Haste keine, miet dir eine!

Das Traditionsunternehmen Telefunken ist zwar Geschichte. Doch mit der lässt sich wuchern.





• Die Telefunken Licenses GmbH hat ihren Sitz in Frankfurt am Main, ebenso wie die DFB-Wirtschaftsdienste, eine Tochterfirma des Deutschen Fußball-Bundes. Abgesehen vom Standort, scheinen die zwei Unternehmen nichts gemein zu haben. Doch sie spielen in der gleichen Liga: Beide handeln mit Markenrechten, machen also ihren Namen zu Geld. Die DFB-Wirtschaftsdienste rangieren im weltweiten Ranking der US-Fachzeitschrift »License Global« derzeit auf Platz 67, Telefunken auf Platz 77. Und Christian Mayer, einer der Geschäftsführer der Firma, ist optimistisch, weiter in der Liste aufzurücken. Es laufe prima bei Telefunken, sagt der 38-jährige Betriebswirt. „Wir wachsen seit Jahren zweistellig.“ Der weltweite Umsatz mit Produkten, die das Logo im Retro-Look tragen, lag im vergangenen Jahr bei rund 418 Millionen US-Dollar.

Das Geschäftsmodell besteht darin, Unternehmen, die zum Beispiel Unterhaltungselektronik oder Küchengeräte herstellen beziehungsweise vertreiben, eine Marke anzubieten, dank derer sie ihre Produkte besser losschlagen können. Das funktioniert, weil Telefunken – einst eine Ikone deutscher Ingenieurskunst – in vielen Weltgegenden nach wie vor einen guten Ruf hat. Zu den Kunden von Mayer zählen sowohl Hersteller wie der türkische Konzern Vestel A. Ş. als auch Handelsunternehmen wie Real (Metro-Gruppe). Bei Fernsehgeräten hat Telefunken hierzulande aktuell einen Marktanteil von fast zehn Prozent und ist damit die Nummer zwei hinter Samsung.

Auf die Idee, die Marke zu reanimieren, kam 2007 Hemjö Klein. Der ehemalige Lufthansa- und Deutsche-Bahn-Manager, der als Erfinder der Bahncard gilt, kaufte dem Daimler-Konzern die Rechte für einen zweistelligen Millionenbetrag ab. „Wir haben das Geschäft damals praktisch von null aufgebaut“, sagt Mayer, der von Anfang an mit an Bord ist. Die Entwicklung der Branche kommt Telefunken zupass. Bei Unterhaltungselektronik herrscht harter Wettbewerb, bislang namenlose Hersteller versuchen auf neuen Märkten ihr Glück. So will der chinesische Konzern Hisense derzeit in Europa Fuß fassen. Sich aus eigener Kraft einen Namen zu machen ist allerdings aufwendig – einen zu mieten deutlich einfacher. Man habe, sagt Mayer, die Gesellschaft für Konsumforschung aus- rechnen lassen, was es kosten würde, eine Marke wie Telefunken in Europa aufzubauen. Ergebnis: 380 Millionen Euro.

Derzeit hat die Frankfurter Firma mehr als 30 Partnerunternehmen, also Lizenznehmer. Sie müssen sich an einen Marken-Kodex halten und eine gewisse Qualität garantieren, dann dürfen sie ihre Produkte gegen zwei bis fünf Prozent Umsatzbeteiligung Telefunken nennen. Potenzial sieht Mayer vor allem bei Smartphones. In wenigen Ländern sind bereits welche auf dem Markt, weitere sollen folgen.

Das Beispiel zeigt, dass Marken deutlich langlebiger sein können als Unternehmen. Und dass sich das Geschäft mit ihnen sehr effizient betreiben lässt – die Telefunken Licenses GmbH hat nur knapp 20 Mitarbeiter. ---

Die Firma wird 1903 aus einem Streit geboren. AEG und Siemens & Halske liegen wegen Patenten für die drahtlose Nachrichtenübermittlung im Clinch. Kaiser Wilhelm II. schlichtet und drängt beide Parteien zur Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens: der Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H. System Telefunken. Die wächst und gedeiht und stellt im Laufe ihrer Geschichte vom Radio bis zum Großrechner alles her, was mit Elektrotechnik zu tun hat. Telefunken beschäftigt zu Hochzeiten 40 000 Menschen und hält 20.000 Patente, unter anderem für das PAL-Farbfernsehsystem. 1967 verliert die Firma ihre Eigenständigkeit und fusioniert mit der Muttergesellschaft zu AEG-Telefunken. Der Konzern gerät ab den Siebzigerjahren in Schwierigkeiten und trennt sich von immer mehr Sparten. 1985 schluckt ihn die Daimler-Benz AG. 1996 wird AEG aus dem Handelsregister gelöscht. 2007 übernimmt die Beteiligungsgesellschaft Live Holding AG unter Führung von Hemjö Klein alle Rechte an der Marke Telefunken. Er setzt allein auf immate-rielle Werte und nennt das „Fertigungstiefe null“. Für manchen ist dieses Geschäft mit der Aura einer Firma nicht leicht zu verstehen: Es kommt vor, dass Telefunken-Pensionäre in Frankfurt anrufen, um sich nach ihrer Betriebsrente zu erkundigen.