Fritz Kalkbrenner im Interview

Der Techno-Musiker Fritz Kalkbrenner sorgt für gute Laune – gern zwischen zwei und vier Uhr. Wie hält man das jahrelang durch?





• Fritz Kalkbrenner, 35, ist einer der erfolgreichsten Techno-Musiker Deutschlands; er selbst spricht lieber von elektronischer Musik. Zum Interview mit dem Thema, wie er als straff durchgetakteter Unterhaltungsdienstleister im Nachtleben das Vergnügen an seiner Arbeit behält, kommt er mit dem Fahrrad in einen Kreuzberger Biergarten.

brand eins: Herr Kalkbrenner, wie war das Wochenende?

Fritz Kalkbrenner: Entspannt. Ich hatte nur zwei Shows, am Samstag bei einem Open-Air-Festival in der Westschweiz vor gut 10 000 Leuten, am Sonntag in Amsterdam.

Wie sieht so ein Tag aus?

Man fährt gegen 15 Uhr zum Flughafen, 17 Uhr Abflug, 18 oder 19 Uhr Ankunft, dann wird man ins Hotel gefahren. Im Hotel erledige ich E-Mails. Wenn man schon etwas älter ist wie ich, geht man noch eine Runde schwimmen oder aufs Fahrrad. Dann wird man so um ein Uhr abgeholt, um zwei Uhr ist man dran und spielt zwei Stunden. Um fünf ist man im Bett. Und am nächsten Tag geht alles von vorn los. Einmal hatte ich vier Shows in 24 Stunden. Mein Rekord waren 130 Auftritte in einem Jahr, das war 2012. Dieses Jahr ist mit 90 Shows eher ruhig.

Hilft Routine?

Vieles wiederholt sich ständig: Flughafen, Hotel, Fahrt durch die Stadt. Ein berühmter britischer DJ hat mal gesagt, seine Auftritte würde er auch für wenig Geld machen, ein Großteil der Gage ist die Entschädigung für An- und Abreise. Für meine Shows habe ich eine Grunddramaturgie, aber damit kann man relativ frei umgehen.

Stumpft man bei so vielen Auftritten nicht irgendwann ab?

Es besteht die Gefahr, das Publikum nur noch als amorphe Masse wahrzunehmen. Ich spiele in der Regel vor 2000 bis 45 000 Leuten. Trotzdem gibt es einen echten Kontakt zum Publikum, sonst würde es nicht funktionieren. Klar ähneln sich die Shows, aber das Bestreben ist, dass jeder Auftritt etwas Besonderes bleibt. Der Künstler sollte nicht vergessen, dass der Konzertbesuch für seine Gäste mit einigem Aufwand verbunden ist. Die sollen etwas Singuläres erleben. Das sind alte, große Varieté-Tugenden, die immer noch gelten. Ich merke, wie die Leute mitgehen und reagiere darauf, zum Beispiel wenn sie am Anfang noch recht träge sind.

Wird man nicht zwangsläufig zum Egozentriker, wenn einem dauernd Tausende Menschen zujubeln und man dafür auch noch sehr ordentlich bezahlt wird?

Die meinen ja nicht mich, die meinen das, was ich für sie herstelle. Das muss man fein säuberlich unterscheiden.

Gibt es viele Kotzbrocken in Ihrer Branche?

Ein paar fallen mir schon ein. Aber weil so viel getourt wird, muss man vor allem fit sein und seine Shows machen. Man regelt die Dinge eher einvernehmlich. Den Star rauszuhängen, auf der fetten Limousine zu bestehen und die Veranstalter mit extravaganten Wünschen zu nerven ist etwas aus der Mode gekommen. Heute gilt eher smile and cash, wie man so schön sagt. Wer sich unangenehm benimmt, weil er denkt, dass das bei seinem Status dazugehört, wird nicht unbedingt noch mal gebucht.

Sie müssen bei Ihren Auftritten zuverlässig für Stimmung sorgen. Was ist, wenn es Ihnen mal nicht gut geht?

Oder, das Übliche, wenn man einfach kaum geschlafen hat. Hinter der Bühne gibt es dann vor dem Auftritt Momente der Verzweiflung: „Ich kann jetzt nicht spielen.“ Dann ist es die Aufgabe des Tourmanagers, dafür zu sorgen, dass man eben doch kann. Wenn man spielt, gibt es nur die Show, das ist auch so ein alter, wahrer Varieté-Grundsatz. Es gibt Geschichten von Leuten, die mit Durchfall ihr Konzert gespielt haben, da standen dann Eimer auf der Bühne. Oder mit 40 Grad Fieber und einem Arzt an der Seite. Ich will nicht ins Detail gehen, aber das kriegt man hin.

Gibt es eine Grenze, bei der man sagen muss, ich kann wirklich nicht mehr?

Gibt es sicher. Zu diesem Beruf gehört es, für die nötige Balance zwischen den Auftritten und ruhigeren Tagen zu sorgen. Ich kann nicht jedes Jahr 130 Shows spielen. Hätte ich in diesem Tempo weitergemacht, wäre ich irgendwann aus der Kurve geflogen und ein halbes Jahr abgetaucht, so Betty-Ford-Klinik-mäßig. Ich bin inzwischen ganz gut darin, nach der Euphorie der Show ohne ungesunde Substanzen wieder runterzukommen. Früher, in der Sturm-und-Drang-Zeit, brauchte ich wirklich lange, um mich davon zu erholen, was ich gerade erlebt hatte, und zu realisieren, dass das alles wahr ist.

Was haben Sie richtig gemacht außer durchzuhalten?

Es hilft, einen ganz okayen Musikgeschmack zu haben. Als ich kein Geld hatte und auf dem Bau gejobbt habe, kam ich nach der Arbeit nach Hause und habe immer wieder Nina Simone gehört, wochenlang. Al Green kannte auch nicht jeder. Damit geht die musikalische Eigenerziehung los: viel buddeln. Gelernt habe ich das Musikmachen wie alle in dem Bereich: durch Machen. Ich kann was, das andere auch können, von denen man nie etwas hören wird. Vielleicht machen sie nicht weiter, vielleicht haben sie ungesunde Nachtleben-Gewohnheiten, vielleicht ist das Glück nicht da. In der jüngeren Generation, aus der ich langsam rauswachse, gibt es viele, die mit Fleiß und Talent und den hehrsten Absichten alles versuchen, und sie finden nicht die Tür, die einen Spalt offen steht. Und hinter den verschlossenen Türen wird geklüngelt.

Hat Ihnen Ihr älterer Bruder Paul geholfen, dessen DJ-Karriere ein paar Jahre vor Ihrer Fahrt aufnahm?

Mein großer Bruder hat mir als Mensch in vielem geholfen, aber nicht dabei, Auftritte klarzumachen. Auf mich hat keiner gewartet. Das lief auf ganz kleinem Level und über Kontakte, weil ich in den Clubs unterwegs war. Als ich anfing, war Techno schon groß und die Loveparade am Absaufen. Die großen Clubs der frühen Neunzigerjahre hatten ihre besten Zeiten hinter sich.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie Ihr Publikum kriegen?

Das kommt ja so nach und nach. Am Anfang drückt man noch so seine Gesangparts durch, und es fühlt sich an wie Seelenstriptease. Irgendwann geht man dann die nächsten Schritte, man charmiert das Publikum und versucht so eine Leichtigkeit reinzukriegen. Dass ich das kann, habe ich vor zehn Jahren gemerkt. In der Zeit sind die Club-Auftritte mehr geworden. Damals gab’s 400 Euro für einen Auftritt, das war sehr okay. Von drei Auftritten im Monat konnte man leben und war glücklich. Ab irgendeinem Punkt hat sich das alles sehr logisch gefügt. Die Gagen wurden langsam ein bisschen höher. Dann kam 2010 der Hit „Sky and Sand“, der das Ganze noch mal auf ein anderes Level gehoben hat. Das war das einzige Stück, das mein Bruder und ich zusammen gemacht haben. Nach so einem Erfolg muss man darauf achten, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Zum Beispiel?

Glaubwürdig und unabhängig bleiben. Nicht einfach versuchen, ein vermeintliches Erfolgsrezept zu wiederholen. Nach dem Hit kamen die Major-Labels und haben hohe Summen aufgerufen. Ich wusste ganz genau, dass ich den Ball lieber flach halte. Das Geld schenkt einem ja keiner. Im Zweifelsfall hat man sich für fünf oder sechs Jahre gebunden und ist in einer Abhängigkeit. Ich hatte einige Beispiele vor Augen, bei denen das nicht gut gelaufen ist. Ich würde bei Universal nicht mehr CDs verkaufen als beim Berliner Indie-Label Suol, bei dem ich mich sehr wohlfühle. Diese Branche setzt jedes Wochenende viel Geld um, es gibt jede Menge Auftritte, ohne dass man dafür ins Fernsehen oder in die Mainstream-Medien gehen muss. Das wäre unter Umständen eher schädlich, weil es den Nimbus zerstört.

Woran merken Sie, dass Sie 10, 15 Jahre älter sind als ein Teil Ihres Publikums?

Vielleicht daran, dass ich mehr auf meine Kondition achten muss. Gute Frage: Was überbrückt den Altersunterschied? Wahrscheinlich die Musik. Ein 50-jähriger Soul-Fan hat mit dem 18-jährigen Al-Green-Entdecker mehr gemein als mit dem gleichaltrigen Heavy-Metal-Hörer, wobei ich nichts gegen Heavy Metal gesagt haben will.

Können Sie sich vorstellen, sich irgendwann zur Ruhe zu setzen?

Selbstverständlich. Eine gewisse Demut kann in meinem Beruf nicht schaden. Niemand kann sich dauerhaft auf der Höhe halten. Es kommen immer neue Wellen, dagegen kann man nichts tun. Meine Prägungszeit ist ja auch schon eine Weile her: Chicago House, Hip-Hop in den Neunzigern. Heute gibt es neuen Hip-Hop, zu dem ich überhaupt keinen Zugang habe. Ich weiß nicht, ob ich jede neue Welle mitmachen möchte oder mitmachen kann, also werde ich irgendwann an den Rand gespült.

Legen Sie Ihr Geld an, um vorzusorgen?

Zumindest werfe ich es nicht mit vollen Händen raus. Ich lebe ziemlich normal. Ich glaube nicht, dass ich irgendwann für 6000 Euro Prämie bei einer Promi-Show oder in der Jury einer Castingshow auftreten muss, weil es nicht mehr für die Miete reicht.

Wie viele Leute arbeiten für Sie?

Bei Festivals reist in der Nacht davor ein Bus mit Produktionsleiter, Bühnenaufbau, Licht, Ton an, das sind bis zu zwölf Mann. Die haben zum Teil sehr lange Tage und müssen richtig knuffen. Man rechnet, dass 40 bis 50 Prozent der Auftritts-Gage für die Crew-Kosten draufgehen. Da sollte man nicht zu geizig sein. Es gibt die Geschichte, dass ein sehr erfolgreicher deutscher Musiker, um an den Catering-Kosten zu sparen, der Crew einen Tankstellengrill hingestellt hat, damit die ihre Würstchen selber braten. So kriegt man die Stimmung ganz schnell ganz tief in den Keller. Wenn ich die Leute in meiner Umgebung anständig behandle, habe ich einfach eine bessere Atmosphäre. Das ist sehr wichtig. So gehen die Shows am besten über die Bühne. Fairness lohnt sich.

Was hätte schiefgehen können in diesen zehn Jahren Ihrer Karriere?

Man hätte viele Drogen nehmen können. Man hätte menschlich unangenehm werden können. 2010, 2011, als das richtig losging, hatte ich wohl etwas zu viel Rückenwind. Man wird geschäftsmäßig knarzig, auch gegenüber Leuten, mit denen man arbeitet. Heute benehme ich mich anders, hoffe ich mal. Was leicht schiefgehen kann, ist das zweite Album. Für das erste hat man das halbe Leben, für das zweite ein Jahr. Das erste ist Ausprobieren, das zweite ist Status-Verteidigen. Das dritte Album war dann nicht mehr so schwer. Was auch schiefgehen kann, ist, dass man für diese Art Leben nicht geschaffen ist und jahrelang aufs falsche Pferd setzt. Es gibt Kollegen, denen man eine große Zukunft zugetraut hat und die sich bewusst dagegen entschieden haben.

Was machen Sie in zehn Jahren?

Das Gleiche wie jetzt. Oder das Gleiche wie jetzt, nur größer. Oder das Gleiche wie jetzt, nur kleiner. Auch wenn es wesentlich kleiner sein sollte, wäre ich fröhlich damit, hoffe ich, kein Grund zur Bitterkeit. Ich wäre froh, wenn ich die Größe hätte, die Umstände zu akzeptieren. ---