherheitsdienstes wurde bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi heimlich doping-gesättigter Urin in den Flaschen der Welt-Antidoping-Kommission gegen saubereren Harn getauscht, Putin aber feierte den Medaillenregen: „Wir haben es verdient.“ Als ihn im März 2014 ein britischer Journalist fragte, ob Russlands Armee auf der Krim im Einsatz sei, leugnete er und sprach von örtlichen Bürgerwehren, „russische Uniformen kann man doch in jedem Armee-Shop kaufen“.

Kurz darauf verteilte er Orden an russische Soldaten für ihren Krim-Einsatz und brüstete sich, er habe den „Partnern im Westen“ während der Krise mit einem Atomschlag gedroht. Putin zockt, schwindelt, droht. Und bisher kommt er damit durch. Seinen Landsleuten imponiert das ungemein.

Sich durchmogeln – wenn nötig mit Lug und Trug – gilt dem Gros der Russen als tugendhafte Kunst. Warum Steuern zahlen, wenn so viel Schmiergeld von einem verlangt wird? Die Russen verstoßen mit Wonne gegen die Alltagsregeln des eigenen Staates, ob Straßenverkehrsordnung oder Angelverbote. Viele sind sicher, dass sie anders nicht über die Runden kämen. Nach einer Studie der Moskauer Hochschule für Ökonomie leben bis zu 40 Prozent der russischen Haushalte von schattenwirtschaftlichen Einkünften. Der Überrusse Putin hat ihren Schummelanarchismus auf das Niveau von Staatsräson und Geopolitik gehoben. Und so zumindest moralisch bestätigt.

Auch Putin – im sowjetischen Geheimdienst KGB sozialisiert – scheint überzeugt, er könne angesichts der Ränke und Aggressionen des feindlichen Westens Russland nicht anders beschützen, als zu foulen und zu flunkern. Er hat das Land dabei in die Rezession manövriert, 40 Prozent der Familien klagen inzwischen, ihr Geld für Kleidung und Essen sei knapp geworden. Na und? Die Russen glauben, sie verstünden ihren Staatschef, und er verstünde irgendwie auch sie.

Mittlerweile hadern auch viele Deutsche mit der eigenen Demokratie. Angela Merkel oder der Europarat zaudern und zappeln, drängende Entscheidungen ziehen sich quälend lang. Russlands Innenleben kennt man hier weniger. Aber Putin, der tut was, Putin hampelt nicht – Putin hat Eier. Dass es in Russland heute ein Risiko für Karriere und Freiheit ist, seine Herrschaft schriftlich oder auf der Straße infrage zu stellen, ist eines der landeskundlichen Details, die bei vielen Deutschen nicht mehr ankommen.

Eigentlich ist Putin Judo-Kämpfer, er war in seiner Jugend Leningrader Stadtmeister, aber auf der Matte zeigt er sich immer seltener. Kreml-Kreise reden von einer Rückenverletzung, die nach den Worten seines vorlauten weißrussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko auch der Grund dafür gewesen sein soll, dass Putin im Herbst 2012 zwei Monate aus der Öffentlichkeit verschwand.

Apropos. Seit Boris Jelzin Putin Silvester 1999 zu seinem Nachfolger erklärte, hat der keinen einzigen Tag krankgefeiert. Wenn er zwischendurch für eine Woche untertaucht, kann nur spekuliert werden: über Erkältungen, Bedenkauszeiten oder das nächste Lifting für das zur Ikone gewordene Gesicht des russischen Führers. Dieser soll sehr um seine Gesundheit besorgt sein. Der Moskauer Journalist Michail Sygar schreibt in seinem Kreml-Buch „Endspiel“, der Präsident jage jeden, der mit laufender Nase oder Husten zur Audienz erscheine, fort. Wladimir Putin scheint fest entschlossen zu sein, seiner Rolle als Antivorbild aller Russen weiter gerecht zu werden. ---