Kraftwerk to go

Wir sind umgeben von natürlichen Energiequellen. Wer einen Blick für sie hat, dem kann die Welt wie eine einzige große Batterie vorkommen. Nur ist es mit viel Aufwand verbunden, sie anzuzapfen. Normalerweise jedenfalls.





• Mit Blue Freedom lässt sich die Welt ziemlich leicht um ein wenig Energie anpumpen. Man löst die blaue Kunststoffturbine aus dem Gehäuse und verbindet sie über die 1,80 Meter lange Antriebswelle mit dem Generator. Dann wirft man die Turbine in einen Bach, und die Akkus füllen sich. Laut Hersteller handelt es sich um das kleinste und leichteste Wasserkraftwerk der Welt, es wiegt 600 Gramm, hat einen Durchmesser von 20 Zentimetern und zwei USB-Schnittstellen, über die man Smartphones, Kameras oder Tablets aufladen kann.

Erfunden hat das Gerät die fränkische Firma Aquakin. „Wir wollten was, das in den Rucksack passt“, sagt Gründer und Modellbauer Leif Schoeller, 51. „Wir wollten was, das sich schnell amortisiert“, sagt Investor Benedikt Schröder.

Der 52-Jährige erzählt, wie die Idee entstand. Ein Freund, der gern wandert, schilderte im Frühjahr 2014 sein Problem: Du kommst abends in die Hütte, und alle prügeln sich um die zwei Steckdosen, die es dort gibt. Jeder will seine Kamera laden. Wer spät dran ist, geht leer aus, und der Hüttenwirt hat anderes zu tun, als die Zeit zu stoppen, die jeder Gast an der Steckdose hängen darf. Die Anekdote mündete in einer Frage: Kann man da nicht mal etwas erfinden?

Schröder dachte sofort an Wasserkraft, für die er sich schon lange interessiert. Sie sei effektiver als Sonnenenergie, außerdem müsse man Solarpanels ständig nach dem Stand der Sonne ausrichten. Wenn sie denn überhaupt scheint. Flüsse und Bäche seien verlässlicher.

In Fürth fand Schröder Aquakin, eine 2013 gegründete Firma, die sich der Wasserkraft verschrieben hatte. Mit der Idee für ein Kraftwerk zum Mitnehmen und dem notwendigen Startkapital klopfte er dort an. Es dauerte nicht lange, bis Schröder und die beiden Gründer den Bau eines Prototyps beschlossen. Auf dem Weg dorthin mussten sie einige Ideen verwerfen: Die Energieübertragung per Kurbelwelle klappte nicht, wie sie sollte, außerdem war der Generator so groß, dass sie das Design überarbeiten mussten. „Aus der Flunder wurde ein Donut“, sagt Leif Schoeller, und drei Monate später hielten sie ein funktionierendes Gerät in den Händen.

Das Kraftwerk erzeugt fünf Watt, solange die Fließgeschwindigkeit des Bachs mindestens einen Meter pro Sekunde beträgt. Sobald Strom fließt, kann man zum Beispiel ein Smartphone zum Aufladen anschließen. Tut man das nicht, dauert es vier Stunden, bis die internen Lithium-Akkus gefüllt sind, das entspricht zweieinhalb Smartphone-Ladungen. Überdies ist das Gehäuse mit einigen LED-Lämpchen ausgerüstet, damit man beim Campen nicht im Dunkeln sitzt.

Das Geld für die Maschinen, die zur seriellen Fertigung nötig waren, sollte mittels Crowdfunding gesammelt werden, 100 000 Dollar. Schröder und die drei anderen Teilhaber entschieden sich für Kickstarter, wo mehr als eine Million potenzielle Geldgeber aktiv sind. Das obligatorische Erklärvideo drehten sie an einem Bächlein nahe der Werkstatt in Fürth, einem namenlosen Nebenarm der Pegnitz. Im März 2015 ging das Projekt online, und innerhalb von nur drei Stunden sammelten sie fast 12 000 Dollar ein. Als die Finanzierungsphase zwei Monate später endete, hatten 956 Personen mehr als 190 000 Dollar investiert.

Bislang hat Aquakin rund 1000 Kraftwerke in 60 Länder verkauft. Die meisten Abnehmer kommen aus den USA. Das Gerät kostet 299 Euro, die Erfinder arbeiten daran, den Preis unter die 100-Euro-Marke zu drücken – eine Herausforderung, wie Benedikt Schröder sagt. Derzeit würden die meisten Bauteile in Deutschland hergestellt, das sei teuer. Beteiligt sind sechs Zulieferer und eine weitere Firma, die die Montage übernimmt.

Das Geschäft wird vor allem auf dem Outdoor-Markt gemacht, mit Wanderern, Ruderern und Seglern. Aber Schröder hat noch andere Kunden im Visier, er will die Schwellen- und Entwicklungsländern erobern, wo viele Menschen auf Dieselgeneratoren angewiesen sind, wenn sie ihr Mobiltelefon oder ihr Tablet aufladen wollen. Daher soll der Preis sinken. Zudem gibt es immer wieder Anfragen von Katastrophenhelfern oder Journalisten, etwa nach dem Erdbeben in Nepal im Frühjahr 2015.

Neben dem konkreten Nutzen setzt Schröder auch auf die Aufmerksamkeit, die das Kraftwerk to go erregen kann. „Es ist der perfekte Botschafter für die Wasserkraft“, sagt er. Es öffne den Leuten die Augen, die bei grüner Energie zuerst an das denken, was sie schon kennen: Solarpaneele auf Scheunendächern und hochhaushohe Windräder.

Aquakin will dieses Bild um weitere Produkte ergänzen, die Firma hat auch stationäre Kraftwerke im Angebot, die weit mehr Strom erzeugen als Blue Freedom. Eine Rohrturbine für Wasserleitungen etwa oder ein sogenanntes Linearwasserkraftwerk für träge Gewässer. Sie sollen bislang ungenutzte Energiequellen auch in größerem Maßstab anzapfen. ---