Mythos Motivation

Wer keine Lust hat, dem hilft Animation auch nicht. Das gilt für Pandas und Menschen gleichermaßen.





• Schon seit langer Zeit, mehr als 10.000 Jahre, begleitet die Ziege den Menschen als Haustier. Das ist ausreichend lange, um sich ein Bild vom geselligen Treiben dieser „Kuh des kleinen Mannes“ zu machen, wie das Tier im Volksmund genannt wird. Was die Paarung angeht, gelten die weiblichen Tiere, die Geißen, als ausgesprochen empfänglich. Die männliche Ziege aber, Bock genannt, ragt in dieser Disziplin so hervor wie kaum ein anderes Tier. Das bevorzugte Tagewerk des Bocks hat seinen Gattungsnamen zum geflügelten Wort gemacht. Schon in der Antike galt er als Symbol der Fleischeslust. Die Phrase „ein geiler Bock“ ist also eigentlich eine Tautologie. Wie auch immer. Der Nachwuchs an Ziegen, Böcklein wie Geißlein, ist gesichert.

Der Pandabär ist dem Menschen noch nicht so lange vertraut wie die Ziege, und das ist nicht verwunderlich. Das Tier ist niedlich, aber als Haus- oder Nutztier unbrauchbar. Sein Fleisch schmeckt scheußlich, Fell und Leder taugen wenig. Dafür ist seine Haltung extrem aufwendig und sein Verhalten merkwürdig. Ein Bär ohne Eigenschaften, und vielleicht ist es gerade das, was uns an ihm so fasziniert. Wo der Bock lustvoll springt, bleibt der Panda lieber sitzen.

Das aktiviert bei vielen Zeitgenossen Beschützerinstinkte, die im Laufe der Zeit den Panda zum wichtigsten zoologischen Pflegefall haben werden lassen. Sein Überleben hat Priorität.

Zum Überleben über den Tag hinaus gehört freilich auch, was Ziegen in aller Regel gern tun, sich paaren also. Pandas machen – natürlich – auch dabei Probleme. In der „Gefangenschaft“, die aus Panda-Perspektive vor allen Dingen ein sorgenfreies wie komfortables Dasein bedeutet, haben männliche Tiere keinen Bock auf ihre Bärin.

In aller Regel sehen sich die Tiere unterschiedlichen Geschlechts, wenn überhaupt, unverwandt an. Berühren sie sich dennoch aus Versehen, dann entfährt ihnen sogleich jener für Pandabären so typische klagende Ton, mehr ein Greinen als Brummen. Ein lustiger, lustvoller, gar leidenschaftlicher Pandabär liegt außerhalb seines – und unseres – Vorstellungsvermögens.

Das aber erhöht die Bindung zwischen Mensch und Tier.

Die Chinesen, erzählten die Thailänder, zeigten den Pandas Pornos, das helfe

Der Panda wäre ein gutes Wappentier für den westlichen Wohlfahrtsstaat, in dem die Trägheit und die Klage zum guten Ton gehören. Ganz offensichtlich lieben viele den Panda deshalb so sehr, weil er ihnen ähnelt. Rein charakterlich ist der Pandabär unser Ebenbild. Das kann man nicht bestreiten. Er hat keine Zukunft, weil er keine will – jedenfalls erweckt er beständig diesen Eindruck. Doch damit kann man sich natürlich nicht zufriedengeben. Womit wir wieder bei der Frage des Überlebens wären. Der Panda muss ran. Er muss sich fortpflanzen, denn seine Art ist vom Aussterben bedroht. Doch was macht man, wenn sie träge in einer Ecke sitzt und er in einer anderen, träge an einem Stück Bambus kauend, bis er einschläft und schnarcht?

Und wie, so fragten sich Zoologen und Biologen auf der ganzen Welt, konnte es eigentlich sein, dass in chinesischen Gehegen die Pandas wenigstens ab und an aufeinander hinlänglich Bock hatten, um Nachwuchs zu erzeugen? Die Chinesen, so ging das Gerücht in den Zoos der Welt, hätten da ein Wundermittel. Vor zehn Jahren wurde eine Methode populär, und zwar durch den Zoo von Chiang Mai in Thailand, der sich chinesische Panda-Experten geholt hatte, um seinen lendenlahmen Großen Panda in Schwung zu kriegen. Zur Lustmotivation wurde dabei das höchst seltene Paarungsritual der Tiere gefilmt. Dabei wird den trägen Bären nicht nur gezeigt, dass es andere ihrer Art miteinander treiben, sondern auch, wie sie es tun. Das verleiht dem Porno den Charakter eines Lehrfilms, den man sich zu reinen Studienzwecken ansieht. Das hört man auch immer von Leuten, die auf diesen Seiten im Internet erwischt werden. Bildung, Bildung, Bildung.

Aber klappt so was wirklich? Der chinesische Panda-Experte Zhang Zhihe wurde dazu im November 2006 in der »Washington Post« zitiert: „Es funktioniert“, behauptete er da. Und wie kommt man nun auf so etwas?

Die Idee dafür hatten die Wissenschaftler, nachdem sie das Imitationsverhalten von Schimpansen studiert hatten. Dabei zeigte sich, dass die Menschenaffen ihre Vorbilder genau beobachteten – um sie dann nachzuahmen. Eine Folge war, dass die Affen mit cooler Geste eine Zigarette nach der anderen pafften, weil sie das bei ihren Wärtern so gesehen hatten, und sich dabei Sonnenbrillen aufsetzten, die sie vorher Touristen geklaut hatten. Das ist ein Fortschritt. Das dient der Wissenschaft.

Pandas interessiert das nicht. Sie kopieren nichts, Nachmachen ist auch anstrengend. Man hatte sogar Viagra in ihr Essen gerührt. Aber was beim Menschen als Mittel zum Zweck gilt, lässt die Bären völlig kalt. Sie fraßen und legten sich dann gleich wieder hin.

Und was die Pornos betrifft: Wirken die wirklich? Haben die Pandas mehr Lust als früher? Man weiß es nicht. Nachdem die Geschichte mit den Tierpornos bekannt wurde, hörte man lange nichts, und die Bestände im Zoo sind nicht signifikant angewachsen. Könnte ja sein, dass sie uns Menschen darin ähneln. Auch das für Menschen gemachte Internet ist voller Pornos. Das ist ein wichtiger, zentraler Inhalt der Netze.

Abermillionen Menschen gucken sich dort die Augen aus dem Kopf. In Deutschland sind 12,5 Prozent aller Internetzugriffe jene auf pornografische Seiten, sagt die Agentur Similarweb. Porno ist damit mit Abstand das wichtigste Netzthema, und im internationalen Vergleich führen die Deutschen damit auch.

Und die Geburtenrate? Ist die nicht erst kürzlich gestiegen? Ein statistischer Ausrutscher, sagen einige Experten.

Und setzen sich wieder hin. ---