Kunsthalle Rostock

Jörg-Uwe Neumann wollte wissen, was das Leben außer seiner Zahnarztpraxis noch bereithält. Nun ist er Direktor der Kunsthalle Rostock.





• Es gab die Momente, da saß Jörg-Uwe Neumann im Kreise von Kunsthistorikern, die ebenso ernsthaft wie detailversessen Strömungen ihres Fachgebiets diskutierten, einen randständigen Künstlernamen nach dem anderen aufriefen und er nur sagen konnte: „Nee, den kenn’ ich nicht.“ Seine Erfahrungen mit dem Thema erschöpften sich zu jener Zeit in einer überschaubaren Zahl von Ausstellungen in seiner Zahnarztpraxis. So einer wurde 2009 Direktor der Rostocker Kunsthalle. Bis dato hatte dort üblicherweise ein promovierter Kunsthistoriker gesessen und nun – ein Zahnarzt, der das größte Museum für zeitgenössische Kunst im deutschen Nordosten auch noch ehrenamtlich leiten wollte.

Dass es so weit kommen konnte, ließe sich mit einer dieser Volten erklären, wie sie sich im Leben immer mal wieder zutragen. Nur dass es bei Neumann anders war. Er hatte nach 15 Jahren seine Zahnarztpraxis verkauft, ohne zu wissen, wohin das führt. Das, was ist, wollte er nicht mehr. Worauf er stattdessen Lust hatte, musste er noch herausfinden.

An diesem Morgen hängt sein weißes Hemd aus der Hose. Das graue Sakko liegt zusammengeknüllt auf einer Besucherbank. Neumann – Anfang 50, groß gewachsen, die Haare schulterlang – trägt mit einem Dutzend Helfern Paletten mit Sonnenblumen durch die Gegend. 7000 der gelb leuchtenden Pflanzen sollen die Kunsthalle schmücken. Dieser eigenartige Kasten aus Glas und Backstein, eröffnet 1969, ist der einzige Museumsneubau, den die DDR für zeitgenössische Kunst in Auftrag gab, gedacht als Prestigeobjekt und „sozialistisches Gegengewicht (…) zu den revanchistischen Ideen westdeutscher Imperialisten“.

In wenigen Tagen wird die Ausstellung „Der geschundene Mensch“ des Künstlers Günther Uecker dort eröffnet. Eine Reaktion auf die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland zu Beginn der Neunziger. In Rostock brannte damals das sogenannte Sonnenblumenhochhaus im Stadtteil Lichtenhagen. Die Sonnenblumen heute sollen eine freundliche Botschaft senden. 3000 wurden auch in der Stadt verteilt, können von Firmen, Vereinen oder Bürgern erworben werden. Einige lästern, Neumann, der Zahnarzt, habe aus dem ehrwürdigen Museum einen Event-Tempel gemacht. Statt um Kunst gehe es ihm um Unterhaltung. Neumann sagt, er strebe nach Wahrnehmung und gesellschaftlicher Relevanz. Die Besucherzahlen haben sich unter seiner Leitung mehr als verdoppelt.

Nicht wissen, was kommt

Das sagt sich so leicht: etwas anderes machen. Die Zwänge der Gegenwart lassen sich nicht leicht überwinden: Bei Neumann waren es die vielen Jahre an der Universität, die Promotion, die Investitionen, die Praxis, die Sicherheit, das vertraute Terrain. „Am wenigsten konnten meine Patienten diese Entscheidung verstehen“, sagt er. Zumal er ihnen nicht einmal genau sagen konnte, warum er nicht mehr Zahnarzt sein wollte, geschweige, was er nun stattdessen tun würde.

Ein Neustart also, der zunächst ein Schlussstrich war. Ausgelöst im Jahr 2006 durch den Tod des älteren Bruders. Diese Konfrontation mit der Endlichkeit allen Seins führte zu Fragen. Und Neumann fehlten die Antworten. Wie wollte er leben? Was täte er, wüsste er, dass das Leben in wenigen Jahren vorbei ist? Die Zahnarztpraxis passte in kein Szenario.

Neumann machte erst mal nichts. Seine neue Beschäftigung war, sich Zeit zu nehmen. Er spürte dem nach, auf das er Lust hatte. Er trieb Sport, verbrachte Zeit mit Freunden und Hobbys. Das Geld aus dem Verkauf der Zahnarztpraxis half, die Zeit zu überbrücken, bis er in eine neue Rolle schlüpfen konnte. Als diese am Horizont auftauchte, hätte Neumann sie eigentlich gar nicht gebraucht. „Gerade als das Einfach-nur-Leben richtig Spaß machte, wurde die Kunsthalle plötzlich zum Thema in der Stadt.“

Das kommunale Museum mit wechselnden Ausstellungen und einer eigenen Sammlung von mehr als 11 000 Plastiken, Gemälden und Grafiken teils bedeutender Künstler war ein freudloser Ort geworden. Kamen zu DDR-Zeiten regelmäßig mehr als 100 000 Besucher pro Jahr, zählte das Haus zu Beginn des neuen Jahrtausends kaum noch 30 000. Der Bau war marode, die Belegschaft frustriert. Die Stadt plante, die Kunsthalle im Jahr 2008 zu schließen.

Ein drohendes Ende, in dem Neumann plötzlich den für sich gesuchten Neuanfang sah: „Ich besuchte als Jugendlicher dort gern die Ausstellungen, vor allem die Ostsee-Biennalen blieben in meinem Gedächtnis, und dann gefällt mir auch einfach das Gebäude, der Ort an sich.“ Wenn die Stadt das Haus also nicht mehr wollte – dann wollte er es. Mit Freunden verfasste er eilig ein Betreiber-Konzept auf Basis eines privaten Trägervereins. Künstler wie Norbert Bisky ermunterten ihn, seinen Plan umzusetzen. Neumann bewarb sich, das Haus weiterzuführen. Eine künstlerische Ausbildung hatte er nicht, er hatte einfach Lust auf diesen Job.

Beim Aufbau einer Ausstellung: Günther Uecker und Jörg-Uwe Neumann

Was bildet der sich ein? 

Die Sonnenblumen sind mittlerweile vom Lkw entladen. Neumann staunt, dass 7000 Blumen alle gleich aussehen können. Ein Mitarbeiter ist noch auf das Eingangsportal geklettert, um auch dort eine Reihe Blumentöpfe aufzustellen. Neumann freut sich, als ein Firmenwagen stoppt, um einige Blumentöpfe mitzunehmen – „Ist das nicht toll?“ –, dann schnappt er sich sein Sakko, ordnet das Hemd und tritt in die Kunsthalle. Dort liegen diverse Exponate einer Ausstellung kubanischer Gegenwartskunst in Folie eingewickelt zum Transport bereit. „Ich liebe meine Arbeit“, sagt er. „Sie ist so vielseitig, die wechselnden Ausstellungen, man darf beruflich über philosophische Fragen sinnieren, dann verteilt man Tausende Blumen, organisiert mit einer Spedition den interkontinentalen Transport, quält sich durch Förderanträge oder empfängt einen Botschafter.“ Gerhard Schröder war auch schon da. In seine Zahnarztpraxis wäre der bestimmt nicht gekommen.

Das, was Neumann für sein Haus am Herzen liegt, die Wahrnehmung und gesellschaftliche Relevanz, das hat er auch für sich selbst erreicht. Als Zahnarzt war er wichtig für seine Patienten, als Museumsdirektor spielt er eine nicht unbedeutende gesellschaftliche Rolle in der Stadt. Und die schmeichelt ihm.

Neumann führt in sein Büro. An den Wänden erinnern von Künstlern signierte Poster an zurückliegende Ausstellungen. Als er diese Tür an seinem ersten Tag als Direktor mit großer Vorfreude öffnete, packte sein Vorgänger gerade die Sachen. Ein Kunsthistoriker musste Platz für einen Zahnarzt machen, seinen Enthusiasmus hatte Neumann anfangs entsprechend exklusiv. Wenn er dann auch noch anführte, neben der Zahnmedizin doch auch Marketing und „ein bisschen Kunst“ studiert zu haben, klang dies in den Ohren der Experten wie Hohn.

Auch die Mitarbeiter, größtenteils schon seit vielen Jahren dort angestellt, hatten mit dem Niedergang des Hauses die Motivation verloren. Neumann kam mit wenig Erfahrung, seine Mitarbeiter empfingen ihn mit Frust. Hatte er eine Idee, hatten sie nicht selten Feierabend.

Das Establishment reagierte auf den fachfremden Eindringling zu Beginn mit Skepsis. Was der sich wohl einbildete? Meldete sich Neumann am Telefon mit seinem Doktortitel, musste er Nachfragen mit „nein, nicht in Kunstgeschichte“ beantworten. Bis heute nennen ihn einige in der Stadt nur „den Zahnarzt“.

Er zeigt für diese Skepsis Verständnis, man stelle sich nur vor, ein Kunsthistoriker wäre eines Tages in seiner Praxis erschienen, weil er Lust auf Zahnmedizin hätte. „Anfangs habe ich mich beeindrucken lassen, glaubte, nicht genug zu wissen, und ließ mir dann Sachen aufschwatzen.“ Schnell zeigte sich aber, dass die Projekte, von denen er nicht überzeugt war, auch nicht erfolgreich wurden. „Ich lernte, meiner Haltung zu Werk und Künstlern mehr zu vertrauen“, sagt Neumann. „Ich bin kein Kunsthistoriker, das muss ich akzeptieren, aber ich habe als Ausstellungsbesucher viel gesehen und Erfahrungen gesammelt.“

„Ich denke Ausstellungen eigentlich immer aus Besuchersicht, und ich folge meiner Begeisterung für etwas.“ Auf diese Weise entstand die Schau mit dem Kanzlerfotografen Andreas Mühe, einer der ersten Ausstellungserfolge des neuen Direktors. Weiterhin zeigte die Kunsthalle als eines der ersten Museen eine Schau zum Brain Painting. Neumann brachte dafür die komplett gelähmte Künstlerin Angela Jansen (brand eins 01/2011, „Mein größter Freiraum ist mein Kopf“)  im Krankenbett für einige Tage im Museum unter, die dort kraft ihrer Hirnströme auf dem Computer Bilder entwarf.

Das eine machen, das andere nicht lassen 

Er setzte konsequent auf die Erhöhung der Besucherzahlen. Die wurden sein wichtigstes Argument in den Diskussionen mit der Politik, den Künstlern und den Experten. Mehr Besucher bedeuten mehr Wahrnehmung, mehr Relevanz, und das wiederum hat im Ergebnis mehr Förderung und damit mehr Möglichkeiten zur Folge.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Stadt, die das Haus eigentlich schließen wollte, seit seinem Amtsantritt mehr als 1,5 Millionen Euro in die Kunsthalle investierte. Auch das Land erhöhte die Zuschüsse, dazu kamen Zuwendungen von Stiftungen und privaten Förderern. Ein Erfolg, der auf einem recht pragmatischen Umgang mit dem künstlerischen Auftrag basiert und dem Ruf Neumanns, so lange an Türen zu klopfen, bis er kriegt, was er möchte.

Eine seiner ersten Entscheidungen war eine Kooperation mit der lokalen Tageszeitung. Im gemeinsamen Projekt „Rostock Kreativ“ stellen einmal im Jahr Hobbykünstler ihre Werke aus. Der Wert der Laienschau mag zweifelhaft sein, die 20.000 Besucher in weniger als zwei Wochen sind dagegen ein sehr eindeutiges Resultat.

Aber auch um das, was gemeinhin als anerkannte Kunst gilt, kümmert sich Neumann. Arno Rink oder Norbert Bisky stellten in Rostock aus, das Museum schaffte es in die „Tagesthemen“, das „Heute-Journal“ oder auf den Titel der Zeitschrift »Art«. Um Künstler wie Bisky zu gewinnen, braucht Neumann gewisse Besucherzahlen – wer das eine will, darf das andere nicht lassen. So schließt sich der Kreis von den Laien zur Hochkultur.

Im vergangenen Jahr kamen 70 000 Menschen in die Kunsthalle. Unternehmen richteten dort Empfänge aus, DJs legten nachts Platten auf, mancher spricht von „Schnittchen-Kultur“. Aber Neumann hat damit immerhin erreicht, dass die Schließung des Museums vom Tisch ist.

Das wirkt auch auf die Mitarbeiter: Seit diese Teil einer erfolgreichen Entwicklung sind, zeigen sie auch wieder Begeisterung. Die kommt ganz von selbst, fußt aber auch auf Übung und neuer Verantwortung. „Wir haben Dinge, wie freundlich zu den Besuchern zu sein, tatsächlich geübt“, sagt Neumann. Seitdem wird beim Einlass vorbildlich gelächelt, überdies übertrug der Chef den Mitarbeitern mehr Zuständigkeiten.

Der einstige Hausmeister trägt heute den Titel „Leiter Technik und Ausstellungsrealisierung“, er verantwortet die gesamte Abwicklung einer Ausstellung. Die Belegschaft ist teilweise bei der Stadt oder einem neu gegründeten Verein angestellt. Kunsthistoriker sind auch dabei.

Neumann konnte seine anfangs ehrenamtliche Direktorentätigkeit mittlerweile in eine bezahlte Anstellung beim Verein Pro Kunsthalle e. V. überführen. „Das war dann doch irgendwie doof, die Angestellten bekommen ein Gehalt und der Direktor nicht.“

Die Verabredungen mit der Stadt hingegen konnte Neumann nur teilweise halten. Die Verpflichtung, für die Kommune jährlich eine Art Dividende zu erwirtschaften, wurde zurückgenommen. Die Situation scheint nun komfortabel: Die öffentliche Hand kommt für den Unterhalt des Gebäudes und einen Teil der Mitarbeiter auf. Neumann kümmert sich darum, die Ausstellungen zu organisieren und zu finanzieren, die museumseigene Sammlung zu erweitern und aufzuarbeiten.

Innerhalb der Stadt blickt man noch immer zwiespältig auf das Haus. Einerseits gilt der Erfolg der Kunsthalle als vorbildlich, andere kritisieren, dass es Neumann unter den genannten Rahmenbedingungen auch sehr leicht gemacht worden sei. Auf jeden Fall sind – neben dem Direktor – die Rostocker die Gewinner in dieser Geschichte. Sie haben einen ganz besonderen Ort wiederbelebt zurückerhalten.

Neumann selbst sagt, dass ihn die Freude bisher nicht verlassen habe. Ein Erweiterungsbau ist bereits genehmigt und finanziert. Er träumt davon, die Parklandschaft vor der Kunsthalle eines Tages noch in einen Skulpturenpark zu verwandeln. Die Sammlung des Hauses will er noch stärker auf Werke des sozialistischen Realismus ausrichten. „Damit hätten wir ein Alleinstellungsmerkmal, darum kümmert sich ja kaum jemand.“ Gerade war er in Albanien, um den Ministerpräsidenten Edi Rama zu treffen. Der ist auch Künstler und wird demnächst in Rostock ausstellen. „Der hat eine hochspannende Biografie“, sagt Neumann, „die zieht bestimmt.“ ---